Wie deutsche Post Ihre Mitarbeiter behandelt und entlohnt – eine Chronik

22.01.2015

Post plant 10.000 neue Stellen – mit niedrigeren Löhnen

Die gute Nachricht: Das Paketgeschäft bringt etliche neue Jobs. Die schlechte: Die Stellen werden nicht nach Haustarif entlohnt. Verdi ist entsetzt.
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Die Deutsche Post will bis 2020 bis zu 10.000 neue Stellen in der Paketzustellung schaffen – allerdings mit niedrigeren Löhnen als bislang beim „gelben Riesen“ üblich. Grund für die Einstellungsoffensive sei das vor allem vom E-Commerce-Boom ausgelöste Wachstum im Paketgeschäft, berichtete der Bonner Logistikkonzern am Donnerstag. Bis 2025 könnten sogar 20.000 neue Arbeitsplätze entstehen.
Bei der Gewerkschaft Verdi sorgten die Pläne der Post allerdings für einen Aufschrei der Empörung. Die stellvertretenden Verdi-Vorsitzende Andrea Kocsis sprach von einem klaren Fall von Tarif – und Mitbestimmungsflucht.
Post begründet niedrigere Löhne mit Konkurrenzdruck
Neue Mitarbeiter im boomenden Paketgeschäft sollen nach den Plänen des Unternehmens künftig nicht mehr bei der Post selbst angestellt werden, sondern bei neu gegründeten Gesellschaften unter dem Namen DHL Delivery GmbH. Die Bezahlung erfolgt dort nicht nach dem Haustarifvertrag der Post, sondern nach den in der Regel niedrigeren regionalen Tarifverträgen der Speditions- und Logistikbranche. Die Post könne nicht auf Dauer doppelt so hohe Löhne zahlen wie die Konkurrenz, verteidigte ein Post-Sprecher den Schritt. Bestehende Arbeitsverträge blieben unberührt.
Konzernvorstand Jürgen Gerdes betonte, diese Struktur biete der Post die Möglichkeit, neue, unbefristete Arbeitsplätze zu schaffen und zugleich das Paketgeschäft „mit konkurrenzfähigen Löhnen auf eine belastbare und zukunftssichere Grundlage zu stellen“. Angesichts des hohen Lohnkostenabstands zu den Wettbewerbern sei dies mit der vorhandenen Tarifstruktur nicht zu erreichen.
Die Post betonte, die ersten Gesellschaften würden ab sofort neue Mitarbeiter einstellen. Dabei würden befristet Beschäftigte der Post, deren Verträge auslaufen, bevorzugt.
Verdi spricht von „Tarif- und Mitbestimmungsflucht“
Verdi sprach in einer ersten Reaktion von einem „sozialpolitischen Skandal ersten Ranges“. Mit ihrem Manöver wolle die Post die Arbeitsbedingungen von mehr als 10.000 Beschäftigten radikal verschlechtern. Nach Berechnungen von Verdi drohen den Betroffenen allein mit Blick auf den Stundenlohn Absenkungen von bis zu rund 20 Prozent. „Das ist der Einstieg in den Ausstieg aus der Sozialpartnerschaft“, meinte Kocsis. Dabei gehe es der Post wirtschaftlich prächtig. Die Gewerkschafterin forderte den Post-Vorstand auf, die strittigen Fragen im Rahmen der geltenden Verträge zu lösen. „Eine Tarif- und Mitbestimmungsflucht werden wir nicht hinnehmen“ sagte Kocsis.
Gerdes wies den Vorwurf der Tarif- und Mitbestimmungsflucht allerdings zurück. Auch die Logistik-Tarifverträge seien von Verdi ausgehandelt, alle Mitbestimmungsrechte würden auch weiter eingehalten.
Zu den ersten Regionen, in denen die neuen Gesellschaften bestimmte Bezirke für die Paketzustellung übernehmen werden, gehören nach Angaben der Post unter anderem Rostock, Berlin, Hamburg, Bremen, Frankfurt/Main, Wiesbaden, Nürnberg und Karlsruhe.

http://www.derwesten.de/wirtschaft/post-plant-10-000-neue-stellen-mit-niedrigeren-loehnen-id10263339.html

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10.10.2012

Post-Mitarbeiter sprechen von “moderner Sklaverei”

Mitarbeiter des Briefzentrums in Asterlagen beschweren sich über ihren Arbeitgeber. Die Rede ist von „Schweineverträgen“ und „moderner Sklaverei“. Die Post kann die Beschwerden nicht nachvollziehen. Beim Konzern heißt es, man habe die Mitarbeiter vor der Arbeitslosigkeit bewahrt.

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Das Briefzentrum Asterlagen ist in der Region ein Aushängeschild für die Deutsche Post. Rund 1,5 Millionen Briefe wandern täglich durch modernste Zustellmaschinen, und auch Lokalpolitiker blicken gerne hinter die Kulissen . Doch hinter geschlossenen Türen rumort es, Post-Mitarbeiter beschweren sich jetzt über den Weltkonzern, die Rede ist von „Schweineverträgen“.

Ich fühle mich wie in einer modernen Sklaverei“, sagt eine Mitarbeiterin (ihr Name ist der Redaktion bekannt). Sie war wie ihre Kollegen zunächst befristet beim Briefzentrum angestellt. Als dann die Zeitverträge ausliefen, schloss der Konzern eine Verlängerung aus, wollte die Arbeitnehmer aber dennoch weiterbeschäftigen.

Wir mussten eine Vereinbarung unterschreiben, dass es unser ausdrücklicher Wunsch ist, einen Abrufvertrag zu bekommen. Er wurde uns dann angeboten.“ Solch ein Arbeitsverhältnis bedeutet, dass die Menschen nach Bedarf eingesetzt werden, ohne Mindestarbeitszeit, ohne Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, ohne Urlaubsgeld oder Bonuszahlungen. Was die Betroffenen wütend macht, ist, dass sie die gleiche Arbeit leisten wie vorher, nur zu deutlich schlechteren Konditionen.

Verdi: Rechtens, aber verwerflich

Der Betriebsrat hüllt sich dazu in Schweigen – er hat dieser Vertragspolitik zugestimmt. Der zuständigen Gewerkschaft Verdi ist der Fall bisher nicht bekannt, denn keines ihre Mitglieder ist betroffen. Dort sei die Deutsche Post aber bislang als vorbildlicher Arbeitgeber aufgefallen und man habe keinen Zweifel, dass die neue Vertragspraxis rechtlich wasserdicht sei. „Das Papier ist aber immer nur die eine Seite, der Umgang mit den Menschen die andere“, sagt Hermann Völlings (Verdi NRW). Sofern mit Arbeitslosigkeit gedroht worden sei, wenn man nicht den schlechteren Vertrag akzeptiere, dann „ist das verwerflich und darf aus meiner Sicht so nicht sein“.

Die Deutsche Post hingegen versteht die Beschwerden nicht, man habe, sagt Sprecherin Britta Töllner, den Mitarbeitern vielmehr einen Gefallen getan. „Sie sind sehr gute Arbeitskräfte und wir wollten sie nicht auf die Straße stellen.“ Dass die befristeten Verträge auslaufen würden, sei von Anfang an allen Beteiligten klar gewesen. Derzeit gebe es nun mal keine andere Möglichkeit, als sie durch Abrufverträge zu halten, die jedoch unbefristet sind. In welchem Umfang man die Mitarbeiter einsetzen werde, sei am Bedarf orientiert, es könne genauso oft, seltener oder häufiger als während der befristeten Beschäftigung sein. In Einzelfällen könne man sogar mehr verdienen als vorher.

Es gibt auch keine passiven Abrufkräfte, die monatelang auf einen Einsatz warten.“ Auch seien die Arbeitsbedingungen „äußerst fair“ und der Stundenlohn ist tariflich geregelt (er liegt für Abrufkräfte und befristet Beschäftigte bei knapp über zehn Euro). Wichtig sei zudem, „das unsere Abrufkräfte erstes Zugriffsrecht auf freiwerdende unbefristete Stellen haben“.

Nur Vorwand, um Geld zu sparen

Das hört die Mitarbeiterin des Asterlager Briefzentrums allerdings zum ersten Mal und will der Post nicht ganz glauben. „Es ist nicht so, dass wir schlecht behandelt werden, ganz und gar nicht. Die Post ist ein sehr entgegenkommender Arbeitgeber“, sagt sie. „Aber die Post ist kein Kleinunternehmen. Der mangelnde Bedarf ist doch nur ein Vorwand, um Geld zu sparen.“ Sie und eine Handvoll Kollegen aus ihrer Schicht hätten neuerdings den Eindruck, „der Konzern scheffelt Milliarden auf dem Rücken kleiner Arbeiter.“ Inzwischen haben einige Abrufkräfte gekündigt. Oliver Kühn

http://www.derwesten.de/staedte/duisburg/post-mitarbeiter-sprechen-von-moderner-sklaverei-id7183416.html

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