Geduldetes Gift – EU will Grenzwerte für Quecksilber lockern

07.12.2015

Anstatt die Quecksilber-Belastung in der Umwelt zu senken, setzt man lieber die Gesundheit von Menschen aufs Spiel

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Quecksilber ist hochgiftig für Mensch und Tier. Es findet sich nicht nur in Abraumhalden brasilianischer Eisenerzminen, sondern wird auch von deutschen Kohlekraftwerken emittiert. Es ist in Pestiziden enthalten und reichert sich in Nutztieren an. Trotz aller gesundheitlichen Gefahren plant die EU, die Grenzwerte für Quecksilber zu lockern

Anfang November 2015 brach im brasilianischen Bundesstaat Minas Gerais der Damm eines Rückhaltebeckens einer Eisenerzmine. Eine gewaltige Schlammlawine wälzte sich über ein kleines Dorf hinweg, begrub Häuser und ein Dutzend Menschen unter sich, bevor sie sich in den Rio Doce ergoss. Der „Süße Fluss“, bis dahin ein artenreiches, sauberes Gewässer, verwandelte sich binnen weniger Tage in einen biologischen Friedhof.

Die Lebensgrundlagen der Flussbewohner, die bis dahin in unberührter Natur lebten und der Lebensraum der Fische, Schildkröten und anderer Flusstiere waren von einem auf den anderen Tag zerstört. Rund 280.000 Menschen waren von der Trinkwasserversorgung abgeschnitten und auf Wasserspenden aus Tanks und Plastikflaschen angewiesen. Das Unglück betrifft 15 Millionen Menschen in 228 Städten.

Nach Angaben von Umweltexperten gelangten 50 Millionen Tonnen giftige Überreste der Mine in die Umwelt. Der Schlamm enthielt neben hohen Mengen an Arsen, Cadmium, Kupfer und Blei auch Chrom, Nickel und Quecksilber – ein Cocktail, der alle Flusslebewesen tötete. Überall dort, wo die Brühe auf ihrer 650 Kilometer langen Reise zum Atlantik vorbeikam, hinterließ sie nichts als giftigen Schlamm und tote Fische am Ufer. Es wird wohl einige Jahre dauern, bis sich der Fluss regeneriert hat.

Zwei Wochen nach dem Dammbruch erreichte die 62 Millionen Kubikmeter starke Schlammflut aus Schutt und giftigen Mineralien den Atlantik im Bundesstaat Espirito Santo. Was das Gift im Atlantik anrichten wird, darüber kann nur spekuliert werden. Brasilien verklagte daraufhin die australisch-britische BHP, die mit der brasilianischen Vale über das Unternehmen Samarco www.samarco.com.br die fragliche Mine betreibt, auf einen Schadenersatz von umgerechnet 4,9 Milliarden Euro. Doch Samarco lehnt jede Verantwortung ab.

Brasilien ist an Kummer in Umweltfragen gewöhnt. Im Frühjahr 2015 stöhnten weite Teile des Landes unter monatelanger Trockenheit. Doch anstatt die Ursachen der Klimaveränderung im Verschwinden des Regenwaldes zu erkennen und dessen Vernichtung endlich zu stoppen, werden illegale Holzeinschläge für Soja-Anbau und Landnahme weiterhin geduldet.

Der Dammbruch ist so gesehen nur eine Katastrophe unter vielen. Schlampige Sicherheitsvorkehrungen, rissige Mauern – dasselbe Unglück kann sich in einem Land, das für Wirtschaftswachstum jedes Opfer zu bringen bereit ist, jederzeit wiederholen: 16 weitere Staudämme in Brasilien sind in einem ähnlich schlechten Zustand.

Im Gepäck der Schlammlawine im Rio Doce waren auch hohe Mengen an Quecksilber – einer der giftigsten Stoffe überhaupt. Das Gift muss aus der natürlichen Umwelt ferngehalten werden, sollte man meinen. In Wahrheit werden tausende Tonnen Quecksilber täglich in die Umwelt eingetragen.

Quecksilber schädigt Hinzellen von Ungeborenen

Das Gift gelangt aus der Verbrennung von fossilen Brennstoffen, aber auch durch Vulkane oder Waldbrände in die Natur. Ein Großteil der Schwermetalle kommt mit den Resten von Zementproduktion, Erzgewinnung, Kohle und Müll in die Ozeane. Untersuchungen der EFSA zufolge ist der Anteil von Methylquecksilber in Fischen mit rund 90 Prozent am Gesamt-Quecksilber besonders hoch, weil Mikroorganismen das im Wasser gelöste Quecksilber in hohem Grad in Methylquecksilber umwandeln.

In bestimmten Fischarten reichert sich Quecksilber besonders gut an, wie zum Beispiel im Zacken- und Torpedobarsch, im Atlantischen Sägebauch Speer-, Schwert- und Haifisch, in Königsmakrelen, im Heilbutt, in der Meerforelle, im Blaubarsch, im Hummer und Tunfisch, der schon öfter wegen überhöhter Grenzwerte aus dem Verkehr gezogen wurde.

In den großen Fischerei-Nationen in Südeuropa nehmen es die Menschen vor allem aus Meeres- und Süßwasserfischen auf. So wurden in Spanien bei rund 30 Prozent der Kinder zu hohe Quecksilber-Werte nachgewiesen, in Portugal bei acht Prozent der Kinder.

In der gesamten EU werden 1,8 Millionen Kinder mit Quecksilbergehalten geboren, die weit über dem empfohlenem Grenzwert liegen. Auf Grund des nachweisbaren Intelligenzverlustes der belasteten Kinder entstehe der EU ein jährlicher Schaden von bis zu neun Milliarden Euro, klagen die Autoren einer EU-finanzierten Studie von 2013. Das persönliche Leid der Kinder und deren Familien dürfte in dieser Summe wohl nicht mit einberechnet sein.

Schon kleinste Mengen sind schädlich für Ungeborene. Nehmen sie das Gift über die Nabelschnur von der Mutter auf, reichert es sich über die Blutbahn im Gehirn an, erklärt die Umwelttoxikologin Prof. Ellen Fritsche von der Universität Düsseldorf. Es verhindert, dass sich neue Nervenzellen bilden können. Das Kind werde „dümmer“, weil es sein geistiges Potential nicht voll ausschöpfen könne.

Als Folge kann auch das Lernvermögen beeinträchtigt werden, die Sehkraft nachlassen, Taubheit und Gedächtnisverlust eintreten, die ganze Persönlichkeit kann sich verändern. Die Koordination der Muskeln kann gestört werden und die geschädigten Chromosomen Mongolismus verursachen.

Diese wissenschaftlich abgesicherten Erkenntnisse spielen bei den Entscheidungen der EU offenbar keine Rolle. Sie plant, die Grenzwerte für Quecksilber für hoch belasteten Raubfisch ab 2016 zu erhöhen.

Dagegen protestiert nun Foodwatch: In einer aktuellen Online-Kampagne kann sich jeder mit seinem Namen dafür einsetzen, dass die Grenzwerte für Quecksilber in Raubfischen nicht mehr erhöht werden.

Quecksilber in Schweinen und Rindern

Anstatt die Quecksilber-Belastung in der Umwelt zu senken, setzt man lieber die Gesundheit von Menschen aufs Spiel. Dabei kam sogar das Bundesamt für Risikobewertung (BfR) in einer Pilotstudie von 2013 zu dem Schluss, dass die Belastung mit Schwermetallen reduziert werden müsse.

Das BfR und das BVL untersuchte Rinder und Schweine auf Schwermetalle, wobei sie diese in jeweils zwei Gruppen einteilte: bis zu einem Alter von zwei Jahren und ab zwei Jahren aufwärts. Wie sich herausstellte, waren die mittleren Werte von Blei, Cadmium und Quecksilber in den Organen der älteren Tiere signifikant höher als in der Vergleichsgruppe der Tiere, die jünger waren als zwei Jahre.

In der Auswertung heißt es, dass Organe von über zwei Jahre alten Tieren als genussuntauglich erklärt werden, wenn die Tiere aus Regionen kommen, die mit Schwermetallen belastet sind. Das Quecksilber stammt offenbar aus den Pestiziden, die in unterschiedlichen Mengen ausgebracht wurden. Mit dem belasteten Futter gelangt es in die Nutztiere.

Bei Vielverzehrern sei außerdem die Gesamtexposition mit Schwermetallaufnahmen durch verschiedene Lebensmittel nichttierischen Ursprungs zu berücksichtigen. Die höchsten Quecksilberkonzentrationen fand man übrigens in getrockneten Waldpilzen.

Höhere Grenzwerte für Emission aus Kohleindustrie

Vor allem Kohlekraftwerke sind eine nicht zu unterschätzende Quelle für Quecksilber: Laut der von den Grünen in Auftrag gegebenen Studie -„Quecksilberemissionen aus Kohlekraftwerken in Deutschland“ – sind Braun- und Steinkohlekraftwerke zu 70 Prozent die Hauptemittenten für die Jahre 2010 bis 2012.

Acht Braunkohle-Großkraftwerke mit jährlich jeweils mehreren Hundert Kilogramm Quecksilber waren für gut 40 Prozent der Hg-Gesamtemissionen in Deutschland verantwortlich: So blies 2013 nach Angaben des European Pollutant Release and Transfer Register, E-PRTR, das RWE Neurath 667 kg Quecksilber in die Luft. Der Ausstoß der Energie-Giganten Eon, RWE, Vattenfall lag zusammen bei 3325 kg.

Nun traf sich Anfang Juni 2015 eine „Technische Arbeitsgruppe“ der EU-Kommission in Sevilla, um unter Ausschluss der Öffentlichkeit über neue Grenzwerte von Quecksilber zu diskutieren. (vgl. Quecksilber: Schärfere Grenzwerte nötig) Unter den 255 Teilnehmern waren 170 aus der Industrie, gerade mal acht kamen aus Umweltgruppen.

Damit dürfte es kaum verwundern, dass die Entscheidung ganz im Sinne der Braunkohle-Industrie ausfiel: Das Gremium einigte sich darauf, dass Steinkohlekraftwerke künftig 4 μg/Nm3 und Braunkohlekraftwerke 7 μg/Nm3 in die Luft blasen dürfen. Damit übertreffen sie bei weitem die Grenzwerte in den USA, die der o. g. Grünen-Studie zu Folge bei 1,4 μg/Nm3 für Steinkohle- und 4,1 μg/Nm3 für Braunkohlekraftwerke liegen.

Was schert es die Kohle-Lobbyisten, ob die Gehirnzellen ungeborener Kinder geschädigt werden? Somit werden deutsche Kraftwerksbetreiber mit dem Segen der EU-Kommission weiterhin tonnenweise Quecksilber in die Luft blasen dürfen. Filteranlagen werden von europäischen Unternehmen prinzipiell aus Kostengründen verweigert – im Gegensatz zu den USA, wo längst moderne Filteranlagen Quecksilber herausfiltern.

Andererseits können auch moderne Filter nur bedingt die Emissionen verringern. Sie reichen bei weitem nicht aus, um Kohlendioxid, Kohlenmonoxid, Stickoxide und Schwefeloxide komplett herauszufiltern. Somit bleiben Kohlekraftwerke auch mit Filtern üble Dreckschleudern. Immer mehr Klimaexperten gehen davon aus, dass das ehrgeizige Zwei-Grad-Ziel nur noch zu erreichen ist, wenn die restliche vorhandene Kohle im Boden verbleibt.

In einem aktuellen Plan zeigt Greenpeace, wie in Deutschland ein „geordneter Ausstieg“ aus der Kohle bis 2030 gelingen kann. Der Ausstieg aus der Kohle kann nicht schnell genug gehen.

http://www.heise.de/tp/artikel/46/46780/1.html

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