Wie Wikipedia manipuliert wird – eine Chronik

02.01.2016

Petition will Manipulationen in der Wikipedia stoppen

Eine Petition fordert das Ende der Manipulationen in politischen Artikeln auf der Wikipedia. Wegen der vollständigen Anonymität aller redaktionellen Funktionsträger gibt es keinen presserechtlich Verantwortlichen. Wer von der Wikipedia beleidigt oder diffamiert wird, kann sein juristisches Glück in den USA versuchen, wo die Wikimedia Foundation ihren Sitz hat.

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Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Sie haben eine Petition für mehr Transparenz bei Wikipedia gestartet – warum?

Daniel Hermsdorf: Öffentlicher Diskurs und kulturelle Trends verlaufen ja in Wellen. Wir hatten bisher eine, die uns gezeigt hat: Durch neue Technologien können viele an der medialen Öffentlichkeit partizipieren und Zugang zu Informationen erhalten. Zur Welle gehört aber auch, dass sie sich auf- und abwärts bewegt. Und das ist auch notwendig. Manche Euphorie bedarf einer rationalen Widerrede. Nach den Millionen unbezahlten Arbeitsstunden der Wikipedia-Autoren ist es nun auch hier Zeit dafür. Die Frage lautet: Was ist gut, was ist schlecht, was lässt sich verbessern?

Das, was Kritiker an der Wikipedia bemängeln, läuft oft auf die Frage der Transparenz hinaus. Die Partizipation hat eben auch ihren Preis: Will man viele kostenlose Mitarbeiter, hat man viele, die anonym bleiben wollen. Und das öffnet Manipulationen Tür und Tor.

Deshalb braucht es dann Einzelne, die darauf hinweisen. Der Journalist und Autor Hermann Ploppa und ich haben uns dann entschlossen, eine solche Petition aufzusetzen. Meine eigenen Projekte gehen wesentlich von Medienkritik aus, Hermann Ploppa hat zuletzt über transatlantische Elite-Netzwerke veröffentlicht – es geht also immer wieder um den Tatbestand der Manipulation. Das ist unser gemeinsames Anliegen – die Öffentlichkeit auf solche Tendenzen hinzuweisen.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: In Ihrem Text zur Petition schreiben Sie, dass wegen der Anonymität bei Wikipedia im Grunde massiv manipuliert werden kann. Wer manipuliert denn Ihrer Meinung nach?

Daniel Hermsdorf: Es gibt schon wissenschaftliche Untersuchungen, die kommerzielle Einwirkungen thematisieren, die in solch einem System ja unausweichlich sind. Es geht um Image-Pflege, Produktwerbung. Es gibt ja sogar gekaufte Wikipedia-Redakteure, die darüber vor der Kamera erzählen.

Die Film-Dokumentation „Die dunkle Seite der Wikipedia“ von Markus Fiedler und Frank-Michael Speer beschäftigt sich wesentlich mit dem Artikel über Daniele Ganser, der als Professor an der ETH Zürich tätig war. Er beschäftigt sich etwa mit Staatsterrorismus in Vergangenheit und Gegenwart, so auch mit den Terroranschlägen des 11. September 2001. Dabei wird es also politisch sensibel, ganz gegenwartsbezogen.

Wir wissen gerade aus der deutschen Geschichte, dass die USA ein komplexes Programm der Umerziehung, reeducation, betrieben haben. Sie hatten nach 1945 die Befugnis, Journalisten zu fördern oder ihre Arbeit zu erschweren. Sie haben heimlich ganze Presseorgane finanziert. Es wäre abwegig zu glauben, dass sie nicht – letztendlich also über Geheimdienste – versuchen, die Sichtweisen der Öffentlichkeit zu beeinflussen.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Beobachter sagen, dass die Wikipedia bei naturwissenschaftlichen Artikeln sehr gut ist, bei politischen und gesellschaftlich relevanten dagegen eher tendenziös – teilen Sie diesen Eindruck?

Daniel Hermsdorf: Ich bin Medien- und Kulturwissenschaftler und dementsprechend nur in diesem Bereich kompetent. Überall gibt es Streit und abweichende Meinungen. Sicherlich bieten Naturwissenschaften härtere Kriterien für eine Unterscheidung in ‚wahr‘ und ‚falsch‘. Auch dort gibt es aber immer wieder Überraschungen und Sumpfblüten im wissenschaftlichen Betrieb und Diskurs. Nicht zuletzt sind medizinische Themen ein wirtschaftlich bedeutsames Terrain.

Eine Rechtfertigung für die Wikipedia-Methode lautet: ‚Es gibt eine Schwarm-Intelligenz. Bei umstrittenen Themen werden möglichst alle vorhandenen Ansichten beigetragen und abgewogen. Quellen werden kritisch bewertet.‘ Aber natürlich gibt es zu fast allem ein ganzes Spektrum von Ansichten, zumal im sozialen und kulturellen Bereich.

Was ist dabei eine kritische oder gar objektive Bewertung? Wenn Sie geschickt vorgehen, können Sie vieles in Zweifel ziehen und Gründe dafür angeben. Die Frage ist, ob sich jemand darum kümmert, eine bestimmte Meinung zu vertreten. Und eine weitere Frage ist, ob nicht gerade die Durchsetzung von tendenziösen Meinungen bezahlt und professionell betrieben wird – ob von Industrieunternehmen oder von Geheimdiensten, die die Interessen ihres Landes vertreten. Dagegen hat dann letztendlich der idealistische Intellektuelle, der Informationen strukturieren und möglichst neutral präsentieren möchte, voraussichtlich nur eingeschränkte Chancen. Und das ist eben auch etwas ganz anderes als die Redaktion eines „Brockhaus“.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Wie ist die Wikipedia in Deutschland strukturiert?

Daniel Hermsdorf: Man kann sich leicht erschließen, dass das Chaos irgendeine Art Struktur braucht. Die hat sich etwas zeitversetzt zum US-amerikanischen Projekt auch in Deutschland herausgebildet. Die Mediawiki-Software erlaubt, wie die meisten Content Management Systeme, die Zuweisung von sogenannten „Benutzerrollen“, also abgestuften Kompetenzen. Man kann sich das im Artikel über die „Deutschsprachige Wikipedia“ in einem Diagramm anschauen.

Die Hierarchie führt vom unangemeldeten Benutzer hinauf zu den Administratoren. Darüber gibt es dann noch Instanzen wie „Bürokraten“ und „Schiedsgerichte“, wenn eben dauerhaft gestritten wird. Zur Beförderung finden Wahlen statt innerhalb der Community, die meist nur an ihren heimischen Computern sitzen. Der Unterschied zu einer politischen Öffentlichkeit ist, dass auf Wunsch die Anonymität gewahrt bleibt.

Der Einwand, dass es Pseudonyme schon immer auch im publizistischen Bereich gab, zählt für mich nur eingeschränkt. Denn Verlage oder Zeitschriften haben „Verantwortliche im Sinne des Presserechts“ und sind eindeutig identifiziert. Sie tragen Verantwortung für das, was sie veröffentlichen.

Wir haben es bei dieser Hierarchie von Benutzerrollen also mit einer relativ neuartigen Herausbildung von Autorität zu tun. Ich habe vorhin ja erwähnt, dass natürlich im ganzen Publikationswesen Manipulationen möglich sind und auch stattfinden. Aber Sie müssen dann immer eine reale Person finden, die dafür im Zweifelsfall in den Geschichtsbüchern oder vor einem Gericht landet. Das ist hier ausgehebelt – und damit einer von vielen Fällen, in denen wir derzeit eine Erosion des Rechtsstaates erleben.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Vielfach ist Kritik zu hören, die „höheren“ Chargen bei Wikipedia gingen bei politischen Themen nicht sachlich-neutral, sondern ideologisch vor – ist das auch Ihr Eindruck?

Daniel Hermsdorf: Ich will hier nicht meine persönliche Meinung über große und kleine Themen ausbreiten. Für den erwähnten Fall von 9/11 und Daniele Ganser ist es aber so, dass eine solche Debatte vollkommen unabgeschlossen ist. Der Wikipedia-Eintrag über einen Wissenschaftler suggeriert gleich zu Anfang, mit Ganser sei irgendetwas anders als mit anderen Wissenschaftlern. Ein Begriff wie „Verschwörungstheorie“ wird als wertendes Kriterium verwendet, das zwischen ‚seriös‘ und ‚unseriös‘ unterscheiden soll, und es entsteht die Suggestion, Ganser würde durch seinen beobachtenden Umgang mit existierenden Beschreibungen und Interpretationen irgendeinem wissenschaftlichen Standard nicht entsprechen.

Das können wir hier sicher nicht zu Ende diskutieren, denn es betrifft Grundlagen von Wissenschaftstheorie, und es betrifft etwa einen konkreten Anwendungsfall wie 9/11, der auch noch von höchster geopolitischer Brisanz ist. Wenn ich eine Lexikon-Redaktion leiten würde, wäre meine Konsequenz immer: Es darf keine meinungsbasierte Tendenz Oberhand gewinnen, auch nicht sprachlich. Schon der Vorgang, dass ein 9/11-Untersuchungsbericht als seriös gilt, die Äußerungen von Tausenden von Architekten, Piloten und anderen Fachleuten aber als „Verschwörungstheorie“, ist dann eine manipulative Suggestion. Man kann sagen, dass es Menschen gibt, die das eine als wahrscheinliche Wahrheit ansehen, das andere als Verschwörungstheorie bezeichnen und damit als Spekulation eher abwerten wollen. Aber das ist dann schon die Wiedergabe einer individuellen Wertung. Und die Formulierungen in der Wikipedia, wie sie gerade zu lesen sind, fallen selbst in die letztere Kategorie. Sie entsprechen nicht den Standards der Lexikon-Literatur, die ein Resultat von Wissenschaft und Aufklärung sind.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Warum verstecken sich alle Administratoren und Sichter hinter Decknamen?

Daniel Hermsdorf: Das fragen Sie jemand, der zu so ziemlich allem, was er jemals geschrieben hat, seinen Klarnamen veröffentlicht hat. Eigentlich ist damit für mich schon stets ein Anfangsverdacht gegeben. Es ist tendenziell das Niveau von Pennälern, die ein Graffito anbringen und nicht erwischt werden wollen.

Mir fällt dazu nur das Argument ein, dass bei strittigen Themen ein Redakteur, der für seine Arbeit nicht einmal bezahlt wird, etwa berufliche Nachteile haben kann. Das trifft aber auf engagierte unbezahlte Publizisten mit Klarnamen im Internet auch zu.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Was sollte geschehen, damit mehr Transparenz in die Wikipedia kommt?

Daniel Hermsdorf: Die Abkehr von Decknamen natürlich. Es ist klar, dass jede Form der Anmeldung auch die Zahl von Nutzern reduziert. Aber welche Rechtfertigung sollte es gerade hier geben? Das Schreiben an einem Lexikon-Artikel ist doch ein Akt der Sorgfalt. Man nimmt sich einen Moment dafür und bemüht sich um Aufrichtigkeit und Klarheit.

Was die Herren Internet-Unternehmer für ihre kommerziellen Plattformen hinbekommen, wäre dann auch hier anwendbar: Benutzerkonto mit Authentifizierung, Anmeldevorgang mit postalischer Bestätigung und Zugangscode, meinetwegen sogar auf Kosten des neuen Autors oder bestenfalls finanziert durch Spenden. Dann kann’s losgehen.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Was würde die Aufhebung der Anonymität bewirken?

Daniel Hermsdorf: Wie ich schon angedeutet habe, geht es ja bis hin zu juristischen Vorgängen, in jedem Fall aber der persönlichen Reputation. Jemand, der fortgesetzt durch bestimmte Tendenzen und Querulantentum auffällt, ist dann persönlich bekannt. Und es ist nicht mehr so einfach möglich, etwa durch mehrere Accounts Diskussionen in dem Sinne zu manipulieren, als es gleich mehrere gibt, die eine bestimmte Auffassung vertreten.

Im Zweifelsfall würden also auch Recherchen über Personen erst möglich, die eben versuchen, eine bestimmte inhaltliche Ausrichtung durchzusetzen.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Presserechtlich ist die Wikipedia Deutschland in den USA angesiedelt – können deutsche Bürger ihre Persönlichkeitsrechte durchsetzen?

Daniel Hermsdorf: Sie haben in den USA ja sogar ganz andere rechtliche Standards, was das betrifft. Die Meinungsfreiheit geht deutlich weiter. Und wen wollen Sie da zur Rechenschaft ziehen? Soll eine Einzelperson, die letztlich eine Führungsposition in der Wikimedia Foundation innehat, für alles verantwortlich sein, was in Millionen von anonymen Editiervorgängen geschrieben wird? Diesen Job würde ja keiner übernehmen.

Die Wikimedia Foundation verweigert in existierenden Fällen erstmal die Antwort. Deutsche Gerichte haben schon Urteile gesprochen. Aber eine Vollstreckung in den USA wird als nahezu aussichtslos angesehen.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Wie werden die Spenden verwendet, und legt die Wikipedia wirklich transparent Rechenschaft ab?

Daniel Hermsdorf: Es gab zur Spendenkampagne 2013 schon Hinweise von höchster Stelle, dass es Missbrauch geben soll. Über systematische Fälschungen von Rechenschaftsberichten weiß ich nichts. Aber es wird darauf hingewiesen, dass die Wikipedia eigentlich keine Geldnöte hat und dennoch ständig Spendenaufrufe macht. Die meisten arbeiten unentgeltlich mit. Die Funktionäre verteilen dann Gelder für allerlei Projekte.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Warum wehrt sich die Wikipedia so gegen den Transparenz-Wunsch der Nutzer?

Daniel Hermsdorf: Ist dieser Wunsch denn so vehement schon geäußert worden? Die wenigsten öffentlichen Akteure wollen sich mit solchen Institutionen wie Wikipedia verkrachen. Mein eigener Personen-Artikel wurde nach Veröffentlichung der Petition mit, wie ich finde, eher fadenscheinigen Argumenten gelöscht. Wesentlich betrieben wurde das von einem Individuum, das sich „Berichtbestatter“ nennt und in dem Film „Die dunkle Seite der Wikipedia“ kritisiert wird.

Mit wertvollen Ausnahmen an den Rändern wird unsere Lesekultur wohl immer oberflächlicher, obwohl das Angebot rasant zunimmt. Bei allem, was das Internet leicht zugänglich bietet, wird das Publikum wohl auch unkritischer. Bezahlen tut man ungern. Was kostenlos ist, nimmt man mit, und fragt nicht lange.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Verfolgt die Wikipedia in Teilen eine politische Agenda?

Daniel Hermsdorf: Die Argumentationsweise von „Berichtbestatter“ in meiner Löschdiskussion erinnert mich an Desinformationspraktiken in Geheimdienstkreisen: einseitig kritisieren, ablenken, zerreden, diffamieren, frustrieren. Einzelne freundliche Gegenstimmen melden sich, kapitulieren aber schnell.

Es bräuchte sicherlich mehr systematische Untersuchungen der Inhalte, die dann erst bestimmte Tendenzen eindeutiger sichtbar machen. Bisher kann man sich das vor allem an Einzelfällen veranschaulichen. Neben „Jesus Christus“ ist „11. September 2001“ der umstrittenste Artikel.

Ich würde auch das generelle Prinzip nochmal ansprechen: unbezahlte Arbeit des Kollektivs. Dies ist schon ein politischer Aspekt, unbesehen der Inhalte. Hermann Ploppa hat außerdem auf „Telepolis“ darauf hingewiesen, wie sich der Wikipedia-Gründer Jimmy Wales mit Super-Reichen tummelt und mit der Ashoka-Foundation anbandelt, die im großen Stil soziale Projekte privatisiert. Ploppa sieht hier Marktradikale am Werk. Es geht um Privatisierung, und die Wikipedia folgt schließlich einer Kombination aus nicht bezahlter Arbeit von vielen und verdeckter Lobby-Arbeit anonymer Manipulatoren. Dann scheinen noch ein paar Leute Geld abzugreifen, was nebenbei herausspringt. So funktioniert das Internet wohl leider nicht nur an dieser Stelle.

Das kann man vielleicht als das Neue und Politische daran beschreiben: Aspekte von Ausbeutung und Manipulation unter dem Deckmäntelchen von Non-Profit, Gemeinnützigkeit und technischem Fortschritt. Ich würde das nicht absolut formulieren, aber es gehört wohl zum Gesamtbild.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Wie viele Unterstützer erhoffen Sie sich bei der Petition?

Daniel Hermsdorf: Jemand hat gespendet, damit etwas Werbung für die Petition auf der Plattform change.org gemacht wurde. Konkrete und gar hohe Zahlen würde ich vermessen finden. Hermann Ploppa und ich arbeiten an unseren neuen Büchern und konnten keine große PR-Aktion starten. Es freut mich, dass Sie dieses Interview angefragt haben. Sie waren das erste Medium.

http://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2016/01/02/petition-will-manipulationen-in-der-wikipedia-stoppen/

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14.03.2015

NYPD soll Wiki-Einträge von Polizeiopfern relativiert haben

Die New Yorker Polizei soll einige Wikipedia-Einträge zu Todesfällen im Zusammenhang mit ihrer Polizeiarbeit bearbeitet haben. Die Änderungen beinhalten hauptsächlich Relativierungen bei der Art der angewendeten Gewalt und der Beschreibung der Bedrohung.

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Von einigen im Hauptquartier der New Yorker Polizei (NYPD) stationierten Rechnern sollen Wikipedia-Einträge zu Opfern von Polizeigewalt verändert worden sein. Dies berichtet das Magazin Capital New York, das eine Liste der von den Polizei-Rechnern verwendeten IP-Nummern mit der Änderungshistorie bei Wikipedia abgeglichen hat.

Kleine Detail-Änderungen

Dabei soll Capital New York zahlreiche Übereinstimmungen festgestellt haben: Insgesamt sollen von 85 IP-Adressen aus Veränderungen an Wikipedia-Einträgen zu Opfern von Polizeigewalt, Straßendurchsuchungen und NYPD-Skandalen vorgenommen worden sein. Die mutmaßlichen Änderungen der Polizei zielten dabei eher auf kleine Veränderungen als auf das Umschreiben ganzer Texte. Dadurch werden die Wikipedia-Einträge nicht faktisch falsch, sie stellen die Situation insgesamt aber günstiger für das NYPD dar.

Auch Löschungen sollen vorgeschlagen worden sein, etwa zum Eintrag zu Sean Bell. Bell wurde im Jahr 2006 unbewaffnet bei einer Polizeischießerei mit insgesamt 50 Schuss getötet. Auch der Artikel zu Amadou Diallo soll vom NYPD verändert worden sein: Diallo wurde 1999 ebenfalls unbewaffnet von Polizisten erschossen, die sein Portemonnaie irrtümlich für eine Waffe gehalten hatten.

Bearbeitungen auch beim Fall Eric Garner

Weitreichend soll zudem der Artikel zu Eric Garner bearbeitet worden sein. Garner starb am 17. Juli 2014 während einer Handgreiflichkeit mit Polizisten, die ihm vorwarfen, lose Zigaretten zu verkaufen. Die New Yorker Gerichtsmedizin stellte fest, dass Garner zumindest teilweise aufgrund eines Würgegriffes starb, dessen Benutzung dem NYPD eigentlich untersagt ist.

Dieser Würgegriff ist auch Teil der Veränderungen am Wikipedia-Artikel. So soll mittels eines NYPD-Rechners der Satz „Die Benutzung des Würgegriffs ist untersagt“ in „Die Benutzung des Würgegriffes ist legal, aber untersagt“ geändert worden sein. Das Wort „Würgegriff“ wurde zudem einmal durch die Formulierung „Würgegriff oder Schwitzkasten“ und einmal durch „Atemnot“ ersetzt.

Auch die Bedrohung durch Garner selbst wurde in ein für die Polizei günstigeres Licht gesetzt: So wurde aus der Formulierung „Garner hob beide Arme in die Luft“ der Satz „Garner ruderte mit den Armen, während er sprach“. Zudem wurde der Satz „Garner, der wesentlich größer war als die Beamten, rang weiter mit ihnen“ hinzugefügt.

Änderungen mittlerweile wieder gelöscht

Capital New York schreibt, dass am 12. März 2015 noch einige der Änderungen auf der Seite zum Fall Eric Garner bestanden. Mittlerweile wurden auch diese Formulierungen von anderen Nutzern entfernt. Vom Fall Garner existiert ein Video, das das Vorgehen der Beamten zeigt, weshalb Außenstehende nicht ausschließlich auf die Aussagen der Polizei angewiesen sind.

Laut Capital New York hat die Sprecherin der New Yorker Polizei, Det. Cheryl Grispin, dem Magazin gesagt, dass die Angelegenheit intern untersucht werde. Dass Wikipedia-Seiten von offiziellen Stellen tendenziös in ihrem eigenen Interesse bearbeitet werden, ist nicht neu; es gibt daher auf Twitter zahlreiche Bots, die derartige Eingriffe registrieren und veröffentlichen. Ein Twitter-Bot zum NYPD wurde jetzt ebenfalls eingerichtet.

http://www.golem.de/news/wikipedia-nypd-soll-wiki-eintraege-von-polizeiopfern-relativiert-haben-1503-112962.html

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04.11.2013

Wikipedia: „Wir“ machen Meinung

Wikipedia ist eine Instanz. In vielen Themen ist die Online-Enzyklopädie zur ersten Adresse im Internet geworden. Doch hinter dem objektiven Anschein stecken handfeste Gruppen-Interessen. Ideologische Vorurteile verderben Andersdenkenden die Lust am Mitmachen. Ein erfahrener Wikipedianer beschreibt, wie eine gute Idee missbraucht und zur Meinungs-Mach-Maschine wurde.

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Wikipedia entstand in Deutschland 2004. Es wurden tolle Ideen kombiniert. Eine Enzyklopädie von allen für alle. Freies Wissen, immer und überall verfügbar, top aktuell.

Das Konzept ging auf, die Seite wurde zu einer der größten im Netz, wurde zu einer Instanz und lehrte den Brockhaus das Fürchten.

Egal ob Schüler, Student, Bürger oder Journalist: Wer heute etwas wissen will, schaut zuerst auf Wikipedia. Was bei Wikipedia steht, wird hinlänglich als Fakt betrachtet, gilt als zitierfähig und man glaubt ihr recht unbefangen.

Der Satz „das steht aber bei Wikipedia“ hat längst Einzug in den Alltag gefunden. Was die ersten Jahre gut funktionierte, wird nun in immer größerem Stil missbraucht.

Im Laufe der Jahre merkte man, wie sehr Wikipedia Meinung macht, und verschiedenste Strömungen begannen, dies für die eigenen Interessen zu nutzen. Dies sehen wir heute im großen Stil.

Der Begriff „Schwindelpedia“ macht die Runde

Im Netz verbreiten sich immer mehr Namen wie „Schwindelpedia“ oder „Wikilügia“. Keine Frage, wenn man etwas über ein einfaches Thema wie über den gemeinen Feldhasen, den Bodensee oder das London Symphonie Orchester wissen möchte ist man noch immer recht gut aufgehoben bei Wikipedia.

Anders sieht es hingegen bei brisanten Themen aus.

Personen werden diffamiert und mit Kritik überhäuft andere werden „schön geschrieben“. Kritik findet wenig bis gar nicht statt. Gleiches gilt für viele weltanschauliche, politische, wissenschaftliche, ideologische, religiöse und eine Vielzahl anderer Bereiche.

Hier ist die Objektivität, Freiheit, Unabhängigkeit und die differenzierte Betrachtung nahezu gänzlich auf der Strecke geblieben. Meinungen werden gezielt unterdrückt, verfälscht, verändert und man schreibt sich die Welt wie sie gefällt.

So funktioniert die Meinungsmache

Das Prinzip ist relativ simpel. Alle lesen aber nur ein verschwindet geringer Teil der Nutzer auf Wiki arbeitet an der Entstehung mit.

Und ein noch ein viel kleinerer Teil der Nutzer sind sogenannte Power-User, also alte Hasen, die nahezu ihre ganze Freizeit dort verbringen. Jeder kann dort theoretisch Änderungen vornehmen aber die aller wenigsten tun dies.

Wenn ein Leser, der dort nicht zu dem eingeschworenen Kreis der Power-User gehört, eine Änderung vornimmt wird diese sehr kritisch beäugt. Gefällt die Änderung eines einfachen Nutzers einem dieser Power-User nicht hat der „Neue“
quasi nicht den Hauch einer Chance. Seine Änderung wird einfach entfernt.

Der Unterschied zwischen ideologischen Themen und Alltäglichem ist hier stark spürbar. In belanglosen Themen geht man noch nett, fair und nachsichtig miteinander um. Bei ideologisch behafteten Artikeln merkt man schnell, dass hier eine ganz andere Gangart herrscht.

Vorgeschobene Gründe finden sich für so einen Power-User im umfangreichen aber doch oft schwammig formulierten Regelwerk leicht.

Im Zweifel verwendet man eine persönliche Wertung und erklärt die Änderung einfach für nicht wichtig genug, die Quelle für unzureichend, oder schreibt nur allgemein, dass diese Änderung nicht den Regeln entsprechen würde, ohne zu verraten, welche Regel denn verletzt worden sei.

Man nutzt seine bessere Kenntnis der Plattform und die eigene „Reputation“ um den Neuen auszubügeln. Gerne benimmt man sich auch mal wie ein Admin, obwohl man keiner ist. Schließlich hat man selbst 5.000 Edits, ist wichtig und ein Neuer hat nichts zu melden.

Die meisten Nutzer lassen sich so ganz einfach abwimmeln.

Machst du Probleme – hol ich meine Freunde

Wenn sich mal einer nicht gleich abwimmeln lässt, gibt es noch zahlreiche Möglichkeiten für den Power-User, weitere Schritte zu unternehmen.

Eine starke Waffe ist das Netzwerk.

Im Zweifel kontaktiert man einfach heimlich zwei bis fünf andere, gleichgesinnte Power-User per Email und lässt diese die eigene Bewertung der Änderung bestärken und prügelt quasi gemeinsam auf den Neuen ein.

Diese Verbindungen sind teilweise in den langen Jahren der täglichen stundenlangen Nutzung entstanden. Man kennt sich. Teilweise wurden diese Netze sogar vorab geschlossen um manchmal sogar bezahlt, um gezielt Einfluss nehmen zu können, und die öffentliche Meinung in die gewünschte Richtung zu lenken.

Gern holt man dann noch einen persönlich bekannten Admin dazu und lässt diesen dann den finalen Schuss setzen. Schließlich sind alle anwesenden fünf Power-User vermeintlich unabhängig voneinander zu einer ähnlichen Einschätzung gekommen und der Neue ist schon mal ohnehin grundsätzlich etwas suspekt.

Hiermit ist der Fall dann spätestens erledigt.

In der Praxis bedeutet das, dass man nur drei bis fünf Leute benötigt, die dort viel Zeit verbringen, die Regeln und Struktur gut kennen  – und schon bekommt man nahezu alles in die Wikipedia hinein bzw. heraus. Wenn man eventuell sogar ein Netzwerk von 10-30 solcher Power-User mit der gleichen oder einer ähnlichen Ideologie hat, spätestens dann ist gibt es nahezu keinerlei Halten mehr.

Der Feind liest mit

Es gibt zahlreiche Gruppierungen, die sowohl alle Artikel beobachten, denen gegenüber sie positiv eingestellt sind, und die alles daran setzen, diese möglichst gut aussehen zu lassen. Kritik wird so minimal wie irgend möglich gehalten. Man lässt sie nur zu, wenn etwas derart eindeutig ist, dass man es nicht wegdiskutieren kann ohne aufzufallen.

Jede Änderung in diesen Artikeln wird sofort und genau geprüft und bei nicht-Gefallen entweder ganz entfernen oder zumindest abgeschwächt, wenn die Sachlage zu eindeutig ist, um eine Löschung halbwegs schlüssig zu begründen.

Ähnlich engagiert „kümmert“ man sich auch im Lager des vermeintlichen Widersachers um dessen Erscheinungsbild. Auch hier beobachten sie die immer gleichen Artikel mit Adleraugen. Sie entfernen oder ändern neue Einträge umgehend entsprechend der eigenen Ideologie ab.

Hier wird versucht, positive Aspekte abzuändern, zu verhindern, zu löschen oder umzudeuten und möglichst viel negative Meinungen und Kritik zu platzieren bzw. berechtigte Kritik aufzublasen und deutlich schärfer zu formulieren als es angebracht wäre.

Manches ist gleich, anderes ist gleicher

Auch wird in beiden Fällen immer gerne den Einsatz von Quellen debattiert. Klassisches Beispiel: Findet eine unerwünschte Änderung statt, die nicht in das eigene Bild passt, wird auch schon mal ein Artikel aus einer der größten Zeitungen Deutschlands mit spitzfindigen, vorgeschobenen Gründen kurzerhand für zu schwach, nicht relevant oder ähnliches erklärt.

Wenn hingegen eine Änderung stattfindet, die man begrüßt, ist man extrem großzügig, verzichtet ganz auf Quellen, oder es genügt dann auch ein gänzlich unbekannter Blog.

Selbstverständlich geht dies nur in einem gewissen Rahmen, eine gewisse Grenze darf hierbei nicht überschreiten werden. Es gilt, sich geschickt unter dem Radar zu halten.

Übertreibt man es, riskiert man die Aufmerksamkeit der anständigen Wikipedianer auf sich zu ziehen. Hier ist Erfahrung gefragt, verfügt man über diese, ist es jedoch ein Leichtes, sich unerkannt in den Grauzonen zu tummeln.

In monatelanger Recherche gelang es unserem Informanten, eine Vielzahl von Fällen zu durchleuchten und zu recherchieren. Die offene und transparente Struktur macht dies theoretisch möglich. Praktisch hingegen wird dies viel zu wenig genutzt da zu zeitaufwendig.

Auch fehlt ein Bewertungssystem für User, dass gewisse Muster und Häufungen einfacher und auf einen Blick aufzeigen und Verdachtsmomente liefern würde.

Die Kleinen hängt man, die Großen lässt man laufen

Wenn sich ein neuer User über einen alt eingesessenen beschwert, und diesem ideologische Motivation oder Regelverletzung vorwirft, wird meist sehr schnell abgefertigt. Es gibt zwar die Möglichkeit, sogenannte Vandalismus-Meldungen zu machen. Diese dienen aber eigentlich nur dazu um Anfänger abzustrafen und User, die aus Spaß ganze Artikel löschen oder anderswie sehr offensichtlich ihr Unwesen treiben.

Kontakt zu Admins herzustellen und Probleme ausführlich zu besprechen ist kaum möglich. Es muss schnell gehen und sehr offensichtlich sein. Für Fundamentales und Zeitaufwendiges fühlt sich niemand zuständig. Wenn sich Power-User nicht besonders dumm anstellen, dann genießen sie weitestgehend Narrenfreiheit. Sollte doch mal etwas sein, kommt das Netzwerk zur Hilfe.

Der neue oder der Gelegenheitsnutzer ohne Netzwerk haben dagegen kaum ein Chance.

Das Problem beginnt spätestens dann, wenn Hunderte oder gar tausend dieser vereinzelten Beschwerden gegen diesen Power-User kommen, ohne dass hier Zusammenhänge erkannt werden. Bei vereinzelten Beschwerden eines unbekannten Nutzers gegen einen alten Hasen könnte man die Leichtigkeit noch verstehen.

Kommt es aber wieder und wieder vor, sollte dies den anderen alten Hasen irgendwann zu denken geben. Genau dies passiert nicht. Es wird nahezu jeder Fall für sich behandelt, und keiner weiß, ob es die erste oder die tausendste Beschwerde bezüglich dieses Sachverhaltes war.

Die Wikipedia-Aufsicht geht fast ausschließlich gegen relativ neue unerfahrene Nutzer vor. Alt eingesessene, die dann auch noch einige weitere alte Hasen gut kennen, müssen sich schon sehr ungeschickt anstellen um ernsthaft Probleme zu bekommen.

Das liegt nicht zuletzt daran, dass es aufgrund der Undurchsichtigkeit sehr viel Zeit in Anspruch nehmen würde, die 10.000 Bearbeitungen eines Power-Users genau zu durchleuchten. Was man nicht in 5-10 Minuten sieht, bleibt verborgen. Meist nimmt man sich kaum eine Minute.

Genau hier fehlen gewisse Mechanismen – Bewertungssysteme oder Nutzer-Logbücher, in die viel mehr eingetragen wird. Mechanismen, die einem auf den ersten Blick aufzeigen, ob ein Power-User eben erst fünfmal eine Beschwerde hatte oder ob man sich ständig aufs Neue über ihn beschwert. Beziehungsweise was ihm in diesen Beschwerden vorgeworfen wurde.

So, und ähnlich funktioniert die Meinungs-Maschine Wikipedia heute. Es ist nicht nur traurig, dass eine solch tolle Idee durch relativ kleine Fehler eine derartige Bruchlandung hinlegen konnte.

Die eigentliche Tragik liegt in dem Einfluss, der daraus auf unsere Gesellschaft entsteht.

Dies ist äußerst bedenklich, wenn nicht sogar gefährlich.

Was aus Propaganda, Meinungsmache und fehlender Opposition alles entstehen kann, hat die Geschichte ja bereits mehrfach gelehrt. Auf eine Anfrage zu diesem Problem reagierte Wikipedia mit einer relativ gelangweilten, nichtssagenden Standardantwort.

Wir dürfen gespannt sein, ob Wikipedia wie bislang Augen und Ohren vor diesem
Problem verschlossen hält oder noch kurz vor Schluss
die Kurve bekommt. Unser Informant, der sich nun sechs Monate ausführlich in die Wikipedia-Welt eingearbeitet hat, sieht dies leider eher als unwahrscheinlich an.

Zu festgefahren seien die Strukturen, eine gewisse Ignoranz unter den Admins und der Kerngruppe sei nicht zu verkennen. Gerade auch weil die hellsten Köpfe eben weder Zeit noch Lust haben, jeden Tag viele Stunden dort Änderungen vorzunehmen und dies eher die zweite oder gar dritte Garde ist, die dort den Ton angibt.

Drum gilt unter Kennern auch der Spruch – traue keinem Nutzer mit mehr als fünf Edits pro Woche. Es lässt sich weiter nicht verleugnen das aus diesem und ähnlichen Gründen viele einstige Gründungsmitglieder der Wikipedia bereits den Rücken gekehrt haben.

So raten Experten: Seien Sie kritisch, glauben Sie Wikipedia nicht blind, suchen Sie Alternativen und drücken Sie die Daumen.

Patrick M. Seiter arbeitete zu Recherche-Zwecken langjährig an Wikipedia mit und tätigte hierbei über 1000 Edits.

http://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2013/11/04/wikipedia-wir-machen-meinung/

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22.10.2013

Bezahlte Beiträge: Wikipedia wirft Autoren raus

Profilsperrungen bei Wikipedia: Die Wikimedia-Stiftung geht gegen Autoren der Online-Enzyklopädie vor, weil sie für Einträge im englischsprachigen Teil Geld kassiert haben könnten, die für Organisationen oder Produkte werben.

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Wikipedia untersucht Fälle von bezahlter Manipulation von Artikeln. Der Online-Enzyklopädie wird vorgeworfen, Einträge auf ihrer Website zu veröffentlichen, die von sogenannten „Sockenpuppen“ verfasst worden sind. So bezeichnet man im Netz-Jargon Autoren, die im Internet unter falschen Online-Identitäten unterwegs sind.

Wie die Geschäftsführerin der Wikimedia-Stiftung in San Francisco, Sue Gardner, am Montag im Wikipedia-Blog meldete, „sieht es derzeit so aus, als wären einige Autoren – möglicherweise bis zu mehreren hundert – für Wikipedia-Einträge bezahlt worden, die für Organisationen oder Produkte werben“ und somit gegen die Nutzungsbedingungen der Wikipedia verstoßen. Mehr als 250 Nutzerprofile seien gesperrt oder von der Seite verbannt worden. Die betreffenden Einträge hat die Wikimedia-Stiftung noch nicht benannt.

Cathrin Schoneville, Pressesprecherin der Wikimedia Deutschland, sagte im Gespräch mit dieser Zeitung, die Sperre von Nutzerkonten beziehe sich zunächst ausschließlich auf die englischsprachige Version des Online-Nachlagewerks, weitere Sprachen seien bisher nicht betroffen. Von deutscher Seite gebe es aber großes Interesse, für Transparenz im Netz zu sorgen und gegen bezahlte Autoren vorzugehen. So sei mit diesem Ziel Anfang des Jahres das WikiProjekt „Grenzen der Bezahlung“ initiiert worden.

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/bezahlte-beitraege-wikipedia-wirft-autoren-raus-12629002.html

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09.10.2013

„Schläfer“ bei Wikipedia: Auch Admins auf der Lohnliste?

Wikipedia ist offenbar mehr von PR und Propaganda durchsetzt, als bisher schon angenommen. Wie die englischsprachige Webseite The Daily Dot berichtet, ist ein „Vogel Geek“ während seiner freiwilligen Tätigkeit als Editor bei Wikipedia auf einige Unregelmäßigkeit gestoßen. Was anfangs nur ein wenig seltsam erschien, stellte sich schnell als die bisher größte Infiltration der Wissensdatenbank heraus.

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Die freie Wissensdatenbank Wikipedia wird überwiegend von freiwilligen Helfern finanziert, gepflegt und ergänzt. Aber auch die Admins, die deutlich mehr Systemrechte als reguläre Editoren haben, sind von Wikipedia zwar handverlesen und auf ihre Integrität und Neutralität geprüft, werden jedoch ebenfalls nicht bezahlt. Neue Erkenntnisse legen nahe, dass aber genau der finanzielle Anreiz Potenzial für Korruption bietet.

Die Geschichte beginnt etwas kurios und zwar mit dem Wikipedia-Nutzer DocTree, einem freiwilligen Wiki-Editor, der sich auf das Pflegen von Wikipedia-Seiten über lange verstorbene Ornithologen (Vogelkundler) spezialisiert hat. Gelegentlich engagiert sich DocTree auch in Diskussionen um Löschanträge zu Themen, die nicht ganz seinem Fachgebiet entsprechen. Einer dieser Fälle war die Wikipedia-Seite über „CyberSafe“, einem High-Tech-Unternehmen aus Middlesex in England, spezialisiert auf Verschlüsselung.

Quellenangabe als Schwachstelle

Es gibt eine Vielzahl an Gründen für einen Löschantrag bei Wikipedia. Der häufigste ist wohl Relevanz. Nur wenn ausreichend externe Quellen über ein Thema berichten, so der allgemeine Konsens bei Wikipedia, ist auch ein Eintrag in der Wissensdatenbank samt Verlinkung der Quellen sinnvoll. So auch im Fall von „CyberSafe“. Auf den ersten Blick erfüllte die Webseite alle geforderten Kriterien, doch als Nutzer DocTree die verlinkten Quellen prüfte, wurde schnell klar, dass hier gewaltig geschummelt wurde. „Keine der Referenzen handelte tatsächlich von CyberSafe“, berichtet DocTree gegenüber The Daily Dot. „Die Quellen behandelten Internetsicherheit im allgemeinen, aber nicht CyberSafe.“

In der nachfolgenden Diskussion über den Löschantrag mischten sich, wie DocTree weiter erzählt, immer mehr Nutzer ein, die sich gegen einen Löschung aussprachen. Die öffentlich einsehbare Historie der Nutzer war allerdings gespickt mit Bearbeitung und Erstellung ähnlicher Seiten mit fraglicher Relevanz, weshalb sich DocTree an die Admins von Wikipedia wandte. Die Wiki-Admins, durch die Bank ebenfalls freiwillig in der Wissensdatenbank aktiv, aber von Wikipedia auf ihre Vertrauenswürdigkeit hin geprüft, nahmen sich des Problems an und starteten eine sogenannte „Sockpuppet“-Ermittlung. Als „Sockpuppet“ wird bei Wikipedia eine „Online-Identität mit dem Zweck der Täuschung“ bezeichnet. Die Verwendung von „Sockpuppets“ beziehungsweise mehreren Accounts ist bei Wikipedia verboten, um eine möglichst hohe Glaubwürdigkeit sicherzustellen.

Kompromittierte Admins und Kunden der „Sockpuppets“

Nur wenige Wikipedia-Nutzer werden mit „Sockpuppet“-Ermittlungen betreut, da für die Recherche auch ein Prüfungstool zur Anwendung kommt, das verschiedene personenbezogene Daten offen legt, die für normale Wikipedia-Nutzer nicht öffentlich zugänglich sind, wie beispielsweise die IP-Adresse eines Nutzers. Ist ein Account als „Sockpuppet“ identifiziert, begeben sich Admins auf Spurensuche und stellen für Bearbeitungen und neu erstellte Seiten, die dieser Account zu verantworten hat, Löschanträge. Während der Ermittlungen wurden jedoch nicht nur die fünf von DocTree verdächtigten Accounts als „Sockpuppet“ entlarvt. Ganze 323 Wikipedia-Accounts wurden von Wikipedia-Admins und der Software CheckUser eindeutig als „Sockpuppets“ identifiziert, weitere 84 stehen noch unter Verdacht. Der älteste Account des „Sockpuppet“-Netzwerks ist seit 2008 aktiv und hat mehr als 6000 Bearbeitungen auf dem Konto.

Doch wer steckt dahinter? The Daily Dot kontaktierte die Unternehmen, deren Seiten vom „Sockpuppet“-Netzwerk bearbeitet und verwaltet wurden und wurde mit einem Treffer belohnt: Wiki-PR. Das Unternehmen wirbt damit fast 50 etablierte Wikipedia-Editors auf der Lohnliste zu haben, darunter auch Admins. Wie die kontaktierten Unternehmen gegenüber The Daily Dot berichteten, zahlten diese zwischen 500 und 1000 US-Dollar für die Erstellung einer Wikipedia-Seite und weitere 50 US-Dollar pro Monat für die Pflege und das Monitoring. Darüber hinaus bietet das Unternehmen an, dass, sollte ein Klient den Anspruch der Relevanz nicht erfüllen, für diesen Zweck Artikel als Referenz geschrieben und veröffentlicht werden.

 http://www.gulli.com/news/22506-schlaefer-bei-wikipedia-auch-admins-auf-der-lohnliste-2013-10-09

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