Plastik, Chemikalien und Medikamente in Lebensmitteln – eine Chronik

15.01.2015

Weichmacher-Ersatz kann das Gehirn schädigen

Weil die Chemikalie Bisphenol A schwere Nebenwirkungen hat, wird sie zunehmend ersetzt. Doch auch die Alternative ist alles andere als unbedenklich.

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Plastikflaschen, Konservenbüchsen und Kassenzettel, selbst Bio-Lebensmittel – sie alle können den Weichmacher Bisphenol A (BPA) enthalten. Die Liste der damit behandelten Produkte lässt sich beliebig fortsetzen. Und das, obwohl bereits mehrere Studien der Chemikalie die Unbedenklichkeit abgesprochen haben (siehe Box).

Die Plastikindustrie hat reagiert und Ersatzstoffe wie Bisphenol S (BPS) entwickelt. Doch auch dieser hat heftige Nebenwirkungen, wie Neurologen von der Universität Calgary nun in den «Proceedings of the National Academy of Sciences» berichten. Genauso wie BPA führe auch BPS zu einem gesteigerten Wachstum von Nervenzellen im Hypothalamus, einer für Aufmerksamkeit und Aggressivität zuständigen Gehirnregion.

Noch mehr Nebenwirkungen

Für die Studie verabreichte das Team um Deborah Kurrasch trächtigen Zebrafisch-Weibchen eine Dosis BPA, die – auf das Körpergewicht umgerechnet – im Schnitt auch vom Menschen aufgenommen wird. In der Folge kam es bei den Embryonen zu einer 180-prozentigen Steigerung der Neuentstehung von Nervenzellen.

Die Chemikalie wurde den Weibchen zu einem Zeitpunkt verabreicht, der dem zweiten Drittel einer menschlichen Schwangerschaft entspricht. Entstehen in diesem Zeitraum zu viele Nervenzellen in diesem sensiblen Bereich des Gehirns, könne das später zu Verhaltensproblemen führen, so die Neurologen.

In einem weiteren, gleich aufgebauten Experiment verabreichten Kurrasch und ihre Kollegen den Muttertieren BPS. Dieses Mal waren die Nebenwirkungen noch schlimmer. Demnach wuchsen die Nervenzellen sogar um 240 Prozent schneller. Damit geht von dem vermeintlich harmlosen Ersatzstoff sogar ein noch grösseres Risiko aus als von dem bereits in Verruf stehenden BPA.

http://www.20min.ch/wissen/gesundheit/story/13066733

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08.07.2014

Gift in Pappe und Plastik: Kaffee im Becher ist kein Genuss

Der schnelle Genuss eines Coffee to Go könnte langfristige Auswirkungen auf den Organismus haben. Schuld ist jedoch nicht das Heißgetränk. Gefährlich sind Weichmacher und andere unbekannte Variablen, die ungewollt über den Pappbecher und den Plastikdeckel mit aufgenommen werden.

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Chemische Stoffe im Einweg-Kaffeebecher könnten den Konsumenten den Genuss langfristig verderben. Einige mögliche Inhaltststoffe und ihre Folgen kennen die Forscher bereits. Doch nach wie vor gibt es gerade in der Plastikherstellung viele Unbekannte.

In der Beschichtung der Pappe finden sich zum Beispiel perfluorierten Polymere, die der Körper nur langsam abbauen kann. Auch der Deckel ist nicht ohne. Er ist meist aus Polystyrol hergestellt. Darin sind Stoffe enthalten, die sich auf den Hormonhaushalt auswirken können.

Wie gefährlich all diese Stoffe wirklich sind, das ist tatsächlich umstritten unter Forschern“, zitiert anders leben die Umweltwissenschaftlerin Jane Muncke. Die Schweizerin kommt in ihrer Studie zu dem Schluss, dass hunderte verschiedener Chemikalien in Nahrungsmittelverpackungen ins Essen gelangen. Besonders Plastikverpackungen stellen dabei ein erhöhtes Gesundheitsrisiko dar.

Kurzfristig seien die geringen Dosen für Menschen unbedenklich, langfristige Schäden seien jedoch nicht auszuschließen. Es gäbe bisher keinerlei Studien zu Langzeitwirkungen, geschweige denn zu einem lebenslangen Konsum von industriell abgepackten Nahrungsmitteln, warnen die Wissenschaftler.

http://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2014/07/08/gift-in-pappe-und-plastik-kaffee-im-becher-ist-kein-genuss

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03.06.2014

NDR-Sendung findet Plastikfasern in Bier und

Mineralwasser

Ein schönes kühles Bier zum Feierabend ist vielen Deutschen heilig. Jetzt schlagen Forscher jedoch Alarm: Medienberichten zufolge sind viele Biersorten verunreinigt, darunter auch namhafte. Erschreckend, kurz vor der kommenden Hitzewelle: Auch Mineralwasser ist von der Verschmutzung betroffen.

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Mineralwässer und Biere sind teilweise mit mikroskopisch kleinen Fasern aus Plastik verunreinigt. Dies haben Recherchen des NDR Wirtschafts- und Verbrauchermagazins „Markt“ ergeben. Es besteht der Verdacht, dass die Fasern von Textilien aus sogenanntem Fleece-Material stammen.

Die Plastikfasern lösen sich beim Waschen und gelangen über das Abwasser in die Umwelt, da sie von den Kläranlagen vermutlich nicht vollständig ausgefiltert werden. Dort verteilen sie sich und können im Zusammenhang mit der Produktion in die Getränke gelangen. Da die meisten der Partikel unter einen Millimeter lang sind, lassen sie sich mit dem bloßen Auge nicht erkennen, sie werden aber beim Genuß der Getränke in den Körper aufgenommen.

7,3 Plastikfasern im Wasser – 78,8 im Bier

Bei den analysierten Mineralwässern und Bieren handelt es sich um die in Deutschland meistverkauften Marken. Alle enthielten Mikroplastik. Unter den Mineralwassersorten schnitt die Marke von Aldi am schlechtesten ab. In den Produkten Saskiaquelle von Lidl, Elitess von Penny und Quellbrunn von Aldi konnten die Wissenschaftler mindestens vier Plastikfasern pro Liter. Am schlechtesten schnitt das Produkt des Discounters Aldi ab mit sieben Fasern pro Liter. Diese Zahlen sind jedoch gering im Vergleich zu den Funden in den verschiedenen Biersorten:

In den Pilssorten von Veltins und Krombacher fanden die Forscher jeweils 42 Mikropartikel pro Liter, im Warsteiner sogar 47. Im Weißbier der Münchner Paulaner Brauerei fanden sich demnach 70 Plastikpartikel pro Maß. Spitzenreiter ist dem NDR-Bericht zufolge jedoch die friesische Brauerei Jever: Hier fanden die Forscher im Pils 79 Mikropartikel pro Liter.

Durchgeführt wurde die Untersuchung von Professor Gerd Liebezeit von der Laboranalyse-Firma MarChemConsult. Grenzwerte wurden bislang nicht festgelegt. Wissenschaftler weisen jedoch darauf hin, dass möglichst wenige von den Mikrofasern in Lebensmitteln enthalten sein sollte.

Mikrofasern verschmutzen auch die Luft

Verunreinigungen mit Mikroplastik sind ein generelles Umweltproblem. „Wir haben das synthetische Material weiträumig festgestellt, nicht nur in Lebensmitteln, sondern auch in der Luft“, so Professor Gerd Liebezeit.

„Mikroplastik stellt auch für uns Menschen früher oder später eine Gefahr dar“, so Professor  Stephan Pflugmacher Lima, Ökotoxikologe vom Institut für Ökologie der Technischen Universität Berlin. Seine Experimente mit Muscheln haben gezeigt, dass solche Mikroplastik-Fasern sich im Gewebe anreichern. In hohen Konzentrationen könne dies sogar zum Tod der Tiere führen.

Sowohl das Bundesumweltministerium als auch das Bundesministerium für Ernährung erklärten auf „Markt“-Anfrage, für die Problematik nicht zuständig zu sein – und verwiesen jeweils auf das andere Ressort. Der Deutsche Brauer-Bund verweist auf eigene Untersuchungen, die nachweisen würden, dass sich kein Mikroplastik im Bier und in dem zum Brauen verwendeten Wasser finden lasse. Die Mineralwasser-Hersteller äußerten sich ähnlich.

Ihre genauen Untersuchungsmethoden legten sie gegenüber dem NDR nicht offen. Quelle: ham

http://www.rp-online.de/leben/gesundheit/ernaehrung/in-diesen-bier-und-wassersorten-schwimmen-plastikpartikel-aid-1.4285640

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03.03.2014

Getränkeflaschen aus Plastik enthalten giftige Stoffe

Forscher haben hunderte giftiger Chemikalien in industriell verpackten Nahrungsmittel gefunden. Diese werden über das Essen in den Körper aufgenommen. Einige der Stoffe stehen im Verdacht ADHS, Autismus und Krebs auszulösen.

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Hunderte verschiedener Chemikalien in Nahrungsmittel-Verpackungen können ins Essen gelangen und bei langfristigem Konsum gesundheitliche Schäden verursachen. Besonders Plastik-Verpackungen stellen dabei ein erhöhtes Gesundheitsrisiko dar.

Zu diesem Schluss kommt eine Studie der Schweizer Umweltforscherin Jane Muncke, die im „Journal of Epidemiology and Community Health“ veröffentlicht wurde. Die Wissenschaftler untersuchten, wie Giftstoffe aus Verpackungsmaterial in die Nahrungskette gelangen. Sie machten dabei 400 verschiedene Substanzen aus, die potenziell Gefahren für den Organismus bergen.

Plastik-Getränkeflaschen und Plastik-Geschirr würden beispielsweise giftige Formaldehyde enthalten. In Plastik-Verpackungen sei vor allem das Lösungsmittel Triklorsan und Weichmacher wie Phtalate gesundheitlich sehr bedenklich.

Kurzfristig seien die geringen Dosen für Menschen unbedenklich, langfristige Schäden seien jedoch nicht auszuschließen. Es gäbe bisher keinerlei Studien zu Langzeit-Wirkungen, geschweige denn zu einem lebenslangen Konsum von industriell abgepackten Nahrungsmitteln, warnen die Forscher.

Solche Bevölkerungsstudien wären jedoch nötig, um potenzielle Zusammenhänge zwischen den Schadstoffen in Nahrungsmittel-Verpackungen und Krebs, Fettleibigkeit, Diabetes, neurologischen Erkrankungen und Entzündungsreaktionen wissenschaftlich nachzuweisen“, sagt Muncke.

Das Bundesinstitut für Risikobewertung warnte bereits vor dem Plastikverbundstoff Bisphenol A (BPA), der in einigen Nahrungsmittelverpackungen vorhanden ist. Bei Untersuchungen wurden Spuren des hochgiftigen Stoffs im menschlichen Blut nachgewiesen. BPA steht im Verdacht den menschlichen Hormonhaushalt zu stören und Krebs zu begünstigen (mehr hier).

Britische Wissenschaftler wiesen kürzlich im Fachmagazin „The Lancet“ daraufhin, dass Ungeborene schon im Mutterleib von Umweltgiften beeinflusst werden. Demnach können Spuren von Quecksilber, Blei, Arsen, polychlorierte Biphenyle und Lösungsmittel über den Blutkreislauf der Mutter auch das Baby schädigen. Die Wissenschaftler stellen einen Zusammenhang zwischen diesen Umweltgiften und geistigen Defiziten wie Autismus und ADHS her.

Wir wissen allerdings viel zu wenig über die Auswirkungen von Chemikalien, sowohl in der kritischen Phase in der Entwicklung im Mutterleib als auch auf Erwachsene“, so die Umweltforscherin Muncke.

http://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2014/03/03/getraenkeflaschen-aus-plastik-enthalten-giftige-stoffe/

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25.02.2014

Hunderte Chemikalien in Lebensmittel-Verpackungen

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Hunderte Chemikalien in Lebensmittel-Verpackungen könnten in die Nahrung gelangen und der Gesundheit schaden. Diese Hiobsbotschaft haben Schweizer Umweltforscher im britischen „Journal of Epidemiology and Community Health“ veröffentlicht. Die Studie lässt vor in Plastik verpackten Lebensmitteln, Milch im Tetra Pak, Tupperware-Geschirr und Supermärkten zurückschrecken. Denn nahezu alles, was wir essen, kommt über die Verpackung mit teils bedenklichen Chemikalien in Berührung.

Angesichts der kleinen Mengen, in denen sie verwendet werden, seien die Gifte kurzfristig zwar unbedenklich, räumen die Forscher um Jane Muncke vom Zürcher Food Packaging Forum ein. Sie warnen jedoch, dass die synthetischen Chemikalien von der Hülle in die Nahrung sickern können. Niemand kenne die Langzeit-Wirkungen, geschweige denn die Folgen eines lebenslangen Konsums industriell abgepackter Lebensmittel. Obwohl die Verwendung der Stoffe in der Industrie streng geregelt ist, könnten sich diese im Endeffekt als höchst bedenklich entpuppen.

Bereits vergangene Woche hatten britische Mediziner Alarm geschlagen mit einer Studie, wonach Umwelt-Chemikalien Babys schon im Mutterleib vergiften. Demnach erreichen Blei, Quecksilber, Arsen, polychlorierte Biphenyle und Lösungsmittel Ungeborene über den Blutkreislauf ihrer schwangeren Mütter, was ein steigendes Aufkommen von geistigen Defiziten wie Autismus oder Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom ADHS bei Kindern zur Folge hätte, berichteten die Forscher im Fachjournal „The Lancet“.

Was die Frau bis zur Geburt ihres Kindes zu sich nimmt, beeinflusst dessen Genetik – oft sogar erst in der zweiten Generation. „Wir wissen allerdings viel zu wenig über die Auswirkungen von Chemikalien, sowohl in der kritischen Phase in der Entwicklung im Mutterleib als auch auf Erwachsene“, betont Jane Muncke. Sie und ihr Team orten nun weitere 400 Substanzen, die Gefahren für den Körper bergen. So würden Plastik-Getränkeflaschen und Plastikgeschirr krebserregende Formaldehyde enthalten. In Plastikverpackungen fänden sich wiederum das Lösungsmittel Triklorsan und Weichmacher wie Phtalate oder (das in Österreich verbotene) Bisphenol A. „Alle Plastik-Substanzen sind hormonell aktiv“, erklärt Peter Frigo, Leiter der Hormonambulanz der Medizinuni am AKH in Wien: „Östrogene docken bei Frauen und Männern an vielen Genen im Körper an. Eine Störung der Hormon-Produktion wegen Zellveränderungen durch Weichmacher hat somit Auswirkungen auf viele Bereiche.“

Studien haben gezeigt, dass zu viel Plastik in Gewässern männliche Regenbogen-Forellen laichen lässt. Umwelt-Östrogene, etwa aus Medikamenten oder Düngemitteln, liegen wiederum einer laut Weltgesundheitsorganisation sinkenden Fertilität bei Männern zugrunde. Allerdings würden sich hormonaktive Substanzen nicht bei allen Menschen gleich auswirken: „Junge, gesunde Menschen nehmen weniger Schaden als ältere oder als Frauen mit Hormonrezeptoren an bösartigen Tumoren, etwa bei Brustkrebs“, sagt Frigo.

Da es kaum größere Menschengruppen gibt, die keine industriell verpackten, gefertigten oder haltbar gemachten Lebensmittel zu sich nehmen, wird es allerdings kein Leichtes sein, die langfristigen Auswirkungen aller genannten Chemikalien festzumachen. Denn fast jeder Mensch trägt Spuren davon im Körper, fundierte Vergleichsuntersuchungen wären also kaum möglich. „Solche Bevölkerungsstudien wären jedoch nötig, um potenzielle Zusammenhänge zwischen den Schadstoffen in Nahrungsmittel-Verpackungen und Krebs, Fettleibigkeit, Diabetes, neurologischen Erkrankungen und Entzündungsreaktionen wissenschaftlich nachzuweisen“, sagt Muncke.

http://www.wienerzeitung.at/nachrichten/top_news/611159_Hunderte-Chemikalien-in-Lebensmittel-Verpackungen.html

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16.02.2014

Kunststoff in der Blutbahn

Im Fisch, in der Arktis, in der Muttermilch: „Langlebige Umweltgifte“ verbreiten sich überall im Ökosystem. Eine EU-Datenbank, die Auskunft über die Gefährlichkeit der Stoffe geben soll, ist voller Fehler. Schuldig fühlt sich niemand. Von Christoph Behrens

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Sie zirkulieren im Blut von Menschen und Fischen, stecken in Pommes Frittes, Säuglinge nehmen sie mit der Muttermilch auf. Selbst in der Leber von Eisbären hat man sie schon entdeckt. „Perfluorierte Tenside“ (PFTs) sind einfach überall, in der Luft, im Staub, gelegentlich im Trinkwasser. Auch im Blut von Schriftstellerin Karen Duve und Schauspieler Peter Lohmeyer fand Greenpeace die Substanzen, die im Verdacht stehen, Krebs zu erregen. Im Schnitt 16 solcher bedenklichen Industriechemikalien wie PFTs zirkulierten durch die Adern der Prominenten, die der Umweltverein 2006 untersuchte. Die Industrie braucht sie als Kühlmittel, in Medikamenten oder um Insekten zu töten, über Abwässer oder Unfälle gelangen sie in die Umwelt. Und irgendwann zum Menschen zurück.

Die Belastung der Ökosysteme mit solchen „langlebigen Schadstoffen“ wie PFT wächst. Das Problem ist gar nicht so sehr, dass diese Stoffe da sind – sondern dass sie einfach nicht mehr verschwinden. Nur mit hohem technischen Aufwand lassen sich etwa PFTs zersetzen, Pflanzen und Tiere können sie schon gar nicht abbauen. Niemand fällt tot um, weil er eine falsche Pommes ist. Viele Jahre passiert vielmehr: nichts. „Die Stoffe haben Zeit, um sich in der Umwelt zu verteilen, im Ökosystem, im Organismus. Erst viel später nach der Freisetzung sieht man erste Schäden“, sagt der Chemiker Martin Scheringer, der an der ETH Zürich zu „Pops“ forscht. So nennt man langlebige Umweltgifte wie PFTs, die sich langsam in der Nahrungskette anreichern und irgendwann im Menschen. „Es ist nicht so wie bei der Ölpest, dass Schäden sofort sichtbar sind. Man hat erst Jahre später ein Problem, dann hält es aber sehr lange an“, sagt Scheringer.

„Pops können nahezu überall auf der Welt nachgewiesen werden“, erklärt die Weltgesundheitsorganisation WHO. Weil sie sich im Ökosystem anreichern, findet man die höchsten Konzentrationen an der Spitze der Nahrungskette – also auch beim Menschen.

Ermittlung der Schäden ist schwierig

Die lange Zeitspanne macht es so schwierig, genaue Aussagen über Pops zu treffen. Bis in die 1960er hinein feierten Experten das Insektengift DDT noch als Heilsbringer für die Landwirtschaft. Zu spät erkannten Wissenschaftler, dass der Giftstoff bei einigen Vogelarten fatal wirkte: Sie legten nur noch so dünne Eier, dass diese bei der geringsten Belastung zersprangen. Der Wanderfalke starb daraufhin in Teilen Nordeuropas und in vielen Bundesstaaten der USA aus, Behörden in Europa und den USA verboten DDT. Doch es dauerte Jahre, bevor das Problem überhaupt sichtbar wurde.

Und selten ist die Beweiskette so stringent. Vielen Studien zu Pops sprechen nur von „chronischen Belastungen“, möglichen neurologischen Schäden, Kindern die wegen der Belastung mit Pops im Mutterleib möglicherweise mit einem geringeren IQ zur Welt kommen. Eine schwedische Arbeitsgruppe ermittelte, die chronische Belastung der Nahrung mit Dioxinen und Furanen vermindere die Abwehrzellen im Blut. Vage, statistische Schlüsse sind das, gewonnen aus Massen an Daten. Diese langfristigen Schäden aber auf ein bestimmtes Molekül zurückzuführen, ist fast unmöglich.

Datenbank mit Fehlern durchsetzt“

Darunter leidet die Regulierung der Stoffe. Zwar gibt es seit 2004 das „Stockholmer Übereinkommen“, das den Einsatz von 23 Pops weltweit verbietet. Die Politiker einigten sich in Stockholm jedoch nur auf das Verbot alter Schadstoffe, das sogenannte „dreckige Dutzend“, an denen keiner mehr ein wirtschaftliches Interesse hatte. Die meisten Pops sind dagegen unreguliert: Mit Kollegen hat Martin Scheringer abgeschätzt, wie viele Chemikalien in der EU wirklich als langlebige Umweltgifte gelten müssten. Sie kommen auf über 500, die „langlebig“, „anreichernd“ und „toxisch“ sind – also eigentlich nicht in die Umwelt gelangen sollten.

An viele davon wie etwa bromierte Flammschutzmittel wagen sich Politiker nicht heran; denn die Stoffe stecken zu tausenden von Tonnen in Elektronik und Gebäuden, um Kurzschlüsse zu vermeiden. Landen die Elektrogeräte auf dem Müll, entweichen die Stoffe unkontrolliert.

Experten beobachten noch einen gefährlichen Trend: Sobald ein Giftstoff reguliert ist, schwenkt die Industrie auf einen ganz ähnlichen Stoff um, der aber anders heißt. Die Gefahr bleibt, rechtlich gesehen ist die neue Chemikalie aber ein unbeschriebenes Blatt. „Auf dem Papier hat man zwar einen Erfolg“, sagt Scheringer. „Aber in Wahrheit ändert sich nichts.“

Umweltdaten fehlen

Die Politik sieht auch vor, alle rund 140 000 in der EU verwendeten Chemikalien zu registrieren – ein ehrgeiziges Ziel, das die EU unter dem Schlagwort „Reach“ verfolgt. Rund sieben Jahre nach dem Start werden jedoch große Probleme sichtbar: 70 Prozent der 20 000 von der Industrie eingereichten Dossiers seien fehlerhaft, musste die Europäische Chemikalienagentur ECHA jüngst einräumen. Sie enthielten teils falsche Daten, wichtige Studien fehlten in der Bewertung. Schlimmer noch: Die Prüfer testeten die Dossiers nur stichprobenartig – über den Großteil der Dossiers lässt sich daher gar nicht sagen, wie gut sie sind. Alles halb so schlimm, wehrt sich die ECHA: Man habe sich bewusst auf die schwierigen Fälle konzentriert, die Stichprobe sei nicht repräsentativ für die ganze Datenbank.

Wissenschaftler sehen das anders. „Die Datenbank ist durchsetzt mit Fehlern“, sagt Martin Scheringer von der ETH Zürich. Das eigentliche Problem sei, dass man überhaupt nicht wisse, wie viele falsch seien. Wie solle man dann als Wissenschaftler damit arbeiten? Bei den 36 bromierten Flammschutzmitteln waren etwa nur bei sieben umweltrelevante Daten überhaupt hinterlegt. Das Umweltbundesamt (UBA) teilt die Kritik: Durch fehlerhafte Daten werde eins der wichtigsten Ziele von Reach gefährdet – die Risiken für Mensch und Umwelt zuverlässig einzuschätzen. „Die ECHA müsste viel mehr Daten überprüfen“, sagt Christoph Schulte vom UBA. „Das würde die Gefahr für die Unternehmen erhöhen, erwischt zu werden.“

Bei der Echa gibt man den Schwarzen Peter weiter. Eine höhere Quote könne nur die Politik festlegen, heißt es dort.

Derweil plant das UBA eine eigene Initiative: Auf der Plattform www.reach-info.de können Verbraucher bereits Anfragen zu Produkten stellen, die möglicherweise besorgniserregende Stoffe enthalten. Dazu geben Konsumenten einfach den Barcode des Produkts ein. Das UBA erstellt daraus automatisierte Anfragen an die Hersteller, diese sind gesetzlich verpflichtet, Auskunft zu geben. Das Tool nutzen Verbraucher bereits rund 2000 Mal im Monat, schätzt Schulte. 2014 möchte das UBA auch eine Smartphone-App vorstellen, mit der die Abfrage der Stoffdaten auch unterwegs klappt.

Die Sache hat nur einen Haken: Die Firmen haben 45 Tage Zeit zu antworten – für den spontanen Einkauf ist das etwas unpraktisch.

http://www.sueddeutsche.de/wissen/langlebige-umweltgifte-kunststoff-in-der-blutbahn-1.1887882

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27.11.2013

Mehr Frühgeburten durch chemische

Weichmacherstoffe

Forscher bringen Phthalate, die Kunstoffen als Weichmacher zugesetzt werden, mit Frühgeburten in Verbindung. In einer Studie wiesen Schwangere mit der höchsten Phthalatkonzentration im Urin ein bis zu fünffach erhöhtes Risiko auf eine Frühgeburt.

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Phthalate sind in Plastikgegenständen, Kosmetika und Medikamenten enthalten, und werden von Menschen oral oder inhalativ aufgenommen. Die Phthalate lassen sich im Urin nachweisen. Die Auswirkungen auf die Gesundheit sind seit einigen Jahren Gegenstand von Studien. Eine mögliche Folge der Aufnahme könnte ein erhöhtes Frühgeburtsrisiko sein, wie Forscher aus Michigan herausgefunden haben.

Das Team verglich in einer Fall-Kontrollstudie die Konzentration einzelner Phthalate im Urin von 130 Schwangeren, deren Kind zu früh geboren wurde, mit 352 Schwangeren mit einer normalen Schwangerschaftsdauer. Einige Phthalate wie DEHP, MEHP, MBP oder MECPP wurden vermehrt im Urin der Schwangeren mit Frühgeburt gefunden. Da die Phthalate weit verbreitet sind, könnten sie einen signifikanten Anteil der Frühgeburten erklären, so die Forscher. Das Abstract der Studie. (pm)

http://www.heilpraxisnet.de/naturheilpraxis/weichmacher-erhoehen-das-fruehgeburtsrisiko-90184898.php

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Mikroplastik – unsichtbare Gefahr

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Plastikgegenstände aus unserem täglichen Gebrauch finden sich zahlreich an den Küsten und Flussufern sowie in den Meeren der Welt. Weniger offensichtlich – aber nicht weniger häufig – sind mikroskopisch kleine Plastikpartikel. Als Mikroplastik werden allgemein Kunststoffteilchen mit einer Größe von unter fünf Millimetern bezeichnet. Mikroplastikpartikel, wie sie etwa in Zahncremes eingesetzt werden, sind jedoch wesentlich kleiner: Mit Größen im Mikrometer- oder sogar Nanometerbereich stellen sie eine unsichtbare Gefahr dar – mit verheerenden Folgen. Sie ziehen Umweltgifte an, werden von Meeresorganismen gefressen und sind nicht wieder aus der Umwelt zu entfernen. Daher setzt sich der BUND für ein Verbot von Mikroplastik in Produkten wie Kosmetika ein.

Als primäres Mikroplastik werden sogenannte Kunststoffpellets bezeichnet, die von der Industrie zur Weiterverarbeitung hergestellt werden. Feines Plastikgranulat findet Anwendung in der Kosmetikproduktion. Zu finden sind sie in Peelings, als Massageperlen in Duschgelen sowie in Zahnpasten. Derzeit ist eine Filterung in Klärwerken noch nicht möglich, wodurch das Mikroplastik aus den Haushalten ungehindert in das Meer gelangt.

Sekundäres Mikroplastik entsteht wiederrum beim Zerfall größerer Kunststoffteile durch die Einwirkung von Sonne, Wind und Wellen. Das größere Plastik zerfällt in seine Ursprungsform, in Plastikpellets, zurück.

Aufgrund seiner wasserabweisenden Oberfläche zieht Mikroplastik Schadstoffe an und lagert diese an Oberfläche ab. Die Partikel werden dann samt Schadstoffen von den Meeresorganismen aufgenommen: Mikroplastik wurde in Seehunden, Fischen, Muscheln und kleineren Organismen nachgewiesen, die es mit ihrer Nahrung aufnehmen. Im Magen-Darm-Trakt können diese Schadstoffe wieder freigesetzt werden und Einfluss auf den Organismus nehmen. Bereits bekannt ist die Beeinträchtigung des Hormonsystems durch Weichmacher, die herausgelöst und in das Wasser abgegeben werden. Sie werden für Elastizität der Kunststoffe häufig eingesetzt, besitzen eine Ähnlichkeit zu natürlichen Hormonen und können zu Unfruchtbarkeit sowie Bildung von Tumoren führen.

Einmal in den Organismus aufgenommen, kann das Mikroplastik nicht mehr ausgeschieden werden. Da es zudem keinen Nährwert besitzt, verhungern die Tiere mit vollem Magen. Weiterhin kann die Aufnahme zu Darmverschlüssen und Verletzungen an Schleimhäuten führen. Das nicht abgebaute Plastik und Schadstoffe, die sich im Gewebe ansammeln, werden so Teil der Nahrungskette und gelangen hierüber in den menschlichen Körper. Über die Auswirkungen auf den Menschen ist bisher nur wenig bekannt.

Sicher ist hingegen: Je kleiner das Plastikpartikel ist, desto größer das Risiko der Aufnahme und die Anzahl der Tiere, die es konsumiert. Ist Mikroplastik erst in den Flüssen und dem Meer, kann es nicht wieder entnommen werden. Der Zustand der Meeresumwelt ist besorgniserregend und die Auswirkungen sind kaum abzuschätzen. Daher muss der vermeidbare Eintrag von Mikroplastik gestoppt werden.

Handeln Sie!

Entscheiden auch Sie sich dazu, keine Körperpflegeprodukte mehr zu kaufen, die als Inhaltsstoffe Polyethylen (PE) oder Polypropylen (PP) enthalten. Machen Sie politisch Druck, indem Sie die Produkthersteller dazu auffordern, Mikroplastik aus ihren Produkten zu nehmen.

http://www.bund.net/themen_und_projekte/meeresschutz/muellkampagne/mikroplastik/

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05.11.2013

Bisphenol A: Giftige Plastik-Rückstände

gelangen in das menschliche Blut

Das Bundesinstitut für Risikobewertung warnt vor möglichen Folgen von Bisphenol A in Lebensmittel-Verpackungen. Spuren dieses hoch giftigen Stoffes wurden im menschlichen Blut und Urin gefunden. Weil der letzte wissenschaftliche Beweis für eine Kausalität fehlt, kann sich der Konsument im Falle einer Erkrankung faktisch nicht an die Industrie als Verursacher halten.

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Plastik-Verpackungen sind für die Industrie die billigste Form, ihre Waren zu verpacken. Das Material ist leicht, stabil und billig. Mehr als 250 Millionen Tonnen werden produziert, davon 65 Millionen in Deutschland.

Heute gibt es in den Ozeanen sechs Mal so viel Plastik wie Plankton. Aber auch im menschlichen Körper wird der Verpackungsstoff immer häufiger nachgewiesen. In Blut und Urin schwimmen Bestandteile von Plastik.

Als besonders gesundheitsschädlich gilt Bisphenol A (BPA). In den Industrienationen sind mehr als 90 Prozent der Menschen chronisch mit BPA belastet. Das beweisen Urinproben. Bei BPA handelt es sich um ein synthetisches Hormon, das östrogene Wirkung hat.

Der BUND hat bereits vor geraumer Zeit auf das Problem hingewiesen:

Bisphenol A (kurz BPA, das A steht für Aceton) ist eine der meistproduzierten Industriechemikalien. Das weltweite Produktionsvolumen beträgt rund 3,8 Millionen Tonnen pro Jahr. 1,15 Million Tonnen im Jahr verbrauchen davon alleine Betriebe in Europa, die Verwendung steigt in der EU jährlich um acht Prozent. BPA wird hauptsächlich für die Herstellung des Kunststoffs Polycarbonat
(PC) verwendet sowie für die Herstellung von Epoxidharzen (z. B. für die
Innenbeschichtungen von Getränke- und Konservendosen).

Bisphenol A gehört zu den hormonellen Schadstoffen, die bereits in winzigen Mengen in unseren Hormonhaushalt eingreifen können. Es ist ein gutes Beispiel dafür, wie wenig die traditionelle Risikobewertung geeignet ist, tatsächliche Schäden zu erfassen: Viele unabhängige Wissenschaftler meinen, dass BPA durch eine direkte Einwirkung auf die Hormonrezeptoren in geringeren Konzentrationen schädlicher ist als in größeren Mengen. Frühreife, eine reduzierte Spermienzahl oder auch Verhaltensstörungen werden als Folgen diskutiert.

Eine Mitteilung des Bundesinstitutes für Risikobewertung (BfR) zu Endokrinen Disruptoren (Stoffe, die wie Hormone wirken, u.a. BPA) zeigt in dem Zusammenhang eine

Zunahme von Tumoren in Organen, die hormonell reguliert werden, zum Beispiel von Brust- und Prostatakrebs. Auch Beeinträchtigungen der männlichen Fortpflanzungsfähigkeit durch Hodenhochstand oder sinkende Spermienzahl werden zunehmend beobachtet. Sie werden in der Wissenschaft als mögliche Folge der Aufnahme endokrin wirksamer Substanzen aus der Umwelt und aus Lebensmitteln diskutiert, ein Kausalzusammenhang ist jedoch bislang nicht belegt.“

Ohne BPA wäre die Herstellung von Hartplastik nicht möglich. BPA ist die meistproduzierte Chemikalie der Welt, berichtet das Handelsblatt. Konservendosen, CDs, Armaturen, Zahnfüllungen, Spielzeug, Thermopapier von Kassenzetteln und Zugtickets: Überall ist BPA enthalten.

Die einzige Ausnahme: In der EU ist die Verwendung von BPA in Säuglingsflaschen seit 2011 verboten.

In der entsprechenden EU-Verordnung wird dennoch an einer „duldbaren täglichen Aufnahmemenge von 0,05mg/kg Körpergewicht“ festgehalten. Wie dieser Wert bei der Masse an Produkten, die BPA beinhalten, eingehalten werden soll, ist fraglich.

Wissenschaftlich steht die Gesellschaft hier vor dem selben Problem wie bei der Radioaktivität oder dem Rauchen: Eine strenge Kausalität von Verursachung und Folgen ist nicht nachweisbar.

Dennoch ist es bemerkenswert, wie selbstverständlich die Öffentlichkeit die heimliche Umkehr der Beweislast geschluckt hat: Nicht mehr der Verursacher muss nachweisen, dass seine Produkte ungefährlich sind. Der Konsument muss zweifelsfrei nachweisen, dass eine Erkrankung von einem Anbieter ausgelöst wird.

Ein Ding der Unmöglichkeit.

Der Vorgang hinterlässt jedoch aus moralischer und rechtlicher Hinsicht einen bitteren Beigeschmack.

Auch wenn man kein Pfund Plastik durchgekaut hat.

http://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2013/11/05/bisphenol-a-giftige-plastik-rueckstaende-gelangen-in-das-menschliche-blut/

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30.10.2013

Bisphenol A: In unserem Blut fließt Plastik

Durch die Luft, über die Haut und vor allem über die Nahrung nehmen die Menschen mehr Plastik denn je auf. Studien deuten drauf hin, dass Krebserkrankungen, Fettleibigkeit und Unfruchtbarkeit darauf zurückzuführen sind. Über das Gift in unseren Adern.

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Der Blick in den Einkaufswagen zeigt: Mutter Erde ist in den vergangenen 60 Jahren zu einem Plastik-Planeten verkommen. Der Salat im Supermarkt ist hygienisch sauber abgepackt, der Käse in beschichtetes Papier eingewickelt. Der Joghurt ruht in kleinen Bechern und das Mineralwasser ist in PET-Flaschen abgefüllt. 80 Prozent der im Supermarkt verfügbaren Waren kommt mittlerweile mit Plastik in Kontakt. Im Laufe des vergangenen Jahrhunderts haben Kunststoffe einen regelrechten Siegeszug hingelegt. Die Industrie schätzt das Material als stabil, leicht und individuell einsetzbar. Schon bei niedrigen Temperaturen lässt sich Plastik formen. Die Herstellung der Verpackungen ist entsprechend kostengünstig.

Weit über 250 Millionen Tonnen Plastik werden jährlich weltweit produziert, 65 Millionen davon allein in Deutschland. Entsprechend häufen sich die Müllberge. Inzwischen gibt es sechs Mal mehr Plastik als Plankton im Meer. Und selbst vor dem menschlichen Körper macht das Material nicht halt. Studien haben gezeigt, dass in unserem Blut und Urin mittlerweile Bestandteile von Plastik schwimmen.

Die Menschen in den industrialisierten Staaten sind mittlerweile zu über 90 Prozent chronisch mit Bisphenol A (BPA) belastet, also sozusagen ‚plastiniert‘“, sagt Dieter Swandulla, Institutsdirektor der Physiologie II an der Universität Bonn. „In nahezu jeder Urinprobe lassen sich nennenswerte Konzentrationen von BPA nachweisen.“ Das Bisphenol A gilt als besonders gesundheitsschädlich. „Dabei handelt es sich um ein synthetisches Hormon, das östrogene Wirkung hat. Man hat herausgefunden, dass seine Aufnahme zu Fettleibigkeit, Diabetes und Herzkreislauferkrankungen führen kann“, erklärt Swandulla.

Eingang in das Plastik erhält BPA durch den chemischen Prozess, der kleine Erdöl- oder Erdgas-Molekülen in eine lange Molekülkette verwandelt. Dabei fügt die Industrie in der Regel bestimmte Stoffe (Monomere) hinzu, die das Material besonders hart machen soll. „Bisphenol A ist so ein Monomer, das für Polykarbonat und Epoxidharze als Ausgangsprodukt dient“, sagt Swandulla.

Ohne BPA wäre Hartplastik nicht denkbar. Es ist die meistproduzierte Chemikalie der Welt. Sie kommt in vielen Alltagsprodukten, wie Konservendosen, CDs, Autoarmaturen, Zahnfüllungen, Spritzen und Spielzeug vor. Außerdem findet sich der Stoff auf Thermopapier, aus dem zum Beispiel Kassenzettel oder Zugtickets gedruckt werden. Und über all diese Produkte findet er seinen Weg in unsere Körper.

Das BPA ist sehr gut fettlöslich. In den Körper gelangt es sowohl über die Nahrung, als auch über die Haut. Es kann sogar mit dem Hausstaub über die Atmung in unseren Körper gelangen“, so Swandulla. Neueste Untersuchungen zeigen, dass es vor allem sehr gut über die Mundschleimhaut aufgenommen wird. Und das bleibt nicht ohne Folgen.

Dass die Chemikalie schon ab einer kleinen bis mittleren Dosierung gesundheitsschädigend sein kann, haben Studien des Wissenschaftlers Frederick vom Saal erst Mitte der 90er Jahre belegt. Danach würde der Stoff die Spermienproduktion verringern, die Entwicklung des Gehirns beeinflussen, das Gewicht der Prostata erhöhen und eine Veränderung des Erbguts bewirken. Damit stellte der Forscher die bis dahin geltende wissenschaftliche Regel „Die Dosis macht das Gift“ auf den Kopf. Anders als bis dahin angenommen, wird BPA in geringen Mengen sogar stärker als in großen.

Nur drei Jahre später fand die Molekularbiologin Patricia Hunt Hinweise darauf, dass Bisphenol A zu Störungen im Erbgut führen könnte. Das Phänomen beobachtete sie bei Mäusen, die neue Plastikkäfige mit Plastikwasserflaschen aus Polykarbonat erhalten hatten. In anschließenden Tests zeigte sich, dass die Chromosomenschäden an den Weibchen über Generationen wirkten. Diese Defekte seien für Fehlgeburten verantwortlich.

Darüber hinaus hat Dieter Swandulla von der Universität Bonn erst im Dezember in einer Studie gezeigt, wie Enzyme und Transportproteine in ihrer Funktion beeinträchtigt werden. Durch Experimente an Gewebeproben von Mäusen und Menschen konnten er und sein Team feststellen, dass BPA für die Zellfunktion wichtige Kalzium-Kanäle in der Zellmembran blockiert. Durch diese Kanäle strömt das Kalzium in die lebenden Zellen, wodurch etwa die Kontraktion der Herzmuskelzellen oder die Kommunikation von Nervenzellen untereinander gesteuert wird.

Der Großteil der Studien unabhängiger Wissenschaftler zeigt schädigende Effekte “, ordnet Sarah Häuser, Expertin für Chemikalienpolitik und Nanotechnologie beim Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND), ein. Auch eine Überblicksstudie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zur Wirkung hormoneller Stoffe gebe den Wissenschaftlern Recht. Die Studie zeigt eindeutig, dass die Zahl der Brust-, Prostata- und Hodenkrebsfälle in den vergangenen Jahrzehnten massiv zugenommen hat. Auch verfrühte Pubertät bei Mädchen wird immer häufiger. Ebenso die reduzierte Spermienqualität (um bis zu 40 Prozent) bei Männern und Übergewicht. „All diese Symptome können mit hormonellen Störungen in Zusammenhang gebracht werden, wie sie zum Beispiel Bisphenol A auslöst“, sagt Sarah Häuser.

Die WHO schreibt in ihrer Studie, dass genetische Faktoren diesen Sprung an hormonell bedingten Krankheiten in der Statistik nicht erklären. Er sei nur durch äußere Einflüsse zu erklären. Daher hat die Behörde hormonell wirksame Chemikalien als „globale Bedrohung“ bezeichnet. Die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache: Plastik vergiftet die Menschen in den Industrienationen.

Seitens der Plastik- und Verpackungstechniker wird die Gefahr herunter gespielt. „Die Verwendung von Kunststoffen in den zahlreichen Anwendungen ist geprüft und sicher“, sagt Rüdiger Baunemann, Hauptgeschäftsführer bei PlasticeEuropa Deutschland. Schließlich würden von zuständigen Behörden die gesetzlichen Vorgaben des europäischen Stoffrechts (REACH) überwacht. Nach Vorgaben der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) liegt der Grenzwert für Biosphenol A seit dem Jahr 2006 bei 0,05 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht pro Tag. Seit 2011 darf der Stoff in Babyflaschen gar nicht mehr enthalten sein. Aktuell arbeitet auf die EFSA aufgrund der vielen neuen Studien an einer neuen Risikobewertung von Bisphenol A.

Hormonell wirksame Stoffe können bereits in extrem niedrigen Konzentrationen wirken, die aktuelle Gesetzgebung schützt die Menschen nicht “, sagt Sarah Häuser. Bisphenol A werde zwar schnell abgebaut und ausgeschieden. Dass der Stoff dennoch in nahezu jedem Menschen nachgewiesen werden kann, zeige nur umso deutlicher, wie extrem wir Plastik in unserem Alltag ausgesetzt sind. „Der Einsatz von Grenzwerten ist eigentlich kaum noch haltbar. Ein Verbot wäre sinnvoller“, glaubt Häuser.

Denn erstens sei der Einfluss des Bisphenol A stark an das Entwicklungsstadium eines Menschen geknüpft. Bei Föten, Babys und Kleinkindern wirke BPA ganz anders als bei Erwachsenen. Zweitens würden sich die Werte summieren. So essen wir an einem Tag eine Dosensuppe, fassen diverse S-Bahn-Tickets an und essen Fisch, der sich im Meer von Plastik statt von Plankton ernährt hat. „Dazu kommt der Einfluss von Phthalaten – Weichmacher, die in PVC-Böden enthalten sind und ebenfalls hormonell wirken“, sagt Häuser. Sogar in Tagescremes sind diese Stoffe enthalten. „Am Ende des Tages nehmen wir einen Cocktail an Stoffen auf, deren Grenzwert geschweige denn deren Wechselwirkungen wir gar nicht mehr einschätzen können“, so die Expertin.

Dieter Swandulla aus Bonn geht noch weiter: „Es besteht aufgrund seiner Fettlöslichkeit die Gefahr, dass BPA sich in unterschiedlichen Körpergeweben einlagern kann und dort hohe Konzentrationen erreicht.“ Diese Prozesse beim Menschen seien noch nicht genügend erforscht. Auch über die Elemente, aus denen Plastik besteht, gebe es noch viel zu wenige Erkenntnisse. „Im Plastik einer Wasserflasche sind über 2000 Inhaltsstoffe enthalten. Jeder Hersteller hat Geheimrezepturen, die er nicht offenlegen muss. Bewertungen als Gefahrenstoff gibt es vielleicht nur für zirka 20 Prozent dieser Substanzen“, sagt Swandulla.

Das Thema wird Behörden, Unternehmen und Verbraucher noch lange beschäftigen. Zum einen dauert es 500 Jahre, ehe Plastik in seine Bestandteile zerfällt. Zum anderen sind die aktuellen Erkenntnisse sind noch frisch, Langzeitstudien fehlen. Auch das Bundesinstitut für Risikoforschung hat sich dem Thema angenommen und in einem Positionspapier aus dem Jahr 2012 klargestellt: „Grundsätzlich gilt, dass die Entwicklung und Bewertung von Alternativen zu BPA mehrere Jahre (ca. 5) dauert.“

Die Europäische Union ist an dem Thema dran. Aktuell berät die Kommission über neue Regelungen im Umgang mit oder sogar das Verbot von hormonell wirksamen Chemikalien. Die Auswirkungen wären gigantisch, da sich alle Unternehmen, die Produkte in Europa verkaufen, an diese Vorschriften halten müssten. Entsprechend gab es schon erste kritische Stimmen gegen das Vorhaben.

18 Wissenschaftler haben sich in einem Editorial einer Fachzeitschrift kritisch zu den Plänen geäußert. Sie seien „wissenschaftlich nicht zu begründen“. Mittlerweile hat sich herausgestellt, dass 17 der 18 Forscher mit der Chemie- und Pharmaindustrie, Biotechnologie-Unternehmen oder Herstellern von Kosmetika, Tabak und Pestiziden zusammengearbeitet haben.

Wann es auf europäischer Ebene zu einer Einigung kommen könnte, ist derzeit nicht klar. Entsprechend werden einige Länder selbst aktiv. Die französische Regierung will Bisphenol A in Lebensmitteldosen ab 2015 komplett verbieten. Und auch das schwedische Parlament strebt derzeit ein Verbot der Chemikalie an. In welchem Ausmaß ist noch nicht bekannt. In Deutschland gibt es derartige Pläne bisher nicht.

Eines ist klar: Eine Welt ohne Plastik wird es nicht mehr geben. Entsprechend bleibt den Verbrauchern nur, sich selbst so gut es geht zu schützen. Verbraucherschützer raten daher dazu, auf Dosen oder Plastik-Verpackungen zu verzichten. Joghurt und Tomatensauce gibt es auch im Glas. Auch Dosenfrüchte sollten Verbraucher meiden. Getränke, die es auch in Flaschen gibt, sollten eher als Dosen gekauft werden. Ein weiterer Tipp: Von Plastikdosen absehen und Wurst, Käse und Butter eher in Glas- oder Porzellan-Dosen aufbewahren.

http://www.wiwo.de/technologie/forschung/bisphenol-a-in-unserem-blut-fliesst-plastik/9002916.html

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14.06.2013

Bisphenol A gerät über den Mund direkt ins Blut

Nervenschädigend, krebserregend: Obwohl die Risiken durch Bisphenol A längst bekannt sind, steckt die Chemikalie in vielen Plastikprodukten. Eine Studie zeigt, wie schnell das Gift ins Blut gelangt.

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Die in zahlreichen Plastikprodukten enthaltene giftige Chemikalie Bisphenol A kann einer neuen Studie zufolge direkt vom Mund ins Blut gelangen.

Bei Tierversuchen erreichte die Konzentration von Bisphenol A im Blut einen fast um das hundertfach erhöhten Wert, wenn der Stoff über die Mundschleimhäute und nicht über den Verdauungstrakt absorbiert wurde. Das berichten französische Forscher in der Fachzeitschrift „Environmental Health Perspectives“.

Vorgenommen wurden die Versuche an Hunden. Mit Hunden wird auch die Aufnahme von Medikamenten über den Mund getestet, weil die Mundschleimhäute der Tiere ähnlich beschaffen sind wie die des Menschen. Die Versuche zeigen, dass Bisphenol A über die unter der Zunge liegenden stark durchbluteten Schleimhäute direkt ins Blut gelangt.

Bisphenol A gilt als hormonverändernd, nervenschädigend und krebserregend. Die Chemikalie kann in der Innenbeschichtung von Konservendosen und in Plastikflaschen und -verpackungen aus Polycarbonat vorkommen, aber auch auf Kassenbons und Fahrkarten.

Schon kleinste Mengen können Schäden anrichten

Untersuchungen zufolge können schon kleinste Mengen des Stoffes auch über einfachen Hautkontakt in den Organismus gelangen und Schäden anrichten. Die Industriechemikalie, von der jährlich weltweit Millionen Tonnen produziert werden, ist in Deutschland oder den USA im Urin der meisten Menschen nachweisbar.

Seit langem wird bereits darüber diskutiert, ab welcher Menge Schäden drohen – wobei gerade Babys und das ungeborene Leben besonders empfindlich reagieren. Nach Einschätzung der EU-Lebensmittelbehörde Efsa ist eine Aufnahme von täglich 0,05 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht unbedenklich.

Einfluss auf die Hirnentwicklung im Mutterleib

Forscher hatten bei früheren Untersuchungen Indizien dafür gefunden, dass der Stoff auch die Reifung des Gehirns von Ungeborenen und Kleinkindern irreversibel schädigen kann. Auch mit Herzerkrankungen, Brust- und Prostatakrebs sowie Fruchtbarkeitsproblemen wird Bisphenol A in Verbindung gebracht.

In Babyfläschchen ist der Stoff bereits EU-weit verboten. In Frankreich ist die Chemikalie ab Anfang 2015 in allen Lebensmittelverpackungen verboten, in jenen für Kleinkinder unter drei Jahren bereits seit Anfang 2013.

http://www.welt.de/gesundheit/article117122947/Bisphenol-A-geraet-ueber-den-Mund-direkt-ins-Blut.html

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26.03.2013

Weichmacher im Mineralwasser: Schadstoffe

in Vittel und Volvic entdeckt

In fast jeder fünften Flasche Mineralwasser in französischen Supermärkten werden Spuren von Herbiziden und Medikamenten entdeckt. Die Erkenntnisse werfen ernste Fragen auf.

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Meerblau schimmert die Vittel-Flasche, „bonne source“, gute Quelle, steht auf dem Etikett.

Eineinhalb bis zwei Liter soll der Mensch laut Lebensmittelexperten jeden Tag trinken, um sich „gesund“ und „ausgewogen“ zu ernähren.

Leider sind nicht alle Mineralwasser aus Frankreich so rein, wie die Werbung suggeriert.

In Flaschen von Vittel, Volvic, Cristaline und weiteren französischen Marken sind Spuren von Pestiziden und Hormonen entdeckt worden. Das Verbraucher-Magazin “60 Million de Consommateurs” und die Nicht-Regierungs-Organisation Fondation France Libertés haben die Studie durchgeführt.

Zehn von 47 analysierten Mineralwassern beinhalten Rückstände von Medikamenten, Hormonen und Pestiziden – insgesamt wurden 85 Stoffe entdeckt, die nichts im Wasser zu suchen haben.

Hormone und Herbizide im Wasser

Besonders erschreckend ist die Anwesenheit von Tamoxifen, einem synthetischen Hormon, das in der Behandlung von Brustkrebs eingesetzt wird. Spuren des verschreibungspflichtigen Medikaments fanden sich in den beliebten Marken Mont Roucous, St-Yorre, Salvetat, Saint Amand und dem Carrefour-Wasser Céline Cristaline.

Am häufigsten wurde das wasserlösliche Herbizid Atrazin gefunden. Moleküle wurden in Volvic, Vittel, Cora und Cristaline nachgewiesen.

Die Proben der Mineralwasser Hepar und Saint Amand enthielten Spuren der Medikamente Buflomedil und Naftidrofuryl. Damit werden Arterien von Blutdruck-Patienten erweitert.

Auf Leitungswasser in Frankreich enthält laut Studie in acht von zehn Proben mindestens einen Schadstoff.

Wie das Magazin berichtet, bestritten die Mineralwasser-Konzerne die Ergebnisse der Untersuchung. Daraufhin ließ das Magazin die Ergebnisse in einer zweiten Studie überprüfen – mit gleichem Ergebnis.

Keine Gesundheitsgefahr

Um die Verbraucher zu beruhigen: Die Menge der Moleküle, die als Mikroverunreinigungen entdeckt worden sind, ist so gering, dass eine Gesundheitsgefahr ausgeschlossen werden kann. Trotzdem wirft die Studie Fragen auf: Was haben Arzneimittel und Pestizide im Mineral- und Leitungswasser zu suchen? Warum schließt die Wasser-Industrie solche Verunreinigungen nicht mittels Tests aus?

Es gibt Stoffe, die nicht ins Wasser gehören, auch nicht in winzigen Mengen. Aufklärung und Abhilfe durch die Wasser-Industrie ist nun angebracht.

Das Verbraucher-Magazin fühlt sich durch die Ergebnisse bestärkt: “Es ist ernst genug, um eine weitaus größere Studie anzustreben”.

http://www.fr-online.de/lebensmittel/weichmacher-im-mineralwasser-schadstoffe-in-vittel-und-volvic-entdeckt,21868140,22214302.html

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Lebensmittel-Verpackungen aus Plastik enthalten viele gefährliche Chemikalien und geben diese an die Lebensmittel ab.

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