Der Kampf gegen das heutige Geldsystem – eine Chronik

06.11.2014

Papiergeldsystem bedarf ständiger Kreditausweitung, um nicht zu kollabieren”

Thorsten Polleit und Andreas Marquart zählen zu den prominentesten Köpfen der “Österreichischen Schule”, die auf die Lehren von Friedrich August von Hayek und Ludwig von Mises zurück geht. Die “Österreicher” lehnen das Zentralbankmonopol ab und fordern einen Wettbewerb von Währungen – nur dann könne sich “gutes Geld” gegenüber dem “schlechten Geld” durchsetzen. In einem Doppel-Interview erklären Thorsten Polleit und Andreas Marquart ihre Sicht der Dinge:

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1.finanzmarktwelt.de: Herr Marquart, es gibt wohl kaum ein anderes Beispiel für eine Wissenschaft, die ähnlich fragwürdig ist wie die herkömmliche Ökonomie-Lehre. Trotz zahlloser empirischer Belege, dass an den Grundannahmen dieser Theorie etwas nicht stimmen kann, wird an ihr unverändert festgehalten. Warum?

Andreas Marquart: Das hat Ursachen, die nicht zuletzt auch in der Vergangenheit liegen. Die Ökonomen haben die Naturwissenschaftler schon immer um ihre theoretischen und praktischen Modellversuche beneidet. Das hat zu einer Mathematisierung der Volkswirtschaft geführt. Obwohl die Menschen durch ihr ständiges Handeln die wirklichen Akteure in einer Volkswirtschaft sind, wurden sie zu Statisten degradiert. Die heutige Ökonomie glaubt mit auf Basis ihrer Theorie abgeleiteten Handlungsempfehlungen an die Politik das Handeln der Menschen lenken zu können, was absurd ist und letztlich in eine Interventionismus-Spirale führt. Jetzt plötzlich von diesen Theorien zu lassen, käme für ihre Vertreter einer Bankrotterklärung gleich. Und große Teile der Politik würden ihrer scheinbaren Daseinsberechtigung beraubt. Deshalb werden Mainstream-Ökonomen auch von der Politik so gerne protegiert und beide befinden sich so quasi in einer “win-win”-Situation.

2.finanzmarktwelt.de: Herr Polleit, der ehemalige Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Thomas Mayer, hat in einem Interview beschrieben, dass sein neues Buch, das in der Öffentlichkeit auf große Resonanz traf, in seinen persönlichen Gesprächen mit Vertretern der “Hochfinanz” gewissermaßen totgeschwiegen wird. Haben Sie ähnliche Erfahrungen, etwa mit Vertretern der herkömmlichen Ökonomie-Lehre?

Thorsten Polleit: Auf ihre Frage habe ich nur Gutes zu vermelden. Beispielsweise hat die Website unseres Ludwig von Mises Institut Deutschland mittlerweile mehr als 200.000 Besucher pro Monat. Die Konferenzen und Seminare, die wir anbieten, sind in kürzester Zeit ausgebucht. Auch fällt es den Hauptstrom-Volkswirten immer schwerer, die Argumente der „Austrians“ beiseite zu schieben. Der Diskurs ist mittlerweile auch in Deutschland in Gang gekommen. Das Buch, das Michael von Prollius und ich geschrieben haben, ist vor wenigen Wochen in der dritten Auflage neu erschienen, und es verbreitet sich. Auf vielen Vortragsveranstaltungen merke ich die Begeisterung für die Ideen der Österreichischen Schule – die für viele gänzlich neu sind. Der Grund: Sie wurden nicht mehr gelehrt und verbreitet. Man darf hoffnungsvoll sein, dass sich die besseren Ideen durchsetzen werden.

3.finanzmarktwelt.de: Herr Marquart, die amerikanische Notenbank steigt aus den Anleihekäufen aus – und wird möglicherweise in 2015 die Leitzinsen anheben. Kann man wirklich aus einer Politik aussteigen, die die Märkte mit der Droge Liquidität versorgt hat, ohne ernsthafte Entzugserscheinungen bis hin zum Crash fürchten zu müssen? Oder werden die Notenbanken nie wirklich aussteigen, weil sie genau das fürchten?

Andreas Marquart: Nein, das wird nicht funktionieren. Und die Äußerungen von Notenbank-Chefs weltweit sind nichts weiter als Lippenbekenntnisse. Auch wenn die amerikanische Notenbank im November Qantitative Easing 3 beendet. QE 4 wird kommen, wenn nicht gleich im Frühjahr, dann eben im nächsten Herbst. Einen Anstieg der Zinsen können sich weder die USA selbst, noch die amerikanischen Verbraucher leisten. Dazu kommt, ein Papiergeldsystem ist in seiner Konstruktion so angelegt, dass es ständiger Kreditausweitung bedarf, um nicht zu kollabieren. Da sind steigende Zinsen absolut kontraproduktiv. Ironischerweise sagte der frühere Notenbankchef Alan Greenspan gerade dieser Tage im Wall Street Journal, dass er es nicht für möglich halte, aus der Niedrigzins-Politik auszusteigen, ohne Probleme an den Märkten auszulösen.

4.finanzmarktwelt.de: Herr Polleit, die Politik der Notenbanken führt – das scheint inzwischen gesichert – zu einer Umverteilung von Vermögen: Vermögenspreise steigen dadurch, die Löhne jedoch nicht. Was sind in Ihren Augen die Gründe, warum diese Politik auf Dauer nicht funktionieren kann?

Thorsten Polleit: Die nicht marktkonforme Umverteilung ist eine Folge des ungedeckten Papiergeldsystems. Es führt jedoch auch – und das ist wichtig zu erkennen – zu einem Anwachsen der Schulden relativ zur Wirtschaftsleistung, zu einer Überschuldung. Eine Entschuldung auf aufrichtigem Wege ist nicht möglich. Denn werden Bankschulden getilgt, schrumpft die Geldmenge. Die Preise und Löhne fallen dann niedriger aus, als sich die Schuldner ursprünglich erhofft hatten. Es kommt zu Zahlungsausfällen auf breiter Front. Oder es wird, je nach politischer Gesinnungslage, die elektronische Notenpresse angeworfen, um die offenen Rechnungen mit wertlosem Geld zu begleichen. Oder man versucht, dass ungedeckte Papiergeldsystem in Gang zu halten, indem immer mehr Marktwirtschaft ausgeschaltet wird. Das aber mindert die Leistungsfähigkeit der Volkswirtschaften, die Schuldenlasten tragen zu können.

5.finanzmarktwelt.de: Herr Marquart, als Vertreter der “Österreichischen Schule” treten Sie für einen Wettbewerb von Währungen ein. Uns aber scheint es unwahrscheinlich, dass die Politik und die Finanzmärkte dies ohne weiteres zulassen werden. Braucht es dazu eines echten Umdenkens, wie es in der Regel nur durch kollektive Schock-Erlebnisse stattfindet – also eine Art Fukushima der Finanzmärkte?

Andreas Marquart: Sie haben Recht. Vielleicht brauchen die Menschen erst eine Art “Wachmacher”, um festzustellen, dass das Vertrauen, dass sie gegenwärtig noch in das Papiergeld und in die dafür Verantwortlichen haben, nicht gerechtfertigt ist. Dieser Moment wird kommen. In der Zwischenzeit müssen wir mit stetiger Aufklärungsarbeit dafür sorgen, dass im Moment eines solchen Schock-Erlebnisses dessen wahre Ursachen und die Vorteile einer wettbewerblichen Geldordnung präsent sind. Sonst geht es mit einem Reset des jetzigen Geldsystems wieder von vorne los.

6.finanzmarktwelt.de: Herr Polleit, Sie vertreten die These, dass nur Edelmetalle wie Gold wirklich wertstabil sind, weil sich die Geldmenge durch die Notenbank-Politik ständig vermehrt und Papiergeld dadurch inflationiert wird. Kann die Rückbindung an Gold in der heutigen, komplexen Welt wirklich funktionieren?

Thorsten Polleit:Ich kann mich nicht erinnern, jemals gesagt zu haben, dass es etwas ewig Wertstabiles gibt. Denn so etwas gibt es nicht, kann es im menschlichen Handeln auch nicht geben. Die wichtigen Vorteile des Goldgeldes sind, dass es nicht aus politischen Erwägungen heraus beliebig vermehrbar ist. Und dass es auch nicht einem Kontrahentenrisiko ausgesetzt, wie es etwa bei Bankeinlagen der Fall ist. Gold ist im Prinzip ein perfektes Geld. An dieser Stelle darf ich vielleicht betonen, dass ich Befürworter eines freien Währungswettbewerbs bin. Eine Möglichkeit, ihn zu eröffnen, ist, die ausstehenden Papiergeldmengen mit dem Zentralbankgold zu decken. Eine Deckung, die verhindert, dass das bislang ungedeckte Papiergeld einen Totalverlust erleidet. Das alles ist machbar. Anschauungsmaterial dafür gibt es beispielsweise nach Ende des Zweiten Weltkriegs, als viele europäische Währungen die Golddeckung wiederherstellten. Aber das ist derzeit politisch wohl nicht mehrheitsfähig. Es wird wohl noch viel schlimmer werden müssen, bis man die Lösungsvorschläge, die zurück zu gutem Geld führen, ernst nimmt.

http://finanzmarktwelt.de/papiergeldsystem-bedarf-staendiger-kreditausweitung-um-nicht-zu-kollabieren-6282/

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13.10.2014

Deutsche-Bank-Aussteiger Thomas Mayer: Top-Banker kämpft gegen das Geldsystem

Thomas Mayer war mittendrin im Finanzsystem, als er an ihm zu zweifeln begann. Er verlor seinen Job als Chefvolkswirt der Deutschen Bank und schrieb ein Buch. Darin fordert er eine neue Geldordnung: Sie soll die Banken entmachten.

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Wer Thomas Mayer in diesen Tagen besucht, trifft auf einen entspannten Menschen. Er ist jetzt raus aus dieser Welt, die ihm zuletzt immer fremder vorkam. Statt auf die Bankentürme in Frankfurt blickt er nun aus der Glasfront seines Büros direkt auf den Kölner Dom. Davor fließt ruhig der Rhein.

Mayer hat eine rasante Verwandlung hinter sich: Von einem führenden Protagonisten des Finanzsystems zu einem seiner größten Kritiker. Mit 60 Jahren hat er alles, woran er bis dahin glaubte, über den Haufen geworfen. Nun ist er überzeugt: Die Geldordnung, auf der unser gesamtes Wirtschaftssystem basiert, ist zum Scheitern verurteilt. Wir brauchen ein neues System – eines, das die Banken entmachtet.

Wie konnte das passieren?

Äußerlich passte Mayer noch nie so recht in die geschniegelte Bankenwelt: Die Haare dünn und blond, der Bart wild und rot, die Anzüge immer ein bisschen zu groß für den schmächtigen Körper. Und doch hat er dort 30 Jahre lang Karriere gemacht. Er arbeitete für den Internationalen Währungsfonds (IWF), bei der US-Investmentbank Goldman Sachs und bei der Deutschen Bank. Er nutzte die mathematischen Modelle und ökonomischen Glaubenssätze, die er gelernt hatte: Der Markt ist effizient, die Menschen handeln rational, und am Ende kommt alles schon wieder ins Gleichgewicht.

Im Jahr 2010 stieg Mayer bei der Deutschen Bank zum Chefvolkswirt auf, einer der renommiertesten Posten des Hauses. Doch da nagten längst die Zweifel an ihm.

Drei Jahre zuvor war die Finanzkrise über die Welt hereingebrochen – ausgelöst durch ein Schuldeninferno, unter dessen Folgen die großen Volkswirtschaften heute noch immer leiden. Große Banken gerieten ins Wanken. Thomas Mayer saß in seinem Frankfurter Büro und begann, nach neuen Antworten zu suchen. „Je mehr ich mich damit beschäftigte“, erzählt er, „desto klarer wurde mir, dass das ein Problem im System ist.“

„Das ist ein bisschen wie bei George W. Bush“

Mayer wurde unbequem. In der Eurokrise forderte er als einer der Ersten einen Schuldenschnitt für Griechenland. „Da sind einige Deutschbanker im Dreieck gesprungen, weil sie vielleicht gerade eine Griechenanleihe an den Markt bringen wollten“, erzählt er und lacht. Später schlug er vor, die Griechen sollten eine Parallelwährung zum Euro einführen, den „Geuro“. Auch das stieß nicht bei allen im Konzern auf Begeisterung.

Als Josef Ackermann 2012 als Deutsche-Bank-Chef abtrat und seine Nachfolger Anshu Jain und Jürgen Fitschen übernahmen, war kein Platz mehr für den sperrigen Chefvolkswirt Mayer. Offiziell blieb er noch zwei Jahre lang Berater. Ende Juni 2014 war dann endgültig Schluss. Seitdem ist Mayer in Köln und baut dort eine neue Denkfabrik beim Vermögensverwalter Flossbach von Storch auf. Die Inhaber sind zwei alte Freunde aus seiner Zeit bei Goldman Sachs – sie wollen ihm alle Freiheiten lassen.

Schon bei der Deutschen Bank hatte Mayer begonnen, an einem Buch zu arbeiten. In diesen Tagen erscheint es: „Die neue Ordnung des Geldes – Warum wir eine Geldreform brauchen“. Darin rechnet der ehemalige Deutschbanker nicht nur mit der Zunft der Ökonomen ab, er entwirft auch einen Plan für eine radikal neue Finanzordnung.

Im aktuellen System sind es vor allem die Banken, die neues Geld aus dem Nichts in die Welt bringen. Sie tun dies, indem sie Kredite vergeben. Und wenn sie dabei an Grenzen kommen, helfen ihnen die Zentralbanken aus. Im Endeffekt kann die Geldmenge so immer weiter steigen – für Mayer die Grundlage aller Finanzkrisen.

Das viele Geld führt demnach dazu, dass die Preise zu schnell steigen. Es bilden sich Preisblasen, die irgendwann platzen und zwangsläufig Krisen nach sich ziehen. Doch die Staaten und Notenbanken lassen diese Krisen nicht zu. Sie greifen ein und stützen die Wirtschaft mit noch mehr billigem Geld. So verzerren sie die Marktpreise und schaffen neue Preisblasen – ein hochgradig instabiles System.

In genau so einer Situation befindet sich die Wirtschaft derzeit, meint Mayer: „Wir haben die erste Runde der Krise bekämpft, aber wir kommen nicht mehr raus aus der Politik des billigen Geldes.“

„Die Märkte sind nicht effizient“

Mayers Analyse ist im Grundsatz nicht neu. Sie basiert auf einer radikalliberalen Denkrichtung der Wirtschaftswissenschaften, der sogenannten „Österreichischen Schule der Nationalökonomie“, begründet von Ludwig von Mises, weitergeführt vom Nobelpreisträger Friedrich August von Hayek. Die Anhänger dieser Denkschule kritisieren vor allem die ungebremste Kreditgeldschöpfung durch Banken und Notenbanken, lizensiert vom Staat. Statt ständig ungedeckt neues Geld zu schaffen, müsse die Geldmenge begrenzt werden, fordern sie. Am besten, indem man sie an die vorhandenen Goldvorräte koppelt. Alles Geld müsse jederzeit in Gold umgetauscht werden können.

Mayer hält das für unnötig. Gold ist für ihn ein „barbarischer Rohstoff“, der im Modell der Österreichischen Schule eigentlich nur als Ersatz für das nötige Vertrauen der Bürger in eine Währung fungiere. Dennoch müsse die Geldmenge natürlich begrenzt werden. Den Banken und Staaten will Mayer deshalb jeden Zugriff auf die Schöpfung neuen Geldes entziehen. Er spricht von einem „Aktivgeldsystem“.

In der akademischen Welt sind die Anhänger der Österreichischen Schule krasse Außenseiter. Das hat auch Mayer schon zu spüren bekommen, seit er sich vom Mainstream losgesagt hat. „Wenn man eine Kritik äußert, die das System selbst betrifft, dann schauen die einen an, als hätte man sich danebenbenommen“, berichtet er. In der Bankenwelt gebe es aber schon ein paar mehr Menschen, die so dächten wie er, meint Mayer. „Wenn Sie längere Zeit im Finanzmarkt tätig sind, merken Sie: Das funktioniert alles nicht. Die Märkte sind nicht effizient. Die Modelle aus den Lehrbüchern versagen.“

Mayer will deshalb Schritt für Schritt weg vom aktuellen Geldsystem. Dass sein Modell in der Praxis derzeit keine allzu großen Chancen hat, ist ihm klar. Das könne sich aber schon bald ändern, denn die nächste Krise komme bestimmt, „und dann sind Chancen schon mal größer“.

http://www.spiegel.de/wirtschaft/thomas-mayer-und-sein-buch-die-neue-ordnung-des-geldes-a-996475.html

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10.10.2014

Dem Staat muss die Hoheit über das Geld genommen werden

US-Dollar, Euro, Renminbi, Schweizer Franken: Alle großen Währungen der Welt sind ungedecktes Papiergeld. Das verursacht ökonomische Schäden, sorgt für Finanz- und Wirtschaftskrisen. Zeit für neue Modelle.

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Haben Sie den Eindruck, dass sich die Finanz- und Wirtschaftskrisen häufen und immer schwerwiegender werden? Werden Sie das Gefühl nicht los, dass die Kaufkraft Ihres Geldes dahinschwindet? Dass einige immer reicher werden – und zwar auf Ihre Kosten? Sorgen Sie sich, dass der Staat immer mächtiger wird, die Freiheiten und Bürgern und Unternehmen dahinschmelzen?

Keine Angst: Sie sind nicht paranoid. Sie erkennen nur die Folgen des ungedeckten Papiergeldsystems.

Alle großen Währungen der Welt – ob US-Dollar, Euro, chinesischer Renminbi, britisches Pfund oder Schweizer Franken – sind ungedecktes Papiergeld. Das Produktionsmonopol für dieses Geld liegt bei den staatlichen Zentralbanken: Sie schaffen – mit Hilfe der Geschäftsbanken – neues Geld durch Kreditvergabe, und zwar sprichwörtlich „aus dem Nichts“. Dieses Geld kann auch als Kreditgeld, als Fiat-Geld (der Ausdruck fiat stammt vom lateinischen, es heißt: „es werde bereitet“) oder auch als Zwangsgeldsystem bezeichnet werden.

Das ungedeckte Papiergeld verursacht schwerwiegende ökonomische und ethische Schäden. Es destabilisiert die Wirtschaft, sorgt für „Boom-und-Bust“-Zyklen, für Finanz- und Wirtschaftskrisen. Der Grund: Die neue, per Kredit geschaffene Geldmenge senkt die Zinsen künstlich ab. Unternehmen werden dadurch verlockt, Investitionen zu tätigen, die eigentlich gar nicht profitabel sind. Früher oder später kippt die konjunkturelle Scheinblüte („Boom“) jedoch in einen Abschwung („Bust“) um.

Umverteilung von Einkommen

Das ungedeckte Papiergeld sorgt für eine nicht-marktkonforme Umverteilung von Einkommen und Vermögen, zu neudeutsch: Es ist sozial ungerecht. Es bereichert einige wenige auf Kosten vieler. Gewinner dieser Zwangsumverteilung sind diejenigen, die eng mit den Staat und seiner Papiergeld ausspeienden Zentralbank eng zusammenarbeiten – wie zum Beispiel Großindustrie und Banken. Verlierer sind zum Beispiel die gutgläubigen Sparer. Die Einkommensschere tut sich unverdient auf, Bezieher niedriger und mittlerer Einkommen leiden besonders.

Das ungedeckte Papiergeld führt die Volkswirtschaften in eine Überschuldungsfalle, unter der sie letztlich zusammenbrechen: Das Geldmengenvermehren durch Kreditvergabe aus dem Nichts lässt eine Schuldenpyramide entstehen, die nicht mehr zurückzahlbar ist. Um dem drohenden Kollaps zu entkommen, wird zu drastischen Mitteln gegriffen: Zum Beispiel werden die Marktzinsen von den Zentralbanken auf de facto Null Prozent abgesenkt und vollends kontrolliert; und strauchelnde Staats- und Bankenschuldner mit neu geschaffenem Geld vor der Zahlungsunfähigkeit bewahrt.

Hinter diesen als „Rettungspolitik“ bezeichnenden Maßnahmen verbirgt sich nichts anderes als ein Frontalangriff auf die Marktwirtschaft: Um die Schäden zu übertünchen, für die das staatliche Zwangsgeld sorgt, müssen die auf Korrektur drängenden freien Marktkräfte ausgehebelt werden.

Die Volkswirtschaft verliert damit ihren Kompass, der unverzichtbar ist, um knappe Mittel zum besten Wirt zu lenken. Ohne Marktwirtschaft sind Fehlentwicklungen, Verluste bei Wachstum und Beschäftigung, Verarmung vorprogrammiert, politisch läuft es auf totalitäre Verhältnisse hinaus.

Ausweg: Währungswettbewerb

Die Schäden, für die das staatliche Zwangsmonopolgeld bereits gesorgt hat, lassen sich zwar nicht mehr aus der Welt schaffen, aber es kann immerhin verhindert werden, dass es noch schlimmer kommt. Wenn Freiheit und Wohlstand bewahrt und gefördert werden sollen, muss dem Staat die Hoheit über das Geld genommen und ein Währungswettbewerb zugelassen werden: Fortan hat nicht mehr der Staat und seine Zentralbank über die Geldmenge zu befinden, sondern diese Aufgabe übernimmt der freie Markt.

Nur Gold ist Geld – alles andere ist Kredit

Keine Sorge: Der Währungswettbewerb bringt kein Währungs-Chaos – genauso wenig wie es im Markt für Turnschuhe, Urlaubsreisen und Buntstifte Chaos gibt. Jeder Geldnachfrager hätte die freie Wahl, das Marktangebot zu wählen, das aus seiner Sicht seine Bedürfnisse am besten erfüllen. Niemand würde dabei schlechtes Geld nachfragen. Alle würden gutes Geld nachfragen: Geld, das knapp ist, dass nicht beliebig vermehrbar ist, das teilbar ist, das haltbar ist, das transportabel ist.

Was passiert mit dem ausstehenden ungedeckten Papiergeld – wie US-Dollar, Euro oder chinesischer Renminbi? Es wird durch die Goldbestände gedeckt, die in den Kellern der Zentralbank lagern. Dadurch lässt sich die Gefahr eines Totalverlustes verhindern, der dem bislang ungedeckten Papiergeld im Währungswettbewerb drohen kann; und schließlich gehört ja auch das Zentralbankgold den Besitzern des ungedeckten Papiergeldes – wem sonst?

Der Wettbewerb ist ein Entdeckungsverfahren. Man kann also nicht wissen, was das Ergebnis sein wird. Allerdings lässt sich schon heute abschätzen, was gutes Geld ausmacht. Daher wären vermutlich Edelmetalle, allen voran Gold und Silber, natürliche Geldkandidaten. Ein Edelmetallgeld wäre nichts „Altbackenes“. Es würde digitalisiert. Mit ihm könnte man weiterhin wie gewohnt mit Schecks, Kreditkarte, Lastschrift, Internet-Banking und über Apple Pay oder Paypal bezahlen.

Die wichtige Eigenschaft des Edelmetallgeldes besteht darin, dass die Geldmenge nicht mehr beliebig manipulierbar ist durch Regierungen und Zentralbanken. Die „Boom-und-Bust“-Zyklen haben ein Ende, Geld und Ersparnisse werden nicht mehr chronisch entwertet, dem Verschuldungswahn wird Einhalt geboten, der immer weiter ausufernde, freiheitszerstörende Staat in die Schranken verwiesen.

Neue Tauschmittel

Im Zuge eines Währungswettbewerbs ist denkbar, dass eine (überschaubare) Anzahl von Tauschmittel entsteht: Angebote wie Bitcoin, die Cybereinheit, oder auch ein Nebeneinander einiger (weniger) Geldarten pendelt sich ein: etwa Bitcoin für die täglichen, kleinteiligen Zahlungen im Internet oder Supermarkt, Gold und Silber bevorzugt für großvolumige Zahlungen und die Ersparnisbildung.

In diesem Zusammenhang ist zu beachten, dass Edelmetalle eine ganz besondere Eigenschaft aufweisen: Sie haben nicht nur einen Geldwert, sondern auch einen Wert, der aus ihrer nicht-monetären Verwendung stammt – etwa in der Industrie und als Schmuckstück.

Edelmetalle können nicht wertlos werden – nicht durch das Entstehen anderer Geldarten, nicht durch Stromausfall, nicht durch Schließen von Internet-Handelsplätzen, nicht durch Änderung der Computertechnologie oder Hacker-Angriffe.

Die Aussage, dass Gold Geld und alles andere Kredit ist, wird John Pierpont Morgan (1837 – 1913) zugschrieben und ist eine über Jahrtausende bewährte Wahrheit. Wenn Gold im Währungswettbewerb zum „Grundgeld“, gewissermaßen zum „monetären Nagel in der Wand“ wird, wäre das folglich alles andere als überraschend. Angesichts der weltweiten monetären Zerrüttung ist ein Währungswettbewerb in jedem Fall bitter nötig.

http://www.wiwo.de/politik/konjunktur/kritik-am-papiergeldsystem-dem-staat-muss-die-hoheit-ueber-das-geld-genommen-werden/10807948.html

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05.05.2014

Unser Geldsystem ist Sozialismus für Reiche

Das staatliche Papiergeldsystem sorgt für eine systematische Umverteilung von Arm nach Reich. Vermögende werden bevorzugt. Und das Finanzsystem hat mit Marktwirtschaft nicht mehr viel zu tun.

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Wenn ich den Begriff „soziale Gerechtigkeit“ höre, greife ich unwillkürlich nach meiner Brieftasche, um mich zu vergewissern, ob sie noch da ist. Denn die Politiker, die diesen Begriff ins Feld führen, haben nur eines im Sinn: mit staatlichen Mitteln Geld umzuverteilen.

In einem Punkt liegen die sozialen Gerechtigkeitsritter jedoch bei aller Schwammigkeit des Modeworts „soziale Gerechtigkeit“ richtig. Die soziale Ungleichheit in Deutschland hat sich in den letzten Jahren stetig erhöht. Während die reichsten 10 Prozent der Deutschen 1998 bereits über gewaltige 45 Prozent des Privatvermögens verfügten, konnten sie 2008 laut Statistischem Bundesamt sogar noch etwas mehr, nämlich 53 Prozent, ihr Eigen nennen.

Den wahrscheinlich wichtigsten Grund für diese Entwicklung sieht jedoch keiner, oder möchte keiner sehen: unser staatliches Papiergeldsystem, das wie ein Tabu in der sozialen Gerechtigkeitsdebatte behandelt wird.

Papiergeldsystem fördert Materialismus und Egoismus

Generell wird unser staatliches Papiergeldsystem kaum hinterfragt. Dabei hat es gewaltige und bedenkliche Auswirkungen auf die Gesellschaft. So erlaubt das Papiergeldsystem eine enorme Ausdehnung der Staatstätigkeit und fördert Materialismus und Egoismus. Die Folgen unseres Geldsystems für die Vermögensverteilung sind jedoch besonders brisant.

In unserem System gibt es ein paar privilegierte Spieler, die Geld quasi aus dem Nichts herstellen können: Zentralbanken und Geschäftsbanken.

Der Rest der Normalsterblichen schaut in die Röhre.

Jede Produktion neuen Geldes entfaltet eine umverteilende Wirkung. Denn wir erhalten das neue Geld nicht alle im gleichen Ausmaß. Einige erhalten mehr, andere weniger. Einige bekommen das neue Geld früher, andere später. Wer das neue Geld zuerst bekommt, kann noch von den alten, noch niedrigeren Preisen profitieren.

Sobald der Erstempfänger das neu geschaffene Geld einsetzt, gelangt es zum Zweitempfänger. Dieser profitiert auch noch vom Geldmengenanstieg, jedoch etwas weniger als der Erstempfänger, da die Preise tendenziell langsam zu steigen beginnen. Sukzessive verteilt sich das neue Geld über die Wirtschaft und treibt die Preise nach oben.

Und genauso wie Erst- oder Frühempfänger gewinnen, so verlieren andere, die zusehen müssen, wie die Preise anziehen, bevor sich ihre Einkommen erhöhen. Sie werden langsam aber sicher ihrer Kaufkraft beraubt.

Wer schon reich ist, bekommt immer mehr Geld

Doch wer sind in unserem Geldsystem die Erstempfänger neu geschaffenen Geldes? Wer in den Genuss neuen Geldes kommen will, muss es dort abholen, wo es geschaffen wird, nämlich bei den Banken in Form eines Kredits. Da schadet es nicht, schon reich zu sein. Denn Vermögende können ihre Immobilien oder Aktienpakete als Sicherheiten für neue Kredite andienen und mit dem Geld direkt noch mehr Immobilien und Aktien erwerben, die sich daraufhin weiter verteuern.

Da die Kosten der Geldproduktion gegen Null gehen, ist eine stetig bis rasant ansteigende Geldmenge bei uns an der Tagesordnung. Die Preise steigen ständig. Wer da seine Ersparnisse in bar zurücklegt, um sich später Vermögenswerte wie ein Haus zuzulegen, hat den Schuss nicht gehört. Wer sich hingegen möglichst schnell verschuldet, um eine Immobilie zu erwerben, profitiert vom Anstieg der Vermögenspreise.

Da Vermögensgüter als Sicherheit für neue Kredite und damit als Zugang zu neuem Geld dienen, steigen tendenziell in unserem Geldsystem die Vermögensgüterpreise relativ zu den Preisen von Gütern und Dienstleistungen wie Arbeit. Es dauert immer länger, um durch Ansparen eines Durchschnittsgehalts Vermögen erwerben zu können. Der soziale Aufstieg wird immer schwieriger.

Systematische Umverteilung von Arm zu Reich

Während Reiche und Großunternehmen vom schnellen und direkten Zugang zu neu geschaffenem Geld profitieren, klagen Unter- und Mittelschicht über steigende Mieten, Lebensmittel- und Energiepreise – sie sind tendenziell die Spätempfänger. Ihnen bleibt aufgrund von Teuerung und Abgabenlast kaum die Möglichkeit zu sparen und an den Finanzmärkten zu investieren. Denn eine Investition an den Finanzmärkten erfordert es, auch einmal Preisschwankungen durchstehen zu können. Man muss über Rücklagen und Ersparnisse verfügen, die für viele Leute illusorisch sind.

Unser Geldsystem verteilt also systematisch um, und zwar tendenziell von Arm zu Reich. Plutokraten wie George Soros lachen sich ins Fäustchen und verteidigen selbstverständlich unser Geldsystem verbissen.

Die größten Heuchler sind die Politiker, die bei jeder Gelegenheit die „soziale Gerechtigkeit“ beschreien. Sie sind froh, endlich eine Aufgabe gefunden zu haben. Denn für was wären sie sonst nütze? So können sie sich auf in den Kampf gegen die soziale Ungleichheit machen.

Aber die Selbstrechtfertigung funktioniert nicht. Denn es ist ja gerade der Staat selbst, der die ungerechte Umverteilung über das Geldsystem ermöglicht. Das inflationäre und monopolistische Staatsgeldsystem und das Privileg der Banken, Geld aus dem Nichts schöpfen zu können, gehen auf staatliche Interventionen zurück. Der Staat erzeugt selbst die „soziale Ungerechtigkeit“, die er zu bekämpfen vorgibt.

Gewinne privatisieren, Verluste sozialisieren

Besonders pikant wird es, wenn der Staat die Risiken der mit neu geschaffenem Geld jonglierenden Finanzmarktakteure der Allgemeinheit aufbürdet. Nach dem Motto: Gewinne privatisieren, Verluste sozialisieren. In der Finanzkrise wurden weltweit die Finanzmärkte durch Staaten und Notenbanken, also auf Kosten von Steuerzahlern und Geldhaltern, gerettet. Wieder einmal konnten viele Spekulanten den Kopf aus der Schlinge ziehen.

Unser Geld- und Finanzsystem hat daher mit Marktwirtschaft nicht mehr viel zu tun; vielmehr ist es ein Sozialismus für Reiche.

Es wird höchste Zeit, die Geldsystemfrage zu stellen.

Wir brauchen eine radikale Umkehr; statt einer „Energiewende“ eine „Geldwende“.

Wir brauchen ein privates, nicht manipulierbares, stabiles Geld. In der Geschichte wurde Gold zum weltweiten Geld, bevor die Staaten unser Gold enteigneten und ihr geliebtes Papiergeld durchdrückten. Gold kann eben nicht aus dem Nichts geschaffen werden, um einige wenige auf Kosten vieler zu bereichern.

Von Philipp Bagus und Andreas Marquart erscheint dieser Tage das Buch „Warum andere auf Ihre Kosten immer reicher werden – und welche Rolle der Staat und unser Papiergeld dabei spielen“ (FBV)

http://www.welt.de/debatte/kommentare/article127643658/Unser-Geldsystem-ist-Sozialismus-fuer-Reiche.html

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05.05.2014

Wie eine Sparkasse gegen den Zinseszins kämpft

Manchmal kommen die größten Ideen aus den kleinsten Gegenden: Die Sparkasse Rosenheim-Bad-Aibling will unser Geldsystem auf den Kopf stellen. Nicht jeder reagiert auf diesen Vorschlag begeistert.

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Man kennt das ja: Die größten Philosophen kommen oft aus überschaubarer Umgebung. Das war so bei Kant und seinem Königsberg, das war auch so bei Kierkegaard und seinem Kopenhagen. Beides keine Städte, die im vorletzten Jahrhundert der Nabel der Welt waren, und dennoch entsprangen hier Gedanken, die die Weltgeschichte veränderten. In diese Tradition stellt sich jetzt auch die Sparkasse Rosenheim-Bad Aibling.

Vier Milliarden Bilanzsumme, 1.000 Mitarbeiter, 200 Geldautomaten – keine Frage, die Sparkasse ist keine kleine Nummer, und sie gönnt sich deswegen regelmäßig ein Thema des Monats, in dem sie Stoff zum Nachdenken für alle liefert. Diesmal geht es um den Zins.

Das, was die Sparkasse dort in Form einer kleinen Sonntagspredigt ohne Namensnennung des geistigen Vaters oder der Mutter dieser Gedanken aufgeschrieben hat, lässt Blogger bloggen, es wird geliked, gepostet und getweetet.

Das Erregende an dieser Zinsgeschichte ist, dass sie das, was Banken im Allgemeinen und Sparkassen im Besonderen über Geld so denken, grundsätzlich infrage stellt. „Wir befinden uns“, heißt es da, „in einem soliden Denkgefängnis, in dem wir uns in Bezug auf das Thema Geld eingerichtet haben.“

Der Zins gehöre zum Eingangsparadigma, das alle Ökonomen und Bankberater akzeptieren müssten. Langfristig werde jedes Geldsystem durch Zins und Zinseszins zusammenbrechen. „Jeder natürliche, gesunde Organismus hört ab einer bestimmten Größe auf zu wachsen. Im Hinblick auf das Geld trifft dies jedoch nicht zu. Das auf Zins und Zinseszins basierende Geldsystem ist kein natürlicher Organismus.“

Die anonymen Sparkassen-Autoren gehen so an das Thema heran: Die Kritik am Geldsystem stimmt zwar, aber wir verfügen nicht über die Macht und den Willen, es zu ändern. Alle ökonomischen Modelle und Berechnungen setzen den Zins als gegeben voraus. Die Frage hierbei ist: Wollen wir ein Geldsystem, das Stabilität gewährleistet? Oder bevorzugen wir ein System, das großen Wohlstand auf Kosten anderer ermöglicht? Langfristig wird jedes Geldsystem durch Zins und Zinseszins zusammenbrechen.

Doch unser Geldsystem ist nicht gottgegeben. Wir Menschen haben es geschaffen und könnten es auch wieder verändern. Es gibt Lösungsansätze und Geldentwürfe, die einen Nutzen optimieren und helfen, Geld zu schaffen, das weder einem krankhaften Wachstumszwang unterliegt, noch eine ständige Umverteilung von der großen Mehrheit der Menschen zu einer kleinen Minderheit verursacht. (…) Geld ist eine der genialsten Erfindungen der Menschheit. Ohne Geld gäbe es keine Spezialisierung und damit keine arbeitsteilige Zivilisation. Aber wir haben ein völlig festgefahrenes Verständnis davon entwickelt, was Geld ist – als sei das heutige das einzig denkbare oder akzeptable Geld. Anfangs wächst das verzinste Geld um sehr geringe Beträge, dann aber kontinuierlich schneller und schließlich verläuft die Wachstumskurve fast senkrecht.

Geld verdoppelt sich in regelmäßigen Abständen durch Zins und Zinseszins. Je höher der Zins, desto schneller, je niedriger der Zins, desto langsamer führt es zum Kollaps. Das gilt spiegelbildlich auch für die Schulden. Sehr dramatisch zeigt sich da die Situation in den „Entwicklungsländern“.

Ein afrikanischer Präsident äußerte sich 2008 auf einem Gipfeltreffen wie folgt: „Wir haben 1985/1986 fünf Milliarden Dollar geliehen. Bis jetzt haben wir 16 Milliarden Dollar zurückgezahlt. Jetzt wird uns gesagt, dass wir immer noch Schulden haben, wegen der Zinsraten mit seinem Zinseszinseffekt der Kreditgeber.

Die Sparkassenautoren legen vor diesem Hintergrund nahe, aus dem System auszubrechen. Das „Bruttoinlandsglück“ erscheint ihnen beispielsweise ein besserer Wohlstandsindikator zu sein als alles bisher Dagewesene. Beim Dachverband der Sparkassen, dem DSGV, sind solche Worte ein Hinhörer. Präsident Georg Fahrenschon sehnt regelmäßig das „Ende der Niedrigzinsphase“ herbei. Aus Rosenheim-Bad Aibling erhält er nun die Antwort, warum er offenbar schief gewickelt ist.

http://www.handelsblatt.com/unternehmen/banken/geldpolitik-wie-eine-sparkasse-gegen-den-zinseszins-kaempft/9846458.html

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14.03.2014

Wirtschaftsprofessor will Giralgeldsystem gerichtlich bekämpfen

Die Geldschöpfung der Banken ist für WU-Professor Hörmann ein Missbrauch der internationalen Rechnungslegungsvorschriften und führt zu „unrechtmäßigen Zinsverhältnissen“

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Unwohlsein mit dem modernen Geldsystem ist verständlich und keinesfalls ein Phänomen der jüngeren Vergangenheit. So erfordert das kapitalistisch-expansionsorientierte Wirtschaftssystem offenbar eine stete Kreditexpansion, die von den Finanzmärkten aber nur unvollkommen organisiert wird. Die Folge sind langfristige Boom-Bust-Zyklen, die über mehrere „normale Konjunkturzyklen“ hinweg, in denen es in den Abschwungphasen nur zu einem unvollständigen Schuldenabbau kommt, die Überschuldung überhand nimmt. Irgendwann endet das in einer allgemeinen Entschuldungskrisen, die mittlerweile als „Bilanz-Rezessionen“ bezeichnet werden, wie sie ab 1907, 1929 und zuletzt wieder ab 2007 beobachtet wurden. In deren Zuge wurden bislang tatsächlich die relevanten Wirtschaftssektoren entschuldet, was oft durch Hyperinflationen und Währungsreformen erfolgte und zumeist mit dem Verlust der Geldvermögen verbunden war. Zudem wurde jeweils der Finanzsektor neu reguliert, beispielsweise wurde in den USA nach 1907 eine Notenbank etabliert und nach 1929 die Trennung von Geschäfts- und Investmentbanken verfügt.

In der aktuellen Krise ist es bisher jedoch nur zu einer Verschärfung der Regulierung, nicht aber zu dem sonst üblichen harten Schuldenabbau gekommen. Erfolgt ist nur eine Verlagerung von privaten Schulden auf den Staatssektor, wovon zwar die Gläubiger der Banken profitiert haben, nicht aber deren Schuldner. Denn während durch die Rettung der kreditgebenden Banken etliche Staaten ihrerseits in Schwierigkeiten geraten sind, lasten die Schulden weiter auf den privaten Kreditnehmern, die ihre Kredite nun eben gegenüber einer verstaatlichten Bank nicht bedienen können. Es wurden also weder übermäßige Vermögen noch übermäßige Schulden abgebaut, weshalb vielen Haushalten und Unternehmen das Wasser bis zum Hals steht, woran sich bis auf weiteres auch wenig ändern dürfte.

Insofern ist durchaus lobenswert, dass der an dieser Stelle bereits ausgiebig zu Wort gekommene A.O. Professor für Rechnungswesen an der Wirtschaftsuniversität Wien (WU) Franz Hörmann (Finale Krise des Finanzsystems im nächsten Jahr?) eine Initiative gestartet hat, die die übermäßige Verschuldung gerichtlich bekämpfen soll. Hörmann will nun 2000 Kreditnehmer zusammentrommeln und mit ihnen gegen österreichische (und auch deutsche) Banken vor Gericht ziehen.

Klagewilligen Österreichern wird eine „Überprüfung der Rechtmäßigkeit des Schuld- und Zinsverhältnisses mit der Bank“ angeboten und pro Person eine Unterstützung von 400 bis 800 Euro durch den „Kreditopferverein“ angeboten, wobei zwar keinerlei Erfolg versprochen, jedoch ein bis zu 50prozentiger Abschlag auf die Kreditsumme in Aussicht gestellt wird. In Deutschland steht dem Verein dabei der Frankfurter Wirtschaftsanwalt und „Occupy“-Aktivist Hans Scharpf zur Seite, der schon im Vorjahr in einen „Schuldenstreik“ getreten ist, den er weitgehend mit Hörmanns Argumenten begründet hatte.

Für Hörmann resultieren die inkriminierten „problematischen Vertragsverhältnisse“ auf seiner strengen Unterscheidung zwischen dem von den Banken selbst geschöpftem Buch- bzw. Giralgeld und dem „echten“ Geld, worunter Hörmann ausschließlich Bargeld und Zentralbankreserven versteht:

Die im Rahmen der Kreditvergabe durch Geschäftsbanken weltweit praktizierte elektronische Geldschöpfung führt zur Vortäuschung von Zahlungsmitteln (Tauschgeld), welche jedoch (mangels Identitätsmerkmal wie z.B. Seriennummern und fehlender gesetzlicher Grundlage) tatsächlich nicht vorhanden sind. Diese Vorgangsweise stellt einen Missbrauch der internationalen Rechnungslegungsvorschriften dar.

Franz Hörmann

Viele Kreditnehmer hätten ihre Verträge mit den Banken hingegen im Irrglauben unterschrieben, die Banken müssten mit den Zinsen Sparer entschädigen deren Geld sie verleihen würde, was nicht der Fall sei. Weil Geld am Girokonto jedoch nichts anderes wäre, als „ein Schuldschein der Bank“, hätten die Kreditnehmer „unrechtmäßige Zinsverhältnisse“ akzeptiert, wobei zudem „ein Märchen“ sei, das den Banken bei der Kreditvergabe Refinanzierungskosten entstehen, was er von den Banken gerne vor Gericht nachgewiesen hätte.

Um seinen Standpunkt zu untermauern definiert Hörmann an anderer Stelle „aus rechtlicher Sicht“ Kredit zunächst „als zeitweise Überlassung von eigenen Mitteln zur wirtschaftlichen Verwertung“, womit er sich nur geringfügig von anderen Definitionen unterscheidet, die anstatt von „eigenen Mitteln“ zumeist von „Geld oder vertretbaren Sachen“ sprechen. Allerdings ist „eigene Mittel“ aber offenbar bewusst gewählt, um eine Einschränkung auf das vornehmen zu können, was in der Ökonomik als „Hot Powered Money“ bezeichnet wird, nämlich Guthaben der Geschäftsbanken bei der Notenbank (Reserven) sowie Bargeld. Der Begriff „Geld“ dürfte sich hingegen kaum auf diese engste Gelddefinition reduzieren lassen, während die „eigenen Mittel“ theoretisch auch von einem Gericht im Sinne Hörmanns interpretiert werden könnten.

Allerdings wird weltweit generell der breitere Geldbegriff angewendet, was die Chancen Hörmanns vor Gericht erheblich verringern wird, gleichzeitig aber nichts daran ändert, dass er den Kreditprozess ansonsten zutreffend beschreibt. So schreibt eine Bank einem Kunden im Kreditfall tatsächlich schlicht den Kreditbetrag am Kundenkonto gut und benötigt dazu vorerst keinerlei Bargeld bzw. Reserven (und dann auch nur in dem Ausmaß, indem sich durch den Kredit die vorgeschriebene Mindestreserve erhöht). „Eigene Mittel“ im Sinne von Hörmann benötigt die Bank erst, wenn der Kunde Barbehebungen oder Zahlungen an Konten bei anderen Banken vornehmen will. Damit diese laut Hörmann „international übliche Buchungspraxis“ nun aber einen „offensichtlichen Widerspruch zur rechtlichen Definition des Kredits“ darstellt, wie Hörmann meint, muss also zwingend seine strenge Definition angewandt werden, zu der sich wohl nicht einmal ein unbedarftes Erstgericht wird durchringen können.

Geld ist ein kulturelles Produkt, dessen Regeln jederzeit verändert werden können

Könnte Hörmann hingegen seine Definition durchsetzen, würde er nur noch den Teil der Kredite anerkennen, den die Bank tatsächlich in Reserven bzw. Bargeld geleistet hat. Was nur als Giralgeld gutgeschrieben wurde, sollten die Banken streichen, was sie ebenso leicht bewerkstelligen könnten, wie sie das Giralgeld aus dem Nichts geschöpft hatten. Die dadurch (zumindest im herkömmlichen System) anfallenden Verluste würde Hörmann nun im Banksystem verschwinden lassen, was wiederum durch gegenseitige Luftbuchungen im Bankensektor möglich sein soll. Dazu müssten die Banken nur entsprechend ihrer wechselseitigen Inanspruchnahme durch Realgeldauszahlungen sowie des konkreten Ausmaßes der Kreditverluste im Verhältnis des Bankendurchschnitts Schuldenstreichungen vornehmen. Das würde ebenfalls nur selbst gemachtes Giralgeld betreffen und folglich ökonomisch folgenlos sein. Laut Hörmann könnten private Schuldner, die ihre Schulden nicht mehr bezahlen können, dadurch große Teile ihrer Schulden loswerden, während die Banken dies mit gegenseitigen Luftbuchungen ausgleichen würden.

Vereinfacht gesagt soll also versucht werden, unbezahlbare Schulden mit Bilanztricks und neuen Luftbuchungen verschwinden zu lassen, was doch ein wenig der an anderer Stelle geäußerten Forderung Hörmanns nach einem zuverlässigen und wertbeständigen Zahlungsmittel widersprechen könnte. Viel konkreter wird Hörmann freilich nicht und er verzichtet auch darauf, sich auf ein erwünschtes Kreditsystem festzulegen. Da er aber die Giralgeldschöpfung ablehnt, könnte er eine Art von Vollgeldsystem (Zur Diskussion um das „Vollgeld“) im Sinn haben, wie es der Ökonom Irving Fischer schon 1936 vorgeschlagen hat. Das System sieht eine 100prozentige Unterlegungspflicht für täglich fällige Depositen vor, um eine übermäßige Kreditexpansion zu verhindern. Derartige Vorschläge kommen sonst freilich aus einer konservativen Denkrichtung und werden von Monetaristen oder Anhängern der Austrian Economics vertreten, während Hörmann einer expansiven Denkschule zuzuneigen scheint, die eher die Konjunktur mit monetären Mitteln zu steigern versucht, als das Kreditwachstum einzudämmen.

Wie Hörmann aber richtig bemerkt, ist Geld ein Produkt der Kultur, dessen Regeln jederzeit im gesamtgesellschaftlichen Konsens verändert werden können. Sein Ziel ist, „dass (…) alle zugleich wohlhabender werden können, ohne dass andere Menschen oder die Natur ausgebeutet werden“. Dazu dürften wir uns Geld laut Hörmann nicht mehr „als wertvolle, knappe Goldstücke vorstellen, die wir einander laufend im Kreis wegnehmen müssen, wenn wir selbst mehr erhalten wollen“. Wir müssten nur erkennen, „dass unser heutiges Geld keinen eigenständigen Wert repräsentiert, sondern bei Kreditvergabe oder Kauf von Banken einfach als Zahl im Bankcomputer auf ein Girokonto geschrieben wird“.

Nun haben auf Basis dieser Einsicht ökonomische Theorieschulen wie die Modern Monetary Economics („Modern Monetary Economics“ auf dem Weg zum ökonomischen Mainstream?) längst alternative Geldtheorien entwickelt, die den Prozess der Geldproduktion mit dem staatlichen Schuldenmanagement verbinden wollen, was durchaus interessante Möglichkeiten bieten könnte und vermutlich mehr Aufmerksamkeit verdienen würde, als ihnen derzeit zugestanden wird. Darauf rekurriert Hörmann jedoch nicht, sondern für ihn liegt die Lösung „im Konsens und im Individualismus“, wobei in der Produktion „kooperiert“ und „nach unseren wahren Bedürfnissen“ verteilt werden sollte, was zwar nett klingt, uns Hörmann aber vorenthält, wie das konkret geschehen soll.

Geld für ein „Gesellschaftssystem des kooperativen Individualismus“

Irgendwie scheint Hörmann jedenfalls bei Null beginnen zu wollen, denn bei ihm „basiert die Verteilung nicht auf (Um-)Verteilung, sondern auf Neuproduktion. Der Wohlstand steigt damit für alle, niemals zu Lasten anderer“. Geld soll als „Benutzerschnittstelle zwischen Individuum und Gesellschaft“ fungieren, wofür er einen „privaten Geldzähler“ vorschlägt, „der sich erhöht, wenn man Leistungen in die Gesellschaft einbringt, und absinkt, wenn man Leistungen aus der Gesellschaft konsumiert“. Die „Benutzerschnittstellen“ sollen sich dabei so an die Bedürfnisse des Individuums anpassen, „dass jeder Mensch sein eigenes Preis- und Tarifsystem sowie seinen eigenen Warenkorb erhält, der jederzeit an geänderte Lebensverhältnisse angepasst werden kann“.

Wie in der „objektorientierten Softwareentwicklung“ könnten laut dem EDV-afinen Professor dann „mittels Kapselung“ (Encapsulation) jederzeit Änderungen innerhalb eines Objekts (bzw. einer Klasse) vorgenommen werden, wenn nur die Schnittstellen zum restlichen Programm stabil bleiben. Die „Geldprozesse“ würden in das Objekt verlagert und nur die Schnittstellen (zwecks Kooperation) stabil gehalten, so dass laut Hörmann „jeder Mensch einen individuellen Lebensstil verwirklichen“ könnte und dennoch „jederzeit mit allen anderen Mitgliedern der Gesellschaft kooperationsfähig bliebe“, was Hörmann als „Gesellschaftssystem des kooperativen Individualismus“ bezeichnet.

Konkret versucht derzeit sein deutscher Verbündeter Scharpf gerade eine regionale Komplementwährung für das Rhein-Main-Gebiet zu entwickeln, die gegen den Euro getauscht, aber nur mit Verlust zurückgetauscht werden kann. Damit schließt er sich an die Schwundgeld-Versuche der Zwischenkriegszeit und an die aktuellen regionalen Tauschkreise an, die auch Hörmann – elektronisch aufgefettet – vorschlägt.

Derartige Tauschkreise haben im Allgemeinen den Vorteil, dass das System den Teilnehmern von vornherein Kredit einräumt, den sie mit künftiger Leistungen an das System tilgen sollen. Dadurch können Umsätze entstehen, die auf normalem Wege niemals gemacht würden, wobei stets das Problem entsteht, die Kaufkraft der Alternativwährung, also die Güter und Dienstleistungen, die damit erworben werden können, attraktiv genug zu machen um eine Größe erreichen zu können, die das System ins Laufen bringt, was auch den „privaten Geldzähler“ Hörmanns treffen dürfte.

Angesichts etlicher weiterer ungelöster Fragen scheint aber ohnehin unwahrscheinlich, dass das Hörmannsche Geld-System in absehbarer Zeit verwirklicht werden könnte. Sollte es hingegen zu auf Hörmanns Argument beruhenden Gerichtsverhandlungen kommen, dürfte ziemlich sicher sein, dass außer Spesen nicht viel mehr dabei herauskommen wird, als die Banken aus Angst vor negativer Publizität freiwillig zuzugestehen bereit sind.

http://www.heise.de/tp/artikel/41/41224/1.html

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12.01.2014

Der Krieg um das sichere Geld der Zukunft

Unser Finanzsystem krankt an einem Erbfehler, der immer schlimmere Krisen hervorbringt. Davon sind Experten überzeugt. Sie kämpfen für Vollgeld, Freigeld und Marktgeld. Doch sie haben mächtige Gegner.

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Im Jahr 2014, so scheint es, ist die Finanzkrise nur noch eine verblassende Erinnerung. Allenthalben macht sich das Gefühl von Normalität breit. Sichtbarstes Zeichen dafür ist die sukzessive Rückkehr der europäischen „Krisenstaaten“ Irland, Portugal und womöglich sogar Griechenland an den Kapitalmarkt.

In den USA fährt die Notenbank ihre Notstandsmaßnahmen zurück, und die Aktienmärkte boomen wie seit den Neunzigerjahren nicht. Längst haben sie höhere Niveaus erreicht als vor dem spektakulären Zusammenbruch von Lehman Brothers im September 2008.

Doch während an der Oberfläche alles wieder gut zu sein scheint, brodelt es darunter weiter. Einige wachsame Zeitgenossen erinnern sich sehr wohl daran, dass die globale Wirtschaft vor fünf Jahren nur um Haaresbreite der Katastrophe entging.

Zwei unversöhnliche Kriegsparteien

Rebellische Wissenschaftler, Politiker und auch Menschen aus der Finanzbranche begehren auf. Sie identifizieren nicht so sehr das Fehlverhalten Einzelner wie Lehman-Chef Richard Fuld als Auslöser der Krise. Vielmehr weist unser Geldsystem ihrer Meinung nach einen verhängnisvollen Konstruktionsfehler auf. Sie werben für neue Konzepte wie Freigeld, Vollgeld oder Marktgeld.

Gegen die Rebellen positionieren sich die Vertreter der großen Banken und der Politik. Die Etablieren bestreiten nicht, dass das jetzige System verbesserungsfähig ist. Radikale neue Konzepte seien jedoch nicht die Lösung. So attraktiv sich die Reformvorschläge in der Theorie anhörten, sie würden am Ende deutlich mehr Schaden als Nutzen bringen. Es ist ein erbitterter Krieg der Konzepte, ein Kampf um das bessere Geld.

„Die Ursachen der Erschütterungen von damals sind nicht behoben, unser Schicksal werden immer schwerere Krisen sein„, prophezeit Detlev Schlichter, Ökonom und Autor des Buches „Das Ende des Scheins: Warum auch unser Papiergeldsystem zusammenbricht“. Schlichter wundert sich darüber, wie wenig echte Konsequenzen aus dem Beinahe-Armageddon von 2008 gezogen worden sind. Schließlich wurden beim Absturz der Weltwirtschaft in die Große Rezession Billionenwerte vernichtet.

Tickende Zeitbombe

Auch für den Wirtschaftsjuristen Anton Voglmaier ist unser Geldsystem eine tickende Zeitbombe. Zusammen mit dem bekannten Fernsehmoderator Raimund Brichta hat er das Buch „Die Wahrheit über Geld“ verfasst, in dem er ausführlich erläutert, wie unser Finanzsystem funktioniert.

„Uns werden gern andere, vordergründige Missstände als Ursachen präsentiert, doch die tatsächlichen Wurzeln des Übels liegen tiefer: Dazu gehören unser Papiergeld, das Teilreservesystem der Banken und nicht zuletzt der Zinseszins-Effekt“, sagt Voglmaier. Solange dies alles beibehalten werde, könne die Weltwirtschaft nicht genesen.

Tatsächlich ist die Lage weiter ernst. Noch heute, mehr als fünf Jahre nach Lehman, ist jeder neunte Europäer arbeitslos, und dass die Leitzinsen in fast allen großen Industrieländern weiter bei null oder nahe null liegen – eine historische Ausnahme sondergleichen –, kündet kaum von Genesung oder Normalität. Zudem sind die Schulden der Staaten seit dem Lehman-Kollaps kräftig gestiegen. Allein dieses Jahr müssen die führenden Industrienationen Anleihen und Geldmarktpapiere im Volumen von 7,4 Billionen Dollar (5,5 Billionen Euro) refinanzieren.

Inklusive Zinsen belaufen sich die neu aufzunehmenden Verbindlichkeiten sogar auf 8,1 Billionen Dollar. Nach Berechnungen der Nachrichtenagentur Bloomberg liegen die Haushaltsdefizite der Staaten im Durchschnitt rund doppelt so hoch wie vor der Finanzkrise, und das bei alternder Bevölkerung.

Ein Jahr Arbeit für Schulden und Zinsen

Bei vielen Nationen übersteigen die Schulden mittlerweile die jährliche Wirtschaftsleistung, was bedeutet, dass die Bürger ein ganzes Jahr lang nur arbeiten müssten, um für öffentliche Verbindlichkeiten und Zinsen aufzukommen. Zu diesen Ländern jenseits der 100-Prozent-Marke gehören Japan und Italien, aber auch die weltgrößte Wirtschaftsmacht USA.

Euro-Staaten wie Griechenland, Italien oder Portugal kämpfen einen nahezu aussichtslosen Kampf gegen den Zinseszins. Zu den staatlichen Schulden gesellen sich die Schulden der Unternehmen und der privaten Haushalte. Es bedarf keiner großen Fantasie, um sich auszumalen, dass ein unerwarteter Zinsanstieg das System an die Grenze seiner Belastbarkeit drücken könnte. Oder darüber hinaus.

Ein Symptom dafür, dass nicht alles eitel Sonnenschein ist im modernen Geldwesen, bildet der jüngste Höhenflug des Bitcoins, einer Währung, die unabhängig von Banken und Zentralbanken im Internet geschaffen wird. Seit Anfang 2013 hat sich der Kurs des Netz-Geldes dank explodierender Nachfrage von zehn auf zuletzt rund 600 Euro erhöht.

Höhenflug der Bitcoins als Symptom

Die digitalen Münzen sind so konzipiert, dass sie wie Bargeld genutzt werden können. Zugleich müssen sich die User des Internet-Geldes nicht sorgen, dass es jemals einer Hyperinflation zum Opfer fällt. Bitcoins ähneln der alten Gold- oder Silber-Währung des 19. Jahrhunderts: Waren es bei den Edelmetallen die begrenzten natürlichen Lagerstätten, die eine überbordende Geldproduktion unterbanden, so ist es beim Bitcoin ein raffinierter Algorithmus, der die Herstellung neuer Einheiten streng limitiert.

Im Gründungsmanifest formulierte der Schöpfer der digitalen Münzen, Papiergeld basiere auf dem Vertrauen auf die Zentralbanken, doch die Geschichte sei voll von Verrat an diesem Vertrauen. Mit Bitcoins könnten sich Bürger ein eigenes Geld schaffen, das nicht von Kreditinstituten oder zentralen Stellen abhängig sei.

Als Nachteil beschwören Kritiker die Gefahr einer „deflationären Falle“, eben weil die Menge der digitalen Münzen bei 21 Millionen begrenzt ist, während doch die Weltwirtschaft wächst – und folglich eine wachsende Geldmenge brauche.

Während die Internet-Währung gleichsam aus dem Off eine Alternative zum aktuellen Währungssystem geworden ist, wollen manche Forscher unser Geld ganz planmäßig auf eine neue Grundlage stellen. Um künftige Katastrophen zu verhindern, davon sind die Neudenker überzeugt, muss diese Umgestaltung weit über das hinausgehen, was seit Lehman an regulatorischen und gesetzlichen Veränderungen erreicht wurde.

„Die Megablase wird platzen“

Einer dieser Geldreformer ist Joseph Huber. Für den Soziologieprofessor von der Universität Halle führt das jetzige System geradewegs in den Niedergang. Der Wirtschaftsdenker spricht von einer „Megablase“, die irgendwann platzen müsse. Der Geburtsfehler unserer Währung besteht seiner Meinung nach darin, dass wir es Tag für Tag, ohne es normalerweise zu merken, mit verschiedenen Formen von Geld zu tun haben: Bargeld und Giralgeld.

Die meisten Menschen gehen stillschweigend davon aus, dass die Scheine und Münzen in ihrem Portemonnaie und das Geld auf ihrem Konto im Wesentlichen dasselbe sind. Würden sie versuchen, alle ihre Guthaben vom Sparbuch, Tagesgeld- oder Girokonto abzuheben, wären sie jedoch schnell eines Besseren belehrt: In ganz Europa gibt es nämlich nicht genügend Euro-Scheine und -Münzen, um sich das Geld auszahlen zu lassen, das allein die deutschen Banken verwalten.

Auf den Konten der Euro-Zone lagern insgesamt 9891 Milliarden Euro. Die Europäische Zentralbank (EZB) spricht von der „großen“ Geldmenge M3. Banknoten gibt es dagegen nicht mal für ein Zehntel dieses Betrags – es sind kaum mehr als 900 Milliarden –, und das Münzgeld fällt wegen der kleinen Stückelung gar nicht erst ins Gewicht. Allein die Deutschen haben jedoch 1,9 Billionen, also mehr als doppelt so viel „auf der Bank“.

Die Geschäftsbanken schöpfen die meisten Euros

Möglich wird diese Diskrepanz, weil Geld einem weitverbreiteten Vorurteil zum Trotz nicht allein von der Zentralbank geschöpft wird, sondern auch und vor allem von den Geschäftsbanken. Das geschieht täglich, zum Beispiel immer dann, wenn ein Kunde einen Konsumentenkredit oder ein Baudarlehen in Anspruch nimmt.

In dem Moment, da die Bank die Darlehenssumme aufs Konto bucht, ist neues Geld geschaffen! Gleiches passiert, wenn die Bank einen Kredit an ein Unternehmen vergibt. „Fiat money“ heißen derartige Währungen im englischsprachigen Raum, nach dem Imperativ „fiat!“ (es werde!), der auf die biblische Schöpfung aus dem Nichts anspielt. Auf Deutsch ist meist von Papiergeld die Rede, auch wenn die Euro-Banknoten aus Baumwolle sind und für das elektronische Geld auf dem Konto nicht einmal eine Druckerpresse vonnöten ist.

Gedeckt sein müssen die Kredite dabei praktisch gar nicht. Anders, als man annehmen könnte, ist es nicht so, dass das Guthaben des einen Bankkunden der Kredit des anderen wird. Die Banken müssen lediglich eine minimale Mindestreserve im niedrigen Prozentbereich vorhalten. Aktuell beträgt diese Mindestreserve in der Euro-Zone ein Prozent. Diese Art von Kreditwesen heißt auch Teilreserve-Banking.

Durch die Buchung der Geschäftsbank kommt Geld in den Wirtschaftskreislauf, das vorher schlicht und einfach nicht da war. Ökonomen wie Huber nennen diese von Kredit-Instituten kreierten Euros auch Buchgeld oder „Giralgeld“ (nach dem italienischen Wort für „Kreislauf“). Mit dem Dollar, dem britischen Pfund oder dem japanischen Yen verhält es sich ebenso. Auch diese Währungen sind „fiat money“, per Knopfdruck erzeugtes Geld.

Der Fluch des Giralgeldes

Das Problem mit Giralgeld ist, dass es ebenso leicht vernichtet werden kann, wie es geschaffen wird. Es ist gewissermaßen ein rühriges Nichts, das mangels Deckung immer krisenanfällig sein wird. Haben die Banken besonders viele Kredite vergeben, kann das gesamte Finanzsystem wie ein Kartenhaus in sich zusammenstürzen – wie die Finanzkrise vor fünf Jahren auf schmerzliche Weise demonstrierte.

Damals rettete unter anderem ein Bluff das System: Die Bundesbürger vertrauten dem Versprechen von Merkel und Steinbrück, die deutschen Bankguthaben seien sicher. Hätten die Kunden die Schalter gestürmt, hätten sie jedoch sehr bald gemerkt, dass nicht einmal die Regierung auf die Schnelle genug Bargeld für alle zur Verfügung stellen kann.

Mit „Vollgeld“ könnte ein Bankensturm nicht passieren. Diesem Konzept zufolge darf nur noch ein zentrales Institut Buchgeld schaffen, wie es heute bereits bei Banknoten der Fall ist. Die Kreditinstitute, also auch die Sparkassen und Volksbanken, verwalten dieses Vollgeld lediglich, ähnlich, wie sie es heute mit den Wertpapieren in einem Depot machen.

Ein zusätzlicher Vorteil wäre, dass die öffentliche Hand die Gewinne einfahren würde, die bisher die Geschäftsbanken bei der Geldschöpfung erzielen. Diese sogenannte Seigniorage – Huber beziffert sie auf 25 Milliarden Euro – könnte dann dem Gemeinwohl zugutekommen.

„Monetative“ statt Finanzkonzerne

Weil die Ausgabe von Geld eine enorme Macht mit sich bringt, schlägt Huber eine eigene staatliche Gewalt vor, die dafür unabhängig von der Regierung die Verantwortung übernimmt: In Anlehnung an die Bezeichnungen Exekutive, Judikative und Legislative nennt er diese Macht „Monetative“. Diese Geld schöpfende Gewalt würde mithilfe „wissenschaftlicher Parameter“ die optimale Geldmenge ermitteln, um die Gefahr von Spekulationsphasen und Überhitzungen zu minimieren.

Der gleichnamige Verein versucht die Idee in die Öffentlichkeit zu tragen.

Eine noch radikalere Variante hatte bereits im ersten Drittel des vergangenen Jahrhunderts der ökonomische Querdenker namens Silvio Gesell entwickelt. Der 1862 geborene und 1930 gestorbene Sozialtheoretiker sah die Lösung aller Probleme in der Einführung von „Freigeld“. Das sollte nur von einer Behörde ausgegeben werden und im Laufe der Zeit automatisch, aber berechenbar an Wert verlieren.

Silvio Gesell wollte Zins abschaffen

Mit diesem programmierten Kaufkraftschwund wollte Gesell dafür sorgen, dass niemand seine Überschüsse als Sparvermögen hortet, auch nicht in wirtschaftlich unsicheren Zeiten. Schwere Rezessionen sollten damit unmöglich werden. Die Zinswirtschaft wollte der Sozialreformer bei der Gelegenheit gleich mit abschaffen, da sie nach einer Überzeugung zu immer größerer gesellschaftlicher Ungleichheit führt. Manche werfen Gesell wegen seiner Polemik gegen die Zinsknechtschaft eine Nähe zu antidemokratischen Ideologien vor.

So oder so konnte die Idee des Freigeldes niemals breite gesellschaftliche Akzeptanz gewinnen. Heute stehen die Anhänger von Vollgeld vor einem ähnlichen Problem. Dem allgemeinen Unbehagen über unser Finanzwesen zum Trotz scheint eine Reform des Geldwesens für das Gros der Wähler keine Priorität zu haben.

Keine der großen Parteien nahm sie in ihr Wahlprogramm auf. Politiker begnügten sich mit Korrekturen am Regelwerk des Bankwesens oder verbissen sich in der Idee, dass eine Finanztransaktionssteuer die Spekulationslust der Geldhäuser drosseln könnte.

Volksinitiative für Vollgeld in der Schweiz

Immerhin kann Huber auf volle Säle blicken, wenn er über sein Thema referiert, und das obwohl der Hallenser Professor alles andere als ein Volkstribun ist. Rede und Duktus des grauhaarigen Akademikers, Jahrgang 1948, sind eher unterrichtend als populistisch. Mit bedächtigen Worten und behutsamen Gesten unterstreicht Huber das gesagte. Dazu projiziert er eine Fülle komplexer Grafiken an die Wand. Doch die Botschaft verfängt: Die finanzielle Fata morgana des Giralgeld-Systems muss überwunden werden, da sind sich Professor und Zuhörer einig.

Auch in der Schweiz sind die Rebellen aktiv. Dort bereitet der Verein Monetäre Modernisierung (MoMo) sogar eine Volksinitiative vor. Sollte sein Vorstoß zur Einführung von Vollgeld an einem der wichtigsten Bankenstandorte des Planeten Erfolg haben, würde das zweifelsohne die Weltfinanz erschüttern. Allerdings werden die Chancen der Initiative bisher als gering eingeschätzt. Im finanzlastigen Großbritannien ist es, mit ähnlicher Agenda, die Kampagne für „Positive Money“, die von sich reden macht.

„Österreicher“ wollen Marktgeld

Doch das Programm der Vollgeld-Anhänger ist nicht ohne Tücken. „Letztlich würde damit nur die Entwicklung der vergangenen hundert Jahre fortgeschrieben, die eine immer größere Sozialisierung des Geldwesens brachte“, kritisiert Ökonom Schlichter. Doch woher wolle der Staat wissen, wie viel Geld die Wirtschaft wirklich braucht? Für ihn riecht das allzu sehr nach Interventionismus.

Zusammen mit anderen Vertretern der Österreichischen Schule der Nationalökonomie (der Name leitet sich von der Herkunft ihrer Gründer ab) schlägt Schlichter stattdessen die Zulassung von echtem Marktgeld vor. „Ob Gold, Silber, Bitcoins oder etwas anderes – warum lassen wir nicht verschiedene Währungen miteinander konkurrieren?“, fragt er. In einem freien Markt werde sich am Ende das beste Zahlungsmittel durchsetzen.

Kredit-Zombies sollen pleite gehen

Das Entscheidende aus Sicht der Österreicher ist die Abkehr vom „fiat money“, also von jenem Geld, das sich nach Gusto vermehren lässt. Stattdessen sollte das Finanzsystem auf einer Form von „Hartgeld“ basieren, dessen Menge begrenzt ist. Ist diese Voraussetzung erfüllt, könnten auch Banken nicht mehr beliebig viele Kredite vergeben und nicht immer gewagtere Wetten eingehen.

Wichtig sei, dass auch Geldhäuser wieder pleitegehen dürften und nicht mit Steuerzahlermitteln als „Kredit-Zombies“ am Leben erhalten werden. Müssten Banker die Folgen von Fehlspekulationen selbst tragen, werde ihnen die Lust aufs Zocken von selbst vergehen. Schlichter rekurriert dabei auf die Schriften der liberalen Denker Friedrich August von Hayek und Ludwig von Mises.

Kritiker an diesem Konzept merken an, dass „unelastisches“ Hartgeld es schwierig mache, auf Rezessionen angemessen zu reagieren, da die Wirtschaft nicht ad hoc mit Liquidität geflutet werden könne. Das Gros der akademischen Ökonomen lobt die Flexibilität unseren Giralgeldsystems mit unabhängigen Geschäftsbanken und einer Zentralbank als Kreditgeber letzter Hand (lender of last resort). Zerstöre man diese bewährten Strukturen, drohten Arbeitslosigkeit und Stagnation.

Systemrelevanz als Drohpotenzial

Dem halten die Rebellen entgegen, dass gerade das jetzige Geldsystem viele Jobs vernichtet habe, wie in Spanien oder Griechenland zu besichtigen sei.

Ökonom Schlichter selbst macht sich keine Illusionen und weiß, dass die Chancen auf eine baldige Umsetzung seines Marktgeld-Programms gering sind.

Die Großbanken, die gut an der ungehinderten Geldvermehrung verdienen, wegen ihrer vermeintlichen Systemrelevanz zugleich aber auf staatliche Hilfe in der Not hoffen können, verfügen über mächtige Lobbygruppen.

Zugleich hat der Staat selbst großes Interesse daran, das System am Laufen zu erhalten. Er weißt, dass er sich jederzeit der Geldhäuser bedienen kann, um Ausgaben über Schulden zu finanzieren – seien es Sozialprogramme, Rettungspakete oder Kriegseinsätze.

Veränderung erst nach dem großen Knall?

Der einzige Politiker, der die Problematik des ungedeckten Papiergeldes einmal im Bundestag thematisierte, der FDP-Mann Frank Schäffler, ist seit der letzten Wahl nicht mehr im Parlament vertreten. Sogar in der eigenen Partei wirkte der Euro-Rebell, der beharrlich gegen die sogenannten Rettungspakete stimmte, zuletzt zunehmend isoliert.

So rechnet denn auch Schlichter damit, dass es einer neuen, noch größeren Krise bedarf, um die Zweifel am Geldsystem in echtes Handeln münden zu lassen. Geldtheorie, so scheint es, macht fatalistisch.

http://www.welt.de/finanzen/article123780452/Der-Krieg-um-das-sichere-Geld-der-Zukunft.html

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