Öl, Metall und Eisenerz: Händler trauen Rohstoffpreisen nicht

16.10.2013

Händler misstrauen den Preisbewertungen von vielen Rohstoffen. Die Skepsis am Preisfindungsmechanismus des Sektors ist enorm. Aufsichtsbehörden wollen den Rohstoffmarkt schon länger unter die Lupe nehmen.

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Analysten und Rohstoffhändler trauen den Preisen für Rohwaren wie Öl, Eisenerz und Benzin in gut einem Viertel der Fälle nicht über den Weg. Die Referenzpreise spiegelten in 27 Prozent der Fälle nicht den tatsächlichen Wert wider, ergab eine Umfrage von Bloomberg News.

Die 85 befragten Analysten und Händler, die jährlich Rohstoffe im Wert von 5,67 Billionen Dollar kaufen und verkaufen, haben demnach wenig Vertrauen in die Preisbewertung für Rohöl, Metalle und Eisenerz. Die Umfrage wurde in den vergangenen acht Wochen durchgeführt.

Aufsichtsbehörden, darunter auch EU-Wettbewerbskommissar Joaquin Almunia, fassen ins Auge, den Rohstoffmarkt verstärkt unter die Lupe nehmen, nachdem sie bereits ihre Ermittlungen wegen der Manipulation von Referenzsätzen bei Zinsen, Derivaten, Wechselkursen und Öl verstärkt haben.

Nachdem fünf Jahre nach der globalen Finanzkrise die Regulierung für die Banken verschärft wird, werden die Preise für hunderte von Rohstoffen durch anonymisierte Umfragen bei Händlern festgelegt, die ein Interesse an dem Ergebnis der Bewertung haben. Anders als Aktien, die für alle ersichtlich an der Börse gehandelt werden, erfolgen bei Rohstoffe, die in Nahrung, Kleidung oder Energie fließen, Käufe und Verkäufe privat.

Der Druck für eine stärkere Regulierung wird zunehmen”, sagte David Wilson, Analyse- und Strategiedirektor für Rohstoffe bei Citigroup Inc. in London, am 3. September. „Die Rohstoffmärkte galten traditionell als Nebenschauplatz, an dem nur Spezialisten tätig sind. Diese Märkte haben sich ganz klar nicht mit den Zeiten geändert.”

Während die Preise für Aktien, Anleihen und Währungen durch tatsächliche Transaktionen an den Handelsplätzen festgelegt werden, bestimmen Journalisten die Referenzsätze für Eisen, Eisenerz, Dünger, Gas und einige Metalle. Die Preisfindung erfolgt, indem sie Daten zu verfügbaren Angeboten und Geschäften sammeln, per Telefon oder über E-Mail. Das Ergebnis dient oft als Grundlage für Zahlungen bei langfristigen Kontrakten zwischen Käufern und Verkäufern.

An der Umfrage von Bloomberg nahmen Händler und Analysten für Energie, Metalle, Eisenerz, CO2 und Strom teil. Ihnen wurde Anonymität zugesichert, damit sie ehrlich auf die Frage antworteten: “In wie vielen von 100 Fällen schätzen Sie, dass der geschätzte Referenzpreis für den von Ihnen am meisten gehandelten Rohstoff nicht dem wahren Niveau entspricht?”

Der Mittelwert der Antworten ergab 27 und der Median war 20. Insbesondere Referenzsätze für Rohöl gelten der Umfrage zufolge als unzuverlässig, gefolgt von Ölprodukten, Metallen und Eisenerz. Am Akkuratesten seien die Preise für Agrarrohstoffe.

Die Umfrage zeigt klar die Besorgnis auf, dass andere sich den Preisfindungsmechanismus zunutze machen könnten, um den Preis zu verzerren, abhängig von ihrem Interesse nach oben oder nach unten”, sagte Shaun Ledgerwood, ein leitender Berater in Kartellfragen bei Brattle Group, am 30. September. „Allerdings gibt es aus Sicht der Händler keinen anderen Mechanismus, der eine verlässliche Informationsquelle wäre.”

Die Aufsichtsbehörden sind von der Integrität der Rohstoffpreis-Beurteilungen nicht überzeugt. Die EU wird ihre Ermittlungen wahrscheinlich auf andere Rohstoffe ausweiten, erklärte Almunia am 28. Mai. „Wir haben im Finanzsektor angefangen, jetzt sind wir im Energiesektor und dann wahrscheinlich bei Rohmaterialen oder bei anderen Fällen, denen wir unsere Aufmerksamkeit widmen müssen”, hatte er gesagt.

Doch nicht alle sind der Ansicht, dass es hier einen Handlungsbedarf gibt. Nach Einschätzung von Platts, einer Sparte von McGraw Hill in New York, gibt es immer ein paar Händler, die mit der Preisbeurteilung unzufrieden sind, wie Kathleen Tanzy, Sprecherin des Informationsdienstleister für Rohstoffe, sagte. Das könne daran liegen, dass sich der Preis nicht so entwickelt habe, wie der Händler erhoffte.

Ian Taylor, President und Chief Executive des Ölhändlers Vitol Group, sagte, das System für die Referenzpreise am Ölmarkt sei „nicht kaputt”. Einige Preise seien eben schwer einzuschätzen, weil es einfach nicht genügend Geschäfte gebe.

Man kann einen Handschlag nicht regulieren, einen einmalige Vertrag zwischen Produzent, Lieferant und Konsument”, sagte Andrey Kryuchenkov, Analyst von VTB Capital in London. „Was soll als Manipulation gelten? Wenn ein australischer Bergarbeiter mit einer riesigen Schmelze in China die Hand schüttelt und sich beide auf einen Terminpreis einigen?”

http://www.handelsblatt.com/finanzen/rohstoffe-devisen/rohstoffe/oel-metall-und-eisenerz-haendler-trauen-rohstoffpreisen-nicht/8928890.html

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