Deutsche Arbeitslose sind die ärmsten in Europa – eine Chronik

06.01.2015

Deutsche Langzeit-Arbeitslose am meisten von Armut bedroht

Von der Langzeit-Arbeitslosigkeit sind in Deutschland jährlich etwa eine Million Menschen betroffen. 86 Prozent der Erwerbslosen waren 2013 von Armut und sozialer Ausgrenzung betroffen und können sich weder eine Waschmaschine, noch einen Fernseher leisten. Damit ist das reiche Deutschland in diesem Bereich trauriger Spitzenreiter.

————————————————————————————-

Wenn man die Länder, die derzeit als Eurokrisenländer gelten unberücksichtigt läßt, so hat Deutschland mit 2,4 Prozent der aktiven Bevölkerung noch immer nach Frankreich, Belgien und Großbritannien die höchste Rate an Langzeitarbeitslosen an der aktiven Erwerbsbevölkerung unter westlichen Industrieländern (Abb. 13479). Seit 2009 ist es – trotz aller Jubelmeldungen vom Arbeitsmarkt – nicht gelungen, die Zahl der Langzeitarbeitslosen weiter abzubauen (Abb. 18564), obwohl dabei auch viele statistische Tricks zum Einsatz kamen.

So sind in Deutschland mehr als 100.000 Menschen, die mindestens 58 Jahre alt sind, bei der Bundesagentur für Arbeit registriert, ohne in der Arbeitslosenstatistik mitgezählt zu werden. Menschen in langen Warteschleifen von wiederholter Weiterbildung oder auf dem Niveau von 1-Euro-Jobs fallen ohnehin aus der Arbeitslosenstatistik heraus. Der Anteil der Langzeitarbeitslosen an allen Arbeitslosen ist seit 2009 sogar von 33 Prozent auf 36 Prozent gestiegen. 87.000 Langzeitarbeitslose sollten durch das von Arbeitsministerin von der Leyen mit viel Tam-Tam aufgelegte Programm der Bürgerarbeit wieder in den Arbeitsmarkt eingegliedert werden. Doch nur 20 bis 25 Prozent waren nach Ausscheiden aus der Bürgerarbeit in sozialversicherungspflichtigen Jobs gelandet und bis zu 23 Prozent waren sogar schlicht völlig aus der Statistik verschwunden.

Noch immer sind mehr als eine Million Menschen in Deutschland ein Jahr oder länger amtlich ohne Job. Ministerin Nahles hat Pläne gegen die Langzeitarbeitslosigkeit, doch ob sie wirklich helfen werden, mag man bezweifeln. Schlimmer noch: Erst ist der Job weg, kommt die soziale Ausgrenzung hinterher. 86 Prozent der Erwerbslosen waren 2013 von Armut und sozialer Ausgrenzung betroffen, der weitaus höchste Anteil aller Vergleichsländer, selbst unter Einschluß der Eurokrisenländer, und fast doppelt so hoch wie beispielsweise in der Schweiz

Als armutsgefährdet gilt nach der Definition der EU-Statistiker, wer inklusive Sozialleistungen weniger als 60 Prozent des sogenannten nationalen Medianeinkommens erzielt. Das ist der Wert, der in der Mitte steht, wenn man alle Einkommen in einem Land in einer Liste aufreiht. Soziale Ausgrenzung droht nach Definition der Statistiker zum Beispiel dann, wenn sich Menschen keine Waschmaschine, keinen Fernseher und kein Telefon leisten können und zudem nicht einmal eine Woche Urlaub pro Jahr bezahlbar ist.

Am Beispiel der Hartz-4-Empfänger wurde im Oktober 2013 durch eine neue Studie unter Mitwirkung des bundeseigenen Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung bekannt, wie stark durch Arbeitslosigkeit ausgelöste Armut auf die Psyche schlägt. Die darin ausgewerteten Daten der Techniker Krankenkasse für 2006 zeigen, daß schon vor 7 Jahren 22 Prozent der berufstätigen Versicherten eine psychiatrische Diagnose gestellt bekommen hatten. Bezieher von Arbeitslosengeld II – also Hartz IV – waren schon zu 37 Prozent betroffen. Noch brisanter sind die aktuelleren Daten der AOK, nach denen der Anteil von Hartz-IV-Beziehern mit psychischen Problemen an allen Hartz-4-Beziehern der AOK allein zwischen 2007 und 2011 um ein Viertel von knapp 33 Prozent auf über 40 Prozent gestiegen ist. Anders sieht es bei den Managern von Dax-Konzernen aus. Lesen Sie unter Europa-Rekord I: Deutsche DAX-Manager verdienen 3,4 Millionen Euro durchschnittlich im Jahr und haben damit ihre Kollegen aus Großbritannien auf den zweiten Platz verwiesen.

http://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2015/01/06/langzeit-arbeitslose-in-deutschland-sind-besonders-gefaehrdet/

———————————————————————————————————————

23.04.2013

Studie: Deutsche Arbeitslose sind die ärmsten in Europa

In Deutschland sind laut einer Studie zwei Drittel der Arbeitslosen von Armut bedroht – deutlich mehr als im Durchschnitt der EU-Staaten. Dafür gibt es nach Angaben der Forscher mehrere Gründe.Von Stefan von Borstel

————————————————————————————-

In keinem Land der Europäischen Union sind die Arbeitslosen so arm wie in Deutschland. Nach einer Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Gewerkschaften waren 2010 in Deutschland 67,7 Prozent der Arbeitslosen von Armut bedroht. Das waren zwar zwei Prozent weniger als 2009. Damit blieb die Quote aber weit über dem EU-Durchschnitt von rund 46 Prozent. Dies habe mit der Hartz-IV-Reform zu tun, erklärte WSI-Forscher Eric Seils.

Seit der Abschaffung der Arbeitslosenhilfe seien Langzeitarbeitslose in Deutschland schlecht gegen Armut abgesichert. In etlichen Nachbarländern werde Arbeitslosen über einen längeren Zeitraum ein einkommensabhängiges Arbeitslosengeld gezahlt.

In Deutschland bekommen Arbeitslose in der Regel nach einem Jahr Arbeitslosigkeit nur noch Hartz IV, das lediglich das Existenzminimum sichert. Das reiche nicht mehr, um das Haushaltseinkommen über der Armutsgrenze zu halten, sagen die Forscher.

Der Anteil der armutsgefährdeten Arbeitslosen ist seit 2004 um 26 Prozentpunkte gestiegen. Die Hälfte der Arbeitslosen in Deutschland hatten laut Seils 2010 weniger als 793 Euro im Monat zur Verfügung. Dies entspricht 50 Prozent des mittleren nationalen Einkommens.

Seils forderte, die Anspruchsdauer auf Arbeitslosengeld anzuheben. In der Schweiz erhielten Arbeitslose 80 Wochen lang Arbeitslosengeld. Dies sollte auch in Deutschland gelten. In Frankreich und Dänemark würden sogar zwei Jahre gezahlt, in Belgien gebe es unbefristet Arbeitslosengeld.

Forscher warnen vor längerer Bezugsdauer

Dagegen warnte Werner Eichhorst vom Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit (IZA) in Bonn davor, die Anspruchsdauer zu verlängern. “Wir wissen aus vielen Studien, dass die Arbeitslosen bei längerer Zahldauer des Arbeitslosengeldes auch länger arbeitslos bleiben.”

Nach einem Jahr Arbeitslosigkeit verliere ein Arbeitsloser deutlich an Qualifikationen, seine Chancen auf dem Arbeitsmarkt zurückzukehren, sänken erheblich. “Nach neun bis zwölf Monaten ist der Nutzen des Arbeitslosengeldes, sich in Ruhe einen neuen Job zu suchen, verpufft”, sagte Eichhorst. “Danach schlägt die lange Zahldauer in ein Hemmnis um.”

Dadurch entstehe mehr Langzeitarbeitslosigkeit. “Kurzfristig sieht das aus wie eine Wohltat, langfristig wird sich das aber negativ auswirken, weil die Chancen sinken, auf dem Arbeitsmarkt einen ordentlichen Job zu bekommen.”

Es gebe keinen Grund, das System in Deutschland wieder großzügiger zu gestalten. Der IZA-Forscher verwies auf die sinkende Arbeitslosigkeit. “Wir sollten eher schauen, dass wir die Arbeitslosen schneller in Beschäftigung bringen, statt sie besser abzufedern.”

Im internationalen Vergleich sei das Arbeitslosengeld II auch nicht “ausgesprochen karg”. “Jede Erhöhung von Hartz IV führt dazu, dass sich mehr Menschen vom Arbeitsmarkt zurückziehen, weil sie mit ihrer Qualifikation entsprechende Lohnhöhen gar nicht erwirtschaften können.”

Schattenseite des Job-Booms

Auch WSI-Forscher Seils führt den Anstieg der Armut unter den Arbeitslosen nicht allein auf Hartz IV zurück. “Der Anstieg des Armutsrisikos unter Arbeitslosen stellt gewissermaßen die Schattenseite der in den vergangenen Jahren gesunkenen Arbeitslosigkeit dar”, erklärte Seils. Da die Langzeitarbeitslosen vom Beschäftigungsaufbau am wenigsten profitiert hätten, fielen sie statistisch zunehmend ins Gewicht.

Außerdem gebe es einen Zusammenhang zwischen Arbeitsarmut und Arbeitslosenarmut. “Wer bereits in Beschäftigung arm war, wird es als Arbeitsloser erst recht sein.” Bei Menschen mit einem niedrigem Einkommen könne im Falle des Jobverlusts sogar das Arbeitslosengeld I unter der Grundsicherungsgrenze liegen, sagte Seils.

Laut Seils waren im Jahr 2010 in Deutschland 7,7 Prozent der Erwerbstätigen von Armut bedroht. Im Jahr 2004 zählten nur 4,8 Prozent der Erwerbstätigen zu den sogenannten “working poor”. Zu dieser Gruppe gehören Menschen, denen weniger als 60 Prozent des mittleren Nettoeinkommens zur Verfügung steht, wie der Forscher erläuterte. In Deutschland liege diese Armutsschwelle für Alleinstehende bei 952 Euro im Monat.

http://www.welt.de/wirtschaft/article115546305/Deutsche-Arbeitslose-sind-die-aermsten-in-Europa.html

———————————————————————————————————————

Both comments and pings are currently closed.

Comments are closed.