Kinderarmut in Deutschland – eine Chronik

 30.08.2017

Jedes fünfte Kind lebt in Armut

Armut im reichen Deutschland ist und bleibt ein Skandal“, sagte DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach. Ein Bündnis von DGB und Sozialverbänden fordert eine Reform der Hartz-IV-Sätze.

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In dieser Woche hat das Statistische Bundesamt Zahlen zum Ausmaß der Armut in den Bundesländern vorgelegt. Die Befunde bestätigen einen seit Jahren zu beobachtenden Trend: Trotz Wirtschaftswachstum und hoher Beschäftigung wächst der Anteil der Armen. Mittlerweile unterschreitet hierzulande jeder sechste Inländer die Armutsschwelle von 60 Prozent des mittleren Einkommens. Jedes fünfte Kind ist von Armut betroffen. In Augen des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) und des Paritätischen Gesamtverbands spiegeln diese Zahlen unhaltbare Zustände.

Armut im reichen Deutschland ist und bleibt ein Skandal“, sagte DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach am Mittwoch in Berlin. Um Armut wirksam bekämpfen zu können, sind nach Ansicht der beiden Dachorganisationen vor allem deutlich höhere Hartz-IV-Regelsätze notwendig. Bisher würden die Leistungen „künstlich heruntergerechnet“, sagte Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes.

Die Ermittlung der Regelsätze nannte Schneider einen „Akt tiefer Willkür“ und daher grundlegend reformbedürftig. Hieraus leitet das „Bündnis für ein menschenwürdiges Existenzminimum“, zu dem sich DGB, Gesamtverband und 19 weitere Wohlfahrtsverbände zusammengeschlossen haben, vier zentrale Forderungen ab.

Neu rechnen

Derzeit erhalten Alleinstehende und Alleinerziehende 409 Euro monatlich. Für Partner und andere volljährige Haushaltsangehörige gibt es 368 und 327 Euro, für Kinder je nach Alter zwischen 237 und 311 Euro. Dass diese Leistungen nicht ausreichen, verdeutlicht der DGB an Beispielen: Für zehnjährige Kinder seien im Regelsatz 2,72 Euro pro Monat für Bücher vorgesehen. Um sich ein Buch aus der Pippi-Langstrumpf-Liga kaufen zu können, müsse der Betrag über fünf Monate angespart werden. Zweites Beispiel: Für Schuhe, vom Flip-Flop bis zum Winterstiefel, stehen Jugendlichen ab 14 Jahren ganze 62 Euro pro Jahr zur Verfügung. Von der „Wohlstandsnormalität in der Mitte der Gesellschaft“ seien diese Menschen „weit abgehängt“, so Buntenbach.

Die Berechnung der Regelsätze dürfe sich daher nicht mehr an den untersten 20 Prozent der Haushaltseinkommen orientieren. Notwendig seien Leistungen, die sich am tatsächlichen Bedarf der Menschen bemessen, „die es ermöglichen mitzumachen“, sagte Schneider. Zur Höhe bedarfsgerechter Regelsätze, die für sechs Millionen Hartz-IV-Empfänger, für eine Million Menschen mit Grundsicherung im Alter und 130 000 Sozialhilfeempfänger maßgeblich sind, solle eine neu zu bildende Sachverständigenkommission aus Wissenschaftlern, Arbeitgebervertretern, Gewerkschaften und Sozialverbänden Vorschläge entwickeln und der Bundesregierung empfehlen.

Zusätzliche Leistungen

Für seltene kostspielige Anschaffungen wie etwa den Kauf einer neuen Waschmaschine sollen Zuschüsse außerhalb der Regelsätze gewährt werden. Bisher nehmen viele Leistungsbezieher Kredite bei der Arbeitsverwaltung auf, um die Kosten zu schultern. 2016 wurden von den Jobcentern pro Monat durchschnittlich 15 000 solcher Darlehen bewilligt, die im Anschluss abgestottert werden müssen. Die dabei vergebene Kreditsumme beziffert Schneider mit 43 Millionen Euro. Zudem sollen kommunale Leistungen wie etwa ein Pass, der zu kostenlosen Zoo-, Schwimmbad- und Museumsbesuchen berechtigt, allen Bürgern zugänglich sein. Der Kaufpreis für die Pässe soll nach dem Einkommen gestaffelt werden und für Hartz-IV-Empfänger und Geringverdiener ganz entfallen. Ein solches Tarifmodell sei auf andere Bereiche wie den öffentlichen Nahverkehr übertragbar. Davon würden auch Menschen mit geringen Arbeitseinkommen profitieren.

Soforthilfe

Verbände und Gewerkschaften rechnen nicht damit, dass diese Forderungen von der kommenden Bundesregierung rasch umgesetzt werden. In einer Analyse der Wahlprogramme von Union, SPD, Linken, Grünen und FDP kommt das Bündnis zu dem Ergebnis, dass allein Grüne und Linke eine grundlegende Neuberechnung und deutliche Erhöhung der Hartz-IV-Sätze anstreben. Die Union wolle alles, die SPD das meiste beim Alten lassen, die Freidemokraten wollten Leistungen zu einem Bürgergeld zusammenfassen, ohne dabei mehr Geld auszugeben.

Grundlegende Reformen sind mithin eher nicht in Sicht. Um zumindest die Situation armer Kinder kurzfristig zu verbessern, fordert das Bündnis ein Sofortprogramm: Das Mittagessen in Kitas und Schulen muss für Menschen unterhalb der Armutsschwelle kostenlos sein, der Ein-Euro-Beitrag soll entfallen. Und das mit 100 Euro pro Jahr dotierte Bildungspaket müsse zumindest zu Anfang des ersten Schuljahres sowie beim Übergang auf weiterführende Schulen auf 250 Euro erhöht werden.

Kosten

DGB und Gesamtverband beziffern die zusätzlichen Staatsausgaben für die beiden Sofortmaßnahmen auf 143 Millionen Euro pro Jahr. Die Kosten bedarfsgerechter Regelsätze lassen sich naturgemäß erst abschätzen, wenn deren Höhe feststeht. Es gilt dabei die Faustformel: Plus zehn Euro mehr Hartz IV kostet pro Jahr 800 Millionen. Würden die Regelsätze um 30 Prozent angehoben, lägen die zusätzlichen Ausgaben bereits bei zehn Milliarden Euro. Schneider macht daraus keinen Hehl: „Da muss man ehrlich sein: Unsere Forderungen kosten einen zweistelligen Milliardenbetrag. Aber ohne Geld kann man Armut nicht bekämpfen.“

http://www.fr.de/wirtschaft/armutsbericht-jedes-fuenfte-kind-lebt-in-armut-a-1342004

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12.04.2017

So verharmlost die Bundesregierung die Kinderarmut

Die Bundesregierung sagt, im gerade beschlossenen Armutsbericht werde nichts verschwiegen. Doch tatsächlich beschönigt sie die Armut von Kindern – ihre Lage ist prekärer, als sie im Bericht erscheint.

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Nun steht endgültig fest, wie die schwarz-rote Bundesregierung die soziale Lage in Deutschland bewertet. Am Mittwoch hat das Kabinett den Armuts- und Reichtumsbericht beschlossen – ohne die umstrittenen Passagen zum Zusammenhang zwischen Einkommensreichtum und politischen Entscheidungen, die im vergangenen Dezember für Aufregung gesorgt hatten.

Auch ohne sie ist der Bericht durchaus ausführlich: Rund 650 Seiten umfasst allein der eigentliche Hauptteil, gefüllt mit teils bereits bekannten, teils eigens erhobenen Daten und Studienergebnissen. Vorangestellt ist eine 44 Seiten lange Kurzfassung. Hier finden sich die wichtigsten Befunde verdichtet, jeweils ergänzt um die Absätze „Was bereits getan wird“ und „Was noch zu tun ist“. In dem Bericht werde nichts verschwiegen oder gekürzt, sagte Sozialministerin Andrea Nahles (SPD).

Trotz diesem Anspruch und der Fülle des Textes werfen Experten dem Bericht der Bundesregierung Leerstellen und Beschönigung vor – zumindest, was die Kinderarmut betreffe. Christoph Butterwegge spricht von einer „Verharmlosung der Finanznöte vieler Familien“. Der Armutsforscher steht der Linken nahe und trat vor Kurzem als deren Bundespräsidentschaftskandidat an. Dass er die soziale Lage grundsätzlich anders einschätzt als die Bundesregierung, ist also erst einmal keine Überraschung.

Gesundheit, Wohnen, Bildung – arme Kinder sind deutlich benachteiligt

Doch auch Butterwegge lobt durchaus, dass sich der Bericht der schwarz-roten Koalition ausführlich und umfassend mit Kinderarmut befasst. Tatsächlich ist vieles in dem Bericht stimmig und greift den aktuellen Stand der Armutsforschung auf: Auf 75 Seiten wird die existierende Kinderarmut nicht allein am fehlenden Geld, sondern an verschiedenen Dimensionen durchdekliniert, in denen sie den Alltag prägen – Besitz, Gesundheit, Wohnen, Gewalterfahrung, vor allem auch Bildung.

Die zahlreichen Befunde im Bericht sind eindeutig: Arme Kinder haben nicht nur weniger Geld – sie

  • weisen auch deutlich häufiger psychische Auffälligkeiten auf,
  • sind deutlich häufiger übergewichtig oder gar fettleibig,
  • treiben weniger Sport und sind seltener in Sportvereinen,
  • erfahren häufiger Gewalt und
  • wohnen häufiger in dreckiger, lauter und gefährlicher Umgebung

als ihre besser gestellten Altersgenossen.

Oft bestimmen diese Umstände auch die Zukunft der Kinder: Arme Kinder schaffen später nur selten den Aufstieg, auch weil sie im Bildungssystem deutlich schlechter abschneiden. Auch diese Tatsache arbeitet der Bericht deutlich heraus, indem er ein Lebensphasen-Modell verwendet. Bei diesem stehen die Übergänge zwischen Kindheit, Jugend, Erwachsenen- und hohem Alter im Mittelpunkt.

Dennoch resümiert Butterwegge: „CDU, CSU und SPD nehmen das Problem der Kinderarmut einfach nicht ernst.“ Dieser Vorwurf ist nachvollziehbar, vor allem was die Kurzfassung betrifft, die wahrscheinlich der meistgelesene Teil des Berichts werden dürfte.

Das beginnt schon mit Formulierungen. So heißt es dort etwa, „nur wenige Kinder in Deutschland leiden“ unter „erheblichen materiellen Entbehrungen“ – ein klar definierter Begriff der Armutsmessung, der für absolute Not steht: nicht ausreichend heizen können, nicht mal jeden zweiten Tag eine vollwertige Mahlzeit, keine Waschmaschine (Details siehe hier). Das europäische Statistikamt Eurostat umschreibt ihn mit der „Unfähigkeit, sich Ausgaben leisten zu können, die von den meisten Menschen als für eine angemessene Lebensführung wünschenswert oder gar notwendig angesehen werden„. In der Kurzfassung des Armutsberichts wird daraus aber ein „beschränkter Zugang zu einem durchschnittlichen Lebensstandard“ – was eher nach Luxusproblem denn nach Ringen um das Existenzminimum klingt.

Und sind es wirklich „nur wenige Kinder“? Laut dem Bericht betrifft diese absolute Armut 4,7 Prozent der unter 18-Jährigen, mehr als der Durchschnitt aller Altersklassen (4,4 Prozent). Konkret geht es also um mehr als 600.000 Kinder in absoluter Armut, Butterwegge führt zudem an, dass die Lebensmitteltafeln geschätzt rund 500.000 Kinder in Deutschland mit Nahrung versorgen müssen.

Noch weit mehr Kinder sind relativ arm: Bis zu 2,7 Millionen leben in Haushalten mit weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommen, ihr Anteil ist in den vergangenen Jahren gestiegen.

Der Bericht stellt in seiner Kurzfassung fest, dass sich die Einkommensverteilung zulasten armer Kinder verschiebt – die finanzielle Kluft zwischen ihnen und ihren Altersgenossen also immer größer wird.

Was der Bericht allerdings auch im Hauptteil nicht thematisiert: Diese wachsende Kluft ist eine zwangsläufige Folge der Hartz-IV-Systematik. Während die Gesamtzahl der Hartz-IV-Empfänger in den vergangenen Jahren leicht abgenommen hat, nimmt die Zahl der unter 18-Jährigen in Hartz IV sogar leicht zu – und lag Ende vergangenen Jahren zum ersten Mal nach sieben Jahren über der Marke von zwei Millionen.

Kein Wunder: Kinder zu haben ist an sich der größte Risikofaktor für Hartz-IV-Bezug – Alleinerziehende und Großfamilien sind zwei der drei am meisten betroffenen Gruppen. Für die meisten betroffenen Kinder ist Hartz IV dabei Dauerzustand: 49 Prozent der 7- bis 15-Jährigen leben seit vier oder mehr Jahren davon, nur 20 Prozent seit weniger als einem Jahr.

Nun ist das Hartz-IV-System bewusst so angelegt, dass es das Haushaltseinkommen auf einen festen Betrag deckelt. Was immer der Staat mehr für Familien tut – bei Hartz-IV-Kindern kommt es meist nicht an. Ein Beispiel: Eine arbeitslose Alleinerziehende bekommt für sich selbst 409 Euro, für ihren achtjährigen Sohn 291 Euro, für ihre zweijährige Tochter 236 Euro sowie einen Alleinerziehungszuschlag von 147,24 Euro im Monat überwiesen. Das macht exakt 1083,24 Euro. Wenn der Staat – wie die schwarz-rote Koalition in dieser Legislaturperiode – das Kindergeld und den Steuerfreibetrag, den Unterhaltsvorschuss, den Kinderzuschlag und das Wohngeld erhöht, haben viele Familien mehr Geld. Aber die Hartz-IV-Familie aus dem Beispiel bekommt nach wie vor 1083,24 Euro im Monat, weil diese staatlichen Posten auf Hartz-IV angerechnet werden.

Das Bildungspaket funktioniert nicht – und die Regierung weiß es

Auf diese Weise wird der finanzielle Abstand zwischen Kindern in Hartz IV und ihren Altersgenossen systematisch immer größer. Zwangsläufig sind sie dadurch zunehmend bei Dingen außen vor, die bei ihren Klassenkameraden normal sind – und die helfen würden, im späteren Leben die Armut zu verlassen: Sportverein, Musizieren, Kino, Nachhilfe.

Um diesen Missstand zu beseitigen, wurde 2011 – unter dem Druck eines harschen Urteils des Bundesverfassungsgerichts – das Bildungspaket eingeführt: Auf Antrag können Hartz-IV-Kinder Zuschüsse für Mittagessen, Sportverein, Musikschule, Klassenfahrten oder bei akuter Gefahr des Sitzenbleibens Nachhilfe erhalten – insgesamt summieren sich die Zuschüsse auf höchstens 250 Euro im Jahr. Laut Armuts- und Reichtumsbericht ist das Problem damit gelöst: „Durch das Bildungs- und Teilhabepaket wird das spezifische sozio-kulturelle Existenzminimum von hilfebedürftigen Kindern […] gesichert“, schreibt die Bundesregierung.

Das Problem ist nur: Das stimmt nicht. Das Bildungspaket funktioniert nicht, und die Bundesregierung weiß das. Sie hat selbst eine umfangreiche Untersuchung in Auftrag gegeben. Das Ergebnis: Viele Leistungen werden kaum genutzt, weil die Beantragung zu kompliziert, die Hürden zu hoch – oder die Zuschüsse zu niedrig sind, um etwa tatsächlich Musikunterricht bezahlen zu können. Vieles aus dem Paket ersetzt zudem nur, was zuvor aus anderen Töpfen gezahlt wurde. Noch dazu ist das Paket ein Bürokratiemonster, wodurch ein hoher Teil der Ausgaben gar nicht den Kindern zugute kommt: Für zuletzt 570 Millionen Euro Förderung im Jahr entstanden Verwaltungskosten von mehr als 182 Millionen Euro.

Am häufigsten gibt es noch den Zuschuss zum Mittagessen – oft war das jedoch bereits zuvor vergünstigt, nur zahlt jetzt eben der Bund und nicht mehr die Kommune. Ausgerechnet die Leistungen zur gesellschaftlichen Teilhabe aber – Sportverein, Musikunterricht, Museumsbesuche – sowie die Nachhilfe erreichen extrem wenig betroffene Kinder.

Der Deutsche Kinderschutzbund zieht angesichts dieser Erkenntnisse ein vernichtendes Fazit: „An Stelle einer niedrigschwelligen, unbürokratischen Förderung“ gebe es nun eine Leistung, „die die Kinder und Jugendlichen nicht erreicht und überwiegend zu einer Verschlechterung gegenüber der vorherigen Situation führte“. Das Bildungspaket sei „nur ein Pflaster auf der klaffenden Wunde der Kinder- und Jugendarmut“.

Angesichts dessen macht der Armutsbericht den zwei Millionen Kindern in Hartz-IV-Familien wenig Hoffnung auf substanzielle Besserung. Unter dem Punkt „Was weiter zu tun ist“ hat sich die Bundesregierung nur einen einzigen Punkt vorgenommen, der sie betrifft: Das Bildungspaket solle auf bürokratische Hürden überprüft und bekannter gemacht werden.

http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/kinderarmut-im-regierungsbericht-das-verharmloste-problem-a-1141672.html

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10.01.2017

Jedes fünfte Kind in Deutschland ist von Armut bedroht und Nahles tut nichts dagegen

Vor 200 Jahren gründete der Pädagoge Friedrich Fröbel im thüringischen Keilhau eine Bildungsanstalt. Sein Credo: „Die Kinder sollen nicht bewahrt und nicht belehrt werden. Sondern glücklich sollen sie im Sonnenlicht wachsen, erstarken und sich entwickeln.“

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Fröbel verdanken wir die Kindergärten. Der schöne Begriff ist leider fast verschwunden, verdrängt vom technokratischen Kunstwort „Kita“. Fröbels Pathos wäre vielleicht verzichtbar, die umfassende Sorge der Gesellschaft für die Jüngsten ist es nicht. Da allerdings liegt einiges im Argen.

Kinderreichtum wird zum Risiko

In Deutschland ist ein Fünftel der Kinder und Jugendlichen unter 18 Jahren von Armut bedroht. Die Quote liegt in Teilen Bayerns und Baden-Württembergs bei unter 12 Prozent, in den Stadtstaaten, in Ostdeutschland sowie in Teilen Nordrhein-Westfalens bei über 25 Prozent. Allerdings reicht auch in Bayern die Spannweite von 1,9 Prozent im Landkreis Eichstätt bis zu 21,9 Prozent in Schweinfurt.

Daten des Europäischen Statistikamtes zeigen eine steigende Tendenz. Waren im Jahr 2006 hierzulande noch 1,521 Millionen Kinder unter 16 Jahren von Armut betroffen, stieg ihre Zahl bis 2015 um knapp 200.000 auf 1,715 Millionen.

Kinderarmut herrscht besonders häufig in Haushalten von Alleinerziehenden, 90 Prozent davon sind Frauen, in kinderreichen und Familien mit Migrationshintergrund. Nach Auskunft der Bundesregierung leben in Deutschland zudem 29.000 wohnungslose Kinder und Jugendliche.

Not nicht tolerieren

Die Folgen von Kinderarmut sind verheerend. Sie wirken nicht selten ein Leben lang. Für Betroffene bedeutet Knappheit oft eine Kindheit voller Konflikte, Stress und Ängste. Darunter leiden die Gesundheit und die Persönlichkeitsentwicklung. Die Liebe der Eltern und anderer kann Defizite kaum ausgleichen.

Wer nicht am Kinobesuch oder der Klassenfahrt teilhaben kann, wird schnell zum Außenseiter. Kinder aus einkommensschwachen Familien haben weniger Chancen auf eine gute Bildung und einen gut bezahlten Job.

Armut ist beschämend. In jedem Alter. Nicht für die Leidtragenden, sehr wohl aber für eine Gesellschaft, die Armut toleriert. Ethisch und selbst volkswirtschaftlich wird Kinderarmut zu einem der größten Probleme unseres Landes. Es ist höchste Zeit, dass endlich wieder der Satz gilt: Unseren Kindern soll es einmal besser gehen.

Teilhabe statt Willkür

Tatsächlich teilt die herrschende Politik die Sorge um Kinder in Not augenscheinlich nicht. Laut Bundeskanzlerin geht es Deutschland „so gut wie nie zuvor.“ Im Koalitionsvertrag der aktuellen Bundesregierung, immerhin ein Papier von stattlichen 134 Seiten, taucht der Begriff „Kinderarmut“ kein einziges Mal auf. Es fehlt der politische Wille.

Das „Bildungs- und Teilhabepaket“ ist ein bürokratisches Monster und wirkt oft ausgrenzend. Für Ministerin Nahles ist Kinderarmut zwar ein „bedrückendes Phänomen“, höhere Sozialleistungen indessen sieht sie „skeptisch“. Zur jüngsten Neuberechnung der Regelsätze merkt Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbandes, an, die sei „… ein Gemisch aus statistischer Willkür und finanzieller Nickeligkeit.

Wer hingeht und sogar Cent-Beträge für die chemische Reinigung, Grabschmuck oder Hamsterfutter streicht, hat sich vom Alltag der Menschen ganz offensichtlich längst verabschiedet.“ Ausgaben, die etwas mit gesellschaftlicher Teilhabe zu tun haben, fallen dem Rotstift zum Opfer.

Keine Ausreden mehr

Die „Nationale Armutskonferenz“, der Kinderschutzbund und mehrere Wohlfahrtsverbände reden Klartext und fordern: „Keine Ausreden mehr! Armut von Kindern und Jugendlichen endlich bekämpfen!“

Sie wollen sehen, welchen Stellenwert die Beseitigung von Kinderarmut in den Wahlprogrammen, einer Koalitionsvereinbarung und in Gesetzgebungsvorhaben erhält und ob benannt wird, bis wann und wie Kinderarmut überwunden sein soll.

Ja, wir brauchen einen Aktionsplan gegen Kinderarmut – mehrjährig, mehrdimensional und finanziell gut ausgestattet. Kurz- und mittelfristiger Handlungsbedarf besteht an allen Ecken und Enden: Schnellstens sollte das Kindergeld auf 328 Euro steigen, das entspräche der steuerlichen Entlastung, die Spitzenverdiener aus dem Kinderfreibetrag erhalten. Dringend erforderlich ist eine Kindergrundsicherung.

Der Unterhaltsvorschuss muss deutlich angehoben und zeitlich ausgebaut werden. Die Situation in den sozialpädagogischen Diensten der Jugendämter ist zu verbessern. Geld in Kindergärten, Schulen und Freizeiteinrichtungen stecken, das sind Zukunftsinvestitionen!

Kinderarmut in fünf Jahren beseitigen

In der LINKEN wollen wir einen „Fünfjahresplan zur Beseitigung der Kinderarmut in Deutschland“ erarbeiten. Es wäre ein angemessener und überschaubarer Zeitraum für ein erstrebenswertes Ziel.

Deshalb haben wir in der Bundestagsfraktion auf meine Initiative hin ein „Netzwerk gegen Kinderarmut“ gegründet, in dem Sozialverbände, Wissenschaftler, Praktiker und Persönlichkeiten aus Kunst und Kultur mitwirken. Politik geht ohne Pathos, doch nicht ohne Empathie.

http://www.huffingtonpost.de/dietmar-bartsch/kinderarmut-risiko-deutschland_b_14074850.html

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12.09.2016

Trotz Wirtschaftsboom brauchen immer mehr Kinder Hartz IV

Die Zahl der Unter-18-Jährigen, die auf Hartz IV angewiesen sind, nimmt zu – obwohl die Arbeitslosigkeit niedrig ist. Woran das liegt, kann auch eine neue Studie nicht klären.

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Von zwei Meldungen, die am Montag an die deutsche Öffentlichkeit drangen, provozierte eine ein Statement der Familienministerin und empörte Reaktionen von Interessenverbänden und Opposition, die andere blieb fast unterhalb der Wahrnehmungsschwelle. Der Anteil und die Zahl von Kindern und Jugendlichen, die in Hartz-IV-Familien aufwachsen, sei in den vergangenen Jahren gewachsen, erklärte die Bertelsmann-Stiftung. Am gleichen Tag gab das Bundeswirtschaftsministerium bekannt, der Aufschwung der deutschen Wirtschaft bleibe „solide“. Der Arbeitsmarkt sei „weiterhin in guter Verfassung.“

Liest man beide Meldungen zusammen, ergibt sich ein erklärungsbedürftiger Befund: Trotz florierender Wirtschaft, trotz zurückgehender Arbeitslosigkeit und immer neuer Rekordzahlen von sozialpflichtig Beschäftigten in den vergangenen Jahren steigt die Zahl der Kinder in Deutschland, die in Armut leben. Laut Bertelsmann-Stiftung wuchsen im Jahr 2015 fast zwei Millionen Mädchen und Jungen (14,7 Prozent) in Familien auf, die von staatlicher Grundsicherung leben – 52.000 mehr als 2014. Ihr Anteil stieg um 0,4 Prozent gegenüber dem Jahr 2011, als 14,3 Prozent gezählt wurden.

Gründe, warum der Wirtschaftsboom den Kindern und Jugendlichen nicht aus der Armut hilft, liefern die Bertelsmann-Experten in ihrer Aufsehen erregenden Studie allerdings nicht. „Wir können aufgrund fehlender Daten nicht erklären, warum trotz Wirtschaftswachstums und steigender Beschäftigungszahlen mehr Kinder von Hartz IV abhängig sind“, sagte Sarah Menne, Projektleiterin Familienpolitik der Stiftung, auf Nachfrage.

Vieles spreche dafür, dass Kinder für Alleinerziehende und Familien mit drei oder mehr Kinder „ein Risikofaktor auf dem Arbeitsmarkt“ seien. Natürlich könnten auch minderjährige Flüchtlinge, die in Deutschland anerkannt worden sind, in einigen Kommunen bei der Zählung eine Rolle spielen. „Um diese Fragen zu klären, bräuchte es dringend weiterer, vertiefter Forschung“, meinte die Familienforscherin.

Die lebenslangen Folgen von Kinderarmut für die Betroffenen beschreibt die Stiftung in einer sogenannten Metastudie, die bereits vorliegende Forschungsergebnisse zusammenführt und auswertet. Demnach sind Kinder und Jugendliche oft über längere Zeit von Armut betroffen. Mehr als 57 Prozent der Kinder zwischen sieben und 15 waren mehr als drei Jahre lang auf Sozialleistungen angewiesen. „Je länger die Kinder in Armut leben, desto gravierender sind die Folgen“, sagte Anette Stein, Familienexpertin der Stiftung. Arme Kinder würden sozial isolierter aufwachsen, gesundheitliche Nachteile erleiden und häufiger Probleme auf ihrem Bildungsweg haben als Altersgenossen, deren Eltern weniger von finanziellen Sorgen geplagt werden.

Die Familienministerin versichert: Ich nehme das Problem ernst

Als Gegenmittel empfiehlt die Stiftung eine Reform der Grundsicherung für Kinder. Die Unterstützung müsse komplett neu gedacht werden und sich am tatsächlichen Bedarf von Kindern und Jugendlichen orientieren, sagte Stiftungsvorstand Jörg Dräger.

Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) versicherte anlässlich der Studie, sie nehme Kinderarmut sehr ernst. Zugleich wies sie darauf hin, dass die Bundesregierung den Kinderzuschlag für geringverdienende Eltern zum Jahresanfang um 20 Euro auf 160 Euro pro Monat erhöht habe, was sich im Untersuchungszeitraum der Studie nicht ausgewirkt habe. „Damit werden rund 50.000 Kinder wieder unabhängig von Leistungen der Grundsicherung“, meinte sie. Mit dem Mindestlohn, dem Kitaausbau und dem ElterngeldPlus sei die Regierung bereits wichtige Schritte zur Bekämpfung von Armut gegangen. Weil Kinder getrennter Eltern, die keinen Unterhalt erhalten, von Armut besonders betroffen sind, wolle sie zudem den Unterhaltsvorschuss ausbauen.

Die Grünen sprachen von einer beschämenden Studie. „Frau Schwesig sollte aufhören, Ankündigungsministerin zu spielen, es ist Zeit zum Handeln“, erklärten sie. Auch mehrere Sozialverbände forderten ein Umsteuern der Politik.

Regional ist das Armutsrisiko von Kindern laut der Studie sehr unterschiedlich. Ins Ostdeutschland sank die Quote von 2011 bis 2015 um 2,4 auf 21,6 Prozent, während sich im Westen der Anteil von 12,4 auf 13,2 Prozent erhöhte. Besonders hoch waren die Quoten in Städten wie Bremerhaven (40,5), Gelsenkirchen (38,5) und Offenbach (32,2). In Berlin ist die Entwicklung vorsichtig positiv: Demnach sank die Quote in diesem Zeitraum von 33,7 auf 32,2 Prozent.

http://www.tagesspiegel.de/politik/kinderarmut-in-deutschland-trotz-wirtschaftsboom-brauchen-immer-mehr-kinder-hartz-iv/14535206.html

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10.05.2015

Kinderarmut alarmierend – Hilfe oft am Bedarf vorbei

Kinder- und Familienarmut hat in Deutschland alarmierende Ausmaße angenommen. Einer neuen Studie zufolge ist jedes fünfte Kind unter 15 Jahren armutsgefährdet, wächst also unterhalb der Armutsgrenze auf. Und: Die staatliche Hilfe geht oft am Bedarf vorbei.

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2,1 Millionen Jungen und Mädchen leben in Familien, die weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Netto-Einkommens zur Verfügung haben. Bei einer vierköpfigen Familie liegt die Schwelle bei 1.848 Euro im Monat.

Einkommensschwache Familien: Kinder benachteiligt

Knapp die Hälfte dieser 2,1 Millionen Kinder lebt in Haushalten, die staatliche Grundsicherung nach dem SGB II (Hartz IV) beziehen. Bei der anderen Hälfte – das sind 1,15 Millionen Kinder – ist das allerdings nicht der Fall: Sie leben ohne diese Unterstützung, obwohl sie teilweise Anspruch darauf hätten. Zudem wachsen weitere rund 480.000 Kinder knapp über der Armutsschwelle auf, in Familien, die SGB-II-Leistungen erhalten.

Zusammengefasst bedeutet das laut der beiden Erhebungen im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung, dass hierzulande drei Viertel aller Kinder in finanziell gesicherten, aber ein Viertel in finanziell unsicheren Verhältnissen groß werden. Die Auswertung der Daten des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zeigt eine deutliche Benachteiligung von Kindern einkommensarmer Familien im Vergleich zu besser gestellten Haushalten.

14 Prozent der Kinder in Haushalten ohne Internet

Konkret zeigt sich: Rund 20 Prozent der Kinder, deren Eltern Grundsicherung beziehen, leben in beengten Verhältnissen, 76 Prozent können sich keinen Urlaub von mindestens einer Woche leisten. In vielen Fällen lässt das schmale Budget es nicht zu, dass Freunde nach Hause eingeladen werden.

Rund 14 Prozent wachsen zudem in Haushalten ohne Internet auf, 38 Prozent in Familien ohne Auto. Und bei 10 Prozent der Kinder besitzen nicht einmal alle Familienmitglieder ausreichende Winterkleidung. Zugleich stellt die repräsentative Erhebung heraus, dass elementare Güter – eine warme Mahlzeit am Tag oder pünktliche Mietzahlungen – in Familien mit Hartz-IV-Bezug meist gewährleistet sind.

Kritik an bürokratischen Hürden

Eine zweite Untersuchung, für die Armutsforscher Familien befragt haben, bilanziert: Einkommensschwache Eltern wünschen sich für ihre Kinder vor allem gute Bildung und stellen eigene Bedürfnisse zurück. Sie empfinden es als frustrierend, häufig Nein sagen zu müssen aufgrund ihrer schlechten Finanzlage. Eltern klagen zudem über zu viele behördliche Anlaufstellen, bürokratische Hürden und wechselnde Ansprechpartner.

Der Bertelsmann-Stiftung zufolge legt die Befragung offen, dass das staatliche Unterstützungssystem Armut nur unzureichend auffange. Jörg Dräger, Vorstand der Stiftung, sagte, der Bedarf der Kinder, ihr Wohlbefinden und ihre Teilhabechancen müssten in den Mittelpunkt rücken, die staatliche Grundsicherung solle erhöht werden.

Der DGB nannte die Studie ein Armutszeugnis für die Politik, „besonders für diejenigen in der Regierung, die glauben, eine positive Arbeitsmarktentwicklung löse die Armutsproblematik“. Aber viele neue Niedriglohn-Jobs seien eben nicht armutsfest.

http://www.heute.de/sozialdaten-der-bertelsmann-stiftung-zeigen-kinder-und-familienarmut-in-deutschland-alarmierend-38402060.html

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10.01.2015

Experten warnen vor „verstecktem Hunger“ in Deutschland

Fachleute warnen vor Hunger und Fehlernährung in Deutschland. Vor allem Kinder aus armen Familien leiden nach ihren Beobachtungen unter falscher Ernährung. Dies könne zu Wachstumsstörungen und Krankheiten führen.

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„Viele Menschen in Deutschland leiden unter verstecktem Hunger“, sagte der Ernährungswissenschaftler Konrad Biesalski von der Universität Hohenheim dem „Tagesspiegel am Sonntag“. Speziell Kindern aus Hartz-IV-Familien fehlten häufig wichtige Nährstoffe.

Ursache ist demnach allerdings nicht unbedingt ein Mangel an Nahrungsmitteln, sondern meist einseitige Ernährung entweder aus Finanznot oder Unwissen oder auch aufgrund des zunehmenden Industrialisierungsgrades von Nahrungsmitteln. „Es geht nicht nur darum, satt zu werden, sondern vor allem darum, gesund zu bleiben“, sagte Biesalski.

Der Wissenschaftler verwies auf Untersuchungen der Welternährungsorganisation FAO, wonach ein Mangel an Vitaminen und anderen Nährstoffen zu Wachstumsstörungen und Krankheiten führen kann. Dies schade nicht nur den direkt Betroffenen, sondern auch der Gesellschaft, weil die Produktivität sinke und der Bedarf an Sozialleistungen steige. Biesalski kritisierte, dass diese Probleme im Armutsbericht der Bundesregierung zwar erwähnt, von der Regierung aber nicht hinreichend erörtert würden.

http://www.rp-online.de/leben/gesundheit/hartz-iv-experten-warnen-vor-verstecktem-hunger-in-deutschland-aid-1.4789228

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16.05.2014

Fast jedes dritte Kind in Berlin ist arm

Der neue Armutsbericht belegt: Das rasante Wachstum der Hauptstadt drängt die sozial Schwächeren immer weiter an den Stadtrand. Sieht Berlin bald aus wie Paris, wo sich die von der Gesellschaft Abgehängten in den Banlieues sammeln?

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Das sind keine guten Nachrichten, so kurz vor dem Volksentscheid über den Beschluss des Berliner Senats zur Bebauung des Tempelhofer Feldes. Der Armutsbericht ist erschienen und zeichnet das Bild einer durch die Fliehkräfte des Marktes auseinanderdriftenden Stadt. Auf eine einfache Formel gebracht lautet das Ergebnis: Dazu gehört, wer im Zentrum wohnt, alle anderen bleiben außen vor.

Ganz weit draußen, abgekoppelt vom reichen Angebot Berlins, von innovativen Kitas und guten Schulen, von brillanten Uraufführungen und coolen Partys – ohne Zugang zu allem, wofür das neue Berlin steht, dessen Glanz die Stadt weit über ihre Grenzen hinaus zum Sehnsuchtsort gemacht hat.

Ist Berlin auch bald von Banlieues umgeben?

Und wenn schon. Nach Jahren der Teilung entwickelt sich Berlin eben endlich zu einer Metropole europäischen Rangs. Gemessen daran lebt es sich hier immer noch gut und günstig. Das ist richtig, nur der Maßstab ist falsch: Nicht einmal an den deutschen Durchschnitt reicht Berlins Wirtschaftskraft heran.

Und weil die West-Berliner jahrzehntelang in hoch subventionierten Niederlassungen fernab gelegener Firmen beschäftigt waren und die Ost-Berliner in unproduktiven Staatsbetrieben, halten viele nicht mit beim rasanten Aufholprozess. Sie werden an den Rand gedrängt: räumlich und sozial.

Darin schließt Berlin dann doch zu Paris auf, wo Banlieues Sammelbecken schlecht ausgebildeter Geringverdiener sind, die aus der Provinz oder den früheren Kolonien in die Stadt zogen, die Hoffnung auf ein besseres Leben im Gepäck.

Spandau ist keine Banlieue und auch Reinickendorf nicht, aber auch hier leben immer mehr Berliner mit türkischen Wurzeln, die ähnlich wie die „Maghrébins“ in der Schwebe zwischen den Kulturen leben. Hier wie dort aber sind nicht Kultur oder Herkunft schuld an den Problemen, sondern Bildung. Bildung, die fehlt. Auch vielen Deutschen in den Brennpunkten.

Fast jedes dritte Kind in Berlin ist arm

Der Vater des Armutsberichts Hartmut Häussermann sprach davon, dass Armut und Hartz-IV-Biografien in Brennpunkten von Eltern und Nachbarn „vererbt“ werden. Wie viel Kraft muss es ein Kind kosten, zur Schule zu gehen, wenn alle um es herum jede Hoffnung auf einen Job und geregelten Alltag fahren ließen?

Fast jedes dritte Kind in Berlin ist arm und von diesem Erbe bedroht. Es kann einem bange werden angesichts der Dimension. Zumal die Entwicklung an ihren Rändern auf die ganze Stadt durchschlägt: Jüngst senkte der Senat die Ansprüche zum Erwerb von Schulabschlüssen. Und das in einer Zeit, in der Wissen gleichbedeutend mit Wachstum ist.

Keiner hat das Recht, im Stadtzentrum zu wohnen“, hat der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit einmal gesagt. Das ist richtig, gemessen am Armutsbericht aber kurzsichtig.

Die Vorzüge der „Berliner Mischung“ erkannte der Stadtplaner James Hobrecht schon vor 150 Jahren: Weil sich der Sohn des Heizers, der im Keller wohnte, mit der Tochter des Studienrates aus der Beletage im Hausflur trifft und sie gemeinsam den Schulweg antreten. Guter Einfluss halt. Soziale Utopie? Nein, der Blick fürs Ganze gehört zu verantwortungsvoller Politik, zumal in einer Marktwirtschaft, die sozial sein will.

Der Armutsbericht ist ein Weckruf für die Zivilgesellschaft. In akuter Gefahr sind die Schwächsten unter uns, die Kinder. Dabei müssen sie die Zukunft gestalten. Die Strategien für Brennpunkte müssen rasch auf den Prüfstand einer Kommission von Senat und allen Bezirken. Bevor die Lage am Rande Berlins so aussichtslos wird wie in den Pariser Vororten.

http://www.tagesspiegel.de/berlin/armutsbericht-fast-jedes-dritte-kind-in-berlin-ist-arm/9900682.html

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09.01.2014

Auch in Deutschland müssen Kinder noch frieren

Armutsgefährdeten Kindern fehlen grundlegende materielle Güter. Vor allem in Ostdeutschland machen sich laut einer Studie Mängel wie fehlende Winterkleidung oder feuchte Wohnungen bemerkbar. Von Flora Wisdorff

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Kinder, die in armutsgefährdeten Haushalten leben, haben einen niedrigeren Lebensstandard – und im Osten ist dieser besonders niedrig. Das zeigen Untersuchungen der Forscher Helge Baumann und Eric Seils von der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung.

Ihre Studie kommt zu dem Ergebnis, dass 9,7 Prozent der armen Kinder in Westdeutschland in einem Haushalt leben, in dem nicht ausreichend Winterkleidung für die gesamte Familie vorhanden ist. Unter allen Kindern in Westdeutschland sind es hingegen nur 2,8 Prozent. Im Osten leben sogar 12,1 Prozent der armen Kinder und 7,3 Prozent aller Kinder in einem Haushalt mit einer unzureichenden Versorgung mit Winterkleidung.

Auch andere materielle Entbehrungen sind zu beobachten: So leben 9,1 Prozent der armen Kinder im Westen (Osten: 14,0 Prozent) in Haushalten mit feuchten Wänden. Bei allen Kindern beträgt dieser Anteil im Westen dagegen nur 4,4 Prozent (Osten: 8,3 Prozent).

Auch bei der Verfügbarkeit von Computer und Internet verdeutlicht sich dieser Trend: 15,6 Prozent der armen Kinder im Westen (Osten: 19,4 Prozent) haben diese in ihren Haushalten nicht zur Verfügung. Unter allen Kindern leben nur 4,4 Prozent der Kinder im Westen in solchen Haushalten, im Osten sind es 9,5 Prozent.

Wichtige Güter fehlen

„Insgesamt zeigt sich, dass die Einkommensarmut von Haushalten mit Kindern zu Mängeln bei der Versorgung mit wichtigen Gütern führt“, schreiben die Forscher. Relative Einkommensarmut habe durchaus materielle Folgen.

Armut wird gemeinhin über das relative Einkommen definiert. Als armutsgefährdet gilt, wer weniger als 60 Prozent des mittleren bedarfsgewichteten Nettoeinkommens zur Verfügung hat.

In Deutschland lag diese sogenannte Armutsschwelle im Jahr 2012 für ein Paar mit einem Kind unter 14 Jahren bei 1564 Euro im Monat. 18,9 Prozent der Kinder in Deutschland lebten nach Daten des Mikrozensus in solchen Haushalten und waren damit armutsgefährdet – sie gelten aber eigentlich nicht als „arm“.

Denn die Leistung der Grundsicherung (Hartz IV) soll eigentlich sicherstellen, dass jeder Mensch in Deutschland genügend Geld zur Verfügung hat, um eben nicht in Armut leben zu müssen.

Geringes Armutsrisiko in der Oberpfalz

Die Forscher Seils und Baumann wollen nun mit ihrer Studie verdeutlichen, dass Armut in Deutschland eindeutig auch mit Mangelerscheinungen einhergeht. Der Begriff „Einkommensarmut“ macht dies den Forschern zufolge nicht deutlich genug.

Sie stützen sich dabei auf die Ergebnisse des Panels Arbeitsmarkt und Soziale Sicherung (PASS) des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, das im Jahr 2011 über 15.000 Personen in 10.000 Haushalten zu Einkommen und Lebensbedingungen befragte.

In ihrer Studie „Wie relativ ist Kinderarmut? – Armutsrisiko und Mangel im regionalen Vergleich“ gehen die Forscher auch auf die regionalen Unterschiede beim Armutsrisiko ein – auf der Grundlage der Daten des Mikrozensus von 2012.

Neu daran sind die Ergebnisse für Regionen unterhalb der Landesebene. In Bremen leben demnach besonders viele Kinder in armutsgefährdeten Haushalten: 33,7 Prozent beträgt hier die Armutsrisikoquote für Kinder und Jugendliche. Besonders gering ist die Quote mit nur 9,9 Prozent dagegen in der Oberpfalz.

Höchster Anstieg in Münster

Insgesamt zeigt sich, dass das Armutsrisiko für Kinder im Osten zwar weiterhin besonders hoch ist, es aber seit 2005 teilweise stark gesunken ist. Wie zum Beispiel in Thüringen, von 29,2 auf 21 Prozent. In allen ostdeutschen Bundesländern außer Berlin lag das Armutsrisiko für Kinder im Jahr 2012 niedriger als 2005.

In zwei westdeutschen Ländern nahm es dagegen zu: in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen. „Das Ausmaß und die Entwicklung der Einkommensarmut unter Kindern in den Regionen Nordrhein-Westfalens sind bedenklich“, schreiben die Forscher. Ein Großteil der einkommensarmen Kinder leben in diesem Bundesland: in den Regionen Düsseldorf (186.000), Köln (145.000) und Arnsberg (143.000).

Im Regierungsbezirk Arnsberg ist die Kinderarmutsquote seit 2005 um 2,9 Prozentpunkte auf 24,3 Prozent gestiegen. Und auch den allerhöchsten Anstieg des Armutsrisikos für Kinder in der ganzen Republik findet man in dem westdeutschen Bundesland: In Münster kletterte die Quote zwischen 2005 und 2012 um mehr als vier Prozentpunkte von 18,0 auf 22,4 Prozent.

http://www.welt.de/wirtschaft/article123717046/Auch-in-Deutschland-muessen-Kinder-noch-frieren.html

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28.09.2013

Familienpolitik gescheitert: Deutsche Kinder sind ärmer als britische

1,2 Millionen Kinder in Deutschland wachsen in ärmlichen Verhältnissen auf. Es fehlt ihnen an notwendigen Dingen wie warmen Mahlzeiten, Kleidung und Bücher. Armut ist nicht nur in der dritten Welt vorhanden, sondern auch in Industriestaaten wie Deutschland.

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In Deutschland wächst die Kluft zwischen Kindern, die gesund, abgesichert und gefördert aufwachsen und solchen, deren Alltag durch Hoffnungslosigkeit, Mangel und Ausgrenzung geprägt ist, weiter. Bei der frühkindlichen Förderung hinken die Kinder aus der Unterschicht, trotz der Investitionen der Politik, der vergangenen Jahre hinterher.

Immer noch besuchen Kinder aus finanzschwachen Familien seltener eine gute Kita. Dazu brauchen gerade sie frühzeitige gezielte Förderung. Denn viele Kinder aus benachteiligten Wohnvierteln weisen bereits bei der Einschulung Defizite bei Feinmotorik, Grobmotorik und Sprachfähigkeit auf. Laut der Armutsforschung leben diese Kinder in Familien, die weniger als die Hälfte des mittleren Einkommens zur Verfügung haben. Die meisten Familien sind von Hartz IV abhängig.

Jedes 15. Kind in der Bundesrepublik lebt in einer Familie, die es sich nicht leisten kann, dem Kind einmal am Tag eine warme Mahlzeit zu bezahlen. Wie die Sendung Planet Wissen berichtete, können sich Sozialhilfe-Empfänger nicht gesund ernähren, da das Geld nicht für die von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfohlene Tagesration reicht. Infolgedessen leiden sie häufiger unter Vitaminmangel, Müdigkeit, Konzentrationsproblemen und Übergewicht. 4,0 Prozent der Kinder der Bundesrepublik besitzen nur ein einziges Paar Schuhe, die zu jeder Jahreszeit getragen werden.

Es ist enttäuschend, dass Deutschland es nicht schafft, die materiellen Lebensbedingungen für Kinder entscheidend zu verbessern“, kritisierte der Geschäftsführer von Unicef Deutschland, Christian Schneider. Die Kinderarmut in Deutschland ist einer Unicef-Studie zufolge höher als in vielen anderen Industrieländern.

Auf einer Liste mit 29 Ländern zu Entbehrungen von Kindern belege Deutschland Platz 15, teilte das UN-Kinderhilfswerk mit. Das bedeute, dass die Kinderarmut in 14 Industrienationen geringer sei. Am Besten schneiden demnach die skandinavischen Länder ab, allen voran Island und Schweden. Diese beiden Nationen seien jedoch nicht wesentlich vermögender als Deutschland, sondern lägen beim Pro-Kopf-Einkommen und der wirtschaftlichen Entwicklung auf vergleichbarem Niveau.

Besser als in Deutschland gehe es auch Kindern in Großbritannien, obwohl dort die Pro-Kopf-Einkommen im Schnitt niedriger lägen als in Deutschland. Die sozialen Unterschiede findet man auch im Inland. Vor allem in Deutschlands Metropolen steigt die Kinderarmut. Die höchste Armutsquote hat Berlin. Hier ist jedes dritte Kind auf Arbeitslosengeld II angewiesen. Der Anteil von Kindern, die von Hartz IV leben, unterscheidet sich stark nach Städten, Bundesländern und Regionen.

2012 wuchsen in München 12,6 Prozent der unter Dreijährigen in Familien auf, die auf die staatliche Grundsicherung angewiesen waren. In Köln oder Dresden waren es etwa 25 Prozent, in Gelsenkirchen dagegen 40,4 Prozent. Bei den Regionen führt der Stadtstaat Berlin die höchste Kinderarmutsquote an. Baden-Württemberg und Bayern waren dagegen die Bundesländer mit der niedrigsten Kinderarmut. Die Armutsspanne innerhalb ein und derselben Stadt, kann noch erheblich größer sein, als zwischen den Regionen. In manchen Stadtbezirken liegt die Armutsquote von Kindern unter drei Jahren nur bei etwas über einem Prozent, in anderen bei über 50 Prozent.

http://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2013/09/28/familienpolitik-gescheitert-deutsche-kinder-sind-aermer-als-britische/

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15.07.2013

Armut in Deutschland: Millionen Kinder machen keinen Urlaub

Andere fahren in die Ferien, sie bleiben zu Hause: Millionen Kinder in Deutschland können von einem Urlaub nur träumen. Der Kinderschutzbund fordert nun Urlaubsgeld für Hartz-IV-Familien.

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Drei Millionen Kinder in Deutschland fahren nach Angaben des Kinderschutzbundes aus Armutsgründen in den Ferien nicht weg. In einem Gespräch mit der „Neuen Osnabrücker  Zeitung“ forderte der Präsident des Kinderschutzbundes, Heinz Hilgers, das Teilhabepaket für Kinder aus Hartz-IV-Familien um eine sommerliche Einmalzahlung von jeweils 300 Euro aufzustocken. Kinder sozial schwacher Familien dürften bei den Ferien nicht „abgehängt“ werden, sagte Hilgers.

Urlaub schweißt Familien zusammen

Familienurlaub schaffe eine gemeinsame Identität, sagte Hilgers. „Davon zehren viele das ganze Jahr über. Fällt dies weg, ist der Zusammenhalt vor allem von wirtschaftlich schwachen Familien gefährdet.“ Darüber hinaus gehe es um Regeneration, erläuterte  Hilgers, der auf die hohen Stundenzahlen des Unterrichts im  Schuljahr verwies. Deutschland sei „kindentwöhnt“, beklagte Hilgers. Wer hier mit Familie Urlaub mache, müsse feststellen, dass  Kinder „oft als Störfaktor gesehen werden“.

http://www.n24.de/n24/Nachrichten/Wirtschaft/d/3187304/millionen-kinder-machen-keinen-urlaub.html

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