Lebensversicherung: Aktuelle Entwicklung in einer Chronik

07.10.2015

Regierung will Garantiezins abschaffen

Die Deutschen lieben Sicherheit, sie hängen an der garantierten Verzinsung bei der Lebensversicherung. Doch ab 2016 will die Regierung keinen Mindestzins mehr vorgeben. Was das für die Kunden bedeutet.

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Es war viele Jahre das Verkaufsargument für Lebensversicherungen: Ein staatlich garantierte Zins auf den Sparanteil der monatlichen Prämien. Mehr als 90 Millionen Policen gibt es in Deutschland – mehr als das Land Einwohner hat. Doch die anhaltenden Niedrigzinsen haben es für Versicherer im ganzen Land schwieriger gemacht, die Zinsen zu erwirtschaften. Auch eine schrittweise Senkung der Garantie auf 1,25 Prozent scheint nicht auszureichen, die Probleme in den Griff zu kriegen.

Die Bundesregierung gibt jetzt Geleitschutz. Sie will die Mindestverzinsung für die meisten Lebensversicherer zum 1. Januar abschaffen. Grund sind laut einer Sprecherin des Finanzministeriums die neuen europäischen Eigenkapitalvorschriften (Solvency II), die ab 1.1.2016 für die großen Versicherer gelten werden. Fortan würden die Rückstellungen, die Versicherer bilden müssten, um ihre Verbindlichkeiten an die Kunden zu bedienen, nach diesen Vorgaben berechnet. Der bisherige Höchstrechnungszins werde mit dem neuen Regelwerk „für den Zweck der Aufsicht nicht mehr benötigt“, sagte eine Sprecherin des Bundesfinanzministeriums.

Der Höchstrechnungszins, umgangssprachlich auch Garantiezins genannt, ist der maximale Zinssatz auf das eingezahlte Kapital, den die Versicherer ihren Kunden über die ganze Laufzeit des Vertrages fest versprechen dürfen. Er wurde bisher verbindlich vom Bundesfinanzministerium festgelegt. Man wollte bei Einführung vermeiden, dass Versicherer sich im Wettbewerb um die höchsten Garantien übernehmen, die Versicherer also „vor sich selbst schützen“.

Nun fällt diese Begrenzung nach oben weg. Gibt es also bald wieder einen Wettbewerb um die besten Garantien? Das dürfte nicht passieren. Zwar können Versicherer „trotz des Wegfalls des Höchstrechnungszinses weiterhin Garantieversprechen abgeben“, wie eine Sprecherin des Finanzministeriums klarstellt. Sie müssen allerdings sehen, dass sie sich an die „Solvency II“-Anforderungen halten. Lebenslange Garantien, wie sie jahrzehntelang üblich waren, müssen künftig stärker mit Eigenkapital unterlegt werden – sind für Versicherer also teurer.

Die wenigsten düften sich also an höhere, starre Garantien heranwagen. Wahrscheinlicher ist es, dass das Spektrum an Policen ohne und mit flexibleren Garantien größer wird. In dem Bereich hatte sich im vergangenen Jahr einiges getan. Zuletzt hatten sich immer mehr Lebensversicherer, wie Ergo, Talanx und Generali von klassischen Lebensversicherungen mit langfristigen Garantien abgewandt.

Der Schweizer Versicherer Baloise hatte gar einen Teil des deutschen Lebensversicherungsbestands an eine Abwicklungsgesellschaft verkauft. Der unangefochtene Branchenprimus Allianz Leben rechnet angesichts niedriger Zinsen mit einer nachlassenden Nachfrage nach klassischen Policen.

Experten warnen seit Monaten

Insgesamt betrachtet sitzen Niedrigzinsen und die neue Regulierung den Versicherern im Nacken. Nicht nur erwirtschaften die Gesellschaften weniger, sie müssen auch deutlich mehr zurückstellen, um künftig noch Garantien bedienen zu können. So warnten diverse Experten vor einer Schieflage der Branche.

Etwa der Chef der Finanzaufsicht Bafin, Felix Hufeld, der zuletzt vom „Spiel mit der Zeit“ sprach. Mit Blick auf laufende Verträge habe die Branche zwar enorme Reserven angesammelt, um auch im Niedrigzinsumfeld die Garantien zu bedienen: „Die Reserven reichen noch eine ganze Weile.“ Doch sollten die Zinsen dauerhaft extrem niedrig bleiben, müsse man reagieren.

Der Bafin-Mann sagte klar: „Dann müssen Bestände abgewickelt oder Garantien gestundet werden.“ Es sei bekannt, dass das Lebensversicherungsgeschäft deutscher Prägung – die Kombination von Langfristgarantien und Kündigungsrecht beim Kunden – nur unter bestimmten ökonomischen Rahmenbedingungen funktionieren könne, ergänzte Hufeld.

Sollten Kapitalerträge auf lange Sicht wegfallen, werde dieses Geschäft keinen Bestand haben. „Es ist daher zwingend erforderlich, dass Versicherer das Spektrum der Garantien erweitern.“ Auch der oberste Versicherungsmathematiker des Landes, Chefaktuar Wilhelm Schneemeier, plädierte im Handelsblatt-Interview für flexiblere Garantien. Dass die Vorgabe nun von Seiten des Gesetzgebers ganz wegfällt, darüber redete in der Vergangenheit aber noch keiner.

IWF und OECD warnen vor Lage der Lebensversicherer

Dass die Branche in ernsthaften Schwierigkeiten steckt, hatten auch internationale Institutionen zuletzt verstärkt betont. „Es liegen schon zu viele Probleme auf dem Tisch, als dass nichts passieren wird“, formuliert es kürzlich ein Brancheninsider. Und die Warnungen mehren sich. So mahnte der Internationale Währungsfonds (IWF), dass sich die Situation der Lebensversicherer mit Einführung von Solvency II weiter verschärfen dürfte.

Die Wirtschaftsorganisation OECD schreibt, dass die Aussichten für die Solvenz von Pensionsfonds und Lebensversicherungsunternehmen „einen Grund zur Sorge darstellen“. Und selbst Bafin-Chef Hufeld räumte kürzlich ein: „Sollten die Zinsen weiter so niedrig bleiben, werden wir auch mehr Unternehmen in die aufsichtliche Manndeckung nehmen müssen.“

Der Garantiezins ist der maximale Zinssatz auf das eingezahlte Kapital, den die Versicherer ihren Kunden über die ganze Laufzeit des Vertrages fest versprechen dürfen. Er wurde bisher verbindlich vom Bundesfinanzministerium festgelegt.

In den 1990er Jahren hatte er bei bis zu vier Prozent gelegen. Lebensversicherer haben wegen der niedrigen Zinsen am Kapitalmarkt aber zunehmend Probleme, die Rendite zu erwirtschaften, die sie ihren Kunden in der Vergangenheit versprochen haben.

Kunden, die aktuell eine Lebensversicherung besitzen, betreffen die Neuerungen nicht. Kunden, die darüber nachdenken, eine Police abzuschließen, müssen sich künftig noch genauer ansehen, welche Garantien oder Zusagen die einzelnen Versicherer noch aussprechen. Die Ratingagentur Assekurata warnte bereits Anfang des Jahres davor, dass die Branche unübersichtlicher werde – dies laufe entgegen der Kundeninteressen.

http://www.handelsblatt.com/finanzen/vorsorge/altersvorsorge-sparen/lebensversicherungen-regierung-will-garantiezins-abschaffen/12421512.html

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08.05.2015

Lebensversicherer fordern Hilfe vom Staat

Die deutschen Lebensversicherer ächzen unter den Niedrigzinsen. Jetzt soll der Staat die Not lindern. Einschlägige Branchenvertreter fordern, dass Versicherer für Garantieversprechen künftig weniger zurücklegen müssen.

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Sie ächzen unter der Niedrigzinspolitik der EZB. Darum soll den deutschen Lebensversicherer jetzt der Staat helfen. Der von der Europäischen Zentralbank (EZB) vorgegebene Kurs gefährde auf Dauer „die gesamte Vorsorgekultur und -struktur in Deutschland“, warnte der Präsident des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV), Alexander Erdland. Es gebe Gesprächsbedarf mit der Politik, sagte er der Nachrichtenagentur Reuters. Konkret verlangt er Erleichterungen beim Aufbau eines Sicherheitspuffers – der sogenannten Zinszusatzreserve.

Ein „so dramatischer Abstieg des Zinsniveaus“ – also eine so hohe Belastung der Versicherer durch die Zinszusatzreserve – sei bei Einführung nicht absehbar gewesen sei, sagte GDV-Chef Erdland jetzt. Daher müsse jetzt nachgesteuert werden. Mit seinem Vorstoß ist Erdland nicht der erste. Auch die Deutsche Aktuarvereinigung (DAV) hatte auf ihrer Mitgliederversammlung Ende April eine Änderung der Regeln bei der Zinszusatzreserve gefordert. Die Dosierung sei zu hoch gewählt, sagte Vorstandsmitglied Johannes Lörper.

2011 hatte die Finanzaufsicht Bafin den Lebensversicherern 2011 auferlegt, zusätzliches Geld zu reservieren, um künftige fällig werdende Garantieversprechen auch im Niedrigzinsumfeld erfüllen zu können. Je niedriger das allgemeine Zinsniveau fällt, um so mehr müssen Versicherer zurückstellen. Sie nehmen die Mittel für den Puffer aus den laufenden Erträgen, oder sie verkaufen hochverzinste Wertpapiere. In der Konsequenz führt das zu einer schrumpfenden Überschussbeteiligung für die Kunden.

An der Sinnhaftigkeit der Zinszusatzreserve per se zweifelt in dessen kaum einer. Denn es ist nur eine Frage der Zeit, bis die ersten Versicherer auf den Liquiditätspuffer zurückgreifen müssen. Laut dem Analysehaus Morgen & Morgen werden die Gesellschaften mit ihrer Kapitalanlage 2015 nur noch leicht mehr verdienen können (3,15 Prozent) als das, was sie im Branchendurchschnitt an Garantieleistungen stemmen müssen (2,8 Prozent). Vor allem bei Versicherer mit einem hohen Altbestand an Lebenpolicen, könnten die laufenden Erträge bald nicht mehr ausreichen, um die Garantieversprechen zu erfüllen.

Versicherer weiter im Anlagedilemma

Mit der Zinszusatzreserve haben Lebensversicherer in den vergangenen vier Jahren ein Polster von rund 21 Milliarden Euro angelegt. Das ist per se schon viel. Doch bleibt alles so, wie es ist, müssen Versicherer künftig noch mehr zurücklegen. Die Gefahr besteht, dass sie immer mehr gut verzinste Altanleihen abstoßen, um die Reserve noch befüllen zu können. Dies drückt die laufenden Erträge weiter. „Der Patient muss aufpassen, dass er nicht an der Medizin verstirbt“, warnte die Ratingagentur Assekurata bereits im Frühjahr.

Wie sehr die Lebensversicherer im Niedrigzinsumfeld derzeit bereits ihre Anlagepolitik anpassen, ist dagegen schwer nachvollziehbar. Theoretisch haben die Gesellschaften schon jetzt die Möglichkeit, mehr Kapital in renditestärkere Anlageformen wie Aktien und Immobilien oder alternative Investments zu stecken. Doch halten sie sich traditionell zurück – auch, weil sie einen steten Ertragsfluss brauchen, um den Kundenkonten laufend Überschüsse gutzuschreiben. Die neuen Eigenkapitalvorschriften, die ab 2016 greifen, dürften eine Neuausrichtung in der Anlagestrategie zusätzlich eher erschweren.

Laut Erdland sollen renditestärkere Unternehmens- und Währunsganleihen die traditionellen Staatsanleihen in der Anlage der Versicherer immer mehr ergänzen. Die Ratingagentur Assekurata beobachtet, dass Versicherer teilweise auch in Mittelstandsanleihen oder Emerging-Markets-Anleihen investieren, um die Rendite zu stärken. „Es gibt aber keine einförmigen Strategien. Jeder Lebensversicherer versucht, einen passenden Anlagefokus für sich zu finden“, sagt Assekurata-Analyst Lars Heermann.

Mehr als alternative Investments dürften die Versicherer daher derzeit versuchen, aus den Garantien heraus zu kommen. Mit einer Garantieverzinsung von aktuell noch 1,25 Prozent lohnt der Abschluss einer klassischen Lebenspolicen kaum noch. Versicherer bewerben daher bereits jetzt alternative Produkte, die statt einer Zinsgarantie lediglich den Beitragserhalt versprechen – oder gar keine Garantien mehr. Die Crux: Selbst Profis können die neuen Produkte bis ins Detail verstehen, ihre Vergleichbarkeit wird schwerer.

Quelle: Handelsblatt Online

http://www.wiwo.de/niedrigzinsen-lebensversicherer-fordern-hilfe-vom-staat/11752200.html

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06.03.2015

Lebensversicherer benötigen Milliarden für teure Altverträge

Durch die niedrigen Zinsen fällt es Lebensversicherern immer schwerer, ihre Versprechen zu erfüllen. Die Finanzaufsicht zwingt die Konzerne, Notreserven zu bilden – es geht um mehr als 21 Milliarden Euro. Zahlen müssen Neukunden.

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Die deutschen Lebensversicherer müssen immer höhere Notreserven anhäufen, um ihre alten Zinsversprechen zu erfüllen. Allein im Jahr 2014 flossen 8,4 Milliarden Euro in die sogenannte Zinszusatzreserve – so viel wie nie zuvor. Insgesamt ist dieser Krisentopf nun mit 21,2 Milliarden Euro gefüllt.

Das geht aus einer Antwort des Bundesfinanzministeriums auf eine Kleine Anfrage der Linken-Fraktion im Bundestag hervor, die „Spiegel Online“ vorliegt.

Zu hohe Garantiezinsen versprochen

Die Zinszusatzreserve wurde 2011 eingeführt, weil es den Versicherern zunehmend schwerfällt, die hohen Zinsen zu erwirtschaften, die sie ihren Kunden einst versprochen haben. Noch im Jahr 2000 warben die Unternehmen mit einem Garantiezins von vier Prozent, doch danach ging es bergab.

Seit Januar 2015 dürfen die Unternehmen ihren Kunden nur noch höchstens 1,25 Prozent fest versprechen. Die Begrenzung soll sie davor schützen, irgendwann zahlungsunfähig zu werden.

Altverträge erfordern zusätzliche Reserven

Um die hohen Zinsversprechen aus den alten Verträgen weiter erfüllen zu können, zwingt die Finanzaufsicht die Versicherer, die Zinszusatzreserve zu bilden. Das Geld verbleibt dabei im Unternehmen. Für welche Altverträge solche Reserven zu bilden sind, richtet sich dabei nach dem aktuellen Durchschnitt der Rendite europäischer Staatsanleihen.

Da diese Rendite im Zuge der lockeren Geldpolitik der Europäischen Zentralbank zuletzt stark gefallen ist, müssen die Versicherer immer mehr Geld in den Puffer stecken. Mittlerweile müssen sie bereits für Verträge mit einer Garantieverzinsung von 3,25 Prozent vorsorgen.

Wenn sich das Zinsumfeld wieder bessert, kann die Reserve theoretisch nach und nach wieder aufgelöst werden.

„Versicherer bunkern Geld der Versicherten“

Das Problem der Reservepflicht: Je mehr Geld in den Krisentopf eines Unternehmens fließt, desto geringer fallen die Überschüsse aus, die an die aktuellen Kunden verteilt werden können. Um die hohen Garantieversprechen an die Altkunden zu erfüllen, muss also die ohnehin nicht üppige Überschussbeteiligung der neuen Kunden weiter gesenkt werden.

Kritiker bemängeln zudem, dass die Gelder, die in die Zusatzreserve fließen, keine Eigenmittel des Unternehmens, sondern zum Großteil Beiträge der aktuellen Versicherten sind. „Die Versicherer bunkern das Geld der Versicherten und rechnen sich selbst arm“, sagt die Linken-Abgeordnete Susanna Karawanskij.

Dass es auch anders gehe, zeige das Beispiel Österreich. „Dort ist es den Versicherungsunternehmen ausdrücklich untersagt, dass sie die Zinsreserve aus Beiträgen Versicherter aufbauen“, sagt Karawanskij. Eine solche Regelung brauche man auch in Deutschland.

Nächsten Jahre werden wohl schwierig

Auch die Versicherer selbst sind nicht glücklich mit der Reserve. Um die Mittel dafür aufzubringen, müssen sie häufig alte, noch gut verzinste Papiere verkaufen – wodurch die Überschüsse weiter sinken. Die Reserve sei in einem völlig anderen Zinsumfeld konzipiert worden, moniert der Branchenverband GDV – und fordert Änderungen.

In der Tat dürften angesichts der ultraniedrigen Zinsen in den kommenden Jahren noch höhere Belastungen durch die Reservepflicht auf die Unternehmen zukommen. Ein „erheblicher Anstieg“ der Reserve sei absehbar, heißt es in der Antwort der Bundesregierung auf die Anfrage der Linken-Fraktion. Man sei sich „bewusst, dass eine erhebliche Belastung auf die Ertragslage der Lebensversicherungsunternehmen zukommt“.

Dennoch sei ein weiterer Ausbau der Zinszusatzreserve notwendig, „weil sonst in der Zeit nach 2019 die Erfüllbarkeit der Lebensversicherungsverträge stark gefährdet wäre“.

http://www.t-online.de/wirtschaft/altersvorsorge/id_73174414/lebensversicherer-benoetigen-milliarden-fuer-teure-altvertraege.html

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11.02.2015

Lebensversicherungen dürfen Überschusstopf geheim halten

Der Bundesgerichtshof (BGH) in Karlsruhe hat nicht das von Verbraucherschützern erhoffte Grundsatzurteil zur Transparenz bei Lebensversicherungen verkündet. Der Bund der Versicherten sieht „dem legalen Betrug der Versicherer weitere Tore geöffnet „.

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Der Bundesgerichtshof (BGH) in Karlsruhe hat nicht das von Verbraucherschützern erhoffte Grundsatzurteil zur Transparenz bei Lebensversicherungen verkündet. Einen Antrag auf Auskunft wiesen die Karlsruher Richter am Mittwoch ab. Der Kläger habe die Berechnung der Ausschüttung nicht wirksam angegriffen. Auch seine Klage auf Auszahlung höherer sogenannter Bewertungsreserven blieb nach altem Recht ohne Erfolg. (Az: IV ZR 213/14)

Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) begrüßte das Urteil. Der BGH habe bestätigt, „dass die Beteiligung eines Kunden an den Überschüssen und Bewertungsreserven angemessen erfolgt ist“, erklärte GDV-Hauptgeschäftsführer Peter Schwark in Berlin. Demgegenüber zeigte sich der Bund der Versicherten „entsetzt“. Durch die fehlende Pflicht zu mehr Transparenz seien   „dem legalen Betrug der Versicherer weitere Tore geöffnet worden“.

Bewertungsreserve mit Schlussüberschuss verrechnet

Im entschiedenen Fall hatte der Kläger bei der Allianz Lebensversicherungs-AG eine kapitalbildende Lebensversicherung abgeschlossen. 2008 zahlte die Allianz 28.026 Euro aus. Davon entfiel der größte Teil auf den Garantiezins. 9124 Euro wies die Allianz als Überschussbeteiligung aus, 1582 Euro als Schlussüberschuss und 678 Euro als Bewertungsreserven. Der Kläger verlangte zusätzliche 657 Euro sowie Auskunft über die Berechnung von Schlussüberschuss und Bewertungsreserve. Die Allianz habe beides unzulässig verrechnet.

Die Lebensversicherer legen im Durchschnitt 88 Prozent der angesparten Beiträge in festverzinslichen Wertpapieren an. Bewertungs- oder auch „stille Reserven“ entstehen in Zeiten niedriger Zinsen, weil alte Papiere mit noch hoher Verzinsung zu einem Preis über ihrem Buchwert verkauft werden könnten.

Seit 2008 mussten die Versicherer die Hälfte ihrer Bewertungsreserven ausschütten. Seit Anfang 2015 gilt dies nur noch insoweit, als dadurch die künftige Auszahlung garantierter Leistungen nicht gefährdet wird. Grund ist, dass die Versicherer Bewertungsreserven nur realisieren können, indem sie alte Papiere mit hoher Verzinsung verkaufen. Dadurch sinken aber die Erträge für die noch laufenden Policen.

Gesamtberechnung war nicht Thema der Klage

Auf diese Wechselwirkung zwischen Überschüssen und Bewertungsreserven verwies nun auch der BGH und wies die Klage ab. Von einer unzulässigen Verrechnung könne keine Rede sein, da die Ausschüttung höherer Bewertungsreserven zwangsläufig zu einer Verringerung des Schlussüberschusses führe. Seit Anfang 2015 gilt ohnehin, dass die Versicherer gegebenenfalls auch mehr als die Hälfte ihrer Bewertungsreserven einbehalten dürfen.

Aber auch der Antrag auf Auskunft blieb vor dem BGH ohne Erfolg. Ein solcher Anspruch könne zwar durchaus bestehen – aber nur, wenn sich daraus auch ein Zahlungsanspruch ergeben kann. Hier habe der Kläger die Gesamtberechnung aber gar nicht in Frage gestellt. Seine Klage habe sich nur – und dies zu Unrecht – gegen die angebliche Verrechnung der Bewertungsreserve mit dem Schlussüberschuss gerichtet.

http://www.focus.de/finanzen/versicherungen/lebensversicherung/kunde-verliert-vor-bgh-lebensversicherungen-duerfen-ueberschusstopf-geheim-halten_id_4469894.html

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05.02.2015

Garantien in Gefahr?

Die niedrigen Zinsen der Europäischen Zentralbank bringt die Lebensversicherer in die Bredoullie. Bislang wanken nur die Überschüsse. Bald könnte es aber auch bei den Garantien knapp werden. Die Branche ist beunruhigt.

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91,8 Millionen Verträge auf knapp 81 Millionen Bundesbürger – im Schnitt besitzt jeder deutsche mehr als eine Lebensversicherung. Für viele ist der Kontrakt die finanzielle Absicherung im Alter, auf die man sich verlassen hat. Doch erst jetzt wird deutlich, dass der Liebling der Deutschen tiefer im Schlamassel steckt als gedacht.

Bekannt ist bereits, dass Versicherer im Niedrigzinsumfeld zuletzt die laufende Verzinsung weiter abgesenkt haben – auf noch durchschnittlich 3,19 Prozent, wie das Analysehaus Morgen & Morgen bereits im Januar für das Handelsblatt ausgewertet hat. In der vergangenen Woche hatte die Ratingagentur Assekurata neben sinkenden Überschussbeteiligungen auch stark sinkende Beitragsrenditen festgestellt. Ein Mustervertrag mit einer Laufzeit von 25 Jahren bringt im Branchenschnitt nur noch eine garantierte Rendite von 0,42 Prozent.

Neu ist allerdings jetzt die Befürchtung einiger Branchenkenner, dass es den Versicherern wegen der aktuellen Niedrigzinsphase schon bald nicht mehr gelingen könnte, wichtige Reserven aufzubauen. Erste Experten sorgen sich gar, dass es Kunden an das Herzstück ihrer Altersvorsorge gehen könnte – an die Garantien.

Solche Gedankenspiele und Beispielrechnungen bieten ein beträchtliches Eskalationspotenzial. Sollten die ersten Versicherer in einigen Jahren tatsächlich nicht mehr in der Lage sein, den Garantiezins wie vertraglich vereinbart zu entrichten, wäre der Ruf der Lebensversicherung als sicheres Instrument für die private Altersvorsorge endgültig dahin. Wie funktionieren die Garantien der Versicherer? Und warum sind sie bedroht?

Seit 2011 verpflichtet der Gesetzgeber die Lebensversicherer, Teile ihrer Überschüsse in einen separaten Topf stecken – in die sogenannte Zinszusatzreserve. Diesen Puffer sollen Versicherer dann anzapfen, wenn ihre Kapitalerträge nicht mehr ausreichen, um die Garantien für gut verzinste Altverträge aufzubringen. Die Reserve dient also dazu, diese Zinsversprechen abzusichern. Doch schon bald, das glauben Branchenbeobachter, könnten erste Versicherer nicht mehr in der Lage sein, diese Zinsreserve zu bedienen. Zwei Beobachtungen nähren die Furcht.

Zum einen haben die Versicherer in den vergangenen drei Jahren schon beträchtliche Summen für den Reservetopf aufbringen müssen. 20 Milliarden Euro waren es laut Assekurata von 2011 bis 2014 – das entspricht dem Anderthalbfache der Eigenkapitalbasis der Gesellschaften. 2015 sollen weitere neun Milliarden Euro hinzukommen. Die Mittel müssen die Versicherer aus den laufenden Zinsüberschüssen zusätzlich abzweigen – oder aber sie verkaufen gut rentierliche Wertpapiere aus dem Bestand, was wiederum den Effekt sinkender Zinserträge weiter verstärkt und künftigen Spielraum nimmt.

Zum anderen wird sich die Abgabenlast aber, allen Analysen nach, künftig nicht etwa entspannen, sondern – im Gegenteil – noch verstärken. Schuld ist der über zehn Jahre gemittelte Marktzins, der als Referenzzins für die Höhe der Reservebildung maßgeblich ist. Wie Assekurata jüngst ausgerechnet hat, würde dieser Zins weiter absinken, bis 2017 um einen guten halben Prozentpunkt auf rund 2,5 Prozent.

Je weiter sich der Referenzwert aber von den Garantien der Altverträge von drei Prozent und mehr entfernt, umso mehr müssen Versicherer ihre Reserven aufstocken. „Angesichts der pessimistischen Zinsperspektive bleibt der Nachreservierungsbedarf in Summe über alle betroffenen Tarifgenerationen […] hoch“, zieht Assekurata ein Fazit. Dabei ist das Analysehaus nicht der einzige Beobachter, der sich zu den heranrollenden Probleme äußert.

Höhepunkt der Belastung ab 2017

Auch Die Ratingagentur Standard & Poor’s geht davon aus, „dass die Belastungen aus der Zinszusatzreserve in den nächsten Jahren weiter ansteigen werden, vorausgesetzt, die Zinsen verbleiben auf dem heutigen Niveau.“ Den Höhepunkt der Belastung sieht die Ratingagentur dann in den Jahren 2017, 2018 und 2019 – danach dürfte sich der mittlere Marktzins auf einem niedrigen Niveau stabilisieren. Die nächsten Jahre, darauf deutet alles hin, könnten also für einige Gesellschaften entscheidend werden.

Einige Versicherer könnten Probleme bekommen, die Zinszusatzreserve aus ihren Überschüssen zu füllen“, sagt vor dem Hintergrund Reiner Will, Geschäftsführer des Analysehauses Assekurata. Auch Standard & Poor’s geht davon aus, „dass es Unternehmen mit schwächerer Reservesituation in den kommenden Jahren und je nach Zinsentwicklung schwer fallen könnte, die kurzfristigen Belastungen aus der Zinszusatzreserve zu finanzieren.“ Die Ratingagentur schätzt die Profitabilität für die Branche Leben nicht mehr als „neutral“, sondern als „negativ“ ein.

Dennoch glaubt Standard & Poor‘s, dass die 20 von der Agentur gerateten Lebensversicherer (s. Klickgalerie oben) „weiterhin ihre Garantiezinsverpflichtungen werden erfüllen können“. Andere Beobachter sind sich – die komplette Branche im Blick – nicht ganz so sicher.

Assekurata bemüht etwa einen Metapher, um der Sorge Ausdruck zu verleihen. Es sei Vorsicht geboten, „dass der Patient [Lebensversicherung] am Ende nicht durch die Medizin [den Aufbau von Reserven] verstirbt“, heißt es in einer Mitteilung vom Mittwoch. Im schlimmsten Fall, spricht es Versicherungsexperte Herbert Fromme am deutlichsten aus, müssten sich einige Gesellschaften an die Bafin wenden und Hilfe beantragen – „also die Garantien herabsetzen lassen.“

Wer am Ende betroffen sein wird und wann die Situation möglicherweise eskaliert, darüber wollen Branchenkenner derzeit allerdings nur mutmaßen. Grundsätzlich hänge das Durchhaltevermögen von der Finanzkraft der Versicherer ab, so ein Insider. „Manche Unternehmen haben gute Finanzpolster und halten länger durch. Doch selbst die könnten auf Sicht von zehn oder 15 Jahren Schwierigkeiten bekommen.“

Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) will konkrete Zukunftsszenarien indessen nicht kommentieren. Das Sprachrohr der Branche weist stattdessen darauf hin, dass die Zinszusatzreserve ein Instrument sei, um in Zeiten niedriger Zinsen die langfristigen Garantien zusätzlich abzusichern. Sie sei in einem völlig anderen Zinsumfeld konzipiert worden. „Mit Blick auf die jüngsten geldpolitischen Entscheidungen der EZB ist es nur logisch, dass sich die Versicherer nun überlegen, wie sie dieses grundsätzlich sinnvolle Instrument mit dem neuen Zinsumfeld in Einklang bringen können.“

Versicherer im Fokus der Ratingagenturen

Neben dem niedrigen Zinsumfeld drücken zusätzlich noch neue Regularien auf die Profitabilität der Lebensversicherer – ein Punkt, den die Ratingagentur Moody’s am Mittwoch aufgegriffen hat. Moody’s hält 2015 für ein „entscheidendes Jahr für die deutschen Lebensversicherer“. Die wesentlichen Änderungen der letztjährigen Reform würden nun greifen und die Versicherer seien gezwungen, ihre Geschäftsmodelle zu überprüfen.

In der Tat greifen seit August 2014 neue Regeln, unter anderem, was die Verwendung von Bewertungsreserven, Risikoüberschüssen, aber auch die Abschlusskosten der Versicherer angeht. Gleichzeitig müssen Versicherer Kapital aufbauen, um die ab 2016 greifenden Eigenkapitalvoraussetzungen, zusammengefasst unter dem Stichwort Solvency II, zu erfüllen.

Wenngleich eine stärkere Eigenkapitaldecke sich positiv auf die Bonität der Gesellschaften auswirken dürfte, könnten laut Moody’s einige Probleme bekommen: „Einige kleinere Gesellschaften weisen aktuell aber eine zu geringe Kapitalausstattung auf, um die Anforderungen zu erfüllen“ erklärt die Ratingagentur. Und: „Ein Zusammenbruch eines oder mehrerer Akteure auf dem deutschen Markt könnte einen Reputationsschaden für die gesamte Branche bedeuten“.

Dem Branchenverband GDV gehen derlei Aussagen zu weit. Der letzte Bafin-Stresstest Solvency II habe gezeigt, dass „die deutsche Lebensversicherungsbranche den Einstieg in dieses künftige Aufsichtsregime bewältigen wird.“ Die Aussage, wonach einige deutsche Lebensversicherer vor dem Zusammenbruch stünden, sei daher falsch.

Ob Zusatzreserve oder Eigenkapitalpuffer: Hilfe von der Regierung können sich die Gesellschaften derzeit erst einmal nicht erhoffen. Zwar stelle das Niedrigzinsumfeld die deutschen Lebensversicherer vor große Herausforderungen. Doch habe die Bundesregierung bereits mit dem Lebensversicherungsreformgesetz (LVRG) reagiert, so eine Sprecherin des Ministeriums. „Das Gesetz enthält ein ausgewogenes Maßnahmenpaket, das allen Beteiligten Beiträge abverlangt, um die Erfüllbarkeit der garantierten Leistungen gegenüber den Versicherungsnehmern auch in der Zukunft sicherzustellen.“

Auch die Vorgaben von Solvency II soll mit Blick auf die Bonität der Gesellschaften nicht abgeschwächt werden. „Solvency II bildet die von den Versicherungsunternehmen eingegangenen Risiken angemessen ab und wirkt dadurch dem Aufbau zu hoher Risiken entgegen“, erklärt die Sprecherin. „Die Lebensversicherer müssen die Eigenmittelanforderungen nicht sofort vollständig erfüllen, sondern es besteht ein Übergangszeitraum von 16 Jahren.“

Schließlich dürften Versicherer, Beobachtern zufolge, beim Garantiezins für das kommende Jahr ebenfalls keine Entlastung erwarten. Die Deutsche Aktuarvereinigung empfahl den Garantiezins auf dem aktuellen Niveau von 1,25 Prozent zu belassen. „Gemeinsam mit der Bafin werden wir die Empfehlung der Deutschen Aktuarvereinigung prüfen“, erklärt die Sprecherin. Dabei sei das Ministerium weder an zeitliche, noch inhaltliche Vorgaben gebunden.

http://www.wiwo.de/lebensversicherung-garantien-in-gefahr/11334244.html

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04.02.2015

Deutsche Lebensversicherer vor dem Kollaps

Die Lage deutscher Lebensversicherer verschlechtert sich zunehmend: Neben Niedrigzinsen und Solvency II-Richtlinien erhöhen die geplanten Anleihenkäufe der Europäischen Zentralbank den Druck laut Ratingagentur Moody’s.

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Die dauerhaft niedrigen Zinsen und schärfere Regeln der Regulierer sind nach Ansicht von Moody’s gefährlich für kleinere deutsche Lebensversicherungen. Die neuen Richtlinien, die unter dem Namen Solvency II bekannt sind, bereiteten manchen Unternehmen Kopfschmerzen, erklärte die Ratingagentur am Mittwoch.

Einige kleinere Gesellschaften weisen aktuell eine zu geringe Kapitalausstattung auf, um die Anforderungen zu erfüllen.“ Sie beziehungsweise die Aufsichtsbehörden müssten diesen Zustand noch vor Inkrafttreten der neuen Regeln 2016 beheben, forderte Moody’s. „Ein Zusammenbruch eines oder mehrerer Akteure auf dem deutschen Markt könnte einen Reputationsschaden für die gesamte Branche bedeuten.“

Das kürzlich angekündigte Anleihenaufkaufprogramm der Europäischen Zentralbank (EZB) wird den Druck auf die Versicherungen laut Moody’s erhöhen. Viele Staatanleihen werfen wegen des Programms kaum noch etwas ab. Für die Assekuranz wird es deshalb immer schwieriger, die versprochenen Erträge für ihre Kunden zu erwirtschaften.

Viele Lebensversicherer würden bei neuen Verträgen die Garantiezinsen senken, um ihre Finanzkraft zu bewahren, sagt Moody’s-Analyst Benjamin Serra. „Die Wirksamkeit dieser Maßnahme schwindet jedoch, da die Gesellschaften in zunehmendem Maße durch die hohe Garantieverzinsung, mit der sie ihre Policen in der Vergangenheit verkauft haben, in ihrer Handlungsfreiheit eingeschränkt sind.“

Moody’s behält deshalb den negativen Ausblick für Lebensversicherungsbranche bei. Die Bundesregierung hat im vergangenen Jahr ein Maßnahmenpaket verabschiedet, mit dem sie unter Druck geratenen Anbietern entgegenkommt und zugleich den Kunden langfristig ein größeres Stück vom Kuchen sichert.

2015 werde deshalb ein entscheidendes Jahr für Lebensversicherungen, erklärte Analyst Serra. „Zwar wird sich die Reform unter Bonitätsaspekten letztlich positiv auf die Branche auswirken. Anfänglich werden Umsätze und Gewinne jedoch zurückgehen.“

http://www.wiwo.de/ratingagentur-moodys-deutsche-lebensversicherer-vor-dem-kollaps/11326338.html

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22.01.2015

Neues Gesetz: Lebensversicherer müssen Auszahlungen stoppen

Wer seine Lebensversicherung frühzeitig auflösen will, muss mit noch mehr herben Verlusten rechnen. Ein neues Gesetz sieht vor, dass auch die großen Lebensversicherer zur Auszahlung bestimmte Reserven nicht anzapfen dürfen. Entscheidend ist hierbei, ob die Zinsgarantien der anderen Kunden dadurch gefährdet sein würden.

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Durch das neue Gesetz könnten ausscheidenden Kunden so Beträge im vier- bis fünfstelligen Bereich entgehen. Nur Beteiligungen, die im Voraus vereinbart wurden, können dann in Einzelfällen noch an die Kunden ausgeschüttet werden, so die Wirtschaftswoche. Zunächst rechnete die Branche damit, dass lediglich finanzschwache Versicherer von diesem Auszahlungsstopp betroffen sein würden. Nun soll die neue Regelung aber branchenweit umgesetzt werden. Große Versicherer wie die AachenMünchener, die Debeka, die Axa und Ergo sind so ebenfalls davon betroffen.

Besonders die anhaltenden niedrigen Zinsen auf sichere Anlagen, stellen die Versicherer vor das Problem, kaum mehr versprochene Garantien gewähren zu können. Draghis Geldschwemme trifft seit Jahren die Versicherungsbranche und die Sparer. Helmut Posch, ehemaliger Chef des Versicherungskonzerns Continentale, warnte bereits Ende vergangenen Jahres: „Wenn die Niedrigzinsphase länger anhält, droht die Gefahr, dass wir japanische Verhältnisse bekommen und einzelne Lebensversicherer ihre Garantiezinsen nicht mehr erfüllen können.“

Bereits 2012 hatten deutsche Versicherungskonzerne zinsbedingt vier Milliarden Euro weniger eingenommen. Die wahren Verlierer sind aber auch hier die Kunden. Diese haben seit dem Jahr 2000 sage und schreibe 210 Milliarden Euro an Überschussbeteiligungen in den Wind geschrieben.

http://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2015/01/22/neues-gesetz-lebensversicherer-muessen-auszahlungen-stoppen/

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16.07.2014

BGH-Urteil bindet Sparer an alte Lebensversicherungen

Der Bundesgerichtshof hat die Klagen gegen alte Verträge bei Lebensversicherungen abgelehnt. Kunden hatten die Policen angefochten, weil die Vertragsbedingungen nicht dem EU-Recht entsprächen. Die Entscheidung nimmt Millionen Kunden die Möglichkeit, verlustfrei aus den Verträgen auszusteigen.

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Der Bundesgerichtshof (BGH) rüttelt nicht an der Gültigkeit von Millionen Lebensversicherungsverträgen. Verträge, die nach dem bis 2007 üblichen, bei Verbraucherschützern aber umstrittenen Policenmodell abgeschlossen wurden, bleiben wirksam, wie der vierte Zivilsenat am Mittwoch in Karlsruhe entschied. Es gebe “keinen Anhaltspunkt” dafür, dass diese Art des Abschlusses den EU-Richtlinien widerspräche. Wie ein Versicherungsvertrag zustande komme, habe die EU bewusst dem nationalen Gesetzgeber überlassen. Der BGH werde den Fall deshalb auch nicht dem Europäischen Gerichtshof (EuGH) in Luxemburg vorlegen, hieß es. Das Gericht ließ einen Kläger abblitzen, der 13 Jahre in die Lebensversicherung eingezahlt hatte, diese aber nachträglich für unwirksam erklären wollte, um mehr Geld von seinem Versicherer zurückzubekommen.

Beim Policenmodell bekam der Kunde die Versicherungsbedingungen erst mit dem Versicherungsschein – der Police – zugeschickt, also wenn er längst unterschrieben hatte. Der Kläger hatte vorgebracht, dass das gegen EU-Recht verstoßen habe. Damit wären alle nach diesem Muster geschlossenen Verträge nachträglich unwirksam. Nach Angaben des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) wurden zwischen 1995 und 2008 zwischen 6,7 und 11,8 Millionen Lebensversicherungen pro Jahr abgeschlossen – zumeist nach dem Policenmodell. Seit 2008 müssen die Vertragsbestimmungen und die Geschäftsbedingungen den Kunden vor der Unterschrift ausgehändigt werden.

Die Entscheidung hatte sich abgezeichnet. Die Vorsitzende Richterin Barbara Mayen hatte in der Verhandlung gewarnt, dass eine vermeintlich verbraucherfreundliche Entscheidung des BGHleicht zum Bumerang werden könnte. Millionen Versicherungsverträge könnten dann „unter dem Damoklesschwert stehen“, nicht wirksam zu sein. Das könnte für alle Versicherten ein Problem sein, die an ihren Renten-Verträgen festhalten und diese nicht kündigen wollten

Der abgeblitzte Kläger hatte sich von einer nachträglichen Unwirksamkeit eine höhere Rückzahlung versprochen. Dann nämlich hätte der Versicherer ihm alle gezahlten Beiträge rückerstatten müssen und nicht wie bei einer gewöhnlichen vorzeitigen Kündigung die Verwaltungs- und Vertriebskosten abziehen dürfen. Der Mann hatte 1998 eine Lebensversicherung bei der Zurich Deutscher Herold abgeschlossen. Die 14-tägige Widerspruchsfrist ließ er ungenutzt verstreichen, erst 13 Jahre später erklärte er seinen Widerspruch gegen den Vertrag. Zurich zahlte ihm nur den Rückkaufswert von 12.480 Euro aus – 4640 Euro weniger als die Summe der bis dahin eingezahlten Prämien. Die Differenz verlangte der Mann nun mit seiner Klage zurück, blieb aber erfolglos.

Die niedrigen Zinsen bedrohen die Lebensversicherungen. Der IWF fordert eine Rettung durch die Politik. Weil den Versicherten massive Verluste drohen, könnte nun der Bailout kommen: Eine Umverteilung ist auf der ersten Blick weniger brutal als der glatte Diebstahl (mehr dazu hier).

http://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2014/07/16/bgh-urteil-bindet-sparer-an-alte-lebensversicherungen/

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04.07.2014

Für Kunden wird Rettung der Lebensversicherer teuer

Böse Überraschung für viele Kunden: Verträge, die in diesem Jahr auslaufen, können bis zu 15 Prozent weniger bringen. Das hat der Bundestag beschlossen. Sein Ziel: die Lebensversicherung zu retten.

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Es ist vollbracht: Nach monatelangem Gezerre hat der Bundestag ein Paket zur Stabilisierung der Lebensversicherungsbranche verabschiedet. Jetzt muss in der kommenden Woche nur noch der Bundesrat zustimmen. Die Bundesregierung will damit sicherstellen, dass die Versicherer auch in Zukunft die vertraglich zugesagten Ansprüche vollumfänglich erfüllen können.

Das Vertrauen in das Produkt Lebensversicherung soll wieder gestärkt werden. Ob die Maßnahmen tatsächlich helfen, ist umstritten. Die Bundesbank immerhin hat errechnet, dass sich die Zahl der gefährdeten Unternehmen zumindest deutlich verringern wird. Die „Welt“ beantwortet die wichtigsten Fragen.

Was ist das Problem?

Die Verzinsung setzte sich bislang meist aus dem Garantiezins, der Überschussbeteiligung, dem Schlussüberschuss und der Beteiligung an Bewertungsreserven zusammen. Der offiziell festgesetzte Garantiezins liegt derzeit bei Neuverträgen bei 1,75 Prozent, bei Altverträgen sind es zum Teil noch bis zu vier Prozent. Der durchschnittliche Garantiezins über alle Lebensversicherungsverträge hinweg liegt bei 3,2 Prozent. Und das in Zeiten, in denen es beispielsweise für zehnjährige Bundesanleihen lediglich noch 1,3 Prozent gibt.

Im Mittelpunkt des neuen Gesetzes stehen die Bewertungsreserven, auch stille Reserven genannt. Darunter versteht man Kursgewinne etwa von festverzinslichen Wertpapieren, aber auch von Aktien und Immobilien. Sie sind in der Bilanz ausgewiesen, stehen also „in den Büchern“. Diese Buchgewinne kommen zustande, wenn der Marktwert von Papieren steigt.

Bei festverzinslichen Wertpapieren sind die Reserven derzeit besonders üppig, weil hoch verzinste Anleihen, die Versicherer vor vielen Jahren gekauft haben, wegen der extrem niedrigen Zinsen im Kurs aktuell deutlich gestiegen sind. Die Bewertungsreserven schwanken sehr stark: Im vierten Quartal 2013 lagen sie nach Angaben der Versicherungswirtschaft bei 57,8 Milliarden Euro. Ein Jahr zuvor wurde ein Höchststand von 87,9 Milliarden Euro erreicht. Wenn die Zinsen wieder steigen, können die Reserven auch schnell bei Null sein.

Läuft der Vertrag eines Kunden aus oder kündigt dieser, müssen Versicherer Wertpapiere mit höherem Zinssatz („Hochprozenter“) verkaufen, um Kunden an den derzeit üppigen Reserven zu beteiligen. Bislang ist eine 50-Prozent-Beteiligung vorgeschrieben. Die bisherigen Kunden freuen sich über hohe Renditen. Doch den anderen Versicherten, deren Verträge weiterlaufen, fehlt das Geld, argumentiert die Branche.

Was ändert sich für Versicherte?

In dem neuen Gesetz ist nun vorgesehen, dass die Bewertungsreserven künftig nur noch in dem Maße ausgeschüttet werden, wie Garantiezusagen für die restlichen Versicherten auch sicher sind. Nicht betroffen sind Anlagen der Unternehmen in Aktien und Immobilien. Etwa zwei Milliarden der drei Milliarden Euro, die Kunden im vergangenen Jahr erhielten, stammten aus festverzinslichen Papieren.

Jede Versicherung wird künftig monatlich für sich ausrechnen, ob das Geld reicht, um sowohl die Garantieversprechen dauerhaft zu erfüllen, als auch Teile der Bewertungsreserven auszuschütten. Beantwortet sie diese Frage mit Nein, wird bei den Bewertungsreserven gekürzt.

Wie hoch werden die Kürzungen sein?

„Wir gehen davon aus, dass branchenweit gekürzt wird – und zwar ganz massiv“, sagt Axel Kleinlein, Vorstandsvorsitzender beim Bund der Versicherten (BDV). Auch wenn er niemanden kenne, der den Sicherungsbedarf der Unternehmen im Vorfeld der Gesetzgebung branchenweit durchgerechnet habe. „Das ist ein absoluter Blindschuss der Politik“, sagt Kleinlein.

Doch erste Aussagen aus der Branche bestätigen die Befürchtung der Verbraucherschützer, dass es nicht nur um eine Kürzung, sondern um eine Streichung der Beteiligung an den Bewertungsreserven geht. „Wir gehen davon aus, dass die anstehende Gesetzesänderung zu den Bewertungsreserven für alle Lebensversicherer der Generali Deutschland Gruppe Anwendung findet“, sagt Torsten Utecht, Finanzvorstand der Generali Deutschland Holding.

Er könne sich nicht vorstellen, dass irgendein Lebensversicherer am Markt zu einem anderen Ergebnisse komme. „Das muss zwar jeder Lebensversicherer für sich selbst errechnen, aber angesichts der niedrigen Zinsen hat jeder einen ähnlich hohen Sicherungsbedarf“, so Utecht. Da könne niemand ausscheren, um sich einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen.

Für möglich hält Utecht es, dass einzelne Versicherer die entgangene Zusatzrendite durch einen höheren Schlussüberschuss auffangen. „Doch dies ginge wiederum zu Lasten der Substanz, zu Lasten des Kollektivs“, warnte er. Auch die Debeka teilte auf Anfrage mit, dass es zumindest zu einer Minderung kommen werde. Andere Häuser wie die Allianz und die R+V Versicherung wollten sich vor Inkrafttreten des Gesetzes nicht äußern.

Wie viel verlieren einzelne Kunden?

Angesichts der aktuell sehr hohen Bewertungsreserven, die in den Büchern vieler Versicherer angesichts der niedrigen Anleihenzinsen stehen, kann es sich bei einzelnen Kunden um signifikante Beträge handeln.

„Die Beteiligung an den Bewertungsreserven macht momentan oft fünf bis zehn Prozent der gesamten Ablaufleistung aus, manchmal sind es auch bis zu 15 Prozent“, sagt Verbraucherschützer Kleinlein. Insbesondere Versicherte, deren Verträge noch 2014 auslaufen, hätten sehr hohe Einbußen zu befürchten.

Soll ein Kunde jetzt noch kündigen?

Wer jetzt noch schnell kündigt, wird einer Kürzung der Bewertungsreserven nicht mehr entgehen. Es wird allgemein damit gerechnet, dass das Gesetz bereits Ende des Monats in Kraft trifft. Ein zum 31. Juli gekündigter Vertrag würde also bereits unter die neue Regelung fallen.

„Konkret bedeutet das: Wenn mein Vertrag im August ausläuft oder ich zu diesem Zeitpunkt kündige und das Gesetz tritt im Juli in Kraft, bekomme ich deutlich weniger als hätte mein Vertrag bereits im Juni geendet“, sagt Lars Heermann von der Branchen-Ratingagentur Assekurata. Der Gesetzgeber habe mit diesem überdurchschnittlich schnellen Gesetzgebungsverfahren Kunden davon abhalten wollen, gegen ihren Versicherer zu spekulieren.

Wobei Verbraucherschützer auch klar sagen, dass eine Kündigung ohnehin nur für wenige Versicherte überhaupt in Betracht kam. Gerade all jene, die noch Garantiezusagen von drei Prozent und mehr bei ihren Verträgen hätten, sollten die gesamte Laufzeit durchhalten. Solche Renditen bietet aktuell keine andere sichere Geldanlage.

Müssen mal wieder nur die Kunden verzichten?

Auch die Eigentümer der Lebensversicherer müssen ihren Beitrag leisten. Sind die Garantien in Gefahr, wird nicht nur bei den Bewertungsreserven gekürzt, sondern auch bei den Dividenden. Der Bilanzgewinn darf nicht mehr in bisherigem Maß ausgeschüttet werden.

„Die Ausschüttungssperre an die Aktionäre würde sogar früher greifen und länger anhalten als bei den Versicherten“, sagte Generali-Vorstand Utecht. Daher könne auch nicht davon die Rede sein, dass sich die Versicherer und ihre Eigentümer zu Lasten der Kunden sanieren wollten.

„Die Unternehmen werden für Kapitalgeber unattraktiver“, sagte Heermann von Assekurata. Das sei auch deshalb problematisch, weil die Versicherer wegen der verschärften Eigenkapitalregeln namens Solvency II ihre Kapitalbasis stärken müssen.

Soll ich jetzt noch eine neue Versicherung abschließen?

Zum 1. Januar 2015 soll zudem der Garantiezins für Neu-Verträge von 1,75 auf 1,25 Prozent gesenkt werden. Das dürfte weiter an der Attraktivität der klassischen Lebensversicherung nagen. Gut 90 Lebensversicherer gibt es in Deutschland. Zuletzt haben sieben Unternehmen das Neugeschäft mit Lebensversicherungen ganz oder teilweise eingestellt.

Lebensversicherungsexperte Heermann von der Ratingagentur Assekurata wagt einen Blick in die Glaskugel: „Ich glaube zwar nicht, dass zum 1. Januar auf einen Schlag ein Dutzend weiterer Unternehmen folgt, aber die Zahl der Anbieter wird auf Dauer weiter sinken.“

http://www.welt.de/finanzen/article129803672/Fuer-Kunden-wird-Rettung-der-Lebensversicherer-teuer.html

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19.06.2014

Bafin erklärt Lebensversicherung zum Auslaufmodell

Finanzstabilität in Gefahr? Die BaFin rügt deutsche Versicherungen wegen ihrer Krisenanfälligkeit und warnt vor „japanischen Verhältnissen“. Krisenmanagement und Sanierungspläne seien nötig, sagt Bafin-Chef Hufeld.

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Die traditionelle Lebensversicherung mit lebenslangen Garantien wird unter dem Druck der niedrigen Zinsen nach Ansicht der Finanzaufsicht BaFin bald zum Auslaufmodell. „Wir weisen stetig auf die Notwendigkeit eines breiteren Produktportfolios hin und ermutigen die Versicherer zu Innovationen“, sagte der oberste Branchenaufseher der Bonner Behörde, Felix Hufeld, der Nachrichtenagentur Reuters in einem Interview. Bisher haben nur einige große Versicherer wie Allianz und Ergo Produkte auf den Markt gebracht, die auf die langfristigen Garantien verzichten und dafür etwas mehr Rendite bieten. Hufeld erwartet bald Nachahmer, wenn die neuen Produkte Anklang finden. „Die ersten Monate scheinen ganz ermutigend. Viele Unternehmen warten das noch ab – aber das wird eher Monate als Jahre dauern.“

Den mehr als 90 deutschen Lebensversicherern fällt es immer schwerer, die versprochene Verzinsung auf Dauer zu zahlen, weil sie das Geld ihrer Kunden sicher nur noch zu niedrigen Zinsen neu anlegen können. „Die niedrigen Zinsen sind ein nationales Systemrisiko für die Versicherungsbranche“, sagte Hufeld. Wenn diese Phase länger anhalte, sei die Finanzstabilität in Gefahr.

Kurzfristig steuert die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) gegen, indem sie die Versicherer dazu zwingt, mehr Geld für die Erfüllung künftiger Verpflichtungen zurückzulegen: 13,3 Milliarden Euro in den letzten drei Jahren. „Und das wird weitergehen. Die Branche weiß, dass die Zinszusatzreserve auch ihr nutzt“, sagte Hufeld. „Langfristig löst dies die Probleme jedoch nicht. Wenn wir japanische Verhältnisse bekommen, dann hilft auch das irgendwann nicht mehr.“

Eins ist klar: Wir sind nicht das Gewerbeförderungsamt, sondern die Versicherungsaufsicht“, sagte Hufeld, der Nachrichtenagentur Reuters. „Wir sind für das Risikomanagement und die finanzielle Stabilität zuständig und nicht dafür, wechselnde politische Ziele zu unterstützen. Aber schon heute ist bei Investitionen etwa in Infrastruktur viel mehr möglich als die Unternehmen machen.“

Die Bundesregierung hatte kürzlich ein Reformpaket auf den Weg gebracht, das die Ausschüttungen von stillen Reserven aus festverzinslichen Wertpapieren an die Kunden begrenzt. Hufeld verteidigte das Paket gegen die Kritik von Verbraucherschützern und Politikern: „Das Paket ist zwingend geboten. Überhöhte Ausschüttungen müssen gestoppt werden“, betonte er.

Wir reden hier nicht von einem Rettungspaket, wie man es für einige Banken geschnürt hat“, sagte Hufeld. Das Gesetz dient gleichzeitig der Stabilisierung der Lebensversicherer und der Verteilungsgerechtigkeit innerhalb des Versichertenkollektivs. Denn die Bilanzen der Lebensversicherer bestünden zu mehr als drei Viertel aus den Rückstellungen für künftige Auszahlungen. „Die Interessen der Versicherer und der Versicherten kann man darum nicht trennen. Sie gegeneinander auszuspielen ist logischer Unfug.“

Hufeld hatte im Herbst Alarm geschlagen, dass einige der deutschen Lebensversicherer an den von 2016 an geltenden neuen Eigenkapitalregeln („Solvency II“) für die Branche scheitern könnten. Die BaFin überprüft im August und September deshalb, wie die Versicherer mit Solvency II zurechtkämen. „Aber selbst wenn wir bei einem Unternehmen Lücken feststellen sollten bei der Bedeckung des Solvenzkapitals, heißt das noch lange nicht, dass das Unternehmen pleite ist“, sagte Hufeld. Dann würde die Finanzaufsicht zusammen mit dem Versicherer Gegenmaßnahmen erarbeiten. „Niemand muss Sorge um seine Verträge haben“, beruhigt Hufeld die Kunden. „Die Widerstandsfähigkeit der Branche ist hoch.“

Die verschärfte Überwachung globaler Versicherungsriesen muss nach Ansicht der deutschen Finanzaufsicht mit anderen Mitteln stattfinden als bei den weltweit größten Banken. Im Gegensatz zu den Banken gehe die Gefahr für das Finanzsystem hier weniger von einem großen Unternehmen aus als davon, dass viele Versicherer sich an den Finanzmärkten ähnlich verhielten, sagte der Chef der BaFin-Versicherungsaufsicht, Felix Hufeld, in einem Interview der Nachrichtenagentur Reuters in Bonn.

Dass ein einzelnes Unternehmen von sich aus zum Problem wird, dürfte die Ausnahme sein. Viel wahrscheinlicher ist es, dass ein Ansteckungsherd eine große Zahl von Unternehmen infiziert – und genau daraus sich die systemische Qualität des Risikos ergibt.“

Mit einer besseren Kapitalausstattung für die weltweit größten Versicherer ist es für Hufeld daher nicht getan. „Daraus muss man andere Schlüsse ziehen als etwa bei den Banken“, sagte er. Die Regulierung großer Versicherer stehe noch am Anfang: „Das ist ein junges Kind, das muss sich noch weiter entwickeln.“ Im Vordergrund stehe eine „präventive, intensivierte Aufsicht“, bei der die Versicherer etwa Krisen-Management-Teams aufstellen und Sanierungspläne entwickeln müssen, um für einen Notfall gerüstet zu sein. In Deutschland arbeite die BaFin daran derzeit mit der Allianz, die als einzige unter die neun „global systemrelevanten Versicherer“ eingestuft wurde
Hufeld ist skeptisch, ob die Bezeichnung für die Versicherer überhaupt passt: „Das Attribut ‚global‘ gilt in der Branche am ehesten für die Rückversicherer – die übrigen Versicherer sind eigentlich treffender als multi-lokale Player zu bezeichnen.“ Die Rückversicherer waren vom Finanzstabilitätsrat (FSB) bisher aber ausgeklammert worden, wenn es um Systemrelevanz ging. Die Entscheidung, ob auch Münchener Rück und Swiss Re in die Liste aufgenommen werden, soll im Spätsommer fallen.

In der Finanzkrise hatte nur ein großer Versicherer gerettet werden müssen: die amerikanische AIG. Sie hatte sich mit Kreditausfallversicherungen (CDS) für komplexe Finanzprodukte verhoben – also mit Finanzgeschäften außerhalb der klassischen Versicherung. Ihr Ausfall bedrohte viele Banken und Investoren. Hufeld hofft, dass sich die Versicherer künftig durch Auflagen für ihre Kapitalausstattung von derartigen Ausflügen abhalten lassen. „Die Kapitalzuschläge sind nicht nur dazu da, die Sicherheit zu erhöhen, sondern sollen einen Anreiz schaffen, systemrelevante Aktivitäten abzutrennen.“ Denn dann müsse ein Versicherer von der Liste systemrelevanter Versicherer auch wieder herunterkommen können.

Viele Versicherer suchen händeringend alternative Anlagen für die Beiträge ihrer Kunden, die auf lange Sicht sichere Renditen versprechen. Zugleich sucht die Politik Geldgeber für Großprojekte wie Überland-Netze oder große Pipelines. Doch nur wenige Versicherer beteiligen sich bisher an Projekten. Hufeld sagte, das liege mehr an den damit verbundenen Risiken als an den Vorschriften: „Der begrenzende Faktor ist nicht die Aufsicht – und das gilt unter ‚Solvency II‘ umso mehr, sondern der Mangel an Anlagemöglichkeiten mit einem akzeptablen Risiko-Rendite-Verhältnis.“

Die Bundesregierung hat jüngst angekündigt, den Versicherern Investitionen in Infrastrukturprojekte zu erleichtern. Das Bundesfinanzministerium will dies über geänderte Anlagebedingungen für die Branche regeln

http://www.handelsblatt.com/unternehmen/versicherungen/versicherungsunternehmen-bafin-erklaert-lebensversicherung-zum-auslaufmodell/10069210.html

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04.06.2014

Blitz-Enteignung: Regierung kürzt Lebens-Versicherungen

Die Lage bei den großen Versicherern ist offenbar kritisch: Die Bundesregierung hat am frühen Morgen im Schnellverfahren Maßnahmen beschlossen, die einen Crash bei den Lebensversicherungen verhindern soll. Die nächste Enteignungswelle ist damit perfekt. Die Kunden müssen sich auf gravierende Verluste einstellen. Banken und Regierungen retten sich selbst auf Kosten der Sparer.

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Die nächste Enteignung der Sparer kommt im Schnellverfahren: Nach den Sparbüchern werden nun die Besitzer von Lebensversicherungen geschröpft. Die Methode der Bundesregierung ist offenkundig der dramatischen Lage in der Finanzindustrie geschuldet.

Die Bundesregierung hat ein Maßnahmenpaket zur Sicherung der Ansprüche von Lebensversicherungskunden auf den Gesetzesweg gebracht. Das Kabinett verabschiedete am Mittwoch nach Angaben von Teilnehmern den Entwurf eines Lebensversicherungs-Reformgesetzes. Es soll verhindern, dass Unternehmen wegen der historisch niedrigen Zinsen für Staatsanleihen in die Pleite rutschen. Denn wegen der zur Entschuldung der Staaten herbeigeführten niedrigen Zinsen können die großen Versicherer ihre Renditezusagen an die Versicherten nicht mehr erfüllen. Unter anderem ist vorgehen, dass die Aufsichtsbehörde BaFin eine Ausschüttung von Dividenden verbieten kann, bevor alle Kundenzusagen erfüllt sind. Aus dem Grund soll die BaFin auch die Ausschüttung von Buchgewinnen an ausscheidende Versicherte einschränken können.

Die Versicherer legen ihre milliardenschweren Beitragseinnahmen am Kapitalmarkt an, zum großen Teil in Staatsanleihen. Da diese aber seit der Schuldenkrise in Europa von der EZB für risikolos erklärt wurden und daher keine echten Wertpapiere mehr sind, sondern praktisch wie Monopoly-Geld funktionieren, fällt es den Versicherern immer schwerer, genug Geld einzuspielen, um den Kunden die zugesagten Renditen auf Lebensversicherungspolicen auch zukommen zu lassen.

Für Kunden, deren Verträge enden, können Beschränkungen bei der Ausschüttung von Bewertungsreserven empfindliche finanzielle Folgen haben. Die Reserven entstehen, weil alte Wertpapiere, die höher verzinst sind, in der Niedrigzinsphase vorübergehend an Wert gewinnen. Diese Buchgewinne müssen die Unternehmen zur Hälfte an ausscheidende Kunden ausschütten. Dies sind etwa 6,6 Millionen im Jahr. Für die Inhaber der übrigen fast 90 Millionen Policen bleibt damit allerdings weniger Geld zur Verfügung. Die Ausschüttungs-Beschränkung soll verhindern, dass es in der Finanz-Industrie zum Crash kommt.

Das trifft jene Kunden, deren Verträge jetzt enden und die von derzeit hohen Bewertungsreserven profitieren würden. Für manche geht es dabei um Tausende Euro. Es soll den Versicherungsunternehmen praktisch erlaubt werden, ihre Garantieversprechen eben nicht einzuhalten, weil dies aufgrund des Niedrigzinses auch mathematisch nicht möglich wäre.

Versicherer wie die Allianz oder die Münchener Rück legen ihre milliardenschweren Beitragseinnahmen am Kapitalmarkt an, zum großen Teil in Staatsanleihen. Diese werfen jedoch im Fall Europas wegen der Zins-Entscheidungen der EZB keine attraktive Rendite ab oder sind, wie in einigen Schwellenländern, zu riskant und dürfen daher nicht erworben werden.

Daher fällt es den Versicherern immer schwerer, mit ihren Investments das Geld einzuspielen, um den Kunden die zugesagten Renditen auf Lebensversicherungspolicen auch zukommen zu lassen. So lag die Durchschnittsrendite von Bundesanleihen 2013 lediglich bei 1,6 Prozent. Genau doppelt so hoch war allerdings der von der Branche im Schnitt zugesagte Zins.

Je mehr Altanleihen auslaufen, die durch weniger attraktivere Papiere ersetzt werden müssen, desto gravierender wird das Problem. Die Bundesbank hat deshalb schon gewarnt, bis 2023 drohe ein Drittel der Versicherer, die Eigenkapital-Hürden zu reißen.

Damit es erst gar nicht so weit kommt und das beliebteste Finanzprodukt der Deutschen keinen Schaden nimmt, setzt die große Koalition auf ein ganzes Bündel von Einzelmaßnahmen. So wird der Garantiezins, den die Unternehmen ihren Kunden maximal für die gesamte Vertragslaufzeit zusagen dürfen, zum Januar 2015 auf 1,25 von 1,75 Prozent abgesenkt. Das macht den Abschluss neuer Lebensversicherungen unattraktiver.

Sind die Garantiezusagen einer Versicherung in Gefahr, erhält die Aufsichtsbehörde BaFin nun weitreichende Eingriffsrechte. So kann sie festlegen, dass zunächst alle Renditezusagen an die Versicherten abgesichert sein müssen, bevor Dividenden an die Aktionäre gezahlt werden dürfen.

Zudem werden die Kunden künftig zu 90 Prozent am sogenannten Risikogewinn ihres Versicherers beteiligt. Bisher durften die Unternehmen ein Viertel dieses Ergebnisanteils ausschütten oder zurücklegen.

Der Risikogewinn entsteht zum Beispiel dadurch, dass Kunden früher sterben als gedacht und dann weniger Rente beziehen. Schließlich dürfen die Unternehmen die Abschlusskosten nur noch zu einem geringeren Teil zulasten der Versicherten bilanzieren.

Damit alle Versicherten ihre Renditen bekommen, müssen künftig im Zweifel auch ausscheidende Kunden zurückstehen. Bisher bekommen Versicherte, deren Verträge enden, die Hälfte der Bewertungsreserven von festverzinslichen Anlagen ausbezahlt.

Mit diesem Kabinettsbeschluss, der vom Bundestag selbstverständlich alternativlos durchgewunken wird, zeigt sich erneut das Schema der Enteignungen: Die Staaten sanieren sich selbst mit billigen Zinsen. Dazu wird das ganze System manipuliert, indem die EZB Staatsanleihen ohne Ansehen der Realität für risikolos erklärt. Gleichzeitig rettet die Regierung die Finanz-Industrie – in diesem Fall die Lebensversicherer. Die Schulden-Politiker brauchen die Banken, um weiter Schulden machen zu können. Die Rechnung zahlen die Sparer: Jeder, der auf die Versprechungen seiner Lebensversicherers vertraut hat und mit den Ausschüttungen kalkuliert hatte, ist nur der Dumme. Denn rechtlich ist die Sache wasserdicht: Der Staat kann mit den ihm zur Verfügung stehenden Zwangsmaßnahmen jederzeit dafür sorgen, dass nicht Politik und Banken zahlen.

Der Sparer wird geplündert. So steht es im Drehbuch.

Besonders unverfroren: Die Notwendigkeit der Plünderung wird mit „außergewöhnlichen Umständen“ begründet. Diese Umstände sind jedoch mitnichten überraschend oder außergewöhnlich. Sie wurde von den Regierungen und Zentralbanken jedoch gemeinsam bewusst herbeigeführt: Sie haben die Zinsen gegen Null gedrückt, weil sonst die Staaten zusammengebrochen wären.

Das Drehbuch der Enteignung enthält kein großes Theater. Gegeben wird: Ein Schurkenstück in beliebig vielen Akten.

http://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2014/06/04/blitz-enteignung-regierung-kuerzt-lebens-versicherungen/

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02.06.2014

Lebensversicherer verschmähen Rettungspaket

Berlin hat ein Rettungspaket für die Lebensversicherung geschnürt. Doch die Branche ziert sich: Wer die Hilfe beansprucht, verrät damit, wie schlecht es um seine finanzielle Leistungsfähigkeit steht.

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Die deutschen Lebensversicherer sind in eine abstruse Situation geraten. Monatelang beklagten sie sich über kaum zu erfüllende Zahlungspflichten gegenüber ihren Kunden. Sie würden zerrieben zwischen Garantien gegenüber treuen Altkunden einerseits und Ansprüchen von Aussteigern andererseits. Jetzt reagierte die Bundesregierung und schnürte ein milliardenschweres Rettungspaket. Doch die Versicherer wollen es gar nicht mehr haben.

Nach einer Umfrage der „Welt am Sonntag“ plant keine Versicherungsgesellschaft, die milliardenschweren Entlastungen des vom Gesetzgeber auf den Weg gebrachten Lebensversicherungsreformgesetzes aktiv anzunehmen. Vielmehr brüsten sich die Anbieter plötzlich mit ihrer finanziellen Leistungsstärke und verweisen auf die Solidität ihrer Bilanzen. Die Unternehmen mussten offenbar erkennen, dass das Rettungspaket ganz und gar nicht ihren Vorstellungen entspricht.

Denn am Ende könnte es sogar den Beginn eines gnadenlosen Ausleseprozesses markieren. Allenfalls einzelne Dickschiffe der Branche könnten profitieren. Lebensversicherungskunden sind deshalb gut beraten, sich genau anzuschauen, wie finanzstark ihr Anbieter ist und im Zweifelsfall ihre Konsequenzen zu ziehen.

Der Entwurf, den das Bundesfinanzministerium in dieser Woche vorgestellt hat, hat es in sich. Er enthält eine Falle für viele Versicherer. Zwar sollen die Assekuranzen entlastet werden, indem sie Kunden künftig in geringerem Ausmaß an den Bewertungsreserven festverzinslicher Wertpapiere beteiligen müssen.

Wer sich helfen lässt, verrät sich zugleich

Allerdings können sich nur die Gesellschaften Entlastung verschaffen, die Gefahr laufen, nicht mehr genug Geld zu erwirtschaften, um ihre Verpflichtungen gegenüber ihren Kunden zu erfüllen. Die Inanspruchnahme der Hilfe ist also verbunden mit einer Art finanziellem Offenbarungseid – nicht gerade ein vertrauenserweckendes Signal gegenüber den Versicherten.

„Die garantierten Ansprüche der Kunden müssen gesichert werden“, hieß es dazu in Berlin. Eine Beteiligung an den Bewertungsreserven für Versicherte, die kündigen oder deren Verträge auslaufen, dürfe nicht dazu führen, dass das restliche Kollektiv bluten muss. Die Finanzaufsicht soll damit beauftragt werden, diese Fälle zu ermitteln. „Bislang hat jeder Lebensversicherer mit Sitz in Deutschland seine Garantieversprechen eingehalten,“ heißt es dazu bei der BaFin.

Noch bevor das Gesetz verabschiedet wird, dürfte das große Rausputzen beginnen. Denn wer auf der schwarzen BaFin-Liste landet, muss das Aus fürchten. Wer wüsste das besser als die Versicherungen, zu deren Geschäft es gehört, die guten von den faulen Risiken sauber zu trennen und nur den guten Risiken einen Vertrag zu offerieren. Versicherer auf der schwarzen BaFin-Liste signalisieren ihren Kunden unmissverständlich, dass sie zu den schlechten Risiken gehören.

Wackelige Anbieter können kein Vertrauen erwarten

So wie die Assekuranzen Hochrisikokunden allenfalls zu sehr teuren Konditionen einen Vertrag anbieten, wird kein rational denkender Lebensversicherungskunde seine Altersvorsorge einem wackeligen Anbieter anvertrauen. Versicherungen tragen das Wort Sicherheit bereits im Namen. Das höchste Gut ist das Vertrauen, dass die versprochenen Leistungen uneingeschränkt bezahlt werden können. Kein Kunde möchte sich über Jahrzehnte an eine Gesellschaft binden, die nicht über jeden finanziellen Zweifel erhaben ist.

Ein Anbieter, der sich von der Ausschüttung der Bewertungsreserven befreien lässt, müsste mit einer Kündigungswelle rechnen. Nicht zuletzt um einen solchen Sturm auf den Finanzanbieter zu verhindern, hatte die amerikanische Regierung ihr Bankenrettungspaket im Jahr 2008 für alle Institute verpflichtend vorgeschrieben. Eine Unterscheidung zwischen guten und schlechten Risiken sollte nicht möglich sein.

Anders beim deutschen Hilfspaket für die Versicherer. Zwar ist Berlin dem Drängen der Branche bei der Beteiligung an den Bewertungsreserven gefolgt. Im Versuch jedoch, auch die Interessen der Kunden zu berücksichtigen und so ein „ausbalanciertes Paket“ zu schaffen, könnte eine Transparenz und Vergleichbarkeit entstehen, die der Branche nicht recht sein kann.

Die Anbieter strotzen vor Optimismus

Entsprechend optimistisch präsentieren sich denn auch die von der „Welt am Sonntag“ befragten Unternehmen. Firmen mit schwächeren Kennzahlen verweisen auf Tradition, starke Mutterunternehmen oder rücken optisch vorteilhaftere Kennzahlen in den Vordergrund.

Kunden sollten hingegen auf zwei zentrale Informationen achten: Da ist zunächst der Anteil an hochverzinsten Versicherungsverträgen. Dieser zeigt an, welche (zukünftigen) Verpflichtungen ein Anbieter zu stemmen hat. So betrug der Garantiezins bei Policen, die zwischen 1994 und dem Jahr 2000 verkauft wurden, satte vier Prozent.

Davor waren 3,5 Prozent üblich. Noch bis ins Jahr 2003 versprachen die Assekuranzen ihren Kunden mehr als drei Prozent. 60 Prozent aller Verträge im Bestand der Lebensversicherer haben heute solche Garantien von deutlich über drei Prozent, bei einzelnen Anbietern liegt der Anteil der Hochzinsverträge am Bestand aber deutlich über 70 Prozent. Solche alten Zusagen sind eine Belastung.

Bilanzielle Puffer sind bei manchem Anbieter geschrumpft

Die zweite wichtige Kennzahl ist die Eigenmittelquote. Sie wiederum gibt Auskunft darüber, wie gut ein Unternehmen dasteht. Im Grunde genommen signalisiert diese, wie groß der Puffer eines Unternehmens ist, um nicht kalkulierte Entwicklungen abzudecken. Bei Versicherern können das beispielsweise Risiken am Kapitalmarkt oder auch eine überraschend hohe Lebenserwartung der Versicherten sein.

Nach Berechnungen der Ratingagentur Assekurata lag die durchschnittliche Eigenmittelquote der Branche bei 168 Prozent. Das heißt, dass die vom Versicherer eingegangenen Risiken zu 68 Prozent überdeckt sind. Bei ihren Stresstests legt die BaFin eine Schmerzgrenze bei der Eigenmittelquote von 100 Prozent an. Zwar liegen die bilanziellen Puffer der Anbieter noch darüber. Allerdings sind sie bei einzelnen Gesellschaften in den vergangenen Jahren deutlich kleiner geworden und bewegen sich auf diese Schmerzgrenze zu.

„Bislang hat jeder Lebensversicherer mit Sitz in Deutschland seine Garantieversprechen eingehalten“, betont die Versicherungsaufsicht BaFin. Und die befragten Gesellschaften erklären, dass dies auch in Zukunft so bleiben soll.

So beispielsweise eines der Schwergewichte der Branche: „Die AachenMünchener ist finanzstark. Unabhängig von einem Inkrafttreten des geplanten Gesetzes ist unsere Risikotragfähigkeit in hohem Maße gewährleistet.“ Nach Angaben von Assekurata liege der Anteil der hochverzinsten Altverträge mit 65 Prozent über dem Durchschnitt, die Eigenmittelquote mit 124 Prozent ist dagegen unterdurchschnittlich.

„Keiner unserer Kunden muss sich sorgen“

Die AachenMünchener weist darauf hin, dass ihr durchschnittlicher Garantiezins aller Verträge mit 3,2 Prozent lediglich im Branchendurchschnitt liege. Außerdem sei die Eigenmittelquote von 2012 nicht aussagekräftig, weil sie auf alten Regulierungskriterien basiere. Nach aktuellen risikobasierten Modellen aber sei die Risikotragfähigkeit des Versicherers weit überdurchschnittlich.

„Für unsere Kunden gilt also: Keiner muss sich wegen der Niedrigzinsphase Sorgen um seine Lebensversicherung machen“, sagt ein Sprecher des Unternehmens. Die AachenMünchener könne den Verpflichtungen jederzeit nachkommen. „Unsere Nettoverzinsung aus Kapitalanlagen liegt aktuell über vier Prozent. Uns würde schon eine Größenordnung von zwei Prozent genügen, um den erwarteten durchschnittlichen Garantiezins über mehrere Jahrzehnte darstellen zu können“, so die selbstbewusste Auskunft.

„Die Signal Iduna Gruppe steht für Sicherheit und Solidität“, heißt es beim Konkurrenten aus Hamburg, der laut Assekurata viele hochverzinste Altverträge im Bestand hat. Als Lebensversicherer, der dieses Jahr sein 100-jähriges Bestehen feiere, habe man eben auch viele langjährige Kunden. „Selbstverständlich haben wir daher Kunden mit Verträgen mit höherer Garantieverzinsung“, heißt es beim Unternehmen.

Doch habe man „für die Verpflichtungen an unsere Kunden eine ausreichende Deckungsrückstellung gebildet“. Für Versicherungsverträge mit höherem Rechnungszins bestehe zudem eine Zinszusatzreserve gemäß den gesetzlichen Vorschriften. „Deutlich höhere Zinsen als der Durchschnittszins des Bestandes“ erwirtschafte die Signal Iduna Gruppe.

Kritik am Rettungspaket aus Berlin

Das Rettungspaket aus Berlin kritisiert der Versicherer dennoch. „Die Bewertungsreserven sollen allen Versicherten zur Verfügung stehen. Wir setzen uns im Sinne der Gleichbehandlung aller Kunden für eine Änderung der jetzigen unausgewogenen Regelung ein.“ Derzeit würden nur fünf Prozent der Versicherten von der Ausschüttung der Bewertungsreserven profitieren – zulasten der großen Mehrheit.

HDI Leben, die besonders viele lukrative Altverträge mit einer besonders niedrigen Eigenmittelquote bedienen müssen, sehen nach dem Gesetzesentwurf keinen Handlungsbedarf: „Bewertungsreserven auf festverzinsliche Anlagen dürfen nach dem Gesetzentwurf von allen Lebensversicherern nur noch dann ausgeschüttet werden, wenn diese zum jeweiligen Bewertungszeitpunkt einen etwaigen Sicherungsbedarf aus Versicherungsverträgen übersteigen.

Nach diesem Gesetzentwurf kann kein Lebensversicherer nach eigenem Ermessen entscheiden, ob er weiterhin die Versicherten an den Bewertungsreserven beteiligen will oder nicht, sondern dies wird durch die festgelegte Berechnung eindeutig geregelt.“

Wird das Lebensversicherungsreformgesetz wie geplant Realität, wird es allein die Versicherungsaufsicht in der Hand haben, welcher Versicherer das Hilfspaket erhält – und welcher nicht.

http://www.welt.de/finanzen/altersvorsorge/article128617426/Lebensversicherer-verschmaehen-Rettungspaket.html

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28.05.2014

Regierung kürzt Auszahlungen von Lebens-

Versicherungen

Die Bundesregierung will die Ausschüttungen auslaufender Lebensversicherungen deutlich reduzieren. Dabei geht es für die Kunden um Tausende Euro. So sollen die Versicherer vor dem Bankrott gerettet werden. Denn aufgrund der niedrigen Rendite auf Staatsanleihen sind sie nicht mehr in der Lage, ihren Kunden die versprochenen Zinsen zu zahlen.

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Die Bundesregierung plant umfassende Gesetzesänderungen, um die deutschen Lebensversicherer vor dem Bankrott zu bewahren. Denn aufgrund der Niedrigzinspolitik sind deren Renditen aus Staatsanleihen stark gesunken.

Nach den aktuell geltenden Regeln könnten sie ihren Kunden die versprochenen Beträge bald nicht mehr auszahlen.

Bis zur Sommerpause wolle das Kabinett ein Gesetz auf den Weg bringen, hieß es am Dienstag in der Regierung. Dabei geht es angeblich darum, die Garantieversprechen an die fast 90 Millionen Versicherten zu sichern. Entscheidend ist jedoch, dass die Ausschüttung von Buchgewinnen auf Wertpapiere beschränkt werden kann.

Das trifft jene Kunden, deren Verträge jetzt enden und die von derzeit hohen Bewertungsreserven profitieren würden. Für manche geht es dabei um Tausende Euro. Es soll den Versicherungsunternehmen praktisch erlaubt werden, ihre Garantieversprechen eben nicht einzuhalten, weil dies aufgrund des Niedrigzinses auch mathematisch nicht möglich wäre.

Versicherer wie die Allianz oder die Münchener Rück legen ihre milliardenschweren Beitragseinnahmen am Kapitalmarkt an, zum großen Teil in Staatsanleihen. Diese sind aber seit der Schuldenkrise in Europa entweder zu riskant geworden oder sie werfen wie im Falle Deutschlands keine attraktive Rendite ab.

Daher fällt es den Versicherern immer schwerer, mit ihren Investments das Geld einzuspielen, um den Kunden die zugesagten Renditen auf Lebensversicherungspolicen auch zukommen zu lassen. So lag die Durchschnittsrendite von Bundesanleihen 2013 lediglich bei 1,6 Prozent. Genau doppelt so hoch war allerdings der von der Branche im Schnitt zugesagte Zins.

Je mehr Altanleihen auslaufen, die durch weniger attraktivere Papiere ersetzt werden müssen, desto gravierender wird das Problem. Die Bundesbank hat deshalb schon gewarnt, bis 2023 drohe ein Drittel der Versicherer, die Eigenkapital-Hürden zu reißen.

Damit es erst gar nicht so weit kommt und das beliebteste Finanzprodukt der Deutschen keinen Schaden nimmt, setzt die große Koalition auf ein ganzes Bündel von Einzelmaßnahmen. So wird der Garantiezins, den die Unternehmen ihren Kunden maximal für die gesamte Vertragslaufzeit zusagen dürfen, zum Januar 2015 auf 1,25 von 1,75 Prozent abgesenkt. Das macht den Abschluss neuer Lebensversicherungen unattraktiver.

Sind die Garantiezusagen einer Versicherung in Gefahr, erhält die Aufsichtsbehörde BaFin nun weitreichende Eingriffsrechte. So kann sie festlegen, dass zunächst alle Renditezusagen an die Versicherten abgesichert sein müssen, bevor Dividenden an die Aktionäre gezahlt werden dürfen.

Zudem werden die Kunden künftig zu 90 Prozent am sogenannten Risikogewinn ihres Versicherers beteiligt. Bisher durften die Unternehmen ein Viertel dieses Ergebnisanteils ausschütten oder zurücklegen.

Der Risikogewinn entsteht zum Beispiel dadurch, dass Kunden früher sterben als gedacht und dann weniger Rente beziehen. Schließlich dürfen die Unternehmen die Abschlusskosten nur noch zu einem geringeren Teil zulasten der Versicherten bilanzieren.

Damit alle Versicherten ihre Renditen bekommen, müssen künftig im Zweifel auch ausscheidende Kunden zurückstehen. Bisher bekommen Versicherte, deren Verträge enden, die Hälfte der Bewertungsreserven von festverzinslichen Anlagen ausbezahlt.

Dabei handelt es sich um Buchgewinne. Sie entstehen, weil in der aktuellen Niedrigzinsphase ältere Wertpapiere mit einem höheren Zins vorübergehend wertvoller werden. 2012 summierten sich diese Bewertungsreserven auf rund 2,9 Milliarden Euro, die auf 6,6 Millionen auslaufende Verträge verteilt wurden. Für die verbliebenen 88 Millionen Versicherten wird der Kuchen dadurch allerdings kleiner.

Künftig kann die Beteiligung an Bewertungsreserven gekürzt werden, wenn nicht zuvor die Garantiezusagen der Versicherung an alle Kunden gesichert sind.

Für ausscheidende Kunden kann diese Neuregelung gravierende finanzielle Folgen haben. Würde man die nun geplante Neuregelung auf 2012 anwenden, hätte die Kürzung theoretisch im Schnitt etwa 440 Euro betragen. An diesem heiklen Punkt war ein erster Reformversuch der alten schwarz-gelben Bundesregierung letztlich gescheitert.

Zu dem Maßnahmenbündel zählen noch eine Reihe anderer Punkte wie die Offenlegung der Provisionen von Versicherungsmaklern. Die Assekuranzen müssen der Aufsicht außerdem mehrjährige Prognosen und – für den Ernstfall – Sanierungspläne vorlegen.

Der Branche entgegenkommen will die Regierung dadurch, langfristige Investitionen von Prämiengeldern in Infrastrukturprojekte zu erleichtern. Dadurch würde die Abhängigkeit von Staatsanleihen etwas verringert.

Den Gesetzentwurf will die Regierung noch vor der Sommerpause des Bundestages Mitte Juli ins Gesetzblatt bringen. In Kraft treten sollen die meisten Regelungen kurz danach.

Der Branchenverband GdV kritisierte, es sei für die Versicherer unmöglich, alle Änderungen bis Anfang 2015 umzusetzen. Außerdem schieße eine generelle Ausschüttungssperre an die Aktionäre völlig über das Ziel hinaus. Die höhere Beteiligung der Versicherten am Risikogewinn schränke zudem den Spielraum der Unternehmen ein, Reserven zu bilden.

http://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2014/05/28/regierung-kuerzt-auszahlungen-von-lebens-versicherungen/

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08.05.2014

Das war nur der erste Schlag…“

Der Bundesgerichtshof erleichtert den Ausstieg bei Lebenpolicen. Für Rechtsprofessor Hans-Peter Schwintowski war das Urteil nur der Anfang. Er prophezeit den Branchen-GAU. Können bald 30 Millionen Kunden gratis kündigen?

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Hans-Peter Schwintowski gilt als einer der kritischsten Versicherungsrechtler in Deutschland. Bis September 2013 war er Professor an der Humboldt-Universität Berlin mit Forschungsschwerpunkt im Bereich Privatversicherungs- und Kapitalmarktrecht. Schwintowski ist im wissenschaftlichen Beirat des Bundes der Versicherten. Zum Interview mit Handelsblatt Online erscheint er bester Laune. Die Untergangsszenarien der Lebensversicherer schildert der bärtige Berliner mit einem süffisanten Lächeln.

Herr Schwintowski, in einem spektakulären Urteil stärkt der BGH die Rechte von Lebensversicherungskunden. Droht nun ein Run aus der Lebensversicherung?
Schwintowski: Ja, das dürfte zu zahlreichen Widerrufen führen. Wer zwischen 1994 und 2007 eine Police abgeschlossen hat, ohne ausreichend über sein Widerrufsrecht belehrt worden zu sein, kann vom Vertrag zurücktreten. Noch sind aber nicht alle Fragen geklärt.

Was ist noch strittig?
Der BGH hat nicht klargestellt, wann Kunden „nicht ausreichend belehrt“ worden sind. Reicht es zum Beispiel, wenn ein Kunde einen Teil der Vertragsunterlagen nicht vor der Unterschrift erhalten hat? Oder bedarf es größerer Verfehlungen? Diese Fragen müssen weitere Urteile klären. Trotzdem könnte es zu einer ersten Rückabwicklungswelle kommen. Ich schätze dass mehr als eine Million Verträge von dem Urteil betroffen sein dürften.

Eine Million von 108 Millionen Verträgen, die im fraglichen Zeitraum geschlossen wurden – klingt erst mal nach wenig …
Möglicherweise ist dieses Urteil nur der erste Schlag. Der zweite Schlag könnte die Versicherer deutlich härter treffen.

Was droht der Branche?
Der Europäische Gerichtshof könnte als nächstes das Policemodell als Ganzes kippen. Das europäische Recht hat immer vorgesehen, dass der Kunde vor Abschluss eines Versicherungsvertrags angemessen über die Vertragsbedingungen informiert sein muss. Genau dies wurde aber durch das bis 2008 gültige Policemodell unterlaufen.

Rechnen Sie mit einer solchen Entscheidung gegen die Versicherer?
Ja.

Was würde passieren, wenn der Europäische Gerichtshof das Policemodell als Ganzes kippt?
Dann wären sämtliche Verträge, die vor dem Jahre 2008 abgeschlossen wurden fehlerhaft – und sämtliche Verträge schwebend unwirksam. Die Widerrufsfrist hätte nie begonnen, Kunden könnten die Verträge rückabwickeln lassen. Dafür dürften keine Kosten anfallen, die Verzinsung muss angemessen sein.

Wie viele Verträge wären hier betroffen?
Ich würde schätzen, etwa 30 Millionen. Die Frage ist, ob auch noch Kunden widerrufen können, deren Verträge bereits ausgelaufen sind. So ein Szenario hat es noch nie gegeben. Das wäre der GAU für die Lebensversicherer.

Könnten die Versicherer die resultierenden Rückzahlungen überhaupt stemmen?
Nein. Dann drohen schwere Verwerfungen am Markt. Es würde sich um einen Notstandsfall handeln und die Finanzaufsicht Bafin müsste regulierend eingreifen. Um die Belange aller Beteiligten zu wahren, würde sie wohl über einen sogenannten Globalverwaltungsakt den Widerruf zunächst aussetzen oder die Rückzahlungen auf einen verträglichen Betrag senken.

Die Kunden kämen nicht an ihr Geld?
Das könnte eine Konsequenz sein. Die Bafin muss die Insolvenz der Versicherer verhindern. Nicht nur die Versicherer wären betroffen. Auch die Stabilität des Bankensektors stünde auf dem Spiel. Versicherer sind mit die größten Gläubiger der Banken. Letztlich wäre auch die Finanzierung der Staaten betroffen.

Kunden hören solche Szenarien nicht besonders gerne …
… und müssten trotzdem mitziehen. Denn am Ende ist auch den Kunden nicht daran gelegen, dass das System kollabiert – insbesondere wenn auch die Banken betroffen wären. Kunden würden es richtig finden, wenn die Bafin versuchen würde, die Auswirkungen ein Stück weit zu begrenzen.

Die Versicherten wollen raus aus der Lebensversicherung – auf der anderen Seite aber wollen einige Versicherer auch keine Neukunden mehr aufnehmen. Hat das Modell der Versicherer, die keine neuen Kunden annehmen und sich die Vertriebskosten sparen, Zukunft?
Am Ende wird ein Versicherer sein Produkt einstellen, wenn es nicht mehr profitabel zu betreiben ist – das ist in erster Linie eine kaufmännische Entscheidung. Es kann sich auszahlen, die Bestände an einen externen Dienstleister zu übertragen, der dann etwa die Kosten für die Betreuung des Bestandes minimiert. Die IT spielt eine große Rolle – da können Versicherer richtig Geld sparen. 50 Prozent dieser Kostenersparnis könnten an die Versicherten weitergegeben werden.

Das klingt für Versicherte doch ganz erfreulich …
Es werden aber diejenigen benachteiligt, deren Verträge erst in einigen Jahren auslaufen. Wenn keine Neukunden nachkommen, muss die Versicherung ja gut laufende Papiere verkaufen, um bestehende Kunden auszuzahlen. Sie geht also aus den gut verzinsten Anlagen heraus, das Vermögen schrumpft. Was bleibt, kann die Versicherung dann nur noch kurzfristig – und im Zweifel zu schlechteren Konditionen – anlegen.

Wäre das denn rechtens?
Die Bafin müsste einmal überprüfen, ob die Run-Off-Praxis wie eine Bestandsübertragung zu werten ist – und wenn ja, ob sie dann mit deren Grundsätzen vereinbar ist. Bestände dürfen nur übertragen werden, wenn keiner der Beteiligten benachteiligt wird. Juristisch bewegen sich viele Versicherer auf dünnem Eis.

Dass die Lebensversicherer um ihr Geschäft bangen, zeigt sich auch an anderer Stelle. Gerade verhandelt die Koalition darüber, wie Kündiger an den Bewertungsreserven beteiligt werden sollen. Worum geht es da?
Künftig sollen Kunden, die ihre Police kündigen, Kursdifferenzen, die auf festverzinsliche Wertpapiere entfallen, nicht mehr zur Hälfte ausbezahlt bekommen. Die Anleihen werden nicht mehr zu den Bewertungsreserven gerechnet, sondern gelten fortan als künstliche Reserven.  

Was steckt dahinter?
Die Versicherer argumentieren, dass sie nach der jetzigen Regelung die Wertpapiere zu guten Kursen verkaufen müssen, um ihre Kunden auszuzahlen. Dies jedoch benachteilige spätere Generationen.

Sie sind anderer Meinung?
Das Argument, durch den Verkauf würden künftige Generationen benachteiligt, erschließt sich mir in diesem Fall nicht. Denn die Versicherer könnten ja nur die Papiere verkaufen, die wirklich fällig werden und die Hälfte der Gewinne zusammen etwa mit neuen Anlegergeldern – auch längerfristig – reinvestieren.

Kann das Versicherern helfen, die wegen des Zinstiefs in Bedrängnis sind?
Erstens haben die Lebensversicherungen doch bereits vorgesorgt. Um die niedrigen Zinsen auszugleichen, führen sie seit Jahren Geld in einen separaten Topf ab, sie bilden die sogenannten Zinszusatzreserven. Und zweitens belasten die Niedrigzinsen die Versicherer viel mehr, als sie es müssten. 

Verstehen wir Sie richtig: Das eigentliche Problem der Versicherer sind gar nicht die niedrigen Zinsen?
Natürlich sind niedrige Zinsen ein riesiges Problem für die Branche. Es stellt sich aber die Frage, ob die Versicherer mit der nötigen Kreativität darauf reagieren. Bei der Anlage der Sparanteile könnten die meisten Versicherer besser sein.

Den Gesellschaften sind doch die Hände gebunden. Die Aufsicht schreibt vor, wie viel sie in riskantere Anlagen investieren dürfen …
Die Versicherer nutzen ihren Spielraum noch längst nicht aus. Eine Aktienquote von 15 Prozent ist möglich, ebenso sind Investments in Immobilien, Infrastruktur oder Erneuerbare Energien möglich. Die Unternehmen hierzulande könnten sich an England orientieren, wo Versicherte etwa ihr Haus an die Gesellschaft übertragen und dafür eine monatliche Rente auf Lebenszeit erhalten. Freilich gibt es hier auch Ausfälle; aber bei mittlerem bis langem Anlagehorizont wäre das kein Problem.

Die Versicherer müssen nicht nur strikte Vorgaben bei der Anlage einhalten, sondern auch Garantien bedienen und Vertragsstornierungen einplanen.
Jeder Zweite kündigt seine Lebensversicherung innerhalb der ersten fünf Jahre. Strukturell verzerren die Stornierer das ganze kalkulatorische Modell der Lebensversicherung. Wenn Versicherer damit rechnen müssen, Kunden bereits nach kurzer Zeit wieder auszuzahlen, können sie keinen langfristigen Anlagehorizont verfolgen – und das raubt Rendite. Ich plädiere schon seit langem für eine Gesetzesänderung. Die Politik reagiert aber nicht.

Was ist Ihr Vorschlag?
Ein Storno sollte verboten werden. Es sollte gleichfalls möglich sein, die Police, wie in England, auf einem Zweitmarkt zu verkaufen. Die Kunden kämen raus, die Policen liefen aber weiter bis zum Ende. Das würde die Renditen deutlich erhöhen und auch die Kündiger könnten profitieren.

Könnten die Versicherer selbst handeln, um die hohen Stornoquoten zu verhindern?
Natürlich. Paragraf 153 des Versicherungsvertragsgesetzes würde es den Versicherern ermöglichen, mit dem Kunden spezielle Vereinbarungen zu treffen. Denkbar wäre etwa eine regelmäßige Beteiligung der Kunden an den Überschüssen alle fünf Jahre. Die Stornoquote der langjährigen Sparer ist aber nicht das einzige Problem.

Was besorgt sie noch?
Ein riesiges Problem sind Einmalanleger, die große Summen in die Bestände geben und nach kurzer Zeit wieder kündigen. Sie nutzen im Zinstief die Reserven der Gesellschaften um ihre Rendite zu steigern. Das macht die Anlagepolitik der Versicherer noch schwerer.

Es handelt sich nur um einen kleinen Teil der Kunden, die so agieren. Wie kann man gegen solche „Lebenspolicen-Spekulanten“ vorgehen?
Man sollte zumindest darüber nachdenken, die maximale Verzinsung für Einmalzahler zu reduzieren, auf maximal zwei bis 2,5 Prozent. Das würde ihnen den Anreiz nehmen. Alternativ könnte man über einen Abschlag nachdenken, den Einmalzahler bei der Kündigung ihres Vertrags zahlen müssen und der sich nach den geltenden Festgeldzinsen richtet. Wenn ein Festgeld etwa nur 1,5 Prozent abwirft, sollte der Stornoabschlag genau das abschöpfen.

Herr Schwintowski, Sie malen ein sehr schwarzes Bild. Ist das Modell der Lebensversicherung überlebensfähig?
Wenn es keine strukturellen Reformen gibt – und damit dürfte erstmal nicht zu rechnen sein – müsste sich die Branche für neue Ideen beim Vertrieb öffnen. Das Provisionsmodell, so wie es heute etabliert ist, ist zu teuer. Die Kosten müssen runter, sonst bleibt im Zinstief zu wenig Rendite. Das geht am einfachsten beim Vertrieb.

Die Versicherer haben in den vergangenen Jahren ihre Kosten deutlich gesenkt.
Aber noch nicht genug. Ich würde daher aktuell pauschal keinen Abschluss einer Bruttopolice empfehlen, bei der hohe Kosten für den Vertrieb anfallen. Dagegen halte ich Nettopolicen immer noch für durchaus empfehlenswert.

Welche Vorteile haben Nettopolicen?
Bei einer Nettopolice zahlt der Kunde dem Vertriebler ein Honorar. Der Kunde weiß dabei genau, wie hoch die Kosten für die Vermittlung sind und wie viel das reine Produkt kostet. Es gäbe mehr Produkttransparenz, die auch den Wettbewerb anregen würde. Am Ende entscheidet der Markt, wie viel ihm die gute Beratung wert ist.

Vermittler klagen, ihnen würde so die Geschäftsgrundlage entzogen.
Nettopolicen lohnen sich in der Vermittlung schon jetzt bei Kollektivverträgen, etwa Betriebsrenten. Statt einer Einmalprovision sollte der Vermittler eine lebensbegleitende Vergütung erhalten. Je mehr unterschiedliche Versicherungen der Vermittler im Bestand hat, umso weniger hängt er von den hohen Provisionen im Lebensversicherungsgeschäft ab.

Bei den Versicherern stoßen derlei Ideen jedoch bislang auf wenig Gegenliebe …
Ja – hauptsächlich, weil die allermeisten Gesellschaften mit gebundenen Vertretern arbeiten. Ein Problem sind auch die Kunden, die Finanzthemen nach wie vor fürchten. Es wird wohl noch dauern, bis der Wettbewerb anzieht. 

Wagen Sie einen Blick in die Glaskugel: Wo steht die Lebensversicherung in fünf Jahren?
Es wird nochmal 15 bis 20 Prozent weniger Vermittler als heute geben, eine veränderte Provisionsstruktur mit kleinen, laufenden Einkünften. Die Macht des Marktes wird es richten. Außerdem erwarte ich mehr Plattformen im Internet, die kostengünstige Angebote machen, eine größere Auswahl an Versicherungsmaklern und mehr Nettopolicen.

Herr Schwintowski, wir danken Ihnen für das Gespräch.

http://www.handelsblatt.com/finanzen/vorsorge-versicherung/altersvorsorge-sparen/urteil-gegen-lebensversicherer-das-war-nur-der-erste-schlag-/9863070.html

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07.05.2014

BGH macht Weg für Rückzahlungen in Millionenhöhe frei

Der Bundesgerichtshof macht Tausenden Lebensversicherungs-Kunden von Hoffnung: Wer seine Police zwischen 1994 und 2007 abgeschlossen und später gekündigt hat, könnte einen Großteil seiner Prämien zurückerhalten – ohne Abschläge.

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Das entschied das oberste Gericht am Mittwoch in Karlsruhe. Über die genaue Höhe der Rückzahlungsansprüche muss nun das Oberlandesgericht (OLG) Stuttgart entscheiden, an das der BGH den Fall zurückverweist. Das Urteil könnte die Versicherungswirtschaft Millionen kosten.

Bereits im Dezember hatte der Europäische Gerichtshof die deutsche Regelung für mit Europarecht nicht vereinbar erklärt – und die deutschen Gerichte aufgefordert, ihre Rechtsprechung anzupassen. Der BGH hat dem Stuttgarter OLG klare Vorgaben gemacht.

Falsch beraten?

Der BGH hatte zu prüfen, ob Kunden Verträge noch Jahre später rückabwickeln können, falls sie bei Vertragsabschluss nicht ausreichend über ihre Rechte aufgeklärt wurden. Geklagt hatte ein Allianz-Kunde, der mehr als acht Jahre lang Prämien in eine Rentenpolice eingezahlt, diese dann gekündigt und lediglich einen geringen Rückkaufswert ausgezahlt bekommen hatte. Der Mann verlangte die Rückzahlung sämtlicher Versicherungsprämien plus Zinsen für die gesamte Vertragslaufzeit. Das Widerspruchsrecht begründete er mit einer fehlenden Belehrung über seine Rechte zum Widerspruch und damit einer nicht ausreichenden Information des Verbrauchers durch den Versicherer.

Das Verfahren, über das das OLG Stutgart nun nach den Vorgaben des BGH entscheiden muss, betrifft viele zwischen 1994 und Ende 2007 abgeschlossene Altverträge betreffen. Konkret geht es um Klauseln, die die Versicherer seit 2008 nicht mehr verwenden. Danach erlosch das Kündigungs- und Widerspruchsrecht des Kunden spätestens ein Jahr nach der ersten Prämienzahlung – und zwar auch dann, wenn er von diesem Recht gar nichts wusste. Gegen dieses sogenannte „Policenmodell“ läuft eine weitere Klage, die die Gültigkeit der daraus resultierenden Verträge generell anzweifelt.

Mehr Rechte für die Kunden

„Der BGH hat klargestellt, dass ein zeitlich unbefristetes Widerspruchsrecht besteht, wenn der Verbraucher nicht oder nicht ordnungsgemäß über seine Verbraucherrechte, insbesondere sein Widerspruchsrecht belehrt wurde“, sagt der Münchner Steueranwalt Christian Steinpichler, der in einem ähnlichen Fall Versicherungskunden vertritt.

Jeder, der einen Vertrag zwischen 1994 und 2007 abgeschlossen hat, könne nun seine Police darauf hin überprüfen lassen – und auch Jahre nach Abschluss seinen Vertrag nahezu vollständig rückabwickeln, ohne sich mit einem niedrigen Rückkaufswert zufrieden geben zu müssen.

Hartnäckiger Kläger

Im konkreten Fall hatte der Kläger mehr als acht Jahre Prämien in eine Rentenversicherung eingezahlt und bei vorzeitiger Kündigung im Jahr 2007 lediglich einen geringen Rückkaufswert ausgezahlt bekommen. Daraufhin hatte er im Jahr 2008 sein gesetzliches Widerspruchsrecht ausgeübt und die Rückzahlung sämtlicher Versicherungsprämien plus Zinsen für die gesamte Vertragslaufzeit verlangt. Das Widerspruchsrecht begründete er mit einer fehlenden Belehrung über seine Rechte zum Widerspruch und damit einer nicht ausreichenden Information des Verbrauchers durch den Versicherer.

http://www.focus.de/finanzen/versicherungen/lebensversicherung/urteil-zu-lebensversicherungen-bgh-macht-weg-fuer-rueckzahlungen-in-millionenhoehe_id_3825199.html

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05.04.2014

Politik schiebt die Rettung der Lebensversicherer auf

Die Koalition hat ein gesetzliches Hilfspaket für Versicherungen versprochen. Schnell sollte es kommen. Daraus wird nichts – wegen Landtagswahlen. Die Bundesbank spricht von beachtlichen Risiken.

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Das vor einem Monat angekündigte gesetzliche Hilfspaket für deutsche Lebensversicherer verzögert sich. Wie die „Welt“ aus Berliner Koalitionskreisen erfuhr, gestaltet sich die Ausarbeitung des Gesetzentwurfs schwierig. Sowohl zwischen einzelnen Ressorts der Bundesregierung als auch zwischen dem Bund und den Ländern soll es zahlreiche offene Fragen geben.

Nun will man bis zur parlamentarischen Sommerpause Anfang Juli dem Vernehmen nach einen Gesetzentwurf vorlegen. Ursprünglich war dieser schon für Ende März erwartet worden.

„Man ist da etwas forsch herangegangen“, heißt es in Berlin. Doch man könne einen Neuanlauf nur starten, wenn alle Beteiligten dabei seien. Noch gut ist allen Beteiligten in Erinnerung, zu welchem öffentlichen Aufschrei der erste Anlauf vor eineinhalb Jahren geführt hatte.

Lebensversicherer sollen Buchgewinne behalten dürfen

Im Mittelpunkt stehen erneut die Bewertungsreserven. Bisher sind die Versicherer verpflichtet, Kunden, deren Verträge enden, zur Hälfte an diesen Reserven zu beteiligen. Künftig sollen Lebensversicherer diese Buchgewinne behalten dürfen. Das verschafft der Versicherungsbranche Erleichterung. Im Gegenzug sollen die Versicherer die Verbraucher stärker aus anderen Gewinntöpfen bedienen müssen und ihre Provisionen deckeln.

Dem Vernehmen nach stärkt auch das Verbraucherschutzministerium den Versicherungskunden den Rücken. Der für den Verbraucherschutz zuständige Staatssekretär Gerd Billen, der bis vor Kurzem Chef des Bundesverbandes der Verbraucherzentralen war, pocht demnach auf eine angemessene Beteiligung aller Versicherungsnehmer – ganz gleich, wann sie ihren Lebensversicherungsvertrag abgeschlossen hätten. Die Beratungen mit dem Bundesfinanzministerium darüber dauerten an, hieß es beim Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz.

Darüber hinaus haben wohl einzelne Bundesländer, darunter Sachsen und Thüringen, Bedenken gegen die Pläne des Bundesfinanzministeriums angemeldet. Sie befürchten angeblich, dass gerade Kunden, die nach der Wende eine Lebensversicherung abgeschlossen hätten, durch die Neuregelung benachteiligt werden könnten.

Zudem will man dort wohl vermeiden, dass dieses zuletzt stark emotional aufgeladene Thema in dem Wahlkampf eine Rolle spielt. Sowohl in Sachsen als auch in Thüringen stehen im Spätsommer Landtagswahlen an.

Kunden würden um ihre Ansprüche gebracht

Verbraucherschützer wehren sich gegen eine Abschaffung der Beteiligung an den Bewertungsreserven. Damit würden Kunden, die kündigen oder deren Vertrag jetzt ausläuft, um Ansprüche gebracht. Wegen der schwachen Renditen ist der Wert von alten Wertpapieren, die noch hohe Zinsen abwerfen, zuletzt deutlich gestiegen. In den Büchern der Versicherer stehen Bewertungsreserven von 60 Milliarden Euro.

Das geht angeblich an die Substanz vieler Gesellschaften, mit dem Argument fordert die Versicherungswirtschaft seit längerem eine Abschaffung der 50-Prozent-Beteiligung ausscheidender Kunden an den Reserven. Um den Ansprüchen der Kunden nachzukommen, müssten sie sich von den hochverzinslichen Anleihen trennen, die sie noch in ihren Beständen hätten. Das mache es für sie noch schwerer, die den verbliebenen Kunden zugesagten Renditen wenigstens stabil zu halten.

Grundsätzlich setzen die seit Jahren extrem niedrigen Zinsen der Branche immer mehr zu und sorgen dafür, dass ihr traditionelles Geschäftsmodell kaum noch funktioniert. Die Kunden wenden sich in Massen ab, allein im vergangenen Jahr ging das Neugeschäft mit regelmäßigen Beiträgen branchenweit um gut 13 Prozent zurück.

„Beachtliches Gefährdungspotenzial“

Für die Anbieter wird es immer schwerer, die ihren Kunden einmal gemachten Zusagen einzuhalten. Die Bundesbank hatte unlängst berichtet, dass bei anhaltenden Niedrigzinsen ein „beachtliches Gefährdungspotenzial“ bestehe und bis zum Jahr 2023 mehr als ein Drittel der Versicherer nicht mehr die Kapitalanforderungen erfüllen dürften.

Die Marktbereinigung ist ohnehin schon im vollen Gange: Sieben der gut 90 Lebensversicherer in Deutschland wollen nach Angaben der Finanzaufsicht BaFin keine oder kaum noch neue Kunden aufnehmen.

„Man sollte die Probleme nicht überhöhen“, sagt Lothar Binding, finanzpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion im Bundestag, dazu. Es gebe keinen Grund zu einer besonderen Eile bei dem geplanten Rettungspaket für die Branche. Allerdings wäre es aus seiner Sicht gut, das Lebensversicherungsthema bald zum Abschluss zu bringen. „Wir brauchen jetzt einen klaren Zeitplan“, fordert Binding.

Ausschüttungssperre wird auch ausgelotet

Nach den bislang bekannten Plänen der Bundesregierung müssen sich die Versicherer im Gegenzug für die Entlastung bei den Bewertungsreserven darauf einstellen, die Kunden stärker an Überschüssen und Risikogewinnen zu beteiligen: Der Mindestbeteiligungssatz soll von 75 auf 90 Prozent angehoben werden. Risikogewinne sind Erträge, die sich durch eine vorsichtige Kalkulation der Versicherungsunternehmen ergeben.

Ausgelotet wird auch eine Ausschüttungssperre. Das heißt, dass die Anteilseigner bei den Unternehmen, wo die Erfüllbarkeit von Garantiezusagen infrage steht, keine Dividendenzahlungen mehr erwarten können.

Der Widerstand der Branche gegen das geplante Paket ist groß: „Gar nichts wäre mir lieber“, sagte Generali-Chef Dietmar Meister. Vor allem die Obergrenze von Provisionen lehnt Meister ab. Auch Ergo-Chef Torsten Oletzky kritisierte diese und forderte die Politik auf, nur die Ausschüttung der Bewertungsreserven fürs erste zu begrenzen.

http://www.welt.de/finanzen/altersvorsorge/article126592426/Politik-schiebt-die-Rettung-der-Lebensversicherer-auf.html

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19.03.2014

Sieben Versicherer zeichnen kein Neugeschäft

Sieben der 90 Lebensversicherer werden das Neugeschäft ganz oder zum großen Teil einstellen. Grund dafür sind verschärfte Kapitalvorschriften, die 2016 kommen. Vor allem sollen Kosten für den Vertrieb gesenkt werden.

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Sieben der gut 90 Lebensversicherer wollen nach Angaben der Finanzaufsicht BaFin das Neugeschäft ganz oder zum großen Teil einstellen. „Der Markt wird etwas schrumpfen, aber nicht dramatisch“, sagte die Präsidentin der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin), Elke König, der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (Mittwochausgabe). Der Chef der Versicherungsaufsicht in der BaFin, Felix Hufeld, hatte im Herbst gesagt, er rechne damit, dass fünf bis zehn deutsche Lebensversicherer an den verschärften Kapitalvorschriften von „Solvency II“ scheitern könnten, die 2016 eingeführt werden sollen.

König forderte die Lebensversicherer auf, die Kosten zu senken, vor allem im Vertrieb. „In der Lebensversicherung ist noch ein zu hoher Kostenblock enthalten.“ Die Bundesregierung arbeitet derzeit an einem Gesetz, das unter anderem die Vertriebsprovisionen für die Versicherungsvertreter deckeln soll. Bisher fließen die Beiträge der Versicherten in den ersten Jahren vor allem in die Taschen der Vermittler.

http://www.handelsblatt.com/finanzen/vorsorge-versicherung/nachrichten/lebensversicherung-sieben-versicherer-zeichnen-kein-neugeschaeft/9636828.html

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19.03.2014

Bafin-Chefin zu Lebensversicherungen:

Die Reserven gehören allen“

Die oberste Finanzaufseherin Elke König will die Lebensversicherung für die Altersvorsorge retten. Die Reform hält sie daher für notwendig. Wem die Bewertungsreserven zustehen, bleibt indes umstritten.

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Die Lebensversicherung muss nach Meinung der Finanzaufsicht Bafin klarer als Produkt zur Altersvorsorge positioniert werden. „Dem Bürger muss bewusst sein, dass die Lebensversicherung ein Vertrag mit einer langfristigen Bindung ist“, sagte die Präsidentin der Bafin, Elke König, in einem Gespräch mit dieser Zeitung. Der Kunde müsse sich darüber im Klaren sein, dass es für ihn regelmäßig nachteilig sei, wenn er die Lebensversicherung nach kurzer Zeit wieder kündigt. „Das Prinzip der garantierten Leistung für die Versichertengemeinschaft muss Vorrang haben vor möglichst hohen Auszahlungen für einzelne Versicherungsnehmer“, sagte König.

Vor diesem Hintergrund verteidigt König auch die Vorschläge der Bundesregierung für eine Reform der Lebensversicherung. Umstritten ist die Absicht, Versicherungsnehmer, deren Policen in diesem Jahr oder in naher Zukunft fällig werden, nicht an den hohen Bewertungsreserven für festverzinsliche Wertpapiere teilhaben zu lassen. Diese Bewertungsreserven sind nach der im Herbst 2008 ausgebrochenen Finanzkrise angefallen. Im Zuge dieser Krise haben die Europäische Zentralbank und die amerikanischen Notenbank Fed eine extrem expansive Geldpolitik eingeleitet und den Finanzmärkten so viel Liquidität bereitgestellt, dass die Renditen auf den Zinsmärkten zeitweise auf historische Tiefststände gefallen sind und auch heute noch historisch niedrig sind.

Dadurch sind Anleihen, die vor Ausbruch der Finanzkrise emittiert worden sind, stark im Kurs gestiegen. Kritiker des geplanten Gesetzespakets berufen sich auf ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts aus dem Jahr 2005, in dem die Verfassungsrichter Bewertungsreserven den Versicherungsnehmern und nicht den Versicherungsgesellschaften zusprachen. Welchen Versicherungsnehmern diese Bewertungsreserven zustehen, entschieden die Richter damals nicht. Das sorgt heute für Streit. Es geht um viel Geld. Ende 2012 beliefen sich die Bewertungsreserven insgesamt auf mehr als 100 Milliarden Euro (siehe Grafik). Ende 2013 waren es rund 70 Milliarden Euro.

Die derzeit hoch bewerteten Anleihen gehören dem Kollektiv

Die Bewertungsreserven gehören der Gesamtheit der Versicherungsnehmer, und diesen Grundsatz halte ich für richtig“, meint König. „Wer eine Lebensversicherung abschließt, beteiligt sich ja an einem Kapitalstock, den die anderen Versicherungsnehmer zuvor aufgebaut haben.“ Die geltenden unverhältnismäßigen Beteiligungsregeln begünstigten 7 Millionen ausscheidende Versicherte zum Nachteil der 88 Millionen verbleibenden. „Es geht darum, einen generationengerechten Ausgleich innerhalb der Versichertengemeinschaft zu schaffen“, sagte König.

Jene Versicherungskunden, die heute die Bewertungsreserven ausbezahlt bekommen wollten, hätten bei Abschluss ihrer Police ohnehin nicht den starken Zinsverfall vorhersehen können.

Sollten sich die Verfechter einer Ausschüttung der Bewertungsreserven durchsetzen, hätte dies negative Folgen für die große Gemeinschaft der Versicherungsnehmer. „Die Lebensversicherer müssten dann Anleihen generell zum Höchstkurs verkaufen, um diese Bewertungsreserven zu heben“, sagte König. „Und sie müssten den Erlös zu den niedrigeren Zinsen wieder anlegen.“ Die Anleihen, die jetzt hoch bewertet seien, gehörten nicht einzelnen Versicherungsnehmern, sondern dem Kollektiv der Versicherten. „Die Zinsen dieser Anleihen liegen über den aktuellen Kapitalmarktzinsen für Neuanlagen und finanzieren die Garantieleistungen des gesamten Bestandes“, sagte König. „Die Bewertungsreserven festverzinslicher Wertpapiere lösen sich über ihre Laufzeit automatisch auf.“ Schütte man die momentan rein auf dem Papier vorhandenen Reserven an ausscheidende Kunden aus, schwäche man die Substanz zu Lasten der übrigen Versicherten.

Wir müssen alles tun, um die garantierten Ansprüche, die die Versicherungsnehmer aus ihren Verträgen haben, langfristig zu sichern“, sagte die Bafin-Präsidentin. „Das Gesetzespaket kommt somit nicht den Versicherungsunternehmen zugute, sondern den Versicherten.“

Garantien sind Sache der Versicherer, nicht der Bafin

Sieben der gut 90 Lebensversicherer unter Bundesaufsicht wollen nach Informationen der Bafin kein oder kein nennenswertes Neugeschäft mehr zeichnen. „Der Markt wird etwas schrumpfen, aber nicht dramatisch“, erwartet König. Allerdings müssten die Lebensversicherer die Kosten, besonders im Vertrieb, senken. „In der Lebensversicherung ist noch ein zu hoher Kostenblock enthalten.“

Angesichts des niedrigen Zinsniveaus müssen die Lebensversicherer seit 2011 eine Zinszusatzreserve bilden. Bisher haben die Lebensversicherer rund 13 Milliarden Euro zurückgelegt. „Die Zinszusatzreserve kostet also richtig Geld, aber sie ist richtig“, betonte die Bafin-Präsidentin. „Die Zinszusatzreserve ist notwendig, um die Lebensversicherten vor Ereignisse zu schützen, die sonst die ökonomische Substanz der Lebensversicherung aushöhlen könnten.“ Dieser Posten bedeute große Anstrengungen für die Lebensversicherer, doch was jetzt als zusätzliche Vorsorge für längere Zeiten niedriger Zinsen machbar und möglich ist, müsse getan werden, um die gegebenen Garantien abzusichern. „Die Zinszusatzreserve kommt bei ihrer Auflösung in der Zukunft in vollem Umfang den Versicherten zugute.“

Das Gesetzespaket hält die Aufseherin für erforderlich, um die Lebensversicherung zukunftsfähig zu machen. „Wir brauchen in der Altersvorsorge Sparformen mit Garantieelementen“, sagte König. Die Garantien auszugestalten sei allerdings Aufgabe der Versicherer, nicht der Bafin. Die Versicherungsbranche solle kreative und transparente Lösungen finden.

http://www.faz.net/aktuell/finanzen/meine-finanzen/vorsorgen-fuer-das-alter/nachrichten/lebensversicheungen-bafin-chefin-verteidigt-reform-12852622.html

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18.03.2014

Der Absturz der Lebensversicherung in fünf Akten

Ein Drama aus Gier, Bequemlichkeit und Überregulierung hat zum Niedergang der einst so beliebten Kapitallebensversicherung geführt. Für die Deutschen bedeutet das eine schmerzhafte Erkenntnis.

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Markus Rieß gab sich vollkommen unbeeindruckt. Wie ein Mantra verkündete der Chef von Allianz Deutschland vergangene Woche in Unterföhring: „Nur eine Lebens- und Rentenversicherung garantiert ein lebenslanges zusätzliches Einkommen.“

Jede andere Form des Sparens sei mit höheren Risiken behaftet. Und damit als Altersvorsorge weniger geeignet. Seine Zuhörer warfen sich ratlose Blicke zu. Steckt die Branche nicht in ernsthaften Schwierigkeiten? Plant die Regierung in Berlin nicht gerade eine Art Rettungspaket für Versicherungen?

Kritische Nachfragen perlten an dem Allianz-Chef jedoch ab. „Bislang haben Kritiker keinen sinnvollen Vorschlag gemacht, wie Verbraucher neben der staatlichen Rente eine bessere, sichere und lebenslange Altersvorsorge aufbauen können.“ Für manche klang das wie eine blinde Flucht nach vorn.

Alle Branchenprobleme kreisen um die Niedrigzinsen

Denn viele Konkurrenten des Branchenprimus sind in ernsthaften Schwierigkeiten. Die andauernde Niedrigzinsphase lässt die Anlagegewinne der Anbieter dramatisch zusammenschmelzen. Viele wissen nicht mehr, ob sie in Zukunft die garantierten Zinsen auszahlen können.

Im Finanzministerium hat man die Hilferufe der Konzerne offenbar erhört. Sowohl Aktionäre als auch Versicherte sollen künftig helfen, eine existenzbedrohende Schieflage zu verhindern. Als Erstes soll die erst 2008 eingeführte Beteiligung der Kunden an Bewertungsreserven gestrichen werden.

Diese Reserven entstehen in den Bilanzen der Versicherer durch Kursgewinne vor allem von Zinspapieren, die die Anbieter mit dem Geld ihrer Kunden kaufen. Da bei aktuell niedrigen Zinsen die Kursgewinne hoch sind, sind die Kunden im Vorteil, die jetzt ausbezahlt werden.

Wird hier nun ein Deckel draufgelegt, steigt die Finanzstabilität. Die Auszahlungen der übrigen Versicherten, argumentieren die Anbieter, seien dann besser geschützt – so wie es jahrelang üblich war. Das geplante Gesetz sieht auch vor, Versicherte stärker an Risikoüberschüssen zu beteiligen.

Quo vadis, Lebensversicherung?

Das alles klingt zunächst logisch und gerecht. Der Branchenverband GDV spricht von einer „Brücke über die Niedrigzinsphase“. Doch wahrscheinlich wird auch dieses Rettungspaket nicht verhindern, dass die Kapitallebensversicherung im Nirwana der Anlageprodukte verschwindet.

Im vergangenen Jahr ging die Zahl der Neuabschlüsse bereits um 13,1 Prozent zurück. Sofern sich die Lage am Kapitalmarkt nicht ändert, dürften die Kunden weiterhin zurückhaltend sein – abgesehen von wohlhabenden Älteren, die mangels besserer Ideen hohe Einmalbeträge einzahlen.

Skepsis scheint angebracht, nicht nur wegen niedriger Zinsen, sondern auch weil unklar ist, wie die Kapitallebensversicherung in Zukunft funktionieren soll. Kunden und Anbieter müssen stets mit neuen Eingriffen rechnen.

Die neuen Regelungen etwa sollen auch für alte Verträge gelten. Sie könnten so schnell in Kraft treten, dass viele Kunden kaum Zeit haben, darauf zu reagieren. An welchen Gewinnen und Reserven ein Versicherungsnehmer beteiligt wird, ist nicht mehr vorhersehbar.

Bühnendrama mit immer mehr Beteiligten

Die rund 92 Millionen Lebens-Policen in Deutschland, das beliebteste Vorsorgemodell überhaupt, sind Teil eines Bühnendramas geworden, in dem immer mehr Parteien mitspielen. Während sich die Anbieter und Vermittler an das margenträchtige Geschäft klammern, rufen Verbraucherschützer nach besseren Leistungen und niedrigeren Kosten.

Die Assekuranzen denken sich ständig neue Tricks aus, um Gebühren einzustreichen. Immer wieder werden sie von Gerichten zurückgepfiffen. Zunehmend schreitet der Gesetzgeber ein, während die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) im Hintergrund vor Finanzrisiken warnt.

Stets drohen neue Zinssenkungen durch die Europäische Zentralbank (EZB). Der deutsche Sparer dagegen sitzt zu Hause und möchte doch so gern einen bequemen Vertrag zum Sparen und Absichern unterschreiben – und merkt dabei nicht, dass er selbst Teil einer jahrzehntelangen Finanztragödie ist, die möglicherweise bald ihren letzten Akt erlebt.

Wie konnte es so weit kommen? Der Blick auf den Lauf des Bühnendramas zeigt, wie eine Mischung aus Sicherheitsbedürfnis und Bequemlichkeit, Gier und Betrug und nicht zuletzt den unberechenbaren Kräften der Märkte eine ursprünglich gute Produktidee in ein dysfunktionales Monster verwandelt hat.

1. Akt. Die Existenzfrage

Ursprünglich war die Lebensversicherung nur zur Absicherung existenzieller Gefahren gedacht, nicht als Sparmodell. Schon aus dem alten Zweistromland Mesopotamien gibt es Zeugnisse, die darauf hindeuten, dass sich Menschen gegenseitig finanziell absicherten.

Im antiken Rom wurde daraus ein größeres Geschäft, wobei es immer darum ging, die Angehörigen für den eigenen Todesfall zu versorgen. Je größer der Reichtum, desto größer war die Angst. Über die Jahrhunderte entwickelten sich viele Modelle. Es entstanden zahlreiche berufsständische Policen.

Im Jahr 1827 wurde in Deutschland die Gothaer Lebensversicherungsbank gegründet. Sie warb für ihr Produkt: Eine Lebensversicherung bediene das Bedürfnis, „die ihres Hauptes beraubte Familie gegen Mangel zu sichern, das eigene Gemüht aber von der Qual zu befreien, welche der Gedanke an einen frühzeitigen Tod bei unerzogenen Kindern und der Vermögensunzulänglichkeit der Witwe mit sich führt“.

Der erste Direktor der Gothaer Lebensversicherungsbank war Gustav Hopf (1808–1872). Er reiste häufig nach England, in das Land der Finanzinnovationen, und hatte dann eine revolutionäre Idee – die gemischte deutsche Versicherung, in der eine Auszahlung sowohl für den Todes- als auch für den Erlebensfall nach einem bestimmten Ablaufdatum vorgesehen ist. Die Lebensversicherung als Spar- und Renditemodell war geboren.

Für manche war dies schon der Sündenfall. „Die Kapitallebensversicherung ist ein Konstruktionsfehler“, sagt Sandra Klug, Versicherungsexpertin der Verbraucherzentrale Hamburg. Die Kombination aus Risiko-Police und Sparvertrag passe einfach nicht zusammen.

Dennoch war die deutsche Kapitallebensversicherung ein Erfolgsmodell. Sie überstand in ihrer grundlegenden Form zwei Weltkriege, Staatspleiten und Währungsreformen. Warum dann nicht diese Finanzkrise und eine bislang überschaubare Phase mit niedrigen Zinsen?

2. Akt. Die Vermittler

Anfang der 70er-Jahre treten die Finanzdienstleister auf den Plan. Es entstanden Vermittler wie DVAG oder MLP. Sie gehen offensiv auf Kundensuche und vergrößern damit die Reichweite der Versicherungsanbieter. Das lassen sich die Vertreter gut bezahlen, die früher auch ohne spezifische Ausbildung ins Geschäft einstiegen.

Die Versicherungsnehmer zahlen ihre Beiträge jahrelang zunächst an die Vermittler, ohne zu wissen, um welche Beträge es geht. Heute beträgt allein die Abschlussprovision vier Prozent der Versicherungssumme. Und in den letzten Jahren ist der Provisionsanteil an den Betriebskosten sogar gestiegen.

Zwischen 2005 und 2011 um 13 Prozent, wie eine Studie des Beratungsunternehmens Oliver Wyman zeigt. Bei Lebensversicherungen gehen 59 Prozent der Kosten für Provisionen drauf. Jedes Prozent schmälert die Rendite.

Trotzdem finden viele Deutsche diese Art der Beratung bequem und verbringen ihren Feierabend gern mit dem Berater auf dem Sofa. Und die meinten es doch nur gut, sagt Michael Heinz, ehrenamtlicher Präsident des Bundesverbandes Deutscher Versicherungskaufleute und seit 30 Jahren Vermittler im nordrhein-westfälischen Siegen.

„Wo bekommen die Menschen denn sonst einen Todesfallschutz, drei Prozent Zinsen und eine lebenslange Rente?“, fragt er. Die finanzielle Lage der Vermittler sei außerdem alles andere als rosig: „Da wird immer von üppigen Einkommen der Vermittler gesprochen, von Sportwagen, mit denen sie angeblich umherfahren. Das ist Quatsch.“

Ein Vermittler komme im Durchschnitt jährlich auf Bruttoprovisionserträge von 52.000 Euro. Dass die Spanne zwischen Anfängern und Altgedienten groß ist, sagt Heinz allerdings nicht. Stattdessen wettert er gegen einen Provisionsdeckel, der ebenfalls in der Branche und in Berlin diskutiert wird. Damit wollten die Versicherer nur Kosten sparen. Im Übrigen seien die Vermittler qualifizierter als früher.

„Ich habe nicht den Eindruck, dass sich die Beratung beim Thema Lebensversicherung geändert hat“, sagt dagegen Verbraucherschützerin Klug. „Versicherungsvertreter und Strukturvertriebe machen das Gleiche wie immer.“ Es sei nach wie vor üblich, Kosten eher zu verschweigen, als sie vollständig offenzulegen. Doch auch die Kunden verhielten sich weiterhin passiv.

„Viele wollen sich nicht ernsthaft mit ihrer Geldanlage auseinandersetzen.“ 1982 stiegen die Verbraucherschützer dann mit auf die Bühne. In einer Warnschrift der Verbraucherzentrale Hamburg hieß es, eine kapitalbildende Lebensversicherung sei „legaler Betrug“. Sie bemängelten die hohen Kosten und das Minusgeschäft bei vorzeitiger Kündigung. Es gab einen heftigen Gerichtsstreit mit der Branche, die Verbraucherschützer gewannen.

3. Akt. Der Boom

Das Wachstum der Finanzindustrie in den 80er- und 90er-Jahren weckte Begehrlichkeiten. Die Verkaufsmethoden wurden aggressiver, die Zahl der Policen stieg schnell an. Als Verkaufsargument führte man den Garantiezins ein, der auf jeden Fall gezahlt werden sollte. In Zeiten von Anleihezinsen um die sieben Prozent schien eine Auszahlung von vier Prozent plus Überschüssen problemlos.

Heute bereiten diese alten Vier-Prozent-Verträge Probleme. Und manche Anbieter üben Selbstkritik. Ralf Kantak, Vorstandsvorsitzender der Süddeutschen Lebensversicherung, sagt: „Die Branche hat einen großen Fehler gemacht, weil sie die Lebensversicherung als Kapitalanlageprodukt verkauft hat. Das passiert immer wieder mit den zahlreichen Produkten mit Einmalbeiträgen.“ Da werde die Lebensversicherung als Renditebringer verkauft. „Das ist sie aber nicht.“

„Solange die Kapitallebensversicherung als Nischenprodukt verkauft wurde, war sie gut“, sagt Axel Kleinlein, Versicherungsmathematiker und Vorstandssprecher des Bundes der Versicherten. In den 90er-Jahren habe die Versicherungsindustrie aber teilhaben wollen am Run auf Kapitalmarktprodukte: „Das war Gier – und reine Selbstüberschätzung.“ Die Versicherer hätten sich dafür eingesetzt, den Garantiezins von 3,5 auf vier Prozent anzuheben.

Rainer Fürhaupter, Chef der Deutschen Aktuarvereinigung (DAV), sieht das anders: „Damals bekamen wir mächtig Druck von den Verbraucherschützern, ein größerer Teil der erwirtschafteten Erträge müsste den Versicherten zugutekommen. Und so haben wir uns für die vier Prozent entschieden, aber das war nur eine kurze Zeit.“ Nicht immer hätten die Verbraucherschützer die langfristige finanzielle Funktion eines Produkts im Blick.

4. Akt. Die Enttäuschung

Zu den Anbietern, Vermittlern, Kunden und Verbraucherschützern gesellt sich im Jahr 2003 eine weitere Figur: die Auffanggesellschaft Protektor. Sie soll bei der Pleite eines Versicherers die laufenden Verträge weiterführen. Und es gibt einen Anlass: Die Mannheimer Leben muss aufgrund von Fehlspekulation Insolvenz anmelden.

Mehr als 300.000 Verträge sind damals betroffen. Rudolf Geburtig, einer der Protektor-Vorstände, zeigt sich noch heute überrascht von der Kundentreue: „Bei der Rettung der Mannheimer Leben haben wir gesehen, dass die meisten Kunden ihre Verträge fortführen.“ Obwohl ihre Renditen niedriger ausfielen.

Die Treue halten die Kunden auch, als im Januar 2004 der Garantiezins unter drei Prozent, auf 2,75 Prozent fällt.

Angesichts der zunehmenden Probleme in der Lebensversicherung sieht sich auch der Gesetzgeber immer häufiger genötigt, einzuschreiten. Möglicherweise zu häufig. Im Januar 2005 fällt zunächst das Steuerprivileg. Bis dahin konnten die Beiträge als Sonderausgaben abgesetzt werden.

Und die Auszahlungen waren steuerfrei, sofern der Vertrag zwölf Jahre lang lief und fünf Jahre lang Beiträge gezahlt wurden. Seit 2005 fällt nun die halbe Kapitalertragsteuer an – aber auch nur, wenn der Versicherte sein 60. (seit 2012 sein 62.) Lebensjahr erreicht hat. Eines der wichtigsten Verkaufsargumente war also weg.

Und trotzdem steigt die Zahl der Policen in Deutschland auf den bisherigen Rekordwert von 97,2 Millionen.

2008 wird im Versicherungsvertragsgesetz die heute umstrittene Beteiligung an den Bewertungsreserven eingeführt – ein Sieg der Verbraucherschützer. „Die Bewertungsreserven sind ja nun einmal da, und sie wurden mit dem Geld der Versicherten angeschafft. Es ist daher richtig, sie daran zu beteiligen“, sagt Sandra Klug.

Manfred Poweleit, Chefredakteur des Branchendienstes map report, sagt dagegen: Die heute geltende Regelung „war das Dümmste, was man machen konnte“. Jetzt seien die Versicherungen dazu gezwungen, lang laufende Anleihen zu liquidieren, wenn zu viele Kunden vorzeitig kündigten.

„Die Verbraucherschützer denken, dass es bei Versicherungen aussieht wie bei Dagobert Duck im Geldspeicher. Das ist aber nicht so.“ Die Beteiligung benachteilige viele Kunden, die ihren Vertrag bis zum Ende durchhielten.

Die allerdings sind zunehmend in der Minderheit. Vor 30 Jahren behielt etwa die Hälfte der Kunden ihren Vertrag bis zum Schluss, heute werden über 70 Prozent der Verträge während der Laufzeit storniert. „Dass jemand kündigt, ist heute der Normalfall“, sagt Klug.

5. Akt. Das Finale

Infolge der Finanzkrise senken die Notenbanken weltweit die Leitzinsen. Anleihen, die bevorzugte Anlageform der Versicherer, werfen immer weniger Rendite ab. Viele Gesellschaften haben Schwierigkeiten, genug Gewinn zu erwirtschaften, um ihre Garantien einzuhalten.

Im Oktober 2013 beantragen mehr als zehn Gesellschaften bei der BaFin die zeitweise Aussetzung der Beteiligung ihrer Kunden an ihren Gewinnen. Im November 2013 warnt BaFin-Aufseher Felix Hufeld: „Ich bin nicht sicher, ob alle Versicherer es schaffen werden.“ Spätestens Anfang 2016, wenn die neuen Kapital-Vorgaben in Europa gelten sollen, könne den ersten Versicherern das nötige Eigenkapital fehlen.

Aktuar Fürhaupter weiß, wie es weitergeht, wenn der Vorhang gefallen ist: „Die Deutschen werden ihre Gewohnheiten ändern müssen.“ Es werde keine festen hohen Garantien mehr geben. Feste Zinsversprechen könnten allenfalls noch über 20 bis 25 Jahre gemacht werden. „Aber nicht lebenslang.“

http://www.welt.de/finanzen/altersvorsorge/article125911985/Der-Absturz-der-Lebensversicherung-in-fuenf-Akten.html

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12.03.2014

Das ist ein Geschenk an die Versicherer“

Von den hohen Bewertungsreserven der Lebensversicherungen profitieren nur fünf Prozent der Kunden. Das stellte der Branchenverband GDV fest. Verbraucherschützer erklärten dagegen, fast alle Kunden seien betroffen.

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Die Versicherer stellen sich im Streit um Lebensversicherungen hinter das Finanzministerium. „Wir begrüßen die Ankündigung des Bundesfinanzministeriums, in dieser Angelegenheit aktiv zu werden“, erklärte der Präsident des Gesamtverbandes der Versicherungswirtschaft (GDV), Alexander Erdland, in Berlin.

Ziel der Branche sei es, der Lebensversicherung Brücken zu bauen über die Niedrigzinsphase. Denn die Versichertengemeinschaft insgesamt verdiene Gerechtigkeit. „Die niedrigen Zinsen haben die Marktwerte der festverzinslichen Wertpapiere in den Beständen der Versicherer unnatürlich aufgeblasen“, sagte Erdland. Davon profitierten nur fünf Prozent der Versicherten – zu Lasten der großen Mehrheit. Diese Zahl bezieht sich auf die auslaufenden Verträge in einem Jahr.

Die Versicherer bräuchten auch langfristig planbare Kapitalerträge, um langlaufende Zinsversprechen zu erfüllen. Die heutige Gesetzeslage habe das krasse Gegenteil zur Folge. Sie zwinge die Versicherer, gut verzinste Papiere aus dem Bestand zu versilbern und sichere Zinserträge aufzugeben.

Der Bund der Versicherten erklärte dagegen, die geplanten Überschusskürzungen würden sich auf alle Versicherten auswirken, die mit den üblichen Kapitallebensversicherungen, Riester-Renten, Rürup-Renten und anderen Vorsorgetarifen, Altersvorsorge betrieben. Einzig Kunden mit einer reinen fondsgebundenen Versicherung seien nicht betroffen.

Weit über 90 Prozent aller Versicherungskunden müssen zum Teil um hohe Summen der Überschussbeteiligung fürchten“, erklärte Axel Kleinlein, Vorstandssprecher des BdV. Anders als von Versicherungslobby und neuerdings auch von der Regierung suggeriert, seien die Bewertungsreserven kein außergewöhnliches Ereignis der Niedrigzinsphase.

Kleinlein: „Das ist ein Reformpaket, das so gut wie ausschließlich den Versicherungsunternehmen zugute kommt.“ Die geplanten Kürzungen bei der Ausschüttung von Bewertungsreserven seien „ein echtes Geschenk an die Versicherungswirtschaft“. Hier werde ein verfassungsrechtlicher Anspruch der Kunden ausgehebelt.

Vordergründig geht es vor allem um die Bewertungsreserven auf Staatsanleihen und andere festverzinsliche Wertpapiere, die die Lebensversicherer zur Hälfte an die Kunden ausschütten müssen, obwohl sie nur durch die Niedrigzinsphase und nur auf dem Papier entstehen.

Bis zum Ende der Laufzeit der Wertpapiere sinken sie wieder auf null. Das Geld kommt also nur jenen Kunden zu Gute, deren Verträge jetzt auslaufen oder die kündigen. Nach einem Bericht der „Süddeutschen Zeitung“ geht es dabei allein in diesem Jahr um zwei Milliarden Euro. Das Geld fehlt aber treuen Versicherten, die länger dabei bleiben.

Die unerwartet hohen Ausschüttungen bringen die Branche in Zugzwang. Die Bundesbank war schon im Finanzstabilitätsbericht 2013 zu dem Ergebnis gekommen, dass das Niedrigzinsumfeld die Versicherer schwäche, deren Neuanlagen in festverzinsliche Papiere wie Staatsanleihen deutlich kleinere Renditen abwerfen.

Ein Anlauf zur Reform des Systems war im vergangenen Jahr unter anderem am Protest von Verbraucherschützern gescheitert, die die Lebensversicherten übervorteilt sahen. Deshalb plant die Bundesregierung nun ein „ausbalanciertes Paket verschiedener Maßnahmen“, wie eine Sprecherin des Finanzministeriums sagte.

Die deutschen Versicherer konnten die Beiträge im Geschäftsjahr 2013 um insgesamt drei Prozent auf 187,1 Milliarden Euro steigern. Einen wichtigen Anteil daran hatten Rentenversicherungen, die gegen Einmalbeitrag abgeschlossen wurden. Die Beitragseinnahmen in der Lebensversicherung wuchsen um vier Prozent auf 90,8 Milliarden Euro.

Die deutschen Versicherer haben sich im Jahr 2013 gut behauptet. Trotz anhaltend niedriger Zinsen und einer weiter sinkenden Sparquote bei den Deutschen erzielte die Branche ein respektables Geschäftsergebnis“, sagte GDV-Präsident Erdland. „Für 2014 rechnen wir mit einem etwas moderaterem Beitragswachstum.“

Bei Lebensversicherern, Pensionskassen und Pensionsfonds fielen die Einmalbeiträge erneut hoch aus. Das sind hohe Beträge, die Kunden auf einen Schlag einzahlen. Mit einem Plus von 14,2 Prozent zum Vorjahr lagen sie bei 25,7 Milliarden Euro im vergangenen Jahr.

Dagegen gingen die laufenden Beiträge, also das Geld von kleinen Kunden, im Neugeschäft um 13,1 Prozent auf 5,3 Milliarden Euro zurück. Rund 75 Prozent der Einmalbeiträge flossen in Rentenversicherungen. Ein Großteil der Verträge dürfte mit dem Ziel der längerfristigen Vorsorge abgeschlossen worden sein, erklärte der Branchenverband GDV.

Das Neugeschäft in der Lebensversicherung zeigte damit ein zweigeteiltes Bild. Verträge gegen laufenden Beitrag liefen vergleichsweise schwach, das Geschäft gegen Einmalbeitrag legte hingegen deutlich zu. Neben den anhaltenden Niedrigzinsen sei dafür auch die Bevölkerungsalterung verantwortlich, erklärte der GDV.

Die geburtenstarken Jahrgänge der Babyboomer sind inzwischen Mitte vierzig bis fünfzig Jahre alt. Sie tragen damit wesentlich zum Wachstum des Geschäfts gegen Einmalbeitrag bei. Dagegen sei der Pillenknick der 70er-Jahre im Neugeschäft gegen laufenden Beitrag angekommen, analysieren die Versicherer. Weniger Kunden im Alter zwischen Mitte 20 und Mitte 40 würden Vorsorgeverträge abschließen.

Diese Verschiebung der Nachfrage wird sich vermutlich auch in den kommenden Jahren fortsetzen, glauben die Versicherer. Als besonders erfreulich bezeichnen sie dabei den weiteren Rückgang der Stornoquote. Sie weise mit 3,32 Prozent den niedrigsten Wert seit über 20 Jahren auf. Im Vorjahr waren es 3,48 Prozent.

Die Versicherer werten diese Zahlen im aktuell schwierigen Umfeld als Vertrauensbeweis der Kunden in ihre Lebensversicherung. Ziel der Branche bleibe es, die Stornoquote noch weiter abzusenken. Verbraucherschützer beurteilen diese Zahl anders. Denn wer vorzeitig seine Lebensversicherung kündigt, nimmt in aller Regel Verluste in Kauf. Da die Branche rund 90 Millionen Verträge verwaltet, geht es jedes Jahr um Millionen von Kunden.

Lebensversicherungskunden haben im vergangenen Jahr Leistungen in Höhe von voraussichtlich 80 Milliarden Euro erhalten. Das bedeutet einen Anstieg der Leistungsauszahlungen um knapp fünf Prozent. Pro Tag zahlten die Lebensversicherer 2013 damit knapp 220 Millionen Euro an ihre Kunden aus.

Der Gesamtbestand der Lebensversicherungen einschließlich Pensionskassen und Pensionsfonds liegt mit 91,8 Millionen Verträgen nach Einschätzung der Branche weiter auf hohem Niveau. Allerdings verzeichneten sie gegenüber dem Vorjahr einen deutlichen Rückgang. 2012 verwaltete die Branche noch 93,0 Millionen Verträge.

Die Versicherer teilten weiter mit, dass die Beitragseinnahmen der privaten Krankenversicherungsunternehmen 2013 um 0,7 Prozent auf 35,9 Milliarden Euro gestiegen sind. 33,8 Milliarden Euro entfallen davon auf die Krankenversicherung. Das entspricht einem Plus von 0,6 Prozent. In der Pflegeversicherung beträgt der Zuwachs 1,7 Prozent verglichen mit dem Vorjahr.

Die Prämien in der dritten großen Sparte, der Schaden- und Unfallversicherung, stiegen um drei Prozent auf 60,4 Milliarden Euro. Alle Sparten – bis auf die Unfall- und die Transportversicherung – hätten im vergangenen Jahr ein Beitragswachstum verzeichnet, so die Versicherer

Diese Sparte spürte in extremer Weise die zahlreichen Unwetter im vergangenen Jahr. Deshalb erhöhten sich die Leistungen der Branche hier wesentlich stärker als die Einnahmen. Die Branche wird voraussichtlich mit 49,4 Milliarden Euro etwa 11,6 Prozent mehr Geld auszahlen – ist damit aber insgesamt betrachtet noch im Plus, wenn man Einnahmen und Ausgaben betrachtet. Nie zuvor allerdings hätten die Schaden- und Unfallversicherer in Deutschland soviel für ihre Kunden geleistet, stellten die Versicherer allerdings heraus.

http://www.handelsblatt.com/finanzen/vorsorge-versicherung/nachrichten/streit-um-reformpaket-das-ist-ein-geschenk-an-die-versicherer/9604372.html

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11.03.2014

Notprogramm: Kunden müssen Versicherer mit 2 Milliarden Euro retten

Die niedrigen Zinsen machen Lebensversicherern zu schaffen. Die Versicherer machen Verluste durch die vor Jahren festgeschriebenen Garantiezinsen bei Lebensversicherungen. Jetzt springt der Staat ein: Ein neues Gesetz soll die Ausschüttung der Bewertungsreserven an die Versicherten abschaffen. Dadurch entgehen ihnen bis 2015 insgesamt 2 Milliarden Euro.

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Die Bundesregierung will Versicherte für die finanziell schlecht dastehenden Versicherer in die Verantwortung ziehen. Sie sollen auf die Auszahlung der Bewertungsreserven verzichten. Ein entsprechendes Gesetz ist bereits auf dem Weg und soll Medienberichten zufolge in den nächsten Wochen stehen. Versicherte, deren Verträge in diesem Jahr auslaufen oder die diese Verträge kündigen müssten danach auf insgesamt zwei Milliarden Euro verzichten.

Die Versicherer machen unter anderem mit Lebensversicherungen ein Verlustgeschäft, da sie ihren Kunden über Jahre hinweg hohe Zinsen garantiert haben, die im derzeitigen Niedrigzinsumfeld mit neuen Produkten nicht zu erwirtschaften sind.

Der SZ zufolge wird zudem eine Senkung des Garantiezinses von 1,75 auf 1,25 Prozent ab 2015 erwogen. „Das Bundesfinanzministerium strebt eine langfristige und umfassende Stabilisierung der Lebensversicherungen an“, sagte der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesfinanzministerium, Michael Meister. Ziel sei ein „fairer Ausgleich“ zwischen allen Beteiligten, also den Versicherten und den Aktionären.

Nach Angaben aus der schwarz-roten Koalition ist nicht nur im Gespräch, die Beteiligung ausscheidender Versicherungskunden an den sogenannten Bewertungsreserven neu zu regeln. Im Gespräch sei etwa auch eine Begrenzung von Vermittlungsprovisionen.

Die Bundesbank war in ihrem Finanzstabilitätsbericht 2013 zu dem Ergebnis gekommen, dass das Niedrigzinsumfeld die Lebensversicherer schwächt, da Neuanlagen geringere Renditen abwerfen. Ein erster Versuch der früheren Bundesregierung, die Versicherer daher bei der vorgeschriebenen hälftigen Ausschüttung ihrer Bewertungsreserven zu entlasten, war am Widerstand des von der SPD dominierten Bundesrates gescheitert.

Bewertungsreserven sind Kursgewinne der Kapitalanlagen, an denen die Versicherten beteiligt werden müssen. Bisher werden Kunden bei Kündigung oder regulärem Ablauf ihrer Police zur Hälfte an den Bewertungsreserven beteiligt. Im Fokus stehen die vorübergehenden stillen Reserven auf festverzinsliche Anlagen. Diese müssen nach geltendem Recht zum Teil an die Kunden ausgeschüttet werden.

Hoch verzinsliche Wertpapiere, die die Versicherer vor Jahren erworben haben, sind aufgrund der generell niedrigen Zinsen für die Versicherungsgesellschaften enorm wertvoll geworden. Um die Garantiezinsen gewährleisten und die Bewertungsreserven auszahlen zu können, müssen Versicherer immer mehr dieser wertvollen Finanzprodukte verkaufen.

Wenn das von der Regierung geplante Gesetz verabschiedet wird, tragen die Versicherten den Schaden, deren Verträge weiterlaufen. Denn sie müssen mit weniger Rendite und einer sinkenden Beteiligung an den Bewertungsreserven rechnen.

Damit entlässt der Staat die Versicherungsgesellschaften aus der Verantwortung und mischt sich zum Nachteil der Versicherten in dessen Angelegenheiten ein.

http://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2014/03/11/notprogramm-kunden-muessen-versicherer-mit-2-milliarden-euro-retten/

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09.03.2014

Nach Gesetzesänderung müssen Millionen Lebensversicherungskunden mit Einbußen rechnen

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Rund zwei Millionen Lebensversicherungskunden, deren Police in diesem oder im nächsten Jahr fällig wird, müssen mit Einbußen bei ihrer Ablaufsumme rechnen. Wie das Nachrichtenmagazin FOCUS berichtet, will die Bundesregierung mit einer Gesetzesänderung die hälftige Beteiligung der Versicherten an den Bewertungsreserven einschränken. Entsprechende Pläne aus dem Bundesfinanzministerium sollen in den nächsten Wochen mit dem Bundesverbraucherschutzministerium sowie den Regierungsfraktionen abgestimmt werden. Die Neuregelung soll noch vor der Sommerpause verabschiedet werden, um den Lebensversicherungen einen größeren Kapitalpuffer zu ermöglichen.

Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) dringt auf eine Neuregelung, weil sich die Bewertungsreserven festverzinslicher Wertpapiere infolge der Niedrigzinsphase explosionsartig erhöht haben. Deshalb begünstige die geltende Beteiligungsregel auch aus Sicht der Bundesregierung aktuell zur Auszahlung anstehende Verträge gegenüber dem übrigen Versichertenkollektiv, berichtet FOCUS. Das Mitglied der GDV-Hauptgeschäftsführung, Peter Schwark, sagte FOCUS: „Die Niedrigzinsen haben die Bewertungsreserven unnatürlich aufgeblasen. Es ist aber dadurch nicht mehr in der Kasse.“  Von der aktuellen Regelung profitierten nur die rund fünf Prozent der Versicherten, deren Policen jetzt fällig würden oder die aktuell kündigten. Alle anderen würden benachteiligt. „Durch die aktuelle Regelung erhalten 19 Kunden künftig weniger, damit der 20. heute mehr bekommt“, so Schwark. „Das kann nicht richtig sein.“

Verbraucherschützer äußern dagegen massive Kritik an den diskutierten Einschränkungen bei den Lebensversicherungen. Der Vorstand des Bundes der Versicherten (BdV), Axel Kleinlein, sagte FOCUS: „Nicht den Unternehmen geht es schlecht, sondern nur den Kunden.“ Sie beobachteten die geplante Neuregelung deshalb mit Argusaugen. Es sei in Ordnung, dass Versicherungen extreme Schwankungen ausgleichen könnten. Sie dürften aber nicht noch mehr Möglichkeiten bekommen, „Geld vom Kunden weg zu parken“.

http://www.focus.de/magazin/kurzfassungen/focus-11-2014-nach-gesetzesaenderung-muessen-millionen-lebensversicherungskunden-mit-einbussen-rechnen_id_3673244.html

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27.02.2014

Hoher Gewinn bringt Allianz in Erklärungsnot

Ihre Lebensversicherungen bringen weniger Rendite – doch gleichzeitig fährt die Allianz den höchsten Gewinn seit der Finanzkrise ein. Diesen Widerspruch aufzulösen fällt nicht gerade leicht. Von Anne Kunz

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Michael Diekmann hatte es eilig davonzukommen. Öffentliche Auftritte gehören ohnehin nicht zur Lieblingsbeschäftigung des Allianz-Chefs – die diesjährige Bilanzpressekonferenz ganz besonders wenig. Dabei hatte er eigentlich gute Nachrichten zu verkünden: Der Versicherungsriese hat im vergangenen Jahr mehr als zehn Milliarden Euro verdient – so viel wie seit der Finanzkrise nicht mehr. Doch so ein großer Erfolg weckt Begehrlichkeiten – vor allem bei den Anteilseignern und den Kunden.

Gerade Lebensversicherungskunden, die sich schon seit Jahren mit sinkenden Zinsen zufrieden geben müssen, dürften die üppigen Gewinne irritieren. „Mir ist schon klar, dass wir uns hier in einem Spannungsfeld befinden“, gestand Diekmann ein. Allerdings gab er zu bedenken, dass die Allianz als einziger deutscher Versicherer sich dazu verpflichtetet habe, die laufende Verzinsung von nun an stabil zu halten.

Diese lag vor zwei Jahren noch bei vier Prozent und ist mittlerweile auf 3,6 Prozent gesunken. Doch selbst um die niedrigere Verzinsung zu erreichen, musste der Dax-Konzern einen größeren Anteil der Gewinne an die Kunden abgeben als im Vorjahr.

Das ging auf Kosten der Aktionäre, deren Anteil schrumpfte. „Wir wollen schließlich nicht nur Wasser predigen und Wein trinken“, sagte Diekmann. Die Anteilseigner kamen zwar im Vergleich zum Vorjahr gut davon – die Dividende stieg von 4,50 Euro auf 5,30 je Aktie – dennoch reagierte die Börse enttäuscht. Der Aktienkurs sackte zeitweise um fast vier Prozent ab.

Problematisch ist die Entwicklung bei Pimco

Insgesamt trug das Geschäft mit Lebensversicherungen 2,7 Milliarden Euro zum Gewinn der Allianz bei. Das meiste Geld verdiente die Allianz mit Kunden, die bei ihr eine Schadensversicherung abgeschlossen haben. Trotz verheerender Stürme und Hochwasserschäden in Höhe von insgesamt 1,2 Milliarden Euro kletterte der Nettogewinn in dieser Sparte um fast 15 Prozent auf mehr als fünf Milliarden Euro und steuerte damit mehr als die Hälfte zum konzernweiten Ergebnis bei.

Vor allem das Ergebnis in Deutschland litt aufgrund der Hagel- und der Flutkatastrophe. Dennoch reichten die Beiträge der Kunden aus, um die Aufwendungen für Schäden, Verwaltung und Vertrieb zu decken. Konzernweit verbesserte sich sogar die kombinierte Schaden-Kosten-Quote um 1,9 Prozentpunkte auf 94,3 Prozent und blieb damit deutlich unter der entscheidenden 100-Prozent-Marke: Damit sind die Prämieneinnahmen der Allianz deutlich höher als ihre Kosten durch Schäden, Verwaltung und Vertrieb. Das dürfte den Druck auf Diekmann erhöhen, die Prämien für seine Kunden zu senken.

Bei dem Anleihefonds-Manager Pimco und der deutschen Schwestergesellschaft Allianz Global Investors läuft es jedoch nicht so rund: Trugen die beiden Vermögensverwalter 2013 mit 3,2 Milliarden Euro noch fast ein Drittel zum operativen Ergebnis bei, erwartet die Allianz für das neue Jahr im schlimmsten Fall nur noch ein Viertel.

Finanzchef Dieter Wemmer sprach erstmals von einer „Pause“ beim Wachstum des verwalteten Vermögens. 2013 zogen die Anleger unter dem Strich zwölf Milliarden Euro aus den Fonds ab, allein von Oktober bis Dezember verlor Pimco knapp 36 Milliarden Euro. Die Erfolgsprovisionen sanken.

Lebensversicherungen in Italien verkaufen sich gut

Die Allianz hofft, dass die Lebens- und Krankenversicherer den erwarteten Rückgang bei Pimco in diesem Jahr ausgleichen. Diekmann rechnet hier mit einem operativen Gewinnanstieg auf bis zu 3,3 Milliarden Euro, im vergangenen Jahr waren es 2,7 Milliarden Euro. „Für unser Geschäft stimmen mich unsere neuen Produkte optimistisch.“

In Italien schlug eine neue fondsgebundene Lebensversicherung voll ein, bei Allianz Leben in Deutschland schlossen von Juli bis Dezember 20.000 Kunden eine der neuen Policen ohne lebenslange Garantien ab.

Über die ganze Laufzeit kalkuliert die Allianz allein bei diesen Produkten mit Einnahmen von 350 Millionen Euro. Das lobte auch die Ratingagentur Moodys, die vor einer zu riskanten Anlagestrategie aufgrund der vielen Produkte mit hohem Garantiezins bei der Allianz gewarnt hatte.

Aber noch ein anderes – ganz persönliches Thema – macht Diekmann zu schaffen. Im Dezember wird er 60 und erreicht damit das Ende seines Vorstandsvertrags. Es wird jedoch spekuliert, dass er länger bleiben wird, weil noch kein Nachfolger gefunden wurde. Insgesamt laufen zum Jahresende sechs Vorstandsverträge aus. Erst im Oktober will sich der Aufsichtsratsrat mit deren Verlängerung befassen. Fragen nach dieser kurzfristigen Personalplanung weicht Diekmann aus: „Es ist alles okay.“

http://www.welt.de/wirtschaft/article125268933/Hoher-Gewinn-bringt-Allianz-in-Erklaerungsnot.html

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07.02.2014

Den Lebensversicherungen droht der Ausverkauf

Auf die deutschen Lebensversicherer kommen neue Lasten in Milliardenhöhe zu. Aufseher rechnen gar damit, dass einige Anbieter aufgeben müssen. Dann droht der Weiterverkauf der Policen an Investoren. Von Karsten Seibel

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Die Finanzaufsicht BaFin will sich offenbar nicht vorwerfen lassen, die Situation der Lebensversicherer in irgendeiner Form beschönigt zu haben. Mit selten gehörter Offenheit sprach der Chef der Versicherungsaufsicht, Felix Hufeld, nun davon, dass nicht jedes Haus die Kombination aus niedrigen Zinsen und härterer Regulierung meistern wird.

„Marktaustritte müssen möglich sein – auch bei den Lebensversicherern“, sagte er der „Börsen-Zeitung“. Die Aufgabe der BaFin sei es nicht, dies zu verhindern, sondern sicherzustellen, dass „das im Falle eines Falles insbesondere für die betroffenen Versicherungsnehmer möglichst schonend ablaufe“.

Auch zu den Garantieversprechen der Versicherer fand Hufeld klare Worte: Im Fall eines Falles, wenn also eine Gesellschaft kurz vor der Insolvenz steht, sind Senkungen möglich. So sehe es Paragraf 89 des Versicherungsaufsichtsgesetzes vor.

Allerdings will Hufeld dies nicht als Notausstieg für die Branche verstanden wissen, um sich von hochverzinsten Verträgen zu trennen. Der Paragraf könne keine „Generalklausel für die ganze Branche sein“, sagte er.

Versicherer proben den Spagat

Das ist eine gute Nachricht für all jene Kunden, die noch einen Vertrag mit Garantien von 3,5 Prozent oder sogar vier Prozent haben, wie bis zum Jahr 2000 üblich. Sie müssen in absehbarer Zeit keine pauschalen Kürzung fürchten.

Die BaFin ruft damit alle Lebensversicherer erneut auf, andere Möglichkeiten zu suchen, um zumindest bei neuen Verträgen von den hohen Zinsversprechen wegzukommen. Einen Weg hatte BaFin-Chefin Elke König bereits vergangenen Monat aufgezeigt: „Die Versicherer müssen differenziertere Angebote entwickeln und das Produkt Lebensversicherung in Teilen neu erfinden“, sagte sie.

Die Frage, die alle Versicherer umtreibt, schob sie gleich hinterher: Wie gelingt der Branche der Spagat zwischen klassischen Garantieprodukten und rein fondsgebundenen Produkten, bei denen der Kunde zumindest theoretisch einen Totalverlust erleiden kann?

Kunden sollen Risiko selbst tragen

Klassische Rentenversicherungen mit garantiertem Zins von lediglich noch 1,75 Prozent – der zu Beginn des kommenden Jahres wohl weiter auf 1,25 Prozent fallen wird – lassen sich ohnehin kaum noch verkaufen. Die Überlegung vieler Anbieter: Statt eine Mindestrendite zu garantieren, sollen Kunden stärker selbst das Anlagerisiko tragen. Ein Vehikel dazu heißt: Fondspolice.

Der Vorteil solcher Policen aus Sicht eines Versicherers ist klar: Wenn er weniger Risiko tragen muss, dann muss er auch weniger Eigenmittel bereithalten, um dieses Risiko abzusichern. Dieser Zusammenhang gewinnt in der neuen Regulierungswelt, auch als Solvency II bekannt, eine noch wichtigere Rolle.

Angesichts hoher Versprechen aus der Vergangenheit, rechnet die BaFin allein in den kommenden zwei Jahren ohnehin schon mit weiteren Milliardenlasten für die Branche. Der Bedarf an zusätzlichen Eigenmitteln könne einen „zweistelligen Milliardenbetrag“ erreichen, sagte Hufeld.

Nach der für den 1. Januar 2016 geplanten Einführung des Regelwerks müssten Versicherer ihre Kapitaldecke jedes Jahr um weitere drei bis fünf Milliarden Euro aufstocken.

Einige Unternehmen werden aussteigen

Das macht das Geschäft schon heute für einige unattraktiv. So wird damit gerechnet, dass in den kommenden Jahren einige Versicherer aus dem Lebensversicherungsgeschäft aussteigen, weil es sich nicht mehr rechnet. Es gibt bereits Investoren, die solche Portfolien kaufen.

Dazu gehört auch der Rückversicherer Hannover Rück, der zusammen mit Finanzinvestor Cinven den Versicherer Heidelberger Leben übernehmen will. Für Kunden muss eine solche Marktbereinigung nicht von Nachteil sein. Ihre Policen laufen weiter – womöglich sogar günstiger als bislang.

Denn je mehr Policen ein Versicherer hat, auf desto mehr Kunden verteilen sich die Kosten für die Verwaltung. BaFin-Experte Hufeld zeigt sich allerdings skeptisch, ob ein solcher Markt für Lebensversicherungs-Portfolien in Deutschland tatsächlich in Gang kommt: „Wenn nur einige wenige Bestände auf den Markt kommen, dürfte das für Investoren weniger attraktiv sein.“

Mehr fondsgebundene Produkte

Im Neugeschäft gibt es bereits Bewegung. Viele große Anbieter wollen den Anteil fondsgebundener Produkte deutlich nach oben schrauben. Die Zurich bietet fast ausschließlich fondsgebundene Verträge an, das Gleiche gilt auch für Gothaer und Aachen Münchener.

Die Münchener-Rück-Tochter Ergo kam im Vorjahr mit einem neuen Angebot auf den Markt, das ebenfalls auf einer Fondspolice beruht. Mittlerweile mache dies „mehr als die Hälfte“ der Neuabschlüsse aus, sagte Ergo-Chef Torsten Oletzky in der Vorwoche.

Bei fondsgebundenen Konstruktionen landet ein Großteil der Beiträge des Altersvorsorgesparers in der Regel nicht im großen Topf des Versichertenkollektivs, sondern in verschiedenen Fonds, die der Kunde selbst auswählen kann.

Zwitterprodukte mit Garantie

Den höheren Renditechancen steht ein höheres Risiko gegenüber: Fallen die Kurse an den Börsen, schrumpft das eingesetzte Kapital. Um diese Sorge aufzufangen, haben viele Gesellschaften Zwitterprodukte mit Garantie entwickelt.

Das Geld fließt in Fonds, aber zusätzlich kann der Kunden davon ausgehen, dass er am Ende zumindest seine Beiträge herausbekommt. Dass solche Garantien etwas kosten – und wenn es entgangene Renditen sind – ist diesen oft nicht klar.

Aus Kundensicht gibt es weitere Vorbehalte gegenüber klassischen Fondspolicen. „Der Kunde wird häufig alleine gelassen“, sagt Reiner Will, Geschäftsführer der Rating-Agentur Assekurata. Schließlich bleibt dem Policenkäufer die Fondsauswahl selbst überlassen.

Bei der Zurich-Versicherung kann der Kunde für die „individuelle Fondsanlage“, wie es heißt, zwischen 16 Aktienfonds der Deutsche-Bank-Tochter DWS wählen. Der Versicherungsvermittler berät den Kunden beim Kauf, aber er betreut ihn selten im weiteren Verlauf, wenn sich die Situation an den Kapitalmärkten vielleicht ändert, lautet Wills Kritik.

„Viele Kunden wissen doch gar nicht, welche Fonds sie in ihren Policen haben“, sagt er. Die neue, auch von der BaFin geforderte Produktwelt der Lebensversicherer wird für Kunden nicht unbedingt schöner.

http://www.welt.de/finanzen/altersvorsorge/article124604375/Den-Lebensversicherungen-droht-der-Ausverkauf.html

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27.01.2014

Lebensversicherer müssen mehr Geld zurücklegen

Die staatlich verordnete Zwangsreserve für Niedrigzinsen belastet die Lebensversicherer stärker als von der Finanzaufsicht erwartet. Nun droht ein weiteres Abschmelzen des Garantiezinses.

Die deutschen Lebensversicherer müssen nach Berechnungen von Experten in diesem Jahr mehr Geld als erwartet zurücklegen, um ihre Versprechen an die Kunden erfüllen zu können.

2014 müssten sie wegen der Dauerniedrigzinsen voraussichtlich auch für Verträge mit einem Garantiezins von 3,25 Prozent neue Reserven bilden, sagte der Geschäftsführer der Ratingagentur Assekurata, Reiner Will.

Eine Zusatzbelastung von sieben Milliarden Euro komme demnach auf die Versicherer zu. Die Finanzaufsicht BaFin ist bislang davon ausgegangen, dass sechs Milliarden Euro ausreichen würden.

„Tritt dieses Zinsszenario tatsächlich ein, erwarten wir, dass die Unternehmen 2014 der Zinszusatzreserve weitere acht bis zehn Milliarden Euro zuführen müssen.“ Nicht nur für die Gesellschaften ist das ein harter Schlag: „Damit dürfte die Überschussbeteiligung für die Kunden mit jüngeren Verträgen weiter sinken“, sagte Will.

Staatlich verordnete Zinszusatzreserve

Die Bonner Finanzaufsicht BaFin zwingt die Versicherer seit 2011, zusätzlich Geld zu reservieren, um auch jene Kunden noch auf Dauer bedienen zu können, denen sie in der Vergangenheit eine hohe Verzinsung zugesagt hatten – bisher ging es dabei um Tarife mit einem Garantiezins von 3,5 oder 4,0 Prozent.

Heute liegt er gerade noch bei 1,75 Prozent. 2013 mussten die Unternehmen der Zinszusatzreserve nach einer Assekurata-Umfrage unter 68 Lebensversicherern sieben Milliarden Euro zuführen, so viel wie noch nie.

Innerhalb von drei Jahren summierten sich diese Rückstellungen laut Assekurata auf 13,5 Milliarden Euro. Sie seien damit höher als das bilanzielle Eigenkapital der Branche.

Unter dem Eindruck der niedrigen Zinsen hat die Branche ihre Überschussbeteiligungen auch für das neue Jahr gesenkt. Auf private Rentenversicherungen – inzwischen die häufigste Form der Lebensversicherung – bieten die Unternehmen im Schnitt noch 3,4 (Vorjahr: 3,6) Prozent, wie Assekurata errechnet hat.

Verzinsung branchenweit deutlich gesenkt

Der Übersicht von Assekurata zu Folge, senkten 52 Unternehmen ihre Verzinsung, 13 behielten sie bei. Inklusive der Beteiligung an den Bewertungsreserven und des Schlussüberschusses schütteten die Versicherer 2014 im Schnitt 4,31 (4,67) Prozent aus. Diese Deklaration bezieht sich aber nur auf den Teil der Beiträge, der wirklich angespart wird – den sogenannten Sparanteil.

Bezogen auf den gesamten Beitrag, aus dem auch die Provisionen, Verwaltungskosten und die Risikokosten bezahlt werden, bieten die Lebensversicherer der Studie zufolge 3,16 (3,36) Prozent. Der Garantiezins macht davon 0,9 Prozent aus.

Während die Finanzaufsicht mit der Zinszusatzreserve dafür Sorge tragen möchte, dass die Gesellschaften genug Geld für ihre Kunden zurücklegen, will sich die Branche auf anderem Wege Entlastung verschaffen.

Anfang des Jahres hatte der Verband der Versicherungsmathematiker, die Deutsche Aktuarvereinigung (DAV), empfohlen, ab dem kommenden Jahr statt 1,75 Prozent nur noch 1,25 Prozent „garantierte Verzinsung“ zu versprechen: „Vor dem Hintergrund einer unveränderten Niedrigzinsphase schlägt die DAV im Euroraum für das Jahr 2015 vor, den Höchstrechnungszinssatz für Lebensversicherungsverträge mit Zinsgarantie auf 1,25 Prozent zu senken“, heißt es im Vorschlag der Versicherungsmathematiker.

Zwar muss dieser Vorschlag noch in eine Verordnung gegossen werden – doch in den allermeisten Fällen folgen Finanzaufsicht BaFin und das Bundesfinanzministerium dieser Expertenempfehlung.

Faktisch soll Garantie 2015 auf 0,3 Prozent sinken

Assekurata-Chef Will warnt: Würde der Rechnungszins wie vorgeschlagen von nominal 1,75 auf 1,25 Prozent gesenkt, fiele er als Verkaufsargument kaum noch ins Gewicht. Denn dann könnten sich die Kunden nur noch mit einer garantierten Beitragsrendite von 0,3 Prozent rechnen.

Damit verliere die klassische Lebensversicherung noch mehr an Attraktivität, sagte Will. „Zugleich ist damit zu rechnen, dass die Überschussbeteiligung weiter zurückgehen wird.“

Doch nicht nur in der Verzinsung werden die Versicherungskunden Will zu Folge den Sinkflug von Garantiezins und Überschussbeteiligung zu spüren bekommen. Weil das Geschäft mit Lebensversicherungen unattraktiver werde, wenden sich seiner Ansicht nach immer mehr Gesellschaften von klassischen Produkten mit lebenslangen Garantien ab.

Branchengrößen wie Allianz, Ergo und auch Axa haben es bereits vorgemacht und bieten vermehrt Produkte an, die nur noch eine Beitragsgarantie haben. „Dieser Trend dürfte im Laufe des Jahres 2015 vermehrt zu beobachten sein“, sagt Will.

Die Gesellschaften erwarten sich von sinkenden Garantien und Auszahlungen vor allem eines: sinkende Belastungen – und die werden sie auch erhalten. Will zu Folge ein Grund, weshalb das Geschäft mit der Lebensversicherung trotz vieler Niederschläge nicht ganz austrocknen werde.

Insgesamt ist die Branche ohnehin nicht schlecht aufgestellt. Börsennotierte Versicherer etwa schütten seit Jahren dicke Dividenden aus und machen – nicht nur auf diesem Wege – ihre Aktionäre glücklich. Gesellschaften haben – teils gezwungener Maßen – hohe Reserven.

Ob noch nicht realisierte oder bereits erzielte, aber noch nicht ausgeschütteten Gewinne: Viele Töpfe sind prall gefüllt. Nicht immer jedoch beteiligen die Unternehmen ihre Kunden an diesem Geld.

http://www.welt.de/finanzen/altersvorsorge/article124285498/Lebensversicherer-muessen-mehr-Geld-zuruecklegen.html

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08.01.2014

Auch Altkunden der Lebensversicherer müssen bluten

Der Garantiezins bei Lebensversicherungen soll auf 1,25 Prozent sinken — für Neuverträge. Doch auch die Überschussbeteiligungen für Altkunden sinkt – das Produkt scheint kaum noch zu retten.

Der deutsche Altersvorsorgesparer gilt nicht als sonderlich risikofreudig. Ein Grund, weshalb es hierzulande mehr Lebensversicherungsverträge gibt als Einwohner. Doch wider Willen werden viele von ihnen zu Spekulanten. Denn die Lebensversicherung wird immer riskanter und zugleich auch komplizierter.

Ab 2015 sollen Bürger auf eine Lebenspolice nur noch eine Garantieverzinsung von 1,25 Prozent versprochen bekommen. Bislang liegt der Zinssatz für Neuverträge, den Versicherer ihren Kunden zusagen dürfen, noch bei 1,75 Prozent. So lautet die Empfehlung der Deutschen Aktuarvereinigung (DAV), dem wohl wichtigsten Zusammenschluss von Versicherungsmathematikern hierzulande.

Die Empfehlung, die der DAV an die Bundesregierung abgegeben hat, ist nicht bindend, wurde aber in der Vergangenheit meist befolgt. Festgesetzt wird der Garantiezins vom Bundesfinanzministerium – auch die Finanzaufsicht BaFin ist beteiligt. Hauptgrund für die Absenkung sind die niedrigen Zinsen an den Finanzmärkten, die es den Versicherungsunternehmen immer schwerer machen, einst versprochene Renditen für ihre Kunden zu erwirtschaften.

Mit der Absenkung der garantierten Verzinsung bekommen jetzt auch Lebensversicherungskunden die Risiken der Finanzmärkte mit voller Wucht zu spüren. Wenn der garantierte Sockel nur noch etwas über einem Prozent liegt, handelt es sich mehr oder minder um Kapitalerhalt, was die Gesellschaften ihren Kunden versprechen. Real betrachtet, nicht einmal das – im langjährigen Durchschnitt liegt die Inflation bei rund zwei Prozent.

Die Vier-Prozent-Garantie ist passé

Nach Abzug der Geldentwertung wird mit Lebensversicherungen nicht einmal die Kaufkraft garantiert. Damit verabschiedet sich die Branche endgültig von dem Produktversprechen, auf das Deutsche über Jahrzehnte ihre Altersvorsorge gebaut haben.

Auch früher konnten Sparer nicht mit sensationellen Renditen rechnen. Aber das Ergebnis aus einer Lebensversicherung war solide und – vor allem – planbar. Nicht wenige setzten beispielsweise bei der Anschlussfinanzierung für ihr Häuschen auf die Auszahlung ihrer Versicherungspolice.

Der Unterschied zwischen den einzelnen Gesellschaften war zwar spürbar, die Gefahr aber, einen Anbieter zu erwischen, der weit unterhalb des Marktdurchschnitts lieferte, war jedoch nicht besonders groß – garantierter Verzinsung sei Dank. Doch in den vergangenen Jahren wurde genau dieser garantierte Zinssockel schrittweise gesenkt, zuletzt 2012.

Von Juli 1994 bis Ende Juni 2000 erhielten Versicherte mit frischem Vertragsabschluss noch ein Vier-Prozent-Versprechen von den Lebensversicherern. Auf eine Laufzeit von 30 Jahren berechnet ist der Unterschied zwischen einer vierprozentigen Verzinsung und den absehbaren von 1,25 Prozent deutlich.

Mit einer Garantie in Höhe von vier Prozent kann ein Sparer, der über drei Dekaden jährlich 2000 Euro einzahlt, mit 116.657 Euro kalkulieren. Bei gesicherten 1,25 Prozent Verzinsung sind es nur noch 73.161 Euro, die verplant werden können.

Doch auch jene Kunden, die Altverträge haben, sind vom niedrigen Zinsniveau betroffen. Zwar wirkt sich ein neuer Garantiezins nicht auf ihre Policen aus – doch auch die Rendite ihrer Verträge sinkt seit Jahren.

Die Gesamtrendite einer Lebensversicherung besteht nämlich nicht nur aus dem Garantiezins. Obendrauf kommt noch eine Beteiligung an erwirtschafteten Gewinnen – in guten Zeiten mehr, in schlechten weniger.

Renditen der Altkunden sinken

Die aktuellen Renditezahlen sprechen für sich: Viele Kunden erhalten keinen Cent mehr als die ehemals versprochene Garantie. So schreiben sieben Gesellschaften heute nur noch drei Prozent Verzinsung fürs laufende Jahr gut. Im Schnitt liegt die Rendite nach Berechnungen der Ratingagentur Assekurata und der „Welt“ bei 3,39 Prozent. Im Vorjahr waren es branchenweit noch 3,6 Prozent, 2011 noch über vier Prozent.

Mit dem Sturz unter die Vier-Prozent-Marke hat sich eine Mehrklassengesellschaft unter den Vorsorgesparen gebildet. Denn all jene, die zwischen den Jahren 1994 und 2000 Vier-Prozent-Policen abgeschlossen haben, bekommen diese Verzinsung gutgeschrieben. Entsprechendes gilt für Halter von Verträgen mit 3,5-Prozent-Garantie. Inzwischen können sich sogar die 3,25-Prozentler als privilegiert betrachten.

Immerhin zehn von 68 Gesellschaften können ihre laufende Verzinsung im aktuellen Jahr auf Vorjahresniveau halten. Viele jedoch nur, weil sie bereits für 2013 große Abschläge vorgenommen haben. Einige ganz gewiss auch, weil sie nicht unter die Marke von drei Prozent absacken wollen. Lars Heermann, Lebensversicherungsexperte des Analysehauses Assekurata, weiß um die Bedeutung der psychologischen Schwelle der Drei-Prozent-Marke.

Noch 4,05 Prozent schreibt die Göttinger myLife (früher Aegeas/Fortis) ihren Kunden gut. Targo, Ideal und Heidelberger bieten immerhin noch vier Prozent. Während InterRisk 3,85 Prozent, Nürnberger und Europa 3,75 Prozent zahlen, gibt es bei den Branchengrößen Allianz und Debeka 3,6 Prozent, bei R+V 3,55 Prozent.

Familienfürsorge mit größtem Renditesturz

Den größten Renditesturz mussten in den vergangenen zwei Jahren die Kunden der Familienfürsorge hinnehmen. Hatte sie für 2012 noch vier Prozent ausgeschüttet, sind es 2014 nur noch drei Prozent. Bei der Süddeutschen Lebensversicherung sank die Rendite binnen zwei Jahren von 3,9 auf 3,1 Prozent.

Die von den Unternehmen genannten Renditen sind allerdings nur eingeschränkt vergleichbar. Zum einen hängt es von den Provisionen und Verwaltungskosten ab, wie viel von der Prämie überhaupt für die Anlage übrig bleibt. Zum anderen kommen zur jährlichen laufenden Verzinsung noch die Beteiligung an den – derzeit außergewöhnlich hohen – Bewertungsreserven sowie der Schlussüberschuss hinzu, der am Ende der Laufzeit ausgezahlt wird.

Je nach Versicherer macht das zwischen 0,3 und 1,0 Prozentpunkte aus. Für die Altverträge müssen die Versicherer seit drei Jahren auf Geheiß der Finanzaufsicht BaFin zusätzlich Geld zurücklegen – diese Zinszusatzreserve dürfte laut Experten auch in diesem Jahr mehr als fünf Milliarden Euro ausmachen.

Abzusehen ist bereits jetzt, dass einige Gesellschaften die angekündigte Kürzung der Garantien nutzen wird, im Lauf des Jahres einen Schlussverkauf zu starten. Das Argument: Jetzt noch die höheren Garantien und Renditen sichern.

Schließlich gelte das niedrigere Niveau lediglich für Neuverträge. Rein formell ist das richtig. Doch einfach abschließen, so wie früher einst, ist heute nicht mehr. Vorsorgesparer müssen ihr Unternehmen auf Finanzstärke und Anlageportfolio abklopfen.

http://www.welt.de/finanzen/altersvorsorge/article123679962/Auch-Altkunden-der-Lebensversicherer-muessen-bluten.html

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07.01.2014

Lebensversicherung droht der nächste Schlag

Die Lebensversicherer planen den nächsten Zinsschnitt. Nach der Überschussbeteiligung wollen sie auch den Garantiezins weiter senken. Der Klassiker der Altersvorsorge würde darunter leiden. Doch der Plan ist umstritten.

Der Garantiezins auf Lebensversicherungen könnte Anfang 2015 nach drei Jahren erneut sinken. Wegen der niedrigen Marktzinsen haben Versicherungsexperten über eine Senkung der maximalen Verzinsung beraten, die die Lebensversicherer ihren Neukunden für die gesamte Laufzeit fest versprechen dürfen.

Der Verband der Versicherungsmathematiker, die Deutsche Aktuarvereinigung (DAV), gibt dazu jährlich eine Empfehlung ab, die in der Regel von der Finanzaufsicht BaFin und dem Bundesfinanzministerium umgesetzt wird. Die entsprechende Mitteilung ist für den heutigen Mittwoch angekündigt.

Vorab wurde bekannt: Der Vorstand der DAV, in dem die wichtigsten Versicherungsmakler sitzen, empfehle eine Senkung auf 1,25 von 1,75 Prozent zum 1. Januar 2015. Das sagten zwei mit dem Beschluss vertraute Personen der Nachrichtenagentur Reuters.

Allerdings lässt sich das Gremium noch eine Hintertür offen: Wenn sich die Zinslandschaft in nächster Zeit verbessere, wäre auch eine Senkung auf 1,5 Prozent vertretbar. Die Empfehlung geht an das Bundesfinanzministerium, das in Abstimmung mit der Finanzaufsicht BaFin endgültig entscheidet. Die DAV wollte sich nicht äußern.

Die deutschen Lebensversicherer leiden seit langem unter den extrem niedrigen Zinsen am Kapitalmarkt. Es wird deshalb immer schwieriger für sie, ihre Zinsversprechen an die Kunden zu erfüllen. Der Garantiezins ist hier eine besondere Belastung, weil diese Zusage auf jeden Fall erfüllt werden. Das führt dazu, dass die Versicherer entsprechend Kapital binden müssen.

Eine Senkung des Garantiezinses beträfe allerdings nur das Neugeschäft der Versicherer. Die in alten Verträgen garantierten Zinsen gelten nach wie vor. Derzeit reicht die Spanne hier von 1,75 Prozent bis zu vier Prozent. Insbesondere Altverträge mit solch hohen Zinszusagen stellen die Lebensversicherer vor große Probleme. Eine Änderung wäre frühestens zum 1. Januar 2015 umsetzbar, weil die Versicherer vorher all ihre Tarife neu berechnen müssten.

Dem Gremium, das über den Garantiezins berät, gehören Vorstände der wichtigsten deutschen Versicherer an, darunter Allianz-Leben-Chef Markus Faulhaber. DAV-Präsident ist seit April Rainer Fürhaupter, Vorstandsmitglied der Versicherungskammer Bayern.

Große Versicherer wie die Allianz Leben haben sich dafür ausgesprochen, den Garantiezins von 1,75 Prozent beizubehalten. Der Branchenprimus ist ohnehin in einer komfortablen Situation. Dass zeigt auch die Überschussbeteiligung, die er seinen Kunden für 2014 zusagte. Mit 3,6 Prozent liegt die Allianz über dem Schnitt der Branche, nur wenige Lebensversicherer schaffen noch mehr.

Kleinere Häuser, die ihre Kapitalanlagen weniger weit streuen können, drängen dagegen auf eine Senkung des Garantiezinses. Als Grund führen sie die Zinsentwicklung an. Langlaufende Bundesanleihen, für viele Lebensversicherer wichtigster Bestandteil der Kapitalanlagen, werfen nur noch 1,4 Prozent ab.

Dennoch muss die Branche noch die hohen Garantien erwirtschaften, die sie ihren Kunden in guten Zeiten versprochen hat. Denn bis zum Jahr 2000 lag der Garantiezins noch bei 4,0 Prozent, seit der Jahrtausendwende ging es dann stetig bergab. Zuletzt wurde er Anfang 2012 auf 1,75 von 2,25 Prozent gesenkt.

Das Problem der Lebensversicherer ist: Im Schnitt liegt der Garantiezins in den Beständen der Lebensversicherer immer noch bei 3,15 Prozent – so viel können manche an neuere Kunden nicht einmal als Überschussbeteiligung mehr zahlen. Diese laufende Zinsgutschrift wird einmal im Jahr zugesagt und dürfte für 2014 um 3,4 Prozent liegen.

Die Aktuare hatten daher schon im vergangenen Jahr Alarm geschlagen: „Hält diese Situation an, so wird es für die Unternehmen immer schwieriger, den Garantiezins zu erwirtschaften. (…) Eine weitere Verschärfung der Situation könnte sich durch die Vorschriften für die Kapitalausstattung der Versicherer unter dem neuen gemeinsamen Aufsichtssystem Solvency II in Europa ergeben.“

Doch zu einer Senkung hatten sich die Aktuar 2013 noch nicht durchgerungen. Die Bundesregierung hatte angekündigt, den Versicherern unter die Arme zu greifen. Eine Senkung des Garantiezinses könnte als eigener Beitrag der Branche dazu gewertet werden. Allerdings hätte dies nicht viel mehr als eine Signalwirkung – weil dies nur das Neugeschäft beträfe.

Wesentlich fataler könnte eine weitere Senkung des Garantiezinses hingegen auf die Kunden wirken. Denn dadurch würde das klassische Produkt – mit Garantiezins, laufender Zinsgutschrift und Schlussbeteiligung bei Ablauf des Vertrages – noch weniger attraktiv.

Schon heute spielt der Garantiezins in manchen Fällen nicht einmal mehr die Kosten wieder rein, die von den Lebensversicherern für ihre Dienste von der Prämie abgezogen werden. Das heißt, nur mit Glück ist überhaupt der Kapitalerhalt durch den Garantiezins von 1,75 Prozent gewährleistet. Im Einzelfall hängt dies vor allem von den Kostenstrukturen der jeweiligen Versicherer ab.

Eine weitere Senkung von 1,75 Prozent auf 1,25 Prozent würde das Kostenproblem noch einmal verschärfen. Die Unternehmen versuchen daher schon gegenzusteuern, indem sie die Kosten senken. Das geht in der Verwaltung oder etwa über die Vermittler-Provisionen, die aus den ersten Prämien abgezweigt werden.

Die klassische Lebensversicherung mit Garantiezins wird ohnehin von Verbraucherschützern als Auslaufmodell betrachtet. Die Hälfte der Kapital-Lebens- und privaten Rentenversicherungen werde vorzeitig aufgehoben, stellt die Verbraucherzentrale Hamburg fest.

Dies bedeute: „Wer jetzt zur privaten Altersvorsorge eine Kapital-Lebens- oder private Rentenversicherung abschließt, hat eine „fifty-fifty“-Chance, Geld zu verlieren“, stellen die Hamburger Verbraucherschützer fest. Ihr Fazit: „Beim Sparen keine langfristigen Bindungen über Jahrzehnte eingehen! Besser in Etappen sparen. Und: Kapital-Lebens- und private Rentenversicherungen meiden.“

Kapital-Lebensversicherung und private Rentenversicherungen seien bei den meisten Versicherern wegen der hohen versteckten Kosten „reine Renditekiller“, stellt die Verbraucherzentrale Hamburg fest. Unterstützt wird die Verbraucherzentrale vom Bund der Versicherten.

Private Renten verfehlen das Ziel, den Verbrauchern als Altersvorsorge zu dienen“, stellte der Vorstandssprecher des Bundes der Versicherten e. V. (BdV) Axel Kleinlein am Dienstag fest. Bestätigt werde dies durch die Aussage von Johannes Lörper, einem Ausschussvorsitzenden im Branchenverband GDV und Vorstand der Ergo Leben.

In einem Streitgespräch habe Lörper erklärt: „Heute werden Rentenverträge ohnehin zu 90 Prozent als einmalige Kapitalleistung ausgezahlt und nicht als Monatsrente“. Damit sei es erstmals möglich, den Anteil der Kunden abzuschätzen, für die eine private Rentenversicherung letztlich als Altersvorsorge dient, erklärte Kleinlein. Seine Fazit: „Die private Rentenversicherung spielt als Altersvorsorge keine nennenswerte Rolle.“

Mit Hilfe der im Interview genannten Quote schätzt Kleinlein ab, wie hoch der Anteil privater Rentenverträge ist, die tatsächlich zu einer Rente führen. Bei hundert privaten Rentenversicherungen, die heute im Alter 30 Jahren abgeschlossen würden, ergäben sich nur drei Verträge mit Rentenzahlung.

Die Private Rentenversicherung dient nur als Ansparprodukt und nicht als Altersvorsorge“, folgert Kleinlein. Der Großteil der Verträge werde storniert, ein Teil der Kunden versterbe bis Rentenbeginn und bei den restlichen Verträgen werde hauptsächlich das Kapital abgerufen.

http://www.handelsblatt.com/finanzen/vorsorge-versicherung/nachrichten/garantiezins-vor-senkung-lebensversicherung-droht-der-naechste-schlag/9296806.html

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27.11.2013

Lebensversicherung in tödlicher Gefahr

Der Niedrigzins und neue Eigenkapitalregeln setzen den Lebensversicherern stärker zu als erwartet. Ein Vorstand der HUK Coburg spricht schon von Insolvenzen, die Versicherungsaufsicht interessiert sich zunehmend für die finanzielle Situation der Anbieter.

Seit Jahren sinken die Überschussbeteiligungen der Lebensversicherungskunden, weil die Assekuranzen im Dauer-Zinstief kaum noch hohe Kapitalerträge erwirtschaften können. Hinzu kommen die neuen Eigenkapitalregeln (Solvency II), die die Kapitalpolster der zusätzlich schrumpfen lassen. Die Bundesfinanzaufsicht BaFin schließt sogar Insolvenzen nicht aus. „Ich bin nicht sicher, ob alle Versicherer es schaffen werden“, zitiert die Nachrichtenagentur Reuters Felix Hufeld, den obersten BaFin-Aufseher über die Versicherungsbranche, der am Dienstag bei einer Veranstaltung in Frankfurt sprach. Spätestens Anfang 2016, wenn die neuen Kapital-Vorgaben in Europa gelten sollen, könnte den ersten Versicherern das nötige Eigenkapital fehlen. „Es könnten fünf oder zehn sein – ich weiß es nicht“, sagte Hufeld. Die BaFin beaufsichtigt in Deutschland mehr als 90 Lebensversicherer.

Garantiezins droht Absenkung

Hinzu kommen die relativ hohen Garantiezinsen der Altverträge, die viele Versicherer schon bald nur noch mit Mühe erwirtschaften können. Gleichzeitig gehen die Mittelzuflüsse aus dem Neugeschäft zurück. In der Lebensversicherung liegt der Garantiezins bei Neuverträgen aktuell bei 1,75 Prozent. Die Branche erwartet, dass das Bundesfinanzministerium Anfang 2014 den Wert weiter nach unten korrigiert. „Wenn der Rechnungszins auf 1,25 Prozent abgesenkt wird, gibt es Probleme“, warnt Hans Olav Heroy, Vorstandsmitglied der Huk Coburg nach Angaben der Süddeutschen Zeitung am Dienstagauf einer Konferenz in Köln. „Dann bleiben nur noch eine Handvoll Unternehmen übrig, die das ohne Verluste darstellen können“, sagte der Huk-Mann.

Rechnet die Branche gar mit Insolvenzen einzelner Anbieter? „Wir müssen vorbereitet sein“, sagte der Finanzaufseher Hufeld Reuters zufolge in Frankfurt. Die BaFin betonte am Mittwoch, eine Unterschreitung der Solvenz-Vorschriften führe nicht zwangsläufig zum Ausfall eines Versicherers. „Die Aussage, dass die Lebensversicherer ihre Garantieversprechen kurz- bis mittelfristig werden erfüllen können, gilt weiterhin“, hieß es in einer Stellungnahme. Denn für Notfälle hat die BaFin ihren Werkzeugkasten parat – von erzwungenen Änderungen in der Anlagepolitik bis hin zu einer Übertragung der Policen auf die Auffanggesellschaft der Branche, Protektor.  In der Regel sackt die Verzinsung dann sofort auf den im Vertrag garantierten Mindestzins ab.

Die BaFin wollte sich auf Nachfrage von FOCUS Online nicht zu etwaigen Insolvenzrisiken äußern, erklärte jedoch, dass für Sommer 2014 eine branchenweite Abfrage zur Solvenz der Lebensversicherer geplant ist. Damit will die Behörde überprüfen, ob die deutschen Versicherer in der Lage sind, für die Umsetzung von Solvency II drei bis fünf Milliarden Euro zusätzliches Eigenkapital aufzubringen oder ob die Vorgabe einzelne Versicherer in Schwierigkeiten bringen könnte. Um die finanzielle Lage realistisch einordnen zu können, müsste dann auch die Frage der Garantiezinsen eine Rolle spielen, heißt es in der Branche.

Risikofaktor Niedrigzins

Schwierige Zeiten für die Lebensversicherer prognostiziert auch die Ratingagentur Standard & Poor’s (S&P). Sie erwartet, dass die Gewinnbeteiligung der Lebensversicherungskunden weiter sinkt. Bei Kapital-Lebensversicherungen erhalten sie einerseits einen dauerhaft garantierten Mindestzins, der sich abhängig vom Jahr des Vertragsabschlusses in einer Spanne zwischen 1,75 und vier Prozent bewegt. Die höchsten Zinsen gibt es bei Verträgen aus den Jahren 1995 bis 2000. Hinzu kommt eine Überschussbeteiligung ausgezahlt – diese aber ohne Garantie.

2013 erhielten Kunden laut S&P im Branchenschnitt insgesamt 3,6 Prozent auf den Sparanteil ihrer Prämien, im Vorjahr waren es noch 3,9 Prozent. 2014 werden diese Sätze laut S&P weiter sinken, auch wenn die Alte Leipziger Leben diese Woche als eine der ersten Gesellschaften ankündigte, ihre Überschussbeteiligung auf Vorjahresniveau zu halten. Wie die Branche insgesamt die Beteiligung für 2014 festlegt, zeigt sich in den kommenden Wochen. Der Marktführer Allianz nennt seinen Wert voraussichtlich erst Mitte Dezember.

http://www.focus.de/finanzen/versicherungen/lebensversicherung/zinstief-lebensversicherung-in-gefahr-sinkt-der-garantiezins-weiter-drohen-insolvenzen_id_3437274.html

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27.11.2013

Mehreren Lebensversicherungen droht der Kollaps

Die BaFin ist sich nicht sicher, ob alle Lebensversicherer die neuen strengen Kapitalregeln überleben werden. Auf den Notfall „müssen wir vorbereitet sein“, sagt der oberste Versicherungsaufseher. Von Anne Kunz

Dramatik und Übertreibungen ist man von Branchenlobbyisten gewohnt. Deswegen hörten bisher einige kaum zu, wenn die Versicherer über die strengeren Eigenkapitalregeln jammerten. Doch das dürfte nun viele aufgeschreckt haben: Selbst die Finanzaufsicht BaFin, die als neutral und eher langweilig gilt, warnte, die neuen Vorschriften Solvency II könnten einige deutsche Lebensversicherungsunternehmen in ernsthafte Schwierigkeiten bringen.

„Ich bin nicht sicher, ob es alle Versicherer schaffen werden“, sagte der oberste Versicherungsaufseher der Behörde, Felix Hufeld, am Dienstagabend auf einer Veranstaltung an der Universität Frankfurt. Sie litten unter den niedrigen Zinsen und könnten deshalb das benötige Eigenkapital für die neuen Vorschriften nicht aufbauen. „Es könnten fünf oder zehn sein – ich weiß es nicht.“ Die BaFin beaufsichtigt in Deutschland mehr als 90 Lebensversicherer.

Zwar ruderte die BaFin am Mittwoch wieder zurück und betonte, dass sie keinen Alarm schlagen wollte. Auch die Bundesregierung sieht keinen Grund zur Panik. Es gehe um die Frage, ob Versicherungsunternehmen angesichts der sehr niedrigen Zinsen in der Lage seien, das nötige Eigenkapital über 16 Jahre aufzubauen. Das heiße aber noch nicht, dass auch Schieflagen drohten, hieß es in Berlin.

In der Branche gilt es dagegen als offenes Geheimnis, dass einige kleine und mittelgroße Anbieter in Bedrängnis seien. „Einige haben in der Vergangenheit ihr Geld schlecht angelegt und zu hohe Garantiezinsen versprochen. Das rächt sich nun“, meint ein Branchenkenner. Sollten die Zinsen weiterhin niedrig bleiben und die Regeln so streng, könnten ihnen tatsächlich in einigen Jahren die Insolvenz drohen. Bei den möglichen Pleitekandidaten seien einige Überraschungen dabei.

Kunden bleibt die Auffanggesellschaft

Kunden von Lebensversicherungen müssen sich weniger Sorgen machen: Für Notfälle hat die BaFin ihren Werkzeugkasten parat – von erzwungenen Änderungen in der Anlagepolitik bis hin zu einer Übertragung der Policen auf die Auffanggesellschaft der Branche, Protektor, wie Hufeld sagte. Im kommenden Jahr will die BaFin die Lebensversicherer durchrechnen lassen, wie sie mit Solvency II zurechtkommen würden. Schon im Frühjahr plant die EU-Versicherungsaufsicht EIOPA einen Stresstest für die Branche, der auf den Regeln des neuen Gesetzeswerks fußt.

Die Europäische Union hatte sich kürzlich auf dessen Einführung Anfang 2016 geeinigt, den Versicherern aber eine Übergangsfrist von 16 Jahren für die Umstellung ihrer Altbestände gewährt. Finanzminister Wolfgang Schäuble hatte deutlich gemacht, dass es vor allem auf das Engagement der deutschen Regierung zurückzuführen sei, dass die verschärften Regelungen erst dann greifen. Die Versicherungsgesellschaften haben entsprechend ihres Wunsches mehr Zeit.

Auch wenn Hufeld, vor den möglichen Folgen von Solvency II warnte, verteidigte er die Regeln: Sie seien nicht perfekt, aber es gebe keine Alternative, und die Versicherer müssten sich damit abfinden, sagte er. „Wir müssen jetzt springen – und Solvency II in der Realität etwas besser machen.“ Den Vorwurf von EU-Politikern, Solvency II sei zu zahm, ließ Hufeld nicht gelten: „Es ist sicher nicht branchenfreundlich.“

Bis zu drei Milliarden neues Eigenkapital

Nach Berechnungen der Bonner Behörde muss die Branche über 16 Jahre drei bis fünf Milliarden Euro zusätzliches Kapital pro Jahr aufbauen, um ihre langfristigen Garantien mit ausreichend Kapital zu unterlegen.

Der Branchenverband GDV wies die Hochrechnung zurück: „Wir haben keine Anhaltspunkte“ für die Milliarden-Kapitallücke, betonte der Hauptgeschäftsführer des Verbandes, Jörg von Fürstenwerth. Der Verband fordert, die Zinszusatzreserve, die die Versicherer in Deutschland jährlich in Milliardenhöhe bilden müssen, auf deren Kapitalausstattung anzurechnen. Noch sei nicht einmal klar, wie die Gesetze genau aussähen. „Erst dann lässt sich seriös sagen, welche Auswirkungen Solvency II auf die europäischen Versicherungsmärkte und einzelne Versicherer haben wird.“

Zugleich arbeitet der internationale Regelsetzer für die Versicherer, IAIS, an einem weltweiten Eigenkapitalstandard. „Die Amerikaner haben auf Solvency II gepfiffen – aber das hat sich geändert“, sagte Hufeld. Der weltweite Standard müsse unbedingt mit Solvency II kompatibel sein.

Der Finanzstabilitätsrat (FSB) der 20 größten Industrie- und Schwellenländer hatte neun „global systemrelevante Versicherer“ benannt – darunter die Allianz, die mit schärferen Eigenkapitalauflagen belegt werden sollen. Die Branche hatte sich lange gegen die Auffassung gewehrt, dass ein Versicherer überhaupt so bedeutend sein könne, dass sein Aus das Finanzsystem ins Wanken bringen könnte. Hufeld widersprach: „Meine persönliche Ansicht ist: Ich glaube das schon. Aber das Konzept, wie der FSB sie ermittelt hat, ist nicht richtig.“ Eine richtige Lösung hatte er aber auch nicht.

http://www.welt.de/wirtschaft/article122321269/Mehreren-Lebensversicherungen-droht-der-Kollaps.html

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21.11.2013

Schäuble will Versicherern helfen

Der Leitzins der EZB befindet sich auf niedrigem Niveau. Nun will Finanzminister Schäuble die Rahmenbedingungen an den Zins anpassen und kündigt einen neuen Anlauf für eine Änderung bei Bewertungsreserven an.

Finanzminister Wolfgang Schäuble sagt den Versicherern wegen der Dauer-Niedrigzinsen die Unterstützung der nächsten Bundesregierung zu. Diese werde einen neuen Anlauf starten, die Bewertungsreserven fairer auf die Lebensversicherungskunden zu verteilen.

Wir müssen darauf achten, dass nicht wenige zulasten vieler profitieren“, sagte er am Donnerstag auf dem Deutschen Versicherungstag in Berlin. Die geltende Regelung bevorzugt Kunden, die sich ihre Verträge jetzt auszahlen lassen, gegenüber jenen, die erst später an der Reihe sind. Zu Jahresbeginn waren die Versicherer mit ihrer Forderung, das Gesetz zu ändern, bei der Politik abgeblitzt.

Schäuble erklärte, für die Versicherer werde es immer schwieriger, die Erträge zu erwirtschaften, die sie ihren Kunden versprochen hätten. Denn die Marktzinsen lägen unter zwei Prozent, während die langfristigen Garantien für Kunden derzeit im Schnitt rund 3,25 Prozent betragen würden. „Das kann auf die Dauer kein tragfähiges Geschäftsmodell sein.“

Es verunsichere die Kunden. „Die aufsichtsrechtlichen Rahmenbedingungen müssen an die Besonderheiten eines Niedrigzinsumfelds angepasst werden.“ Dafür werde sich die neue Bundesregierung auch in Brüssel einsetzen. Versicherer spielen bei der immer wichtiger werdenden privaten Altersvorsorge eine entscheidende Rolle.

Im Vermittlungsausschuss von Bundesrat und Bundestag war der Versuch gescheitert, die Beteiligung der Kunden an den Bewertungsreserven per Gesetz zu revidieren. Schäuble räumte ein, dabei habe man sich „nicht mit Ruhm bekleckert“ und werde es beim nächsten Mal besser machen. Zuletzt hatte auch die Bundesbank für eine rasche Neuregelung plädiert.

Die Versicherer müssen ihre Bewertungsreserven seit 2007 zum Teil an Kunden ausschütten, deren Verträge auslaufen oder die vorzeitig kündigen. Der Löwenanteil dieser Puffer entsteht derzeit bei Staatsanleihen. Doch gerade dort lösen sich diese bis zum Ende der Laufzeit der Papiere in Luft aus. Um von den vorübergehenden Kursgewinnen zu profitieren, müssten die Versicherer sie vorzeitig verkaufen und dafür geringer verzinste Anleihen erwerben.

Damit drohen der großen Mehrheit der Versicherten, deren Verträge erst später fällig werden, noch größere Einbußen als das durch die niedrigen Zinsen ohnehin zu erwarten ist. Deshalb kämpfen die Versicherer seit längerem für eine geringere Beteiligung der Kunden an den Reserven.

Der Präsident des Versichererverbands GDV, Alexander Erdland, bezeichnete die Änderung als „höchste Priorität“. Die Lebensversicherer müssten derzeit pro Monat geschätzt knapp 300 Millionen Euro dieser Reserven ausschütten, 80 Prozent mehr als 2011.

Die Versicherer stellen sich im Gegenzug zu den von Schäuble in Aussicht gestellten Hilfen auf Zugeständnisse ein. Sie haben eine Initiative gestartet, die Provisionen für die Vertreter neu zu ordnen, die die Kunden in den ersten Jahren drastisch belasten. Damit könnten die Verwaltungskosten sinken.

http://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/niedrigzins-schaeuble-will-versicherern-helfen/9110674.html

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12.11.2013

Bei Lebensversicherungen droht ein Nachspiel

Beim Auslaufen der Police werden die Kunden an der Reserve beteiligt. Der niedrigere EZB-Leitzins könnte Vorsorgesparer nun viel Geld kosten. Berlin will die Beteiligung an Bewertungsreserven kappen.

Die Zinssenkung der Europäischen Zentralbank (EZB) kommt Altersvorsorge-Sparer teuer zu stehen. Und zwar noch teurer als bisher schon gedacht. Denn Finanzexperten von CDU und SPD planen offenbar eine Kappung der Beteiligung von Lebensversicherten an den Bewertungsreserven.

„Es besteht akuter Handlungsbedarf bei den Lebensversicherungen“, heißt es aus dem Büro des stellvertretenden Unionsfraktionsvorsitzenden Michael Meister. Dies sehe auch der potenzielle Koalitionspartner SPD so. „Die Folgen der niedrigen Zinsen für die Altersvorsorge wird auch der Koalitionsvertrag aufgreifen.“

Nach dem EZB-Schritt stehen die milliardenschweren Bewertungsreserven der Versicherer urplötzlich wieder auf der Agenda. Konkret geht es darum, wem diese gehören. Nach geltendem Recht sind Kunden, deren Verträge ordentlich oder per Kündigung auslaufen, an den stillen Reserven gemäß ihrem Anteil zu 50 Prozent zu beteiligen.

Das führt dazu, dass Policensparer derzeit hohe Bonuszahlungen bekommen. Für einzelne Kunden kann es sich sogar lohnen, ihre Police vorzeitig zu kündigen, um von den Überschussreserven zu profitieren. Es geht um nicht weniger als 66 Milliarden Euro, die in den Bilanzen der Versicherer stehen.

Reserven steigen in der Niedrigzinsphase

Kurioserweise sind die hohen Reserven eine Folge der momentan niedrigen Zinsen. Denn die höher verzinslichen Papiere, die die Gesellschaften vor vielen Jahren gekauft haben, sind an der Börse heute viel mehr wert. Beispielsweise notiert eine im Jahr 2000 begebene Bundesanleihe mit 30 Jahren Laufzeit derzeit bei 151 Prozent. Sprich: Jene Versicherung, die dieses Papier vor 13 Jahren gekauft hat, sitzt auf einer stillen Reserve von 50 Prozent.

Diesen Gewinn müssen die Assekuranzen zur Hälfte mit ihren Kunden bei Fälligkeit einer Kapitallebens- oder Rentenversicherung teilen – unabhängig davon, ob sie die Anleihe auch wirklich verkauft haben.

Für den einzelnen Sparer sind die Bonuszahlungen durchaus nennenswert. Nach Berechnungen des Münchner Versicherungsmaklers Johannes Fiala können die zusätzlichen Ausschüttungen durchaus 15 Prozent der gesamten Auszahlungen ausmachen. „Bei einem Lebensversicherungsvertrag, der 30 Jahre lang mit monatlich 200 Euro bespart wurde, kann die Ablaufleistung dank Bewertungsreserven durchaus um 20.000 auf über 130.000 Euro steigen“, sagt Fiala.

Garantiezins fällt seit Langem

Diese Abflüsse sehen Allianz, Ergo & Co. jedoch gar nicht gerne, denn das Geld wird dringend in den nächsten Jahren benötigt, um die Leistungsfähigkeit bei weiter laufenden Verträgen aufrechtzuerhalten. Sollten die Zinsen nämlich länger auf dem rekordniedrigen Niveau verharren, wären die Versicherungen auf die stillen Reserven angewiesen, um die Ansprüche der Kunden weiter leisten zu können.

In den 90er-Jahren haben die Konzerne bis zu vier Prozent Rendite garantiert, und zwar für die gesamte Laufzeit der Verträge. Nun wird es immer schwieriger, diese Versprechen an den Märkten zu erwirtschaften. Außerdem sind die Reserven je nach Marktlage extremen Schwankungen unterworfen. Als die lang laufenden Bundesanleihen im Jahr 2012 ihr absolutes Tief markierten, lagen die Bewertungsreserven bei fast 90 Milliarden Euro gegenüber aktuell 66 Milliarden.

Kein Wunder, dass die Versicherer in Berlin eine Kampagne gestartet haben, um die gesetzlich vorgeschriebene Beteiligung der Kunden an den Bewertungsreserven zu kappen. Schon einmal waren sie mit dieser Forderung fast am Ziel. Jedoch blockierte der Bundesrat Ende 2012 eine neue Regelung. Und auch eine Einigung im Vermittlungsausschuss wurde im März 2013 in letzter Minute gekippt.

Selbst eine Härtefallregelung für Kunden mit besonders langen Verträgen konnte das Scheitern nicht mehr verhindern. Nun wagt die Branche nach dem unerwarteten Zinsschritt der EZB einen neuen Vorstoß. „Eine schnelle politische Lösung für eine Neureglung der Bewertungsreservenbeteiligung ist notwendig“, heißt es vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). „Die aktuelle Entscheidung der EZB, die Zinsen erneut zu senken, unterstreicht die Dringlichkeit.“

GDV erwartet nicht mehr Kündigungen

Das sieht nun offenbar auch die SPD so. Es müsse relativ zügig ein Ergebnis her, damit für alle Betroffenen Klarheit herrsche, sagte der stellvertretende finanzpolitische Sprecher der SPD im Bundestag, Manfred Zöllmer, der „Neuen Osnabrücker Zeitung“. Er erwartet, dass sich die Problematik der Bewertungsreserven durch die anhaltende Niedrigzinsphase noch verschärfen wird.

Nach Ansicht von Versicherungsberater Fiala kann es sich für Kunden lohnen, jetzt noch schnell den Vertrag zu kündigen, um den Bonus einzustreichen. Das gelte gerade für jene Verbraucher, deren Policen bald auslaufen.

Beim GDV ist man gelassen. Die Storno-Quote hätte sich trotz der politischen Diskussion über die Streichung der Bewertungsreserven im vergangenen Jahr sogar zurückentwickelt. Die meisten Kunden wüssten gar nicht, wohin sie das freie Geld dann packen sollten.

http://www.welt.de/finanzen/versicherungen/article121784157/Bei-Lebensversicherungen-droht-ein-Nachspiel.html

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11.11.2013

Es gibt Versicherer, die an ihre stillen Reserven müssen“

Der Niedrigzins zwingt die deutschen Lebensversicherer zu Zusatzreserven und zu Produktinnovationen. Hier solle die Branche noch mutiger werden, fordert Felix Hufeld, Exekutivdirektor für Versicherungsaufsicht der Bafin.

Herr Hufeld, der Niedrigzins nagt an der Lebensversicherung. Müssen Kunden fürchten, dass ihre Garantien nicht mehr erfüllt werden?

Im Augenblick nicht. All unsere Modellrechnungen und Stresstests belegen, dass die deutschen Lebensversicherer kurz- und mittelfristig in der Lage sein werden, ihre Verpflichtungen zu erfüllen.

Was langfristig geschehen würde, sollte es zu japanischen Verhältnissen mit dauerhaft extrem niedrigen Zinsen kommen, ist schwer zu prognostizieren. Aber es ist völlig klar, dass das Konsequenzen hätte.

Was heißt kurz-, mittel- und langfristig?

Ich will das nicht weiter konkretisieren. Alle Berechnungen beruhen auf einer Vielzahl von Annahmen. Kleinste Schwankungen der Variablen führen zu gravierenden Änderungen der Ergebnisse. Deshalb wäre es nicht seriös, jetzt eine Jahreszahl zu nennen, nach dem Motto, ab dem Jahr x wird es richtig brenzlig.

Was passiert, wenn ein Unternehmen den Garantiezins nicht mehr zahlen kann? Immerhin liegt der in manchen Beständen immer noch nahe 4 Prozent.

Um genau dieses Szenario möglichst weit hinausschieben zu können, gibt es seit 2011 eine Zinszusatzreserve. Noch sind Reserven da, und die werden nun in echte Deckungsrückstellungen umgewandelt, um Leistungsversprechen halten zu können. Allein für das laufende Jahr werden die Lebensversicherer nach vorläufigen Zahlen rund 6 Milliarden Euro dafür aufwenden.

Erstmals sind darin auch Verträge mit einem Garantiezins von 3,5 Prozent enthalten, weil der Referenzzins unter dieses Niveau gefallen ist. Seit 2011 sind so schon mehr als 13 Milliarden Euro zusammengekommen. Das ist ein gewaltiger Betrag, der uns Zeit verschafft.

Wie lange wird es dauern, bis die Altverträge so weit abgeschmolzen sind, dass bei der heutigen Umlaufrendite auf die Zusatzreserve verzichtet werden kann?

Das Problem behebt sich nicht in den nächsten fünf oder zehn Jahren von selbst. Wenn sich die Marktbedingungen nicht ändern, wird sich die Reserve jahrelang weiter aufbauen. So ist das in der Logik dieses Instruments angelegt.

Neukunden werden also noch auf Jahre hinaus Verzicht zu Gunsten von Altkunden üben. Wird die Lebensversicherung an sich unattraktiver?

Darauf muss die Branche eine Antwort finden. Ein wichtiger Aspekt ist dabei die Produktinnovation. Wir begrüßen es als Bafin ausdrücklich, dass die Branche hier Lösungen sucht.

Im Moment erinnert das Angebot an einen Donut: Wir haben eine starke Ballung in der klassischen Lebensversicherung mit Garantie, und wir haben ein recht beachtlich angewachsenes Volumen der fondsgebundenen. Doch dazwischen ist ein ziemliches Loch.

Wo liegt das Problem?

Das ist schon unter dem Aspekt des Kundennutzens ein ungünstiger Zustand. Von der Finanzmarktstabilität gar nicht zu reden. Andererseits ist völlig klar, dass weder die Lebensversicherung noch andere Anlageformen aus Stroh Gold machen können.

Ob und wie stark die Lebensversicherung im Niedrigzinsumfeld an Attraktivität verliert, entscheidet sich stets im Vergleich mit anderen Anlageprodukten.

Verbraucherschützer sind von neuen Garantiemodellen wenig angetan. Sie sprechen von einer Bankrotterklärung.

Für die Bafin steht außer Frage, dass die Produktlandschaft auch in Deutschland vielfältiger werden muss. Sie können die traditionelle deutsche Lebensversicherung mit einer Garantie über die gesamte Vertragsdauer nicht als Vergleichsmaßstab für jedes andere Produkt nehmen. Das ist nicht angemessen und entspricht auch nicht der Realität im Rest der Welt.

Viele Kunden schrecken zurück, weil sie die Produkte nicht mehr verstehen. Wird hier von den Versicherern überzogen?

Transparenz ist ein hohes Gut. Doch komplexe Produkte sind nichts Neues. Wenn die Versicherer ihre Produkte nicht verständlich erklären können, werden die Kunden diese Produkte auch nicht kaufen. Der Wurm muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler.

Eine Neuregelung zur Beteiligung ausscheidender Kunden an den Bewertungsreserven ist gescheitert. Wie dringend ist ein neuer Anlauf?

Es gab eine ganze Reihe von Faktoren, die im Februar nicht hinreichend gewürdigt worden sind. Darunter der jetzt doch sehr sichere Schwenk zum neuen Aufsichtsrecht Solvency II. Vermutlich wird es dazu am 13. November eine politische Einigung geben.

Die deutschen Lebensversicherer werden von 2016 an ihre Eigenmittel schrittweise jedes Jahr um mehrere Milliarden Euro erhöhen müssen – zusätzlich zu der Zinszusatzreserve. Und das voraussichtlich über einen Zeitraum von 15 Jahren, der sich als Übergangsfrist abzeichnet.

Aber den Preis bezahlen auch die Kunden, die seit 2008 auf eine Beteiligung an den Reserven vertrauen. Wie steht es um die Balance?

Die Kunden sollen auch weiterhin beteiligt werden. Aber dabei muss die extreme Volatilität berücksichtigt werden. Sie darf nicht länger in vollem Umfang auf die Ansprüche in den fälligen Verträgen durchschlagen. Sonst profitieren wenige Kunden, die zu einem bestimmten Zeitpunkt ausscheiden – zu Lasten der vielen Versicherten, die im Kollektiv bleiben.

War die Regelung ein Fehler?

Als sie 2008 eingeführt wurde, hat sich niemand vorstellen können, dass die stillen Reserven auf festverzinsliche Wertpapiere von 3 Milliarden Euro im Jahr 2011 innerhalb von eindreiviertel Jahren auf fast 90 Milliarden Euro hochschießen würden.

Das sind Schwankungen, die man einem Zockerpapier zuschreiben würde. Und solche Schwankungen auf eine Anlageform durchschlagen zu lassen, die von jahrzehntelanger Berechenbarkeit geprägt ist, ist einfach ein logischer Widerspruch.

Haben Sie Anzeichen dafür, dass Hochzins-Papiere vorzeitig verkauft werden mussten? Analysen lassen den Schluss zu, dass dies nicht erforderlich war.

Das ist ein krasses Fehlurteil. Es gibt Gesellschaften, die nicht an ihre stillen Reserven heranmüssen, aber es gibt andere, die definitiv nicht mehr darum herumkommen – das hängt dann auch maßgeblich mit der Finanzierung der Zinszusatzreserve zusammen.

Die Nettoverzinsung der Lebensversicherungen lag 2012 bei 4,6 Prozent, die laufende Verzinsung bei knapp 4 Prozent. Die Differenz erklärt sich zum großen Teil daraus, dass Bewertungsreserven gehoben wurden.

Sind Lebensversicherer an die Bafin herangetreten, um ihre Ausschüttungsverpflichtungen zu reduzieren?

Beantragt worden ist dies 2012 nur von der Protektor Lebensversicherungs AG, die sich als Auffangschirm der Branche in einer Sondersituation befindet. Wir ermuntern aber die Unternehmen, sehr früh mit uns das Gespräch zu suchen, falls auch nur die Möglichkeit in Betracht kommen könnte, das eine Minderung der Mindestzuführung notwendig werden könnte.

Tatsächlich gab es drei weitere Unternehmen, die das in Erwägung gezogen hatten, ihre Zuführungen dann aber doch wie vorgeschrieben tätigen konnten. Wenn es in Zukunft solche Anträge geben sollte, dürfen sie nicht als Hilferuf einer ganzen Branche missverstanden werden. Sie bedeuten nicht, dass ein Unternehmen instabil ist oder kurz vor dem Umkippen steht.

Kann es sich die Branche noch leisten, jedes Jahr rund 8 Milliarden Euro für Abschlussprovisionen auszugeben?

Das ist eine berechtigte Frage, schon deshalb, weil der Anteil der Vertriebskosten in der Gesamtkalkulation stark angestiegen ist. Die Branche muss sich dem Kostenthema stellen, so wie die Autoindustrie oder der Maschinenbau auch. Eine andere Frage ist, ob dafür der Ruf nach dem Staat erforderlich ist. Das will ich aus Sicht der Bafin nicht bewerten.

Könnte die Beratungsqualität unter einer Kostenbegrenzung leiden?

Ich kann nicht erkennen, dass diejenigen mit den höchsten Courtagen auch die höchste Beraterqualität bieten. Klar ist, dass Vertriebsstrukturen in Bewegung kommen würden. Warum aber auch nicht? Auch anderswo gibt es strukturelle Änderungen im Vertrieb. Da kann die Versicherungsbranche kein Schutzreservat sein.

Ausgerechnet die Debeka, der Inbegriff des seriösen Versicherers, soll sich auf fragwürdigen Wegen Daten von künftigen Beamten beschafft haben. Was tut die Bafin dagegen?

Wir schauen uns den Vorgang genau an, klären den Sachverhalt auf und werden gegebenenfalls prüfen, ob wir Maßnahmen auf Basis des Versicherungsaufsichtsgesetzes einleiten. Hier stehen wir aber ganz am Anfang.

Der Niedrigzins macht auch privaten Krankenversicherern zu schaffen. Wie wirkt sich das auf die Beiträge aus?

Wir lassen die Krankenversicherer jedes Jahr prognostizieren, welche Erträge sie bei der Kapitalanlage in den nächsten zwei Jahr erzielen werden. Anhand der Ergebnisse können wir unternehmensindividuell feststellen, ob es in der Lage sein wird, den erforderlichen Rechnungszins zu erwirtschaften, oder ob dieser angepasst werden muss.

Für dieses Jahr legt das Modell nahe, dass 18 der 48 Unternehmen dabei Schwierigkeiten haben dürften. Der Anpassungsbedarf bei den Prämien ist deshalb höher als in den Vorjahren. Aber es kann angesichts der Zinsentwicklung nicht überraschen, dass sich die Beiträge hierdurch verteuern.

Das dürfte zu Diskussionen über die Probleme beim Wechsel in günstigere Tarife führen. Blockieren hier die Versicherer?

Wir haben den Tarifwechsel immer wieder in Einzelfällen gegenüber den Unternehmen aufgegriffen. Jeder Kunde hat Anspruch darauf, seinen Tarif innerhalb der Gesellschaft zu wechseln. Auch geschlossene Tarife darf sie ihm nicht vorenthalten.

Manchmal war eine freundschaftliche Ermunterung durch die Bafin notwendig, damit Versicherer die Rechte ihrer Kunden anerkannten. Eine Häufung der Fälle kann ich nicht erkennen.

http://www.faz.net/aktuell/finanzen/meine-finanzen/versichern-und-schuetzen/nachrichten/versicherungsaufsicht-es-gibt-versicherer-die-an-ihre-stillen-reserven-muessen-12658971.html

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08.11.2013

Zinssenkung setzt Lebensversicherungen unter Druck

Die Lebensversicherung gehört zu den Lieblingen der Deutschen, wenn es um Altersvorsorge geht. Das Zinstief bringt die Versicherer allerdings zun ehmend in Schwierigkeiten. Nun wollen sie sich an die Umstände anpassen.

Die Zins-Talfahrt in Deutschland bringt die Lebensversicherung weiter unter Druck. Seit Jahrzehnten ist sie der Liebling der deutschen Sparer für die Altersvorsorge, weil sie feste Zinsen für Jahrzehnte garantiert und den Todesfall absichert. Mit rund 90 Millionen Verträgen gibt es mehr Lebensversicherungen in Deutschland als Einwohner. Der Wert der meisten Lebensversicherungen geht aber in den Keller, weil die Versicherer ihr Geld nicht mehr so profitabel angelegen können wie früher. Die erneute Leitzinssenkung der Europäischen Zentralbank auf ein Rekordtief könnte die Probleme verschärfen.

Die Lebensversicherer müssen bei alten Verträge mit hohen Garantien von bis zu 4 Prozent zu erfüllen. „Wir befürchten, dass sich zukünftig immer mehr Lebensversicherer aus dem aktiven Geschäft verabschieden werden und nur noch die Bestände verwalten wollen.“, sagt Axel Kleinlein, Vorstandssprecher des Bundes der Versicherten. Das Beispiel der Victoria zeige bereits, dass Kunden dann mit schlechteren Überschüssen rechnen müssen.

Deutschlands größter Versicherer Allianz warnte am Freitag vor den finanziellen Folgen der EZB-Entscheidung. „Hier werden die Zinserträge jeglicher Sparer weiterhin angegriffen werden“, sagte Finanzvorstand Dieter Wemmer. Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft sprach nach der Überraschungsbotschaft aus Frankfurt von einem fatalen Signal für alle Altersvorsorgesparer in Deutschland.

Die niedrigen Zinsen gehen massiv zu ihren Lasten“, warnte Jörg von Fürstenwerth, Vorsitzender der Hauptgeschäftsführung. Der Bund der Versicherten sieht das gesamte Modell der Lebensversicherung in Gefahr. Das Geschäftsmodell der Branche werde durch die Zinssenkung „final auf den Prüfstand gestellt“, sagte Vorstand Axel Kleinlein dem „Tagesspiegel“.

Probleme machen den Lebensversicherungen vor allem die alten Verträge. Aus den 1990er Jahren haben viele Sparer noch Verträge mit einem Garantiezins von vier Prozent auf das Sparguthaben, die ihnen die Versicherer nun liefern müssen. Das gelingt ihnen immer schlechter, weil jedes Jahr alte, hochverzinste Anleihen, in denen die Versicherer viel Geld angelegt haben, auslaufen. Mit der Neuanlage verdienen sie längst nicht mehr soviel.

Inzwischen liegt der Garantiezins zwar nur noch bei 1,75 Prozent – auch das ist heutzutage aber viel. Die Garantiezinsen müssen die Konzerne in ihrer Bilanz finanziell absichern, was hohe Kosten verursacht. Zusätzlich zum Garantiezins erhalten die Kunden eine Überschussbeteiligung, mit der sie von der Geldanlage-Strategie der Versicherung profitieren. Auch deren Wert ist in den vergangenen Jahren gesunken. Die durchschnittliche Gesamtverzinsung einer Lebensversicherung lag nach Angaben des GDV zuletzt aber immer noch bei mehr als 4 Prozent. Aus Sicht vieler Sparer bleibt sie damit trotz aller Probleme ein wichtiger Baustein zur Altersvorsorge.

Die Versicherer passen ihren Verkaufsschlager aber an die neuen Umstände an. Als Ausweg aus dem Zins-Dilemma haben mehrere Anbieter vor kurzem Lebensversicherungen ohne Garantiezins auf den Markt gebracht. Zugesichert wird den Kunden nur der Erhalt der eingezahlten Beiträge und später eine Mindestrente. Den Rest bestimmt das Umfeld an den Kapitalmärkten – geht es bergauf, profitieren auch die Kunden. Auch die eingesparten Garantiekosten sollen an die Kunden weitergegeben werden.

Beim Marktführer Allianz laufen diese abgespeckten Lebensversicherungen nach Schilderung des Unternehmens prächtig an. Im September machte die neue Lebensversicherung nach Angaben von Wemmer 13 Prozent des gesamten Neugeschäfts aus. „Es scheint so zu sein, als wird es eine der erfolgreichsten Produkteinführungen für unsere Gruppe.“ Auch die Ergo meldet einen guten Start mit ihren neuen Versicherungen ohne Garantiezins. „Wir sind sehr zufrieden“, sagte ein Sprecher.

Bei der Konkurrenz dürften diese Äußerungen aufmerksam gehört werden – denn gerade die kleinen Versicherungen wollten erst abwarten, wie es bei den Großen läuft, bevor sie ihre Lebensversicherungen 2.0 auf den Markt bringen. „Die anderen werden nachziehen müssen“, sagt Finanzexperte Hans-Peter Burghof. Den Kunden garantierten die neuen Lebensversicherungen immerhin den Erhalt ihres Kapitals. Das sei den leidgeprüften Sparern inzwischen auch schon etwas wert.

http://www.handelsblatt.com/finanzen/vorsorge-versicherung/nachrichten/ezb-entscheidung-zinssenkung-setzt-lebensversicherungen-unter-druck/9049506.html

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24.10.2013

Wegen niedriger Zinsen: Lebensversicherer droht 90-Milliarden-Loch

Eine Studie der Ratingagentur Moody’s warnt vor Gefahren für deutsche Lebensversicherer durch anhaltend niedrige Zinsen. Der Reservebedarf könnte deshalb in den kommenden zehn Jahren auf bis zu 90 Milliarden Euro steigen.

Moody´s sieht die deutschen Lebensversicherer wegen der anhaltenden Niedrigzinsen vor milliardenschweren Belastungen. „Sollten die Zinsen auf dem aktuellen Niveau verbleiben, würden die Unternehmen letztlich Verluste machen“, warnte die Rating-Agentur in einer am Donnerstag veröffentlichten Studie. Die Experten rechneten ein „Extremszenario“ durch, bei dem sie davon ausgegangen sind, dass die Zinsen in den nächsten zehn Jahren auf dem jetzigen Niveau verharren. In diesem Falle dürfte der Rückstellungsbedarf bis Ende 2023 auf 40 bis 90 Milliarden Euro steigen – abhängig von der Fälligkeit der Policen.
Viele Anbieter müssten dann wohl in andere Töpfe greifen, um die sogenannte Zinszusatzreserve bedienen zu können. Zum Vergleich: In diesem Jahr wird mit einem Rückstellungsbedarf für die Branche von rund sechs Milliarden Euro gerechnet.
Viele Lebensversicherer in Deutschland hatten Kunden in den guten Zeiten mit Garantiezinsen von vier Prozent und mehr gelockt. Doch seit die Notenbanken rund um den Globus im Zuge der Finanz- und Schuldenkrise die Märkte mit billigem Geld fluten und die Zinsen auf rekordniedrigem Niveau halten, lässt sich das aus den laufenden Kapitalmarkterträgen kaum noch erwirtschaften. Immer mehr Anbieter kommen unter Druck, denn in kaum einem anderen Land hat sich die Assekuranz mit ihren Zinsversprechen so in die Ecke manövriert wie hierzulande. Die Finanzaufsicht BaFin hält die Branche deshalb seit 2011 an, die Zinszusatzreserve zu bilden.

Anbieter bauen auf flexible Produkte

Zwar liegt der Garantiezins inzwischen deutlich niedriger. Viele Anbieter haben auch schon neue, flexiblere Lebensversicherungsprodukte entwickelt, um sich Luft zu verschaffen. Doch die positiven Effekte dürften sich nur langfristig zeigen, erklärte Moody´s.

Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) räumte ein, dass sich die Lebensversicherer in der aktuellen Zinsflaute schwertun. Umso wichtiger sei es, dass die Unternehmen mit den speziell für extreme Szenarien gebildeten Reserven vernünftig haushalten könnten. „Der GDV fühlt sich von dem Moody´s-Bericht im Hinblick auf seine politischen Forderungen bestätigt.“

Vor allem der gesetzliche Zwang zur Ausschüttung von Bewertungsreserven ist dem GDV ein Dorn im Auge: Denn diese stillen Reserven sind in erster Linie durch Kursgewinne bei Staatsanleihen entstanden, die lediglich zu vorübergehenden Buchgewinnen bei den Versicherern führen. Dennoch müssen sie diese nach geltendem Recht zum Teil an die Kunden ausschütten, obwohl sich die Kursgewinne bis zum Ende der Laufzeit der Papiere wieder auf null reduzieren können.

http://www.focus.de/finanzen/versicherungen/lebensversicherung/wegen-niedriger-zinsen-moodys-warnt-vor-milliardenloechern-bei-versicherern_aid_1138609.html

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02.09.2013

Berlin schaltet sich ein: Die große Angst um die Lebensversicherung

Das Zinstief zeigt Wirkung. Ein Bericht der Bundesregierung sieht „Herausforderungen“ für die deutschen Lebensversicherer. Wie stabil sind die Gesellschaften? Und wie legen sie ihr Geld an?

Magere Renditen, hohe Kosten, abschlussfreudige Vermittler – Deutschlands liebstes Finanzprodukt – die Lebensversicherung ist in den vergangenen Jahren arg in Verruf geraten. Der größte deutsche Lebensversicherer, die Allianz, trommelt nun für ihr traditionelles Produkt.

Es gäbe trotz der Diskussion über die Beteiligung ausscheidender Kunden an aufgehäuften Finanzreserven aktuell keine Kündigungswelle. „Mit 1,9 Prozent haben wir eine historisch niedrige Stornoquote“, sagte der Chef der Allianz Lebensversicherung, Markus Faulhaber, der Zeitung die „Welt“.

Kurzzeitig habe es erhöhten Beratungsbedarf bei den Kunden gegeben, stellte Faulhaber fest. Die Versicherung habe deshalb eine Hotline eingerichtet. „Die Zahl der Verträge, die dann gekündigt wurden, ist heute nur als kleine Delle im Bestand zu erkennen.“ Zugleich räumte der Manager ein, dass die Stornoquote ohne die Diskussion noch niedriger gewesen wäre.

Angesichts der niedrigen Zinsen rieten einige Beobachter der Branche zuletzt Kunden, vorzeitig aus ihren Versicherungen auszusteigen, um die angehäuften Finanzreserven mitzunehmen. Die Versicherer müssen 50 Prozent dieser sogenannten Bewertungsreserven an ausscheidende Kunden auszahlen.

Auch wenn die historisch niedrigen Stornos auf den ersten Blick positiv erscheinen mögen, zeigen sie auf den zweiten Blick eine Schwäche des Finanzproduktes. Denn Lebenspolicen laufen in der Regel über viele Jahre. Bei einer angenommenen Laufzeit von 20 Jahren und einer jährlichen Stornoquote von 1,9 Prozent sind bereits ein Drittel der Kunden abgesprungen. Bei einer Laufzeit von 30 Jahren läge die Kündigerquote bei rund 44 Prozent. Eine vorzeitige Kündigung ist für Kunden von Nachteil, da sie die ohnehin oft niedrigen Renditen deutlich schmälert.

Immer mehr Kunden sorgen sich um ihre Einlagen. Sie fragen sich, wie die Versicherer ihr Geld anlegen, mit welcher Summe sie beim Ablauf rechnen können und wie stabil die Versicherer im Zinstief sind.

Zunächst einmal gibt es Entwarnung: Kein Versicherer konnte wegen der aktuellen Situation an den Finanzmärkten bislang seine Verpflichtungen nicht erfüllen. Nichtdestotrotz machen die niedrigen Zinsen den Versicherern in Deutschland nach Ansicht der Bundesregierung weiter zu schaffen. „Das im Wesentlichen unverändert anhaltende Niedrigzinsumfeld stellt nach wie vor eine Herausforderung für Anleger wie (Lebens-)Versicherungen, Bausparkassen und Pensionskassen dar“, heißt es laut Reuters in einer schriftlichen Unterrichtung des Bundesfinanzministeriums für eine Sitzung des Finanzausschusses am Montag.

Die Risiken für die Branche wirkten sich mittel- bis langfristig aus. Die Lage der Lebensversicherer sei ähnlich wie im Frühjahr. Seither habe es keine extremen Ausschläge auf den Finanzmärkten gegeben, die zu zusätzlichen Belastungen der Firmen geführt hätten.

Das Ministerium erwartet, dass sich die Lage der Branche zunächst weiter eintrübt. „Aufgrund der weiterhin niedrigen Zinsen und der unveränderten Rechtslage ist auch für 2013 mit einer vergleichbar hohen Ausschüttung von Bewertungsreserven wie 2012 zu rechnen“, heißt es in dem Papier.

Diese stillen Reserven sind vor allem durch Kursgewinne bei Staatsanleihen entstanden, die zu vorübergehenden Buchgewinnen der Versicherer führen. Diese müssen sie nach geltendem Recht zum Teil an die Kunden ausschütten, obwohl sich die Kursgewinne bis zum Ende der Laufzeit der Papiere wieder auf Null reduzieren. „Dies führt zu einer Verschlechterung der künftigen Risikotragfähigkeit der Versicherer“, so die Regierung.

Kunden schauen angesichts solcher Testate mit Wehmut in die Vergangenheit. Früher war die Welt für die Versicherer noch in Ordnung: Wer seinen Kunden eine Lebensversicherung verkaufte und über Jahrzehnte mindestens vier Prozent Zinsen versprach, der konnte das auch liefern. Und zwar mit grundsoliden Anlagen.

Heute ist das anders. Die Druckerpressen der Notenbanken, die Zinsflaute und die Euro-Schuldenkrise haben die Kalkulationen zunichte gemacht. Will die Branche halten, was sie einst zugesagt hat, muss sie mehr Geld in riskantere Anlagen stecken. Denn in kaum einem anderen Land hat sie sich mit Zinsgarantie-Versprechen so in die Enge manövriert wie in Deutschland.

Die Umschichtungen sind massiv: Versicherer und Pensionskassen greifen zu höherverzinslichen Anleihen, steigen in die Kreditvergabe ein oder engagieren sich als Immobilieninvestoren. Kann das gutgehen? Die ersten Branchenexperten schlagen Alarm. Denn vielerorts baut die Assekuranz ihre Expertise für so genannte „Alternative Investments“ gerade erst auf – und ist deshalb anfällig für Fehler. Zudem steigen die Anlage-Risiken.

Daten der Frankfurter Fondsgesellschaft Universal-Investment zeigen, dass die Profi-Investoren nicht wie weithin erwartet von Anleihen in Aktien umsteuern. Vielmehr finden die Umschichtungen innerhalb der Rentenportfolios statt. „Den jüngsten Boom an den Aktienmärkten und damit die Chance auf Rendite haben die Versicherer an sich vorbeiziehen lassen“, sagt Ralf Bräuer, der bei Universal das institutionelle Geschäft leitet.

Die Gesellschaft stellt die Fondsplattform für kleine und mittelgroße Versicherer und Pensionskassen zur Verfügung – und hat untersucht, wie sich deren in Spezialfonds angelegte Gelder von gut zehn Milliarden Euro zwischen Mai 2011 und Mai 2013 verschoben haben.

Abgebildet wird damit zwar nur ein Teil der gesamten Kapitalanlagen der Assekuranz in Billionenhöhe, doch überraschend sind die Erkenntnisse allemal: Die Aktienquote in den Fonds fiel auf 13 von 15 Prozent, die Rentenquote stieg in demselben Zeitraum auf 77 von 75 Prozent.

Der Grund dafür liegt laut Bräuer auf der Hand: „Aktien sind volatile Anlagen, die einem schon mal die Bilanz verhageln können. Außerdem sind sie nach der neuen EU-Richtlinie Solvency II teuer, weil sie mit am stärksten mit Eigenkapital unterlegt werden müssen.“

Über alle Kapitalanlagen hinweg – also nicht nur auf das Spezialfonds-Geschäft bezogen – lag die Aktienquote der deutschen Erstversicherer Ende 2012 nach Berechnungen des Branchenverbandes GDV auch nur bei mageren 2,8 Prozent. „Europaweit rangieren die Deutschen damit am unteren Ende“, sagt ein Regulierungsexperte. „Die französischen Versicherer gehen stärker in Aktien. Aber die haben auf der Zinsseite in den guten Zeiten auch weniger versprochen und können heute deshalb Kursrückschläge und Kapitalauflagen einfacher wegstecken und Chancen mitnehmen.“

Die hiesige Assekuranz wird auf anderen Wegen kreativ. So ist der Universal-Studie zufolge zwar der Anteil der Staatsanleihen in den Fonds nur leicht auf 14 Prozent abgeschmolzen. Große Verlierer sind innerhalb dieser Anlageklasse jedoch Bundesanleihen, die kaum noch etwas abwerfen, manche Universal-Kunden haben sie deshalb schon komplett aus ihren Depots geworfen.

Stattdessen greifen sie wieder zu Italien und Spanien sowie zu Schwellenländern wie Mexiko und Brasilien, die mehr Rendite versprechen. Und noch einen Gewinner gibt es: Unternehmensanleihen – ihr Anteil stieg in den vergangenen zwei Jahren auf 23 von zehn Prozent, zum Nachteil von Pfandbriefen. „Gefragt sind weniger Mittelstandsanleihen, weil der Markt hier zu illiquide und zu klein ist, sondern eher kurzlaufende Hochzinsanleihen und Euro-Anleihen großer internationaler Konzerne“, sagt Bräuer.

Zinsen von sechs Prozent und mehr wie bei den Hochzinsanleihen helfen der Branche, die Versprechen aus der Vergangenheit einzulösen. Im Moment kommen die deutschen Lebensversicherer bei ihren Anlagen mit Mühe und Not auf eine durchschnittliche Netto-Verzinsung von 4,59 Prozent – darin sind realisierte Bewertungsreserven enthalten, die Schätzungen zufolge mindestens einen halben Prozentpunkt ausmachen.

Mit jeder gut verzinsten Staatsanleihe aus der Vergangenheit, die jetzt ausläuft, steigt der Druck, bei der Wiederanlage ein ähnliches Niveau zu erzielen. Da kommen Hochzinsanleihen gerade recht, doch diese sind oftmals nicht ohne: Die Unternehmen, die dahinter stehen, haben schlechtere Bonitätsnoten, das Ausfallrisiko ist real.

Die wenigsten Versicherer und Pensionskassen lassen sich deshalb bei ihren Umschichtungen gerne in die Karten schauen. Eine Ausnahme ist die Bayerische Versorgungskammer, die für zwölf berufsständische und kommunale Versorgungswerke ein Vermögen von 55 Milliarden Euro verwaltet. „Wir haben den Rentendirektbestand – also Staatsanleihen und Pfandbriefe – seit 2004 von 85 auf 65 Prozent zurückgefahren“, berichtet Vorstand Andre Heimrich. „Auch das ist im derzeitigen Marktumfeld eigentlich noch zu hoch. Die größten Abflüsse aus dem Rentendirektbestand gab es zugunsten von Hochzinsanleihen, Schwellenländer-Anleihen, Immobilien und Investments in Hedgefonds, Private Equity und Infrastruktur.“

Im Vergleich zu den Platzhirschen der Branche ist die Bayerische Versorgungskammer ein Zwerg. „Das kann auch ein Vorteil sein“, sagt ein Branchenkenner. „Ohne Börsennotierung, aber mit einer kritischen Masse an verwaltetem Vermögen haben solche Gesellschaften mehr Spielraum, Neues auszuprobieren.“ Ähnlich gehe auch die Versorgungsanstalt des Bundes und der Länder (VBL) vor, eine der größten Versorgungseinrichtungen für Beschäftigte des öffentlichen Dienstes, mit Anlagen von gut 16 Milliarden Euro.

Aber auch bei den Großen tut sich was, etwa bei der Allianz Leben, die ein Vermögen von über 180 Milliarden Euro verwaltet. „Generell mögen wir illiquide Assets“, erklärt Anlagechef Jörg Ladwein. Weil sein Haus langlaufende Verbindlichkeiten mit gut planbaren Auszahlungen habe, sei es weniger auf eine ständige Liquidität der Anlagen angewiesen. „Daher bauen wir derzeit den Anteil an – nicht börsengehandelten – alternativen Anlagen aus.

Dazu gehören zum Beispiel Immobilien, erneuerbare Energien wie Wind- oder Solarparks oder Infrastrukturinvestments. Diese Assets bieten langfristig stabile Cashflows bei attraktiven Renditen.“ Den Anteil von Unternehmensanleihen im Portfolio baute Allianz Leben seit 2007 auf 15 Prozent aus, die Aktienquote liegt heute bei etwa acht Prozent. „Wir investieren auch in Private Equity“, sagt Ladwein. Das Tabu liegt woanders: „Hedgefonds kommen nicht infrage. Für uns steht Sicherheit an erster Stelle.“

Auch viele andere Häuser sichern sich über Beteiligungen an Infrastruktur-Projekten oder als Kreditgeber etwa für die ausgetrocknete Immobilienbranche regelmäßige Einnahmen. Die Analysten der Ratingagentur Moody’s begrüßen das im Grundsatz. Gerade in Europa habe die Branche in Sachen Diversifizierung noch großen Nachholbedarf, schrieben sie unlängst in einer Kurzstudie. So seien etwa Lebensversicherer aus den USA und Japan schon seit Jahren viel stärker im Kreditgeschäft engagiert.

Die erwartete Aufholjagd diesseits des Atlantiks birgt allerdings auch Gefahren: „Manche Versicherer könnten die Risiken unterschätzen, die sich aus diesen Anlagen ergeben“, warnen die Moody’s-Experten. Schwierig werde es etwa, wenn man zu viele illiquide Vermögenswerte anhäufe, die von den Regulierern erzwungene Kapitalunterlegung zu leicht nehme oder sich faule Kredite in die Bücher hole, weil der Markt im Großen und Ganzen schon abgegrast sei. „Wenn Versicherer in Bereiche gehen, in denen sie bislang kaum Erfahrung haben, laufen sie einfach Gefahr, auf den minderwertigsten Assets sitzenzubleiben.“

Die richtige Balance zwischen Risiko und Rendite ist längst auch ein Thema für die Politik und damit die Versicherungs-Aufsicht. Zwar betonen Finanzexperten aller Parteien, es gebe wegen der Niedrigzinsphase keinen Anlass zur Panik. Lange liegen lassen will man das Thema aber auch nicht.

So sagt der Obmann der Unionsfraktion im Finanzausschuss des Bundestages, Hans Michelbach, die Lage der Versicherer müsse auch in den kommenden Koalitionsverhandlungen besprochen werden: „Da gibt es schon Handlungsbedarf.“ Der FDP-Finanzexperte Volker Wissing betont, für Versicherungsunternehmen sei das wirtschaftliche Umfeld nicht einfach: „Trotzdem sind die meisten von ihnen stabil und sicher aufgestellt.“ Mit regulatorischen Eingriffen in die Anlagepolitik solle die Politik sehr vorsichtig sein.

http://www.handelsblatt.com/finanzen/vorsorge-versicherung/ratgeber-hintergrund/berlin-schaltet-sich-ein-die-grosse-angst-um-die-lebensversicherung/8727952.html

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31.08.2013

Diese Tabelle zeigt das Lebensversicherer-Drama

Die Lebensversicherer schaffen es kaum noch, die garantierten Erträge zu erwirtschaften. Das Problem sind Altverträge, in denen Kunden hohe Zinsen versprochen wurden – unter völlig anderen Umständen.

Wir sagen den Sparerinnen und Sparern, dass ihre Einlagen sicher sind. Auch dafür steht die Bundesregierung ein!“ Vor fast fünf Jahren brauchte es das Versprechen der Kanzlerin, um das Volk zu beruhigen.

Kurz nach der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers war die Angst der Sparer groß, ihr Geld könnte auch bei deutschen Banken nicht mehr sicher sein. Nur Angela Merkel mit Unterstützung ihres damaligen Finanzministers Peer Steinbrück schien in der Lage, die beunruhigte Masse davon abzuhalten, die Konten zu räumen.

Heute könnte wieder ein Machtwort der Kanzlerin vonnöten sein. Nur dass das Vertrauenssignal diesmal nicht Bankkonten, sondern Lebensversicherungen betrifft. Das meistgenutzte Altersvorsorgeprodukt der Deutschen bekommt die Folgen der Finanzkrise mit Verspätung zu spüren.

Angesichts der niedrigen Zinsen an den Finanzmärkten haben viele Anbieter offenbar Schwierigkeiten, Erträge zu erwirtschaften, die sie Kunden in den guten Zinszeiten zugesagt haben. Die Nöte sind so groß, dass einige Versicherungsunternehmen nicht mehr davor zurückschrecken, bei der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht, kurz BaFin, vorstellig zu werden, um sich zumindest vorübergehend Linderung zu verschaffen.

Weniger ausschütten

Sie wollten ihren Kunden weniger ausschütten, um – so die Versicherer – zukünftige höhere Auszahlungen gewährleisten zu können. „Das hat eine negative Signalwirkung, die man nicht unterschätzen sollte“, konstatiert Stephan Kalb, Leiter der Versicherungsanalyse für Deutschland bei Fitch Ratings: „Auch wenn es eigentlich darum geht, sich für die Zukunft stärker aufzustellen.“ Dieser Gang nach Canossa hat auch die Politik aufgeschreckt.

Obwohl die Gesellschaften ihre Anträge zwischenzeitlich wieder zurückgezogen haben, wird sich der mächtige Finanzausschuss, der sich sonst mit der Rettung ganzer Staaten befasst und für lange Nachtsitzungen sogar mit Bieranlage ausgestattet ist, in der kommenden Woche mit der „schwierigen Lage der Lebensversicherer“ in einer Sondersitzung befassen. Mit dabei ist die BaFin-Präsidentin Elke König.

Zu klären sei, wie Bundesregierung und Finanzaufsicht die Lage der Gesellschaften einschätzten, wie deren Probleme zu lösen seien und welche Auswirkungen es auf die Kunden gebe, heißt es in einem Schreiben der grünen Finanzpolitiker Gerhard Schick und Lisa Paus.

In der Politik hat sich damit die Erkenntnis durchgesetzt, dass in der Branche „akuter Handlungsbedarf“ bestehe.

Häufig noch Garantien von mehr als drei Prozent

Grund für die testierte Notlage ist das Zusammenspiel von niedrigen Zinsen und hohen Garantien aus vergangenen Jahren. Während die Umlaufrendite, also die durchschnittliche Rendite aller am Markt befindlichen Bundesanleihen, aktuell noch bei 1,52 Prozent liegt, rentierte sie zu Beginn der 90er-Jahre noch bei gut neun Prozent.

Kunden, die einen Vertrag zwischen Juli 1986 und Juni 1994 abgeschlossen haben, garantieren Versicherungsgesellschaften jedoch auch bis zum Ablauf Jahr für Jahr 3,5 Prozent. Zwischen Juli 1994 und Juni 2000 beträgt diese offiziell Höchstrechnungszins genannte Mindestverzinsung gar vier Prozent.

Bis Ende 2003 versprachen die Assekuranzen ihren Kunden immerhin noch 3,25 Prozent. Zwei Drittel aller Verträge im Bestand deutscher Gesellschaften haben Garantien von deutlich über drei Prozent.

„Die deutschen Lebensversicherer haben im europäischen Vergleich die höchsten Garantien zu bedienen“, sagt Benjamin Serra, Versicherungsanalyst bei der Ratingagentur Moody’s in Paris. Die durchschnittliche Garantie, die deutsche Lebensversicherungskonzerne zu erfüllen haben, liegt bei rund 3,2 Prozent.

Lediglich in den Niederlanden müssen Lebensversicherer mit ähnlich hohen Altlasten zurechtkommen. In der Schweiz und in Italien hingegen liegt die durchschnittliche Garantie bei nur rund 2,5 Prozent, in Frankreich gar nur bei einem Prozent. In Großbritannien kommen Lebensversicherungen ganz ohne Garantie aus.

Negativer Ausblick für deutsche Versicherer

Moody’s hat den deutschen und niederländischen Lebensversicherern daher einen negativen Ausblick verpasst – auch die Ratingagentur sieht die Finanzstärke der Gesellschaften tendenziell schwinden. „Natürlich schauen wir bei der Bewertung, wie viele teure Altverträge eine Gesellschaft im Bestand hat“, sagt Serra. Jedoch sei das nur ein Aspekt.

Vor allem Gesellschaften, die einen hohen Anteil lukrativer Altverträge zu bedienen haben, stehen unter besonderem Zinsdruck. Wie groß dieser Druck ist, hat auch das Analysehaus Assekurata ermittelt (siehe Tabelle). Allerdings ist diese Betrachtung nach dem jeweiligen Anteil einzelner Garantietarife nur sehr holzschnittartig.

„Es kommt zu der Verteilung von hohen und weniger hohen Garantien auch auf die Anlage- und Ausschüttungsstrategie des einzelnen Unternehmens an“, sagt Reiner Will, Geschäftsführer bei Assekurata.

Nach der Assekurata-Aufstellung haben Heidelberger und Hannoversche Leben die meisten Vier-Prozent-Verträge im Bestand. Auch HDI, Swiss Life und Axa haben hohe Alt-Ansprüche zu bedienen. Unter anderem liegt die Häufung solcher hohen Verpflichtungen daran, dass Gesellschaften ihr Neugeschäft zurückgefahren haben, also heute keine Lebensversicherungsverträge mehr anbieten, die mit weniger hohen Garantien belegt sind und so den Bestandszins drücken.

Annähernd jeder zweite Vertrag im Bestand der Heidelberger Leben (Slogan: „Lieber länger leben“) ist ein Vier-Prozenter. Als Gnade der späten Geburt beziehungsweise des späten Einstiegs ins Lebensversicherungsgeschäft hat der Anbieter nur wenige Verträge mit recht hohen 3,5 Prozent Garantie. Dafür relativ viele Verträge mit 3,25 Prozent. Im Jahr 1991 erblickte die Heidelberger Leben als MLP Leben das Licht der Welt.

Viele Altlasten bei der Continentalen

Die Großen der Branche haben in der Regel einen ausgewogeneren Kundenmix. Die meisten Altlasten verzeichnet unter anderem noch die Continentale. Knapp 30 Prozent Vier-Prozenter und 25 Prozent 3,5-Prozent-Verträge führt sie in den Büchern. Bei Iduna sind rund 60 Prozent mit mindestens 3,5er-Garantie belegt.

Württembergische hat einen alten Bestand mit entsprechend hohen Lasten: 35 Prozent bei 3,5er-Garantie und 23 Prozent mit Vierer-Versprechen. Beim Marktführer Allianz machen Verträge mit 3,5-Prozent-Garantie und Vier-Prozent-Garantie jeweils gut ein Fünftel des Bestands aus. Die Branchengröße Ergo hält knapp 43 Prozent ihrer Lebenspolicen mit über 3,5 Prozent.

Die offizielle Schmerzgrenze liegt aktuell nur geringfügig unter dieser Marke – bei 3,3 Prozent. Diese Zahl gibt wieder, was der Markt hergibt. „Jedes Jahr wird für die Gesellschaften ein Referenzzinssatz gebildet, der das durchschnittliche Niveau von Staatsanleihen mit sehr gutem Rating, also einem AAA, abbildet“, erklärt Fitch-Analyst Kalb.

Für alle Verpflichtungen oberhalb dieser Schmerzgrenze hat der Gesetzgeber Versicherungsgesellschaften verpflichtet, eine Zinszusatzreserve zurückzulegen.

„Mit diesem Reservepuffer soll die Zahlungsfähigkeit der Anbieter langfristig sichergestellt werden“, sagt Kalb. Die Beträge sind durchaus markant: Nach Berechnungen von Assekurata machte der Posten im Jahr 2011 rund 1,5 Milliarden Euro aus. 2012 musste die deutsche Versicherungswirtschaft bereits 4,5 Milliarden Euro zurücklegen.

In diesem Jahr könnten noch einmal 3,5 Milliarden Euro hinzukommen. Mit jedem zurückgelegten Euro entschärfen die Versicherungsunternehmen ihre Altlasten-Bilanzen. Doch solange die Zinsen so niedrig bleiben wie derzeit, müssen sie jedes Jahr aufs Neue Geld zurücklegen.

Aktien sind für viele Anbieter keine Option

Aus diesem Dilemma auszubrechen, fällt den meisten Anbietern schwer. Zwar gibt es höher rentierende Anlageoptionen. Die meisten sind jedoch für Lebensversicherer nicht gangbar. Beispiel Aktien: Bei jedem Kauf müssen die Gesellschaften in absehbarer Zeit wegen der Risiken an den Börsen rund ein Drittel Eigenkapital hinterlegen.

Bei den immensen Summen, die Lebensversicherer bewegen, können sich diesen Luxus nur die wenigsten leisten. Auch deshalb liegt die Aktienquote in der Branche nur bei rund vier Prozent. Selbst der Branchenprimus Allianz Leben leistet sich lediglich sechs Prozent reine Aktienquote.

Kunden und potenzielle Kunden tun gut daran, sich detailliert mit ihrem Anbieter auseinanderzusetzen. Schließlich binden sie sich über Jahrzehnte mit ihren Ersparnissen an ein Unternehmen. Kommt es hart auf hart, haben Anbieter die Möglichkeit, sich von der BaFin von hohen Zinsversprechen befreien zu lassen.

Außer auf die Struktur des Versichertenkollektivs sollten Interessierte auf Rückstellungen sowie auf konstant hohe Überschussbeteiligungen achten. Auch ist die Anlagepolitik einen Blick wert – die Kapitalmarkterträge sind die wichtigste Quelle für die Versicherungsleistungen. Bei der Einschätzung können Ratings ein wichtiges Signal liefern, auch wenn Analysten irren können.

Doch auch ohne am Aktienmarkt mitmischen zu können, sehen Branchenexperten die mittelfristige Überlebensfähigkeit für Lebensversicherer gesichert. Nach Berechnungen von Stephan Kalb können die Versicherer mit Rating von Fitch selbst auf dem aktuell niedrigen Zinsniveau bis 2027 durchhalten.

Vielleicht bleibt der Politik eine weitere Merkel-Garantie, wie sie im Oktober 2008 erfolgen musste, erst einmal erspart.

http://www.welt.de/finanzen/verbraucher/article119579593/Diese-Tabelle-zeigt-das-Lebensversicherer-Drama.html

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28.08.2013

Als Altersvorsorge nicht geeignet“

Ein Vergleich von Lebenspolicen zeigt: Die Verträge bieten schwache Renditen und hohe Kosten. In fast allen Fällen sollen sogar Bundesanleihen bessere Erträge bieten. Die Tester stellen die Grundsatzfrage.

Ein kleines Magazin schafft es immer wieder, die scheinbar so wichtige Versicherungslobby bis zur Weißglut zu reizen. Das Magazin, das laut eigener Website nicht einmal 60.000 Abonnementen zählt, veröffentlicht in loser Reihe Vergleiche von Lebens- und Rentenversicherungen.

Die Ergebnisse ähneln sich: Egal ob Riester-, Renten- oder Lebenpolicen – die Produkte auf dem Markt taugen nichts. Der Gesamtverband der Versicherungswirtschaft gibt daraufhin regelmäßig Mitteilungen heraus, die den Testern „Objektivität und Seriösität“ absprechen.

Auch diesmal ist das Urteil in dem Artikel der nächsten Ausgabe des Magazins, der Handelsblatt Online bereits vor dem Erscheinen am Freitag vorab vorliegt, klar und deutlich. „Zur Altersvorsorge taugen Kapitallebenversicherungen nicht. Schließen Sie daher keinen Neuvertrag ab“, lautet der Ratschlag an die Leser.

Das Magazin hat eine Stichprobe von 76 abgelaufenen Kapitallebensversicherungen und sieben Rentenversicherungen untersucht, die zwischen 1963 bis 2001 abgeschlossen worden waren. Die Verträge lieferte die Verbraucherzentrale Hamburg. Der ehemalige Geschäftsführer des Bundes der Versicherten und jetzige Handelsblatt-Online-Kolumnist Axel Kleinlein half dem Magazin bei der Berechnung der Renditen.

Auch wenn es sich nicht um eine repräsentative Untersuchung handelt, ist das Ergebnis für die Sparer bitter. Die Renditen der Policen fallen in fast allen Fällen niedriger aus als bei einer Anlage des Geldes in Sparplänen mit Bundesanleihen. Im Vergleich hätten Verbraucher demnach auf 1,23 bis 2,35 Prozent Rendite verzichtet.

Nach Ablauf brachten die Verträge nur Renditen zwischen 3,10 Prozent und 4,49 Prozent pro Jahr. Eine parallele Anlage des Geldes in Schatzbriefen hätte demnach aber Renditen von 4,33 bis 6,73 Prozent gebracht. Auch Policen, die lange vor der jetzigen Niedrigzinsphase abgeschlossen worden seien, bleiben laut Ökotest hinter den Vergleichssparplänen zurück.

Die Gründe für das schwache Abschneiden liegen vor allem in den hohen Kosten. Laut Stichprobe lagen die Kostenquoten bei durchschnittlich 20 Prozent. Im Einzelfall wurden bei einer alten Police mit langen Laufzeiten und sehr niedrigen Beiträgen sogar bis zu 46 Prozent des Beitrages fällig. Immerhin attestieren die Tester den Gesellschaften sinkende Kosten. In den 1960er- und 1970er-Jahren lagen sie laut Bericht noch bei 31 Prozent.

Nach dem Bericht sollten sich Kunden nicht auf die Prognosen der Versicherer verlassen. Laut Vergleich wurde bei Abschluss der Police „nicht selten doppelt so viel Ertrag versprochen, als letztlich herauskam“. Bei keiner Police erreichte die Ablaufrendite die prognostizierte Rendite. Der Spread zwischen Prognose und Realität in der Spitze bei mehr als drei Prozent per annum.

Kunden dürften in naher Zukunft vergeblich darauf hoffen, dass die Lebensversicherung attraktiver wird. Derzeit haben Lebensversicherungen mit dem niedrigen Zinsniveau zu kämpfen, was sich auf die Rendite der Sparer auswirkt. Schuld sind die extrem niedrigen Renditen für krisensichere Staatsanleihen, in die die Anbieter ihre Kundengelder anlegen müssen. Das senkt die Gewinnausschüttung im Vergleich zu früher noch weiter ab.

Angesichts der niedrigen Zinsen fordern einige Lebensversicherungen einem Bericht zufolge Ausnahmen bei den Vorschriften zu Gewinnrücklagen. Die „Süddeutsche Zeitung“ berichtet, mehr als zehn Gesellschaften hätten bei der Finanzaufsicht Bafin beantragt, dass sie für ihre Kunden weniger vom Gewinn zurücklegen müssen. Mit der Aussetzung der Vorschriften wollten sich die Unternehmen für eine gewisse Zeit Luft verschaffen. Die Bafin wollte der Zeitung die Zahl nicht bestätigen.

Die Gesellschaften sollen nach den Schilderungen „deutlich weniger“ als die 75 oder 90 Prozent für ihre Kunden reservieren. Das würde den Gesellschaften Luft verschaffen, sie könnten in späteren Jahren die Gewinntöpfe wieder auffüllen. Vor allem Unternehmen mit schwachen Kapitalerträgen sollen laut SZ betroffen sein.

Während der Verband der Versicherungswirtschaft (GDV) erklärte, für die Kunden von Lebensversicherungen habe ein zeitweiliger Verzicht auf eine Aufstockung der Finanzreserve aus laufenden Erträgen keine negative Folgen, schätzen Verbraucherschützer das anders ein: „Für Kunden bedeutet das im Zweifel, dass sie weniger Geld ausgezahlt bekommen“, sagt Edda Castelló von der Verbraucherzentrale Hamburg.

Die Bundestagsfraktion der Grünen hat daraufhin eine Sondersitzung des Finanzausschusses zur Situation der Lebensversicherer in Deutschland beantragt, weil „Offenbar nicht nur ganz vereinzelt Lebensversicherungsunternehmen in einer schwierigen Lage“ seien.

Wie es in Abgeordnetenkreisen hieß, soll die Präsidentin der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin), Elke König, den Parlamentariern Rede und Antwort stehen. Wie das Handelsblatt aus informierten Finanzkreisen erfahren hat, haben mindestens drei Lebensversicherer Anträge gestellt, die Gewinnausschüttung an ihre Kunden zu senken, diese Anträge aber nach kurzer Zeit wieder zurückzogen. Letztlich habe es keine Prüfung auf eine Sondergenehmigung gegeben.

Das Zinstief zeitigt Wirkung: Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) verwies bereits auf eine Möglichkeit, bei der Gewinnbeteiligung auf die Bremse zu treten. Es sei angemessen, in schwierigen Zeiten bestimmte Gewinntöpfe vorerst nicht zu bedienen, sagte GDV-Präsident Alexander Erdland in Berlin. So könnten Unternehmen bei der Finanzaufsicht Bafin einen entsprechenden Aufschub beantragen: „Wenn das Finanzergebnis nach Sicherstellung des Garantiezinses und nach der Zinszusatzreserve negativ wird, dann wäre das ein adäquater Schritt“, erklärte Erdland.

http://www.handelsblatt.com/finanzen/vorsorge-versicherung/nachrichten/lebensversicherungen-als-altersvorsorge-nicht-geeignet/8708190.html

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27.08.2013

Lebensversicherer wollen ihren Kunden ans Geld

Die Lebenversicherer stehen mit dem Rücken zur Wand: Erste Anbieter bitten jetzt die Finanzaufsicht, weniger Rücklagen für teure Altverträge bilden zu müssen. Für die Sparer geht es ans Eingemachte.

Das Canossa der Versicherer ist Bonn. Im schönen Städtchen am Rhein sitzt die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht, kurz BaFin. In der Regel schaut sie den Versicherern auf die Finger, und die Anbieter wollen möglichst wenig mit ihr zu tun haben.

Doch in jüngster Zeit suchen mehr und mehr Gesellschaften die Nähe der Bonner Behörde. Denn einige Lebensversicherer stecken in Schwierigkeiten und versuchen, den Zinsbann zu brechen.

Konkret geht es darum, weniger Rücklagen für ihre Kunden bilden zu müssen. Die Anbieter haben lange Zeit ihren Altersvorsorgesparern hohe Zinsen von bis zu vier Prozent versprochen, die bei den niedrigen Renditen an den Kapitalmärkten kaum mehr zu verdienen sind.

Finanzpolster der Branche schon abgeschmolzen

Um die Versprechen zu sichern, müssen Allianz, Debeka & Co. seit März 2011 eine sogenannte Zinszusatzreserve in ihrer Bilanz bilden, um eine „ausreichende Mindestzuführung zur Rückstellung zur Beitragsrückerstattung“ zu gewährleisten, wie es in Paragraf 4 der Mindestzuführungsverordnung (MindZV) heißt. Je niedriger die Zinsen an den Märkten, desto mehr Kapital müssen die Gesellschaften einschießen.

Waren es nach Berechnungen der Kölner Ratingagentur Assekurata im Jahr 2011 noch 1,5 Milliarden Euro, die die gesamte Branche zurücklegen musste, ist der Wert im vergangenen Jahr auf 4,5 Milliarden Euro gesprungen. „In diesem Jahr könnten noch mal 3,5 Milliarden Euro oben drauf kommen“, sagt Reiner Will, Chef des Analysehauses Assekurata.

Doch das können und wollen sich einige Gesellschaften offensichtlich nicht mehr leisten. Die Finanzpolster der Lebensversicherer sind wegen der niedrigen Zinsen bereits kräftig abgeschmolzen. Jetzt beantragen einige Unternehmen Regelungen, um keine Extra-Reserve bilden zu müssen. Verbraucherschützer und Versicherungswirtschaft beurteilen die Folgen unterschiedlich.

Niedrigzins schmälert den größten Einnahmeposten

Mehrere deutsche Lebensversicherer haben gar Probleme, die vorgeschriebenen Finanzreserven überhaupt aufzubauen. Mehr als zehn Gesellschaften haben deshalb nach einem Bericht der „Süddeutschen Zeitung“ eine Ausnahmeregelung bei der BaFin beantragt. Vor allem kleinere und mittelgroße Unternehmen beantragten, die sogenannte Mindestzuführungsverordnung auszusetzen.

Vor allem jene Gesellschaften, die einen hohen Anteil lukrativer Altverträge zu bedienen haben, stehen unter Druck. So betrug der Garantiezins bei Policen, die zwischen 1994 und dem Jahr 2000 abgeschlossen wurden, vier Prozent. Davor waren 3,5 Prozent üblich. Bis ins Jahr 2003 versprachen die Assekuranzen ihren Kunden mehr als drei Prozent. Zwei Drittel aller Verträge haben Garantien von deutlich über drei Prozent. Über alle Verträge liegt der Durchschnitt nach Berechnungen von Assekurata bei 3,15 Prozent.

Doch die lassen sich nur mit Mühe und Not an den Märkten verdienen. Die Umlaufrendite, also die Verzinsung aller in Deutschland gehandelten Staatsanleihen, lag am Dienstag bei 1,55 Prozent. Das schmälert die Kapitalerträge der Gesellschaften und damit den größten Einnahmeposten.

„Das ist ein Wechsel auf die Zukunft“

Die Zinszusatzreserve zerzaust die Bilanzen der Lebensversicherer weiter. Einige Gesellschaften erwirtschaften nicht mehr ausreichende Überschüsse, um die Rückstellungen bilden zu können. Die Unternehmen wollen daher teils „deutlich weniger“ Geld für die Versicherten reservieren. Zu einem späteren Zeitpunkt solle das Geld aber wieder nachgezahlt werden. „Die Aussetzung der Mindestzuführungsverordnung ist nichts anderes als ein Wechsel auf die Zukunft“, sagt Assekurata-Chef Will. Schließlich bürden sich die Gesellschaften so zusätzliche Lasten für die Zukunft auf, die sie abstottern müssen.

Der Verband der Versicherungswirtschaft (GDV) erklärt, für die Kunden von Lebensversicherungen habe ein zeitweiliger Verzicht auf eine Aufstockung der Finanzreserve aus laufenden Erträgen keine negative Folgen. „Verbraucher mit Lebensversicherungen verlieren durch die vorübergehende Aussetzung der Gewinnzuführung kein Geld“, sagt GDV-Sprecher Christian Ponzel. „Die anteiligen Gewinne, die ihnen die betroffenen Versicherungsunternehmen nun nicht gutschreiben können, erhalten sie zu einem späteren Zeitpunkt.“

Verbraucherschützer sehen das kritischer: „Für Kunden bedeutet das im Zweifel, dass sie weniger Geld ausgezahlt bekommen“, sagt Edda Castelló von der Verbraucherzentrale Hamburg. Dagegen wehren könnten sich die Versicherten kaum.

Am Garantiezins hängt das Vertrauen der Kunden

Viele Experten sehen in dem Gang zur BaFin den ersten Schritt, einst versprochene Garantien zu kürzen. So wäre es durchaus denkbar und auch gesetzlich möglich, die Leistungen aus teuren Altverträgen zu kappen. Denn außer sich von hohen Zinsreserven befreien zu lassen, besteht für Versicherer nach Paragraf 89 Versicherungsaufsichtsgesetz in besonders brenzligen Situationen die Möglichkeit, dass die BaFin eine Herabsetzung der Renditeversprechen anordnet.

Einen solchen Fall hat es in der neueren Geschichte noch nicht gegeben. Denn am Garantiezins hängst das Vertrauen der Kunden in die Lebensversicherung.

Vor einiger Zeit hatten daher die Deutsche Aktuarvereinigung einen zweistufigen Höchstrechnungszins vorgeschlagen, mit dem ein Streichen der Anwartschaften der Kunden problemlos möglich gewesen wäre. Die Vorschläge der Mathematiker sind bislang nicht durchgedrungen.

Sparer sollten einen Blick in die Bilanz werfen

Altersvorsorgesparer sollten daher dringend einen Blick in die Bilanz ihres Versicherers werfen. Hier findet sich nicht nur die Höhe der Zinszusatzreserve, die der jeweilige Anbieter zu stemmen hat. Oft geben die Gesellschaften auch einen ausgiebigen Überblick über die Tarifgenerationen. Ihre Kunden können daran ablesen, welche hoch verzinste Verträge sie mit durchzuschleppen haben.

Nach Berechnungen der Assekurata haben die Heidelberger und Hannoversche Leben die meisten Vier-Prozent-Verträge im Bestand. Auch HDI, Swiss Life und Axa haben hohe Ansprüche zu bedienen.

http://www.welt.de/finanzen/article119448334/Lebensversicherer-wollen-ihren-Kunden-ans-Geld.html

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09.07.2013

Abkassierer jagen ahnungslose Sparer

Die niedrigen Zinsen sind ein Nährboden für fragwürdige Geschäfte mit Lebensversicherungen. Geschäftemacher drängen Kunden zu teuren Kündigungen ihrer Policen. Die Assekuranz wehrt

sich mit schwarzen Listen und Klagen.

Ulf Glatho ist sich in seinem Urteil ganz sicher. „Die klassische Lebensversicherung ist ein Auslaufmodell“, sagt der Prokurist der Kapitalanlagegesellschaft Novo Ass in Köln. Die Kosten seien um bis zu 25 Prozent höher als bei klassischen Sparplänen. Dazu kämen die immer weiter sinkenden Garantiezinsen, die die Lebensversicherung für Anleger unattraktiv machten.

Die Not der Versicherer und ihrer Kunden wollen Glatho und seine Leute nutzen: Sie animieren die Kunden, ihre Lebensversicherung zu kündigen und den ausgezahlten Rückkaufwert bei Novo Ass anzulegen. Für das Geld, so das Versprechen, gebe es acht Jahre lang acht Prozent Zinsen jährlich oder sechs Jahre sechs Prozent. Die Beträge aus den Versicherungen, sagt Glatho, flössen unter anderem in Immobilien, die nach Insolvenzen oder Scheidungen auf den Markt kämen, von Novo Ass erworben und dann vermietet würden.

Das Geschäft läuft. Die Kölner, die nur ein Beispiel für eine rasch wachsende Branche sind, beschäftigen nach eigenen Angaben 15 fest angestellte Mitarbeiter im Innendienst und etwa 150 freie Makler. Nach eigenen Angaben akquirierte Novo Ass bis heute rund 2,8 Millionen Euro aus Lebensversicherungen – „mit rasch steigender Tendenz“, so Glatho.

Acht Prozent Rendite acht Jahre lang – die Magerzinszeit ist der ideale Nährboden für ambitionierte Finanzjongleure. Mit offenbar dubiosen Angeboten versuchen sie, die Kunden aus ihren kärglichen Lebensversicherungen zu locken – und mit aggressiven Methoden. „Die Auseinandersetzungen mit fragwürdigen Firmen nehmen zu“, sagt Ralf Berndt, Vorstandsmitglied der Stuttgarter Versicherung.

Seit zwei bis drei Jahren, so beobachten es die Stuttgarter, gibt es eine deutliche Zunahme dieser Firmen. Häufig zahlten sie den Versicherten einen Teil des abgetretenen Rückkaufwertes in bar aus. Der Rest verschwinde in dunklen Kanälen, manchmal in der Schweiz oder in Liechtenstein, so ein Manager der Versicherung. Intern führt der schwäbische Versicherer eine schwarze Liste mit 25 fragwürdigen Anbietern. Auch Branchenführer Allianz in München führt ein solches Verzeichnis.

Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin), die seit etwa drei Jahren verstärkte Aktivitäten von Lebensversicherungsaufkäufern feststellt, beobachtet zurzeit 60 solcher Unternehmen. Sechs Anbietern untersagte die Behörde das Geschäft. Für die Versicherer wie für die Bafin ist es schwer, den Überblick über die unliebsame bis unlautere Konkurrenz zu behalten. Namen kommen und gehen.

Dabei spalten sich die Policenankäufer in zwei Gruppen. Die einen haben sich im Bundesverband Lebensversicherungen im Zweitmarkt (BVLZ) zusammengeschlossen. Um sich von unseriösen Wettbewerbern abzugrenzen, verpflichten sich die BVLZ-Mitglieder auf bestimmte Standards.

Dazu zählt, dass der Käufer die Lebensversicherung fortführt, statt sie zu kündigen. Die Police läuft dann weiter, der Kunde behält auch nach dem Verkauf einen – wenn auch verringerten – Anspruch auf eine Zahlung im Todesfall. Die Kündigung von Lebensversicherungspolicen, um an die Rückkaufwerte zu kommen, betrachtet der Verband dagegen als „Pseudo-Zweitmarkt“.

Der ist wenig durchsichtig. Die seriösen Ankäufer investieren jährlich etwa 200 Millionen Euro in den Kauf von Lebensversicherungspolicen. „Der Pseudo-Zweitmarkt ist bestimmt genauso groß, möglicherweise auch noch größer“, sagt der BVLZ-Vorsitzende Ingo Wichelhaus.

Besondere Vorsicht ist laut Verbraucherzentrale Hamburg dann geboten, wenn der Lebensversicherungskunde die Auszahlung aus einer gekündigten Versicherung nicht selbst erhält, sondern das Geld direkt in eine andere Anlage weitergeschoben wird.

Genau das geschieht bei der Novo Ass, die Versicherte mit einem „Turbo für Ihre Geldanlagen“ (Eigenwerbung) lockt. In der Praxis erscheint das Angebot aber eher wie eine Lizenz zum Abkassieren. So wirbt Novo Ass, die Anlage der Versicherungsgelder sei inflationsbesichert, weil das Geld in Sachwerte investiert werde: Immobilien, regenerative Energien und Unternehmen der Gesundheitsbranche.

Die übliche Logik hinter Sachwertinvestments: Wer beispielsweise eine Immobilie kauft und diese vermietet, hat einen Inflationsschutz, weil er die Mieten erhöhen kann, wenn das Geld an Wert verliert. Wenn er die Immobilie irgendwann verkauft, bringt sie im Falle einer Inflation mehr Geld als beim Erwerb ein, der Wertverlust des Geldes wird kompensiert.

Doch diese Logik funktioniert bei Novo Ass nicht. Denn Novo-Ass-Kunden beteiligen sich gar nicht an Immobilien. Sie geben Novo Ass nur ein Darlehen. Da die Darlehensforderung in Euro festgelegt ist, verliert sie 1:1 mit der Inflation an Wert.

Laut Glatho ein Missverständnis. Denn der Inflationsschutz bestünde im Zins oberhalb der Inflationsrate. Die Sachwerte seien wichtig als Sicherheit für das Darlehen. „Sachwert und Zins sind in Kombination die Faktoren, die den Charme der Anlage ausmachen“, sagt Glatho.

Doch es gibt weitere Merkwürdigkeiten. Das Darlehen ist nicht zweckgebunden und muss nicht notwendigerweise in eine der drei gepriesenen Anlageformen fließen. Das geht aus dem Vertrag hervor, den Novo-Ass-Kunden unterschreiben müssen. Darin heißt es, dass die Kundengelder „in das Vermögen der Novo Ass AG“ eingehen und „für sämtliche Betriebsbedarfe“ verwendet werden können.

Heißt im Klartext: Die Firma kann mit dem Geld machen, was sie will. „Einem solchen Unternehmen würde ich niemals mein Geld geben“, sagt Heiko Müller, Anlegerschutzanwalt der Düsseldorfer Kanzlei Baum, Reiter & Collegen. „Im Darlehensvertrag sollte immer klar bestimmt sein, wofür das Geld verwendet wird, damit die versprochene Verzinsung auch erwirtschaftet werden kann. Zudem sollte der Anbieter nachgewiesen haben, dass sein Geschäftsmodell funktioniert.“

Glatho ficht auch das nicht an. Bis eine endgültige Beurteilung der Anlage möglich sei, müssten noch ein paar Jahre vergehen. Zur fehlenden Zweckbindung sagt er: „Das Interessante an unserer Strategie ist die fehlende Festschreibung, die es uns ermöglicht, flexibel zu investieren.“ Wichtig sei lediglich, dass Sicherheiten in Grundpfandrechten gestellt werden können.

2005 gegründet, hat das Unternehmen seither zweimal Namen und Geschäftszweck geändert. Unter Novo Ass firmiert das Unternehmen erst seit 2011, vorher verkaufte die Firma Kommunikationstechnologie, IT-Dienstleistungen und betrieb eine Internet-Plattform.

Auch die Referenzen der Chefs geben Anlass zum Zweifeln. Aufsichtsratsvorsitzender ist Ralf Sommer, ein Versicherungsmakler, der selbst Novo-Ass-Produkte an Kunden vermittelt. Anhaltspunkte für Erfahrungen als Kontrolleur eines Unternehmens lassen sich im Handelsregister nicht finden.

Mit-Kontrolleurin ist Glathos Ehefrau Brigitta. Novo Ass teilt mit, Sommer sei als Versicherungskaufmann und früherer Maklerbetreuer einer großen Versicherungsgesellschaft qualifiziert, zudem fungiere er als Ausbildungsleiter für die Azubis der Novo Ass. Brigitta Glatho sei Kauffrau mit Zusatzausbildung im Immobilienbereich.

Geschäftsführer bei Novo Ass sind Joachim Barth und Rainer Stolle. Über Barth findet sich im Handelsregister ebenfalls wenig. Novo Ass teilt mit, er sei Hotelkaufmann und Vertriebsprofi. Stolle sei Physiker und Kaufmann habe Erfahrungen als Liquidator in Dresden und Leipzig.

Laut Handelsregister war er Anfang der 90er Jahre Gründungsgeschäftsführer der E & C Engineerconsult Gesellschaft für Unternehmensberatung, Bausanierung und Energiespartechnik in Heidenau-Großsedlitz mbH bei Dresden.

Drei Jahre darauf stellte die Gesellschaft einen Insolvenzantrag, der mangels Masse abgelehnt wurde. Später war Stolle Liquidator zweier insolventer Unternehmen in Dresden namens Die Betonknacker Bohren und Sägen mit Diamantwerkzeugen GmbH sowie Spedition Preller Ltd. & Co. KG.

Inzwischen hat sich die Justiz der Novo Ass angenommen. Die Staatsanwaltschaft Bonn bestätigt auf Anfrage der WirtschaftsWoche, dass sie ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts des Betrugs gegen Novo-Ass-Prokurist Glatho eingeleitet hat.

Es gibt umfangreiche Betrugshandlungen, die es zu prüfen gilt“, sagt ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Bonn. Es gehe um mehrere Unternehmen, darunter auch Novo Ass, und um verschiedene Anlageformen – nicht nur nachrangige Darlehen wie bei Novo Ass, sondern auch Genussrechte und weitere Beteiligungen.

Glatho führt das Verfahren auf die Insolvenz eines anderen Unternehmens zurück, bei dem er im Aufsichtsrat saß. „Das war eine äußerst schmerzhafte Lehre, und von solchen Partnerschaften und deren vermeintlichen Synergieeffekten haben wir die nächsten 100 Jahre genug“, so Glatho, „mit der zweiten Namensänderung haben wir uns von diesem Unfug distanziert.“

Er geht mit Novo Ass unverdrossen weiter auf Kundenfang. Und ist in vielfacher Hinsicht ein Musterbeispiel für das, was im Markt passiert. So sind nach Novo-Ass-Angaben etwa 50 Inhaber von Lebensversicherungen der Nürnberger Versicherung dabei, diese zu kündigen und die Beträge an Novo Ass zu überweisen.

Dabei geht Novo Ass offenbar ziemlich dreist vor. Kunden der Nürnberger berichteten 2010, Mitarbeiter von Novo Ass hätten am Telefon behauptet, im Auftrag der Nürnberger anzurufen. Und sie hätten die Kündigung der Verträge empfohlen. Daraufhin hatte die Nürnberger gegen Novo Ass auf Unterlassung solcher Behauptungen geklagt. Beide Seiten einigten sich auf einen Vergleich.

Fragt sich, wie Novo Ass an seine Kunden kommt. Einen Verdacht hegt die Stuttgarter Versicherung, die 2012 einem Makler wegen „Qualitätsproblemen“ kündigte, so ein Manager des Versicherers. Dieser, wird vermutet, habe umfangreiche Daten von seinem Kundenstamm verkauft.

Laut Glatho ist Novo Ass derzeit mit 20 bis 25 Kunden der Stuttgarter Versicherung über die Kündigung ihrer Policen im Gespräch. Auch hier traten Novo-Ass-Mitarbeiter nach Angaben von betroffenen Kunden im Namen der Stuttgarter auf oder behaupteten, der Versicherer sei pleite.

Die Assekuranz wehrt sich gegen Firmen wie Novo Ass. Kündigt bei der Stuttgarter Versicherung ein Kunde seine Lebensversicherung und erklärt, die Police an einen anderen Anbieter abtreten zu wollen, werden die Außendienstmitarbeiter aktiv. Sie informieren die Policen-Inhaber über Gefahren, die sich hinter manchen hohen Renditeversprechen verbergen.

Wenn nötig, zerren die Versicherer den Anbieter auch wegen übler Nachrede vor den Kadi. Drei einstweilige Verfügungen hat die Stuttgarter gegen Novo Ass erwirkt. Novo Ass hat die Verfügungen akzeptiert. Ein Manager der Stuttgarter: „Bisher haben wir alle Auseinandersetzungen gewonnen.“

http://www.handelsblatt.com/finanzen/vorsorge-versicherung/nachrichten/lebensversicherungen-abkassierer-jagen-ahnungslose-sparer/8447938.html

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20.02.2013

Rücklagen nicht ausgezahlt:

Lebensversicherer brachten Kunden um Milliarden

Vielen Kunden von Lebensversicherungen sind in den vergangenen Jahren hohe Geldsummen vorenthalten worden: Rückstellungen in Höhe von insgesamt 15,6 Milliarden Euro zahlten die Versicherungen einfach nicht aus. Die Grünen wollen das unfaire Knausern jetzt verbieten.

Die deutschen Lebensversicherungen haben einem Bericht der „Süddeutschen Zeitung“ („SZ“) vom Mittwoch zufolge vielen ihrer Kunden in den vergangenen Jahren womöglich zu wenig Geld ausgezahlt. Insgesamt gehe es um einen Betrag von bis zu 15,6 Milliarden Euro, der den Kunden vorenthalten worden sei oder noch vorenthalten werde, sagte der finanzpolitische Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion, Gerhard Schick, dem Blatt.Er berief sich dabei auf Zahlen der Bundesregierung zu den Rückstellungen, die die Versicherer für Beitragsrückerstattungen bilden müssen. Wären diese anteilig an die Versicherten ausgeschüttet worden, hätten die Ablaufleistungen nach Schätzung Schicks um bis zu drei Prozent höher ausfallen können. Bestätigen sich die Angaben, wären vielen Betroffenen vier- oder gar fünfstellige Beträge durch die Lappen gegangen.

Grüne fordern faire Beteiligung der Versicherten

Die Versicherungen haben ihre Altkunden schlecht behandelt, das muss Konsequenzen haben“, sagte Schick. „Man muss den Altkunden schon erklären, wie es dazu kommen konnte, dass ihnen so viel Geld vorenthalten wurde.“ Der Grünen-Politiker warf die Frage auf, warum die Regierung und die Versicherungsaufsicht nicht für eine faire Beteiligung der Kunden an der sogenannten freien Rückstellung für Beitragsrückerstattung (RfB) gesorgt haben. Außerdem müsse für die Zukunft eine solch faire Beteiligung der Versicherten sichergestellt werden, „damit sich eine solche Angelegenheit nicht wiederholt“.

Bundestag und Bundesrat verhandeln derzeit darüber, wie angesichts der anhaltend niedrigen Zinsen auf den Finanzmärkten die Existenz der Lebensversicherer gesichert werden kann, ohne die Ansprüche der Kunden allzu sehr zu schmälern. Bisher drehte sich die Debatte vor allem um die Bewertungsreserven der Konzerne, die nach den Plänen der Regierung – und zum Ärger vieler Betroffener – nicht mehr zur Hälfte an die Versicherten ausgeschüttet werden sollen. Nun kommt noch das Problem der RfB hinzu, die als wichtigster Sicherungspuffer der Branche gilt.

Rückstellungen gehortet und nicht ausgezahlt

Die Schwierigkeiten gehen auf eine Gesetzesänderung zurück, die 1994 in Kraft trat und die Branche von vielen Regularien befreite. Aus Sorge, dass die freier agierenden Unternehmen zu große Risiken eingehen könnten, wurde die freie RfB der Altkunden durch eine Art Brandmauer von der RfB der Neukunden geschützt. Die alte Rückstellung darf seither nur den Altkunden zu Gute kommen, für neue Kunden muss eine neue angespart werden. Anstatt jedoch ausscheidenden Kunden die alte RfB anteilig auszuzahlen, wurde diese den Angaben zufolge gehortet. So kommt die Summe von 15,6 Milliarden zustande. Gleichzeitig bauten die Konzerne nur 5,2 Milliarden Euro an neuer RfB auf, weil dieser Aufbau Rendite kostet.

Um die Versicherer zu stärken, will die Regierung ihnen nun erlauben, die beiden Töpfe teilweise miteinander zu verschmelzen. Schick halt das zwar generell für richtig, wehre sich aber gegen die Art und Weise, schreibt die „SZ“. Er fürchte, dass sich die Konzerne Töpfe schaffen, die praktisch nie ausgeschüttet werden müssen, sondern fast wie Eigenkapital wirken und damit theoretisch sogar höhere Ausschüttungen an die Aktionäre zulassen. „Eigentumsrechtlich stehen nach dem Regierungsvorschlag die Gelder zwar dann den Versicherten zu“, sagte der Grünen-Finanzexperte der Zeitung. „De facto aber werden sie großteils als Eigenmittel eingestuft, an die die Kunden nicht herankommen.

https://www.focus.de/finanzen/altersvorsorge/ruecklagen-nicht-ausgezahlt-lebensversicherer-behalten-kundengelder-fuer-sich_aid_923134.html

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07.02.2013

BaFin will Ausschüttung der Policen begrenzen

Im Streit um Bewertungsreserven stärkt die Finanzaufsicht den Lebensversicherern den Rücken. Eine Deckelung der Auszahlungen an Kunden sei nötig, um die Belastung erträglich zu machen.

Die Finanzaufsicht BaFin springt den Lebensversicherern zur Seite. Behördenchefin Elke König beharrt auf dem umstrittenen Gesetz, das die Ausschüttungen der Policen begrenzen soll.

„Wenn die Neuregelung jetzt nicht kommen sollte, hoffen wir auf einen neuen Anlauf – vielleicht nach der Bundestagswahl“, sagt die Präsidentin der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin).

Nach dem Widerstand von Verbraucherschützern hatten führende Politiker der schwarz-gelben Regierungskoalition das von der Aufsicht gestützte Vorhaben für die laufende Legislaturperiode für beerdigt erklärt. König gibt die Hoffnung aber nicht auf: „Ich glaube nicht, dass das Thema schon vom Tisch ist.“

Lebensversicherer müssen seit 2007 Bewertungsreserven auf das angelegte Geld zur Hälfte an Versicherte ausschütten. „Das kann einer Aufsicht nicht gleichgültig sein“, sagte König.

Anleihen müssten vorzeitig verkauft werden

Immer mehr betrifft diese Maßnahme auch festverzinsliche Wertpapiere, deren Kurse aufgrund niedriger Zinsen kräftig gestiegen sind. Um diese Gewinne aus Anleihen zu realisieren, müssten die Gesellschaften jedoch vorzeitig verkaufen.

Das genau will die BaFin vermeiden. „Bei der Vermittlung der Neuregelung in der Öffentlichkeit ist einiges furchtbar schiefgelaufen. Ich nehme ja niemandem einen Geldbetrag weg, mit dem er bei Abschluss des Vertrages fest rechnen konnte“, sagt die BaFin-Chefin.

„Eine Ausschüttung der Bewertungsreserven geht zulasten der verbleibenden Versicherten, weil dann weniger Mittel für die künftige Überschussbeteiligung bleiben – nicht zulasten des Unternehmens.“ Stille Reserven auf Festverzinsliche machen nach Königs Worten den Löwenanteil der 90 Milliarden Euro an Bewertungsreserven aus, die die deutschen Versicherer in den Büchern haben.

Belastung für Versicherer ist hoch

Damit die Konzerne auch eine lange Phase mit Niedrigzinsen überstehen, müssen sie seit 2011 Rückstellungen dafür bilden. „Der Aufwand für die Zinszusatzreserve wird in den kommenden Jahren für die Lebensversicherer eine hohe Belastung sein.

Für 2012 ist mit einem Betrag von etwa fünf Milliarden Euro zu rechnen. Wenn sich die Marktverhältnisse nicht ändern, wird sich 2013 ein Aufwand in ähnlicher Größenordnung ergeben“, warnte König.

Kurz- und mittelfristig mache sie sich um deutsche Versicherer keine Sorgen. Aber: „Wenn das Niedrigzinsumfeld lange anhält – und da hat keiner den Blick in die Glaskugel – wird es schwieriger.“

http://www.welt.de/finanzen/versicherungen/article113460970/BaFin-will-Ausschuettung-der-Policen-begrenzen.html

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08.11.2012

Existenznot: Geheimpapier warnt vor Krise der Lebensversicherer

Das Bundesfinanzministerium warnt in einem Schreiben vor existenzbedrohenden Problemen bei zahlreichen Lebensversicherern. Die Folge: Der Garantiezins könnte künftig noch stärker fallen.

Die anhaltend niedrigen Zinsen sicherer Staatsanleihen könnten einige Lebensversicherer Medienberichten zufolge in existenzbedrohende Schwierigkeiten bringen. In einem Papier des Bundesfinanzministeriums werde die Schieflage von Instituten nicht ausgeschlossen, berichtete das „Handelsblatt“ unter Berufung auf das Protokoll einer Sitzung von Parlamentariern und Ministerialen.

Um des Problems Herr zu werden, erwägten Finanzministerium und die Finanzaufsicht BaFin, die Versicherer durch eine weitere Absenkung oder zeitweise Aussetzung des Garantiezinses zu entlasten, schrieb das „Handelsblatt“ unter Berufung auf Regierungskreise.

Vor allem für „das schwächste Fünftel“ der Anbieter bestehe bei einer dauerhaft niedrigen Verzinsung von Staatsanleihen erhebliche Risiken, zitierte das „Handelsblatt“ aus dem Protokoll, das auf ein Treffen von Mitgliedern des Finanzausschusses des Bundestags mit dem parlamentarischen Finanzstaatssekretär Hartmut Koschyk Ende Oktober zurückgehe.

Kritisches Szenario ab 2018

„Für diese Unternehmen reichen die vorhandenen Kapitalanlagen in dem zugrunde gelegten Szenario ab 2018 nicht mehr aus, um neben den versicherungstechnischen Rücklagen auch die Eigenmittelanforderungen zu decken.“ Die Rendite der Kapitalanlage sinke schneller als die durchschnittliche Zinsverpflichtung gegenüber dem Kunden.

Die „Bild“-Zeitung hatte zudem berichtet, dass bereits jetzt immer mehr Lebensversicherer ihren Garantiezins offenbar nicht mehr in voller Höhe zahlen. Erste Gesellschaften böten ihren Versicherten neue Policen mit schlechteren Konditionen zum Tausch an.

Der Bund der Versicherten wies diese Darstellungen zurück. „Wir können nicht bestätigen, dass einzelne Versicherungsunternehmen erwägen, bei der Finanzaufsicht BaFin die zeitweise Aussetzung der garantierten Zinszahlungen an ihre Kunden zu beantragen.“ Weiter hieß es: „Die Meldung, dass immer mehr Lebensversicherer den Garantiezins nicht mehr in voller Höhe zahlen können, ist falsch.“

Der Garantiezins, der für die gesamte Laufzeit des Vertrags gilt, liegt derzeit bei 1,75 Prozent, bei älteren Verträgen, die vor dem Jahr 2000 abgeschlossen wurden, bei vier Prozent. Sicherere Staatspapiere, in die die Versicherer investieren müssen, bringen jedoch mittlerweile deutlich weniger Rendite.

Um sich zu entlasten, böten Versicherer jetzt Kunden, die eine Police mit hoher Garantieverzinsung oder langer Versicherungslaufzeit hätten, neue Produkte zum Umtausch an, berichtete die „Bild“.

http://www.welt.de/finanzen/versicherungen/article110774813/Geheimpapier-warnt-vor-Krise-der-Lebensversicherer.html

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08.11.2012

Lebensversicherer wollen Garantie-Zins aussetzen

Schock-Nachricht für Millionen Bundesbürger: Immer mehr Lebensversicherer können offenbar den Garantiezins nicht mehr in voller Höhe zahlen!

Erste Gesellschaften bieten ihren Versicherten neue Policen mit schlechteren Konditionen zum Tausch an. Das bestätigt der Bund der Versicherten gegenüber BILD.

Grund: Für die Anbieter wird es immer schwieriger, ihren Versicherten den versprochenen Garantiezins (derzeit 1,75 %, bei älteren Verträgen bis zu 4 %) zu zahlen. Der Garantiezins einer Lebensversicherung gilt für die gesamte Laufzeit des Vertrags. Mit den Tauschaktionen versucht z. B. Ergo der Zinsfalle zu entkommen.

Die Ursachen: Schuld ist die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank in der Euro-Krise. Der Leitzins liegt derzeit nur bei 0,75 %. Sichere Staatspapiere wie Bundesanleihen mit zehn Jahren Laufzeit werfen mit aktuell 1,43 % nicht viel mehr ab. Damit lässt sich der Garantiezins von mindestens 1,75 % dauerhaft nicht finanzieren.

Die Folgen: Um dem Zinsdruck zu entkommen, bieten die Versicherer jetzt ihren Kunden, die eine Police mit hoher Garantieverzinsung oder langer Versicherungslaufzeit haben, neue Produkte zum Umtausch an. Beispiel: Bei der Ergo wurden Kunden dazu gebracht, ihre Lebensversicherungen vorzeitig zu kündigen und das angesparte Geld als Einmalbetrag in eine Unfallversicherung einzuzahlen.

Die Gefahren: Der Bund der Versicherten mahnt zur Vorsicht. „Ein Wechsel ist immer mit Verlusten und Nachteilen verbunden“, sagt Vorstandschef Axel Kleinlein.

Ebenso warnt er vor neuen Produkten mit gesplitteten Zinsmodellen, die jetzt verstärkt auf den Markt kommen.

Beispiel: In den ersten Jahren ist die Rendite hoch, fällt dann später aber auf magere 1,75 %. „Verbraucher werden mit den zugesagten Zinsen oft in die Irre geführt“, so Kleinlein.

Im schlimmsten Fall droht Versicherten sogar der Wegfall des gesetzlich vorgeschriebenen Garantiezinses von 1,75 %.

Denn: In Notsituationen können die Gesellschaften die Renditezahlung ganz einstellen. Ist ein Versicherer zahlungsunfähig, meldet Insolvenz an, kann die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin), die Aufsichtsbehörde der Versicherungen, die Garantiezinsen bei den Lebensversicherungen aussetzen.

http://www.bild.de/geld/versicherungen/lebensversicherung/lebensversicherer-wollen-garantie-zins-aussetzen-27089026.bild.html

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Aktuelle Meldungen der Medien zum Thema Lebensversicherung in einer umfassenden Chronik.

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