Wie US-Banken Schuldner aus ihren Häusern ekeln

28.09.2013

Einbrüche und Mobbing: Mit rabiaten Methoden treiben amerikanische Banken säumige Zahler aus ihren Wohnungen. Eine kalifornische Kleinstadt wehrt sich – mit nicht weniger umstrittenen Mitteln.Von Tina Kaiser, New York

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Als Barry Tatum im Dezember nach Hause kam, fuhr ihm der Schreck durch die Glieder. Sowohl die Vorder- als auch die Hintertür seines Hauses in Chicago standen offen. Der Wind fegte durch die Räume.

Tatum war davon überzeugt, ausgeraubt worden zu sein. Doch als er in sein Haus stürmte, fand er einen Brief der Immobilienmanagement-Firma Safeguard Properties aus Ohio. Die Firma informierte ihn, sie sei von Tatums Hypothekengeber, der Bank of America, beauftragt worden, das Haus zu „sichern“.

Der geschockte Hausbesitzer erzählte seine Geschichte der „New York Times“, die in einem großen Artikel über die rabiaten Machenschaften der US-Hypothekenbanken berichtete.

Landesweit befinden sich rund zehn Millionen Immobilien im Zustand der“foreclosure“. Dieser komplizierte Prozess setzt ein, wenn Schuldner ihre Hypothek über einen längeren Zeitraum nicht bedienen können.

In einigen Bundesstaaten müssen Gerichte über eine Zwangsenteignung der Hausbesitzer entscheiden, in anderen Staaten müssen nur langwierige rechtliche Formalien eingehalten werden. Solange keine Entscheidung gefällt ist, dürfen die Schuldner in ihren Häusern wohnen bleiben.

Häuserpreise steigen wieder

Eigentlich gab es zuletzt viele positive Nachrichten vom US-Immobilienmarkt zu berichten. Mit dem Aufschwung der amerikanischen Wirtschaft legen auch die Preise für Wohnungen und Häuser wieder zu. In den zwölf Monaten bis zum Juli 2013 stiegen die Preise durchschnittlich um 12,4 Prozent.

Trotzdem gibt es auch sechs Jahre nach dem Platzen der US-Immobilienblase noch Millionen Amerikaner, die ihre Hypotheken nicht bedienen können. Meist wurden ihre Hypothekenzahlungen auch nicht an den gefallenen Wert der Häuser angepasst. Die Schuldner müssen nach heutigen Preisen damit wesentlich mehr Schulden zurückzahlen, als ihre Immobilie bei einem Verkauf wert wäre. Sie sitzen in der Falle.

In vielen Bundesstaaten sind die Gerichte mit dem Wust von Foreclosure-Klagen überfordert. In Illinois dauerte ein solches Verfahren zuletzt durchschnittlich 817 Tage – also über zwei Jahre. Viele große US-Banken wie die Bank of America, JPMorgan Chase oder Citibank sind es deswegen leid, so lange zu warten. Sie versuchen mit nicht gerade zimperlichen Methoden, die Hausbesitzer vorzeitig aus den Gebäuden zu ekeln.

Dabei behelfen sie sich mit Auftragsfirmen, die den Status der Immobilien überprüfen sollen. Marktführer auf dem Gebiet ist Safeguard Properties. Offiziell sollen die Firmen lediglich checken, ob die Gebäude noch bewohnt sind und in welchem Zustand sie sich befinden. Stehen sie leer, so werden die Firmen meist auch beauftragt, die Häuser wetterfest zu machen und sicherzustellen, dass niemand dort einbricht oder sich Vandalen einnisten.

Beschwerden häufen sich

Bei Behörden häufen sich Beschwerden von Immobilienbesitzern, dass die Firmen oft weit über das Ziel hinausschießen. Anfang September reichte der Bundesstaat Illinois offiziell Klage gegen Safeguard ein. Laut Aussagen der Generalstaatsanwältin Lisa Madigan brach die Firma mehrmals in noch bewohnte Häuser ein oder versuchte mit Mobbing-Methoden, die Menschen aus ihren Wohnungen zu ekeln.

Nicht unüblich sei auch, dass Safeguard und andere Firmen den Bewohnern weismachten, sie hätten kein Recht mehr, in den Wohnungen zu bleiben.

Safeguard streitet die Vorwürfe ab. Die Mitarbeiter würden nur in Häuser eindringen, wenn diese eindeutig unbewohnt wären. Laut Recherchen der „New York Times“ stimmt das jedoch nicht.

Safeguard habe Türen aufgebrochen, auch wenn „ein Hund im Inneren des Hauses gebellt hat, ein Auto in der Einfahrt stand oder die Nachbarn bestätigten, dass das Gebäude bewohnt ist“.

Auftragsfirmen verdienen mehr mit leeren Häusern

Ein Grund für das aggressive Vorgehen der Immobilienfirmen könnte sein, dass sie mit leeren Häusern deutlich mehr verdienen. In dem Fall schreiben sie nämlich nicht nur einen Bericht, sondern schicken auch Handwerker in die Häuser, um Schlösser auszutauschen oder die Fenster zu verbarrikadieren.

Es ist allerdings überraschend, dass die US-Banken diesem Treiben keinen Riegel vorschieben. Erst im vergangenen Jahr zwangen Bundesstaaten fünf der größten Hypothekenbanken des Landes zu einem Vergleich von 26 Milliarden Dollar (19 Milliarden Euro). In dem sogenannten National Mortgage Settlement verpflichteten sich die Geldhäuser, den beauftragten Immobilienfirmen besser auf die Finger zu schauen.

Vielen Städten und Kommunen ist das Geschäftsgebaren der Banken auch aus Eigeninteresse ein Dorn im Auge. In Regionen mit vielen zwangsenteigneten, leer stehenden Häuser fallen automatisch die Preise der übrigen Häuser und machen die Gegenden unattraktiver.

Die kalifornische Kleinstadt Richmond hat deswegen einen ungewöhnlichen Plan entwickelt, der an einen Schildbürgerstreich erinnert. Im Juli schrieb sie einen Brief an 32 Banken und bot an, ihnen 624 Hypotheken abzukaufen, die von den Schuldnern nicht mehr bedient werden können. Kein einziger Verkauf wurde bewilligt. Stattdessen plant Richmond nun, die Gebäude zu beschlagnahmen.

Kalifornische Kleinstadt plant Schildbürgerstreich

Dieser Prozess wird normalerweise von Kommunen angewendet, wenn sie Straßen oder große Immobilienprojekte auf dem jeweiligen Land bauen wollen. Der Trick dabei: Die Banken bekämen lediglich den heutigen Marktwert der Häuser erstattet, nicht aber den ursprünglich ausgemachten Wert des Kredits.

Eine von der Gemeinde Richmond beauftragte Beraterfirma soll die Häuser anschließend übernehmen und den Hausbesitzern neue Hypothekenverträge geben, die sich nach dem tatsächlichen Wert der Immobilien berechnen. Eine Familie, deren Haus ursprünglich 300.000 Dollar gekostet hat und jetzt noch 200.000 wert ist, würde so monatlich statt 1100 nur noch 800 Dollar zahlen müssen.

Noch ist allerdings nicht geklärt, ob die Idee rechtlich zulässig ist. Mehrere Banken hatten gegen den Plan geklagt. Ein Gericht wies die Klage Mitte September jedoch zunächst ab, da der Gemeinderat noch gar nicht rechtlich bindend über die Beschlagnahmungen entschieden hat.

Mehrere andere US-Kommunen schauen mit Neugierde auf Richmond. Die Gemeinde könnte zum Vorbild für viele Nachahmer werden.

http://www.welt.de/wirtschaft/article120471112/Wie-US-Banken-Schuldner-aus-ihren-Haeusern-ekeln.html

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