Wettbewerbsfähigkeit : Deutschland zieht erstmals an den USA vorbei

05.09.2012

Manchmal reicht es schon, seinen Platz zu behaupten: Deutschland steht im Ranking der wettbewerbsfähigsten Staaten weiter auf Platz sechs – und damit erstmals vor den USA, die weiter abrutschen. Von A. Ettel und M. Greive

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Trotz der Belastungen durch die Euro-Krise hat Deutschland seine Wettbewerbsfähigkeit im vergangenen Jahr behauptet. Das ist das Ergebnis einer Untersuchung des World Economic Forum (WEF) in Genf. Deutschland steht demnach wie schon im Vorjahr auf Rang sechs, was aus Sicht von WEF-Experten angesichts der Turbulenzen in Europa bereits ein Erfolg ist.

Erstmals hat Deutschland in diesem Jahr sogar die USA in Sachen Wettbewerbsfähigkeit überholt. Diese rutschten in dem internationalen Vergleich von Rang fünf auf Platz sieben ab und setzten damit ihren Abwärtstrend der vergangenen vier Jahre fort. Vor fünf Jahren lagen die USA in der Untersuchung noch auf Platz eins.

Forscher stützen sich auf Zahlen und Interviews

Für den jährlich veröffentlichten „Global Competitiveness Report“ analysieren die Genfer Forscher die Wachstumschancen von 144 Volkswirtschaften. In die Untersuchung fließen mehrere Dutzend Indikatoren ein, darunter das öffentliche Haushaltsdefizit, die Inflationsrate sowie Interviews mit Managern vor Ort.

Während die WEF-Experten in ihrem Bericht vor allem die schlechten volkswirtschaftlichen Rahmendaten – allen voran die hohe Verschuldung und das vergleichsweise schwache Wachstum – für den anhaltenden Niedergang in der Wettbewerbskraft der USA anführen, bekommt Deutschland wie schon in den Vorjahren besonders für seine gute Infrastruktur und für die hohe Innovationskraft Top-Noten.

Deutscher Arbeitsmarkt am Ende des Rankings

Als Wachstumshemmnis erweist sich aus Sicht der WEF-Experten allerdings nach wie vor der Arbeitsmarkt: So erreicht Deutschland in der Untersuchung vor allem bei dem Indikator „Flexibilität bei der Lohnfindung“ gerade einmal Platz 139 – von 144. Auch für den Kündigungsschutz erntet Deutschland in dem Wettbewerbsreport des WEF regelmäßig schlechte Noten.

„In Deutschland sind viele Voraussetzungen dafür erfüllt, dass das Land sein Wachstumspotenzial ausschöpfen kann“, sagt WEF-Expertin Margareta Drzeniek. „Gerade auf dem Arbeitsmarkt sehen wir aber seit Jahren sehr großen Nachholbedarf.“

USA wird seit Jahren nach hinten durchgereicht

Dramatisch ist dagegen der Absturz der USA. Vor fünf Jahren stand die Wirtschafts-Supermacht noch an der Spitze der weltweiten Rangliste, nun rutschte die größte Volkswirtschaft der Welt von Rang fünf auf Platz sieben ab. „Die USA setzten damit ihren Abwärtstrend der vergangenen vier Jahre fort“, heißt es in der Studie.

Größter Schwachpunkt ist die fehlende Stabilität der Volkswirtschaft – in dieser Kategorie rutschte das Land vom ohnehin schlechten 90. Platz in diesem Jahr noch weiter ab – auf Rang 111 von 144.

Arbeitslosigkeit hoch, Wachstum niedrig

Allen voran die hohe Verschuldung, das vergleichsweise schwache Wachstum sowie die fehlende Wettbewerbskraft bereitet den Experten Sorge. Die Arbeitslosigkeit liegt seit Ausbruch der Finanzkrise beharrlich bei über acht Prozent, das Wachstum dümpelt ebenfalls seit langem vor hin sich hin lag im zweiten Quartal zuletzt bei schwachen 1,7 Prozent.

Auch ist kein Ende der hohen Neuverschuldung in Sicht. Das Haushaltsdefizit wird in diesem Jahr bei 8,5 Prozent liegen. Nicht wenige Experten fürchten, dass die USA in ein paar Jahren in eine ähnliche Schuldenkrise schlittern könnte wie heute Europa. Die von den WEF-Experten befragten US-Manager watschen die Politik deshalb ab.

Ihr Vertrauen in die Lösungsfähigkeit der Politik ist gering, die USA belegen in diesem Ranking nur Platz 54. Bei der Frage, ob die Regierung sinnvoll mit ihren Einnahmen umgeht, liegen die USA sogar nur auf Platz 76.

Griechenland fällt sechs Ränge auf Platz 96

Neben den USA sind auch einige der krisengeplagten Euro-Staaten im internationalen Vergleich stark abgerutscht. Das hoch verschuldete Griechenland büßte gleich sechs Ränge ein und liegt mit Platz 96 hinter Serbien, Argentinien und der Mongolei und nur noch knapp vor Jamaika, Gambia und Gabun.

Wie dramatisch das Land seit dem Ausbruch der Finanz- und Schuldenkrise an Wettbewerbskraft verloren hat, zeigt auch der Vergleich mit früheren Untersuchungsergebnissen: Im Report aus dem Jahr 2007/2008 landete Griechenland noch auf Rang 65. Seitdem hat Land kontinuierlich an Wettbewerbskraft eingebüßt.

Spanien und Italien überraschend stabil

Angesichts der tiefen wirtschaftlichen Krise deutet bisher auch nichts darauf hin, dass sich dieser Abstieg in absehbarer Zeit verlangsamen könnte. Zu den Verlierern zählt auch Portugal, das im internationalen Vergleich vier Ränge verlor und auf Platz 49 landete. Hingegen entwickelte sich das krisengeschüttelte Spanien überraschend stabil.

Die viertgrößte Volkswirtschaft der Eurozone, die tief in der Rezession steckt und zunehmend zum Sorgenkind der Währungsunion wird, behauptete sich auf Platz 36 der Liste. Ähnlich fällt das Ergebnis für Italien aus, das gemessen an der Wettbewerbsfähigkeit weiterhin Rang 42 weltweit einnimmt.

Reformen zeigen offenbar erste Wirkung

Beiden Ländern kommt zugute, dass zumindest ein Teil der im Vorjahr begonnenen Reformen bereits spürbar Wirkung zu zeigen beginnt. Ablesbar ist das unter anderem an der Entwicklung der Arbeitskosten. Vor allem in Spanien sind die Lohnstückkosten zuletzt deutlich gefallen, was es dem Land erleichtert, international wieder wettbewerbsfähiger zu werden.

Den Spitzenplatz in der weltweiten Rangliste nimmt erneut die Schweiz ein, die damit seit 2009 unangefochten auf Platz eins steht, gefolgt von Singapur und Finnland, das ein weiteres Mal mit Nachbar Schweden die Plätze getauscht hat.

Nach wie vor billigen die Experten diesen Ländern das größte Wachstumspotenzial zu. Vor allem die Schweiz zeige eine „anhaltend starke Entwicklung über alle Bereiche hinweg“, schreiben die WEF-Experten in ihrem Report. Vor allem in punkto Innovationskraft und Arbeitsmarkteffizienz erreicht das Land regelmäßig Top-Noten.

http://www.welt.de/wirtschaft/article108990543/Deutschland-zieht-erstmals-an-den-USA-vorbei.html

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01.03.2013

Wachstumslok Deutschland „gegen“ den Rest – die Euro-Kluft wird größer

Die wirtschaftliche Kluft zwischen Deutschland und den meisten anderen Euro-Staaten wird immer größer. Die Wachstumslok Deutschland allein kann die Euro-Zone aber nicht aus der Krise ziehen.

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Während in Krisenstaaten wie Italien wegen der Rezession so viele Menschen ohne Job dastehen wie noch nie, nimmt die Konjunktur in Deutschland wieder Fahrt auf. Ein Lichtblick ist die sinkende Inflation. Sie gibt der Europäischen Zentralbank (EZB) Zeit, ihre lockere Geldpolitik fortzusetzen oder ihren Leitzins sogar weiter Richtung null zu drücken.

Im Jänner verloren 201.000 Beschäftigte in der Währungsunion ihren Job, teilte die Statistikbehörde Eurostat am Freitag mit. Die Arbeitslosenquote stieg dadurch um 0,1 Punkte auf den Rekordwert von 11,9 Prozent. Von Reuters befragte Ökonomen hatten mit 11,8 Prozent gerechnet. Innerhalb der Euro-Zone ist das Gefälle aber enorm: Österreich und Deutschland weisen mit jeweils rund fünf Prozent die niedrigste Arbeitslosigkeit aus, Griechenland und Spanien mit etwa 27 Prozent die höchste. Besonders schlechte Aussichten auf einen Job haben junge Leute: In Italien erreichte die Jugendarbeitslosigkeit mit 38,7 Prozent einen Rekordwert.

Rückenwind aus Asien

„An dieser wirtschaftlichen Spaltung zwischen den hoch verschuldeten südlichen Staaten und den Kernstaaten wird sich 2013 nicht viel ändern“, befürchtet Commerzbank-Ökonom Christoph Weil. Während Europas größte Volkswirtschaft Deutschland wieder auf Wachstumskurs ist, dürften Italien und Spanien frühestens in der zweiten Jahreshälfte die Rezession beenden.

Darauf deutet der Einkaufsmanagerindex für die Industrie hin. In Frankreich, Italien, Spanien, Griechenland, Österreich und den Niederlanden schrumpften ihre Geschäfte im Februar erneut. Wachstum meldete neben Irland nur die deutsche Industrie, die damit ihre einjährige Durststrecke beendete. „Rückenwind erhielt sie vor allem durch die Konjunkturbelebung auf den asiatischen Märkten“, sagte Markit-Ökonom Tim Moore. Dadurch stiegen die Exportaufträge so stark wie seit fast zwei Jahren nicht mehr. Aber auch die Binnennachfrage gewinnt an Fahrt: Die deutschen Einzelhändler meldeten zum Jahresauftakt das größte Umsatzplus seit mehr als sechs Jahren.

Industrie streicht 13. Monat in Folge Jobs

Die Wachstumslok Deutschland allein kann die Euro-Zone aber nicht aus der Krise ziehen. Der Einkaufsmanager für die Industrie der gesamten Währungsunion verharrte im Februar bei 47,9 Punkten. Damit signalisierte das Barometer bereits den 19. Monat in Folge schrumpfende, weil es unter der Wachstumsschwelle von 50 Punkten blieb. „Der Industriesektor dürfte die Euro-Konjunktur im ersten Quartal 2013 erneut belastet und dafür gesorgt haben, dass die Wirtschaftsleistung das vierte Quartal in Folge schrumpft“, sagte Markit-Chefvolkswirt Chris Williamson.

Die Unternehmen strichen bereits den 13. Monat in Folge Stellen. Die EU-Kommission rechnet für dieses Jahr mit einem Anstieg der durchschnittlichen Arbeitslosenquote auf 12,2 Prozent. Erst 2014 soll sie wieder sinken, wenn auch nur minimal auf 12,1 Prozent. Grund dafür ist die schwere Wirtschaftskrise in der Währungsunion. Das Bruttoinlandsprodukt wird nach Prognose der Kommission in diesem Jahr mit einem Rückgang von 0,3 Prozent zum zweiten Mal in Folge sinken. Besonders düster sieht es in Griechenland, Spanien und Italien aus.

Wird die EZB nochmal aktiv?

Wegen dieser Flaute hat die EZB ihren Leitzins auf das Rekordtief von 0,75 Prozent gesenkt, was Konsum und Investitionen stimulieren soll. Die sinkende Inflation lässt ihr die Möglichkeit, die Zins ähnlich wie in den USA, Japan oder Großbritannien nahe null zu drücken. Die Teuerungsrate in der Euro-Zone fiel im Februar auf 1,8 Prozent. Damit herrscht weitgehend Preisstabilität, die die EZB bei Werten von knapp unter zwei Prozent gewährleistet sieht. „Das gibt ihr definitiv noch Spielraum für Zinssenkungen“, sagte Greg Fuzesi. Bei starkem Preisauftrieb birgt eine allzu lockere Geldpolitik die Gefahr, die Inflation zusätzlich anzuheizen.

http://www.format.at/articles/1309/931/353772/wachstumslok-deutschland-gegen-rest-euro-kluft

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