USA: Aufstand der Hungerlöhner

06.12.2013

Von Taco Bells bis McDonald’s, vom Staat Washington im Westen bis zur Stadt Washington im Osten wächst der Druck der „Working Poor“.

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Wenn man der Protestbewegung der amerikanischen Kellnerinnen, Fleischlaberl-Brater, Garköche und Geschirrabwäscher ein Gesicht geben wollte, böte sich jenes von Nyah Potts trefflich an. Die 29-jährige alleinerziehende Mutter arbeitet seit einem halben Jahr in einem der Schnellimbisse im Ronald Reagan Building, einem Regierungsgebäude in der Hauptstadt Washington. Pro Stunde verdient sie 3,50 Dollar. An guten Tagen kommen 30 bis 40 Dollar Trinkgeld dazu. An schlechten Tagen allerdings reicht der Schmattes gerade einmal für die Fahrscheine zur jeweils rund einstündigen An- und Abreise an ihren Arbeitsplatz. Vom Plan, sich das Geld für das letzte Semester ihres Psychologiestudiums zusammenzusparen, hat sich die junge Frau verabschiedet. „Ich bin nicht arm geboren“, sagt Potts zur „Presse“, ihr Baby im Arm, während um sie rund 200 Arbeiter aus der Fast-Food-Industrie für höhere Löhne demonstrieren. „Mein Großvater war Arzt, meine Eltern waren auf dem College.“

Immer mehr Amerikaner am unteren Ende der Einkommenspyramide sehen das genauso. Denn die Fast-Food-Wirtschaft, die früher typischerweise Schülern erste Berufserfahrung und ein bisschen Taschengeld ohne existenzielle Risken ermöglichte, hat sich wesentlich geändert. Das Durchschnittsalter der Arbeitnehmer in der Branche beträgt 29 Jahre – so alt, wie Nyah Potts ist. Und so wie sie haben immer mehr Fast-Food-Arbeiter Familien, die sie mit den niedrigen Löhnen erhalten müssen.

Arbeit unter der Armutsgrenze

Es ist nicht überzogen, sie Hungerlöhne zu nennen: Laut den Vorgaben der US-Regierung ist ein Haushalt mit zwei Personen, der weniger als 15.510 Dollar (11.390 Euro) Einkommen hat, arm. Jene rund 3,55 Millionen Arbeiter, die den bundesgesetzlichen Mindestlohn von 7,25 Dollar pro Stunde oder weniger verdienen (das ist für Stellen wie jene von Nyah Potts erlaubt, in denen Trinkgeld üblich ist), kommen – so sie Vollzeit arbeiten – nur auf 15.080 Dollar.

Der Unmut darüber steigt. In 130 Städten streikten Fast-Food-Arbeiter am Donnerstag. Zahlreiche Gemeinden haben in jüngerer Vergangenheit höhere lokale Lohngrenzen beschlossen, zuletzt Sea-Tac, eine Kommune zwischen Seattle und Tacoma im Bundesstaat Washington und das Stadtparlament der Bundeshauptstadt. Ob das Stellen vernichtet oder vielmehr die schwache Konsumnachfrage fördert, entzweit die Wirtschaftsforscher.

Obamas lautes Schweigen

Präsident Barack Obama ist in einer unbequemen Lage. Er unterstützt die Forderung, den Bundesmindestlohn auf 10,10 Dollar zu erhöhen. Das wird aber nicht passieren, solange die Republikaner das Abgeordnetenhaus kontrollieren. Dennoch könnte Obama per Dekret verordnen, dass alle Unternehmer, die in Regierungsgebäuden Kantinen betreiben, ihre Arbeiter anständig bezahlen müssen. Wieso er das nicht tut, verschweigt Obama. „Ich möchte, dass die Regierung dafür sorgt, dass wir Löhne verdienen, von denen wir leben können“, sagt Nyah Potts. „Das wäre ein Vorbild für den Privatsektor.“ („Die Presse“, Print-Ausgabe, 07.12.2013)

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