Euro-Banken setzen auf neue Wunderwaffe

13.08.2013

Europäische Großbanken haben eine neue Möglichkeit gefunden, ihre Finanzierungsprobleme zu verkleinern. Langfristig birgt diese Option jedoch erhebliche Gefahren.

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Eine Handvoll europäischer Banken glaubt, eine Wunderwaffe gegen die anhaltenden Kapitalprobleme gefunden zu haben: Sie kaufen einfach ihre Anleihen zurück.

Die Banken machen es sich zunutze, dass die anhaltende Euro-Finanzkrise den Wert ihrer langfristigen Schulden senkt, und kaufen Anleihen jetzt also mit Rabatt von den Anlegern zurück. Banken können den Abstand zwischen dem geringeren Kaufpreis und dem Originalwert der Anleihen als Bilanzierungsgewinn verbuchen. Das erhöht ihre Kapitalbasis und schützt sie besser vor möglichen Verlusten.

Eine Reihe europäischer Banken hat mit diesem Manöver schon ihre Kapitalbasis gestärkt, darunter die Commerzbank, die Société Générale, die Intesa Sanpaolo, die Banco Santander und die Banco Comercial Português.

Anleihenrückkäufe trocknen private Finanzierung aus

Ihnen helfen die Anleihenrückkäufe, weil sie die traditionellen Instrumente zur Kapitalvermehrung – etwa der Verkauf von Geschäftssparten oder die Ausgabe von Aktien – momentan nur schwer einsetzen können. Wegen der europäischen Finanzkrise sind Investoren skeptisch und wollen Banken kein Geld leihen. Deshalb ist vielen Banken der Zugang zum Kapitalmarkt praktisch versperrt.

Analysten halten die Zauberformel, die viele Banken jetzt nutzen, dennoch für riskant. Sie sagen, dass Banken sich über den Anleihenrückkauf wichtige Kanäle für die billige, langfristige Finanzierung austrocknen.

Diese aber bräuchten sie für die Darlehensvergabe und zur Finanzierung von Geschäften. So könnten Banken dann in eine neue Abhängigkeit von der Europäischen Zentralbank geraten, die ihnen dann letztlich kostengünstiges Kapital zur Verfügung stellen muss.

Taktische Anleihen-Rückkäufe sind langfristig gefährlich

Beobachter sagen, dass viele Banken mit den taktischen Rückkäufen zwar kurzfristig ihre Kapitalprobleme kitten könnten, aber dafür möglicherweise langfristig büßen würden. Wenn man „ohnehin schon einen schlechten Zugang zum privaten Kapitalmarkt“ habe, würden diese Rückkäufe wohl nur dazu führen, dass die EZB noch stärker einspringen muss, sagt Alastair Ryan, Analyst der Bank UBS in London. „Und je mehr man von der Zentralbank finanziert wird, desto unwahrscheinlicher ist es, dass man künftig an privates Geld kommt.“

Offensichtlich haben es europäische Banken schon jetzt immer schwerer, langfristig bei privaten Investoren Geld zu leihen. In diesem Jahr haben sie erst Anleihen mit Laufzeiten zwischen 1,5 und mehr als 10 Jahren im Volumen von 400 Milliarden US-Dollar ausgegeben. Vor einem Jahr waren es im selben Zeitraum Anleihen im Wert von 645 Milliarden Dollar, belegen Daten des Statistikanbieters Dealogic.

Natürlich ist es ganz normal, dass Banken Schulden in regelmäßigen Abständen zurückkaufen und wieder ausgeben, um ihre Finanzen zu pflegen und eine gute Mischung aus kurz- und langfristig geliehenem Geld im Portfolio zu haben.

Basel III zwingt zu höheren Kapitalpuffern

Aber die europäischen Banken setzen Anleihenrückkäufe nun gezielt ein, um ihre Gewinne zu erhöhen und entsprechend auch jene Kennziffern zu beeinflussen, mit denen ihre Kapitalbestände gemessen werden. So helfen die Rückkäufe, die so genannte Kernkapitalquote (Tier 1) der Banken zu erhöhen – just in dem Moment, wo die neuen Basel-III-Bankenregeln sie zur Stärkung eben jener Kapitalpuffer verpflichten.

In ihren jüngsten Halbjahresergebnissen verwies etwa die französische Bank Société Générale explizit darauf, dass ihre Vorsteuergewinne von 305 Millionen Euro auch aufgrund von Anleiherückkäufen so hoch ausgefallen waren. Manche der Anleihen hatten Laufzeiten bis zum Jahr 2025. Mit den Rückkäufen in Höhe von 1,7 Milliarden Euro gelang es der Bank auch, ihre wichtigste Kapitalkennziffer um 0,06 Prozent zu steigern.

Und im Juli kaufte die britische Tochter der Banco Santander Anleihen im Wert von umgerechnet rund 2,4 Milliarden Euro zurück. Auch hier wären einige Anleihen noch längerfristig gelaufen und auch hier nutzte die Bank diesen Schritt, um ihre Kapitalbasis zu stärken. Ähnliche Vorstöße machten die Banco Bilbao Vizcaya Argentaria, die portugiesische Banco BPI und die Banco Comercial Português.

Einige der Transaktionen waren so gewieft, dass sie den Banken gleich mehrere Buchgewinne auf einmal bescherten. So kaufte die Commerzbank im März Gläubigerpapiere und andere Kapitalmarktinstrumente im Wert von 965 Millionen Euro zurück. Sie zahlte für den Rückkauf der Schulden einen geringeren Preis und gab im Gegenzug neue Commerzbank-Aktien aus.

Die Bank konnte die Differenz zwischen Kaufpreis und Originalwert der Anleihen als Ertrag verbuchen. Sie nutzte aber auch den Wegfall von Zinszahlungen und schrieb sich die frisch ausgegebenen Aktien gut. Insgesamt werde das Manöver bis 2017 zusätzlich 1,2 Milliarden Euro einbringen, sagt ein Sprecher.

Banken sehen weiterhin Chancen am Markt

Das Ganze war dem Sprecher zufolge „angesichts der derzeitigen Marktlage eine chancenorientierte Maßnahme und ermöglichte es der Commerzbank, ihr Tier-1-Kernkapital zu stärken.

Die Banken Santander, BBVA und Société Générale verteidigen ihre Schritte. Diese hätten ihrer Fähigkeit, sich zu finanzieren, bisher nicht geschadet. Trotz der Rückkäufe stünden ihnen weiterhin genug liquide Mittel zur Verfügung. Auch die Bank Intesa hat nach eigenem Bekunden noch genügend Quellen zur Finanzierung und Beschaffung von Liquidität. Zuversichtlich gibt sich auch Portugals Bank BPI: Sie will einem Sprecher zufolge wieder neue Schulden am Markt platzieren, wenn sich die Marktlage verbessert.

„Aus finanzieller Sicht ist es sinnvoll, dass die Banken ihre Anleihen zurückkaufen“, sagt Andre Rodrigues, Analyst bei der portugiesischen Caixa Banco de Investimento. „Natürlich stimmt es auch, dass die Banken damit eine private Finanzierungsquelle verlieren.“

Die portugiesischen Banken seien aber ohnehin schon „stark von der Europäischen Zentralbank abhängig“, und mit den Rückkäufen könnten sie jetzt wenigstens ihre Kapitalbasis erhöhen, sagt der Analyst.

Auch die spanischen Banken müssen sich mehr und mehr auf die EZB zur Refinanzierung verlassen. Nach Angaben der spanischen Notenbank hatten die spanischen Kreditinstitute Ende Juli rund 410 Milliarden Euro von der EZB geliehen – ein Rekord für die Euro-Zone.

Der Artikel ist zuvor im Original erschienen unter dem Titel “ Die Wunderwaffen der klammen Euro-Banken“ auf “ Wall Street Journal„.

http://www.welt.de/wall-street-journal/article108597639/Euro-Banken-setzen-auf-neue-Wunderwaffe.html

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