EU will eine einheitliche Strombörse

25.09.2013

Bisher wird Strom an mehreren regionalen Börsen gehandelt, die nicht miteinander vernetzt sind. 4 Milliarden Euro kostet diese Ineffizienz. Vor allem Ökostrom könnte besser genutzt werden. Von Hendrik Kafsack, Brüssel

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In der Europäischen Kommission wird die nach der Bundestagswahl beginnende Debatte über die Reform der Politik zum Ausbau der erneuerbaren Energien mit einer gewissen Sorge betrachtet. Es bestehe die Gefahr, dass sich die deutschen Parteien wie so oft in den vergangenen Jahren wieder ganz auf das eigene Land konzentrierten, heißt es in der Brüsseler Behörde. Dabei ließe sich so manche mit dem Ausbau der erneuerbaren Energiequellen zusammenhängende Schwierigkeit leicht auf EU-Ebene lösen.

Ende dieser Woche legt die Kommission den Mitgliedstaaten eine Vorschlag vor, mit dem die Kosten des Ausbaus der erneuerbaren Energie in Deutschland stark reduziert werden könnten: die Schaffung einer einheitlichen europäischen Strombörse. Ende 2015 soll nach Vorstellung der Behörde zumindest im Stromhandel echter Binnenmarkt herrschen. Momentan wird der Strom in Europa allenfalls regional gehandelt. Der tägliche Handel mit Strom aus Österreich, Frankreich und Deutschland ist an der Strombörse EEX in Leipzig konzentriert.

Ineffizient und zu teuer

Die skandinavischen Länder haben den Stromhandel ihrerseits in der Börse Nord Pool gebündelt. Weiterhin hängen die Strommärkte Spaniens und Portugals, Tschechiens, der Slowakei und Ungarns sowie Italiens und Sloweniens zusammen. Großbritannien und Irland wiederum handeln ihren Strom bisher rein national. Die Konsequenzen dieses Nebeneinanders regionaler und nationaler Strombörsen sind eine ineffiziente Stromerzeugung und damit verbunden zu hohe Preise für die Stromkunden.

Bisher kann etwa ein Stromkunde aus Deutschland nicht auf Überkapazitäten aus Spanien zurückgreifen, da diese Überkapazitäten den Strombörsen außerhalb der iberischen Halbinsel nicht bekannt sind. Dass der Handel zwischen den einzelnen Mitgliedstaaten nicht funktioniert, liegt zwar auch daran, dass vielerorts die nötige Infrastruktur fehlt, sprich die Interkonnektoren zwischen den Staaten. Die Kommission beklagt den langsamen Ausbau seit Jahren. Aber selbst dort, wo es die nötigen Leitungen gibt, kann kein Strom gehandelt werden, wenn die Börsen nicht ausreichend vernetzt sind und Informationen über die vorhandenen und benötigten Strommengen transnational ausgetauscht werden können.

Der Vorteil einer besseren Vernetzung der Börsen – darauf läuft der Vorschlag der EU-Kommission faktisch hinaus – liege gerade für Deutschland auf der Hand, heißt es in der Kommission. Deutschland könnte die großen Schwankungen in der Stromerzeugung aus Wind und Sonne besser auffangen. Überkapazitäten könnten in andere EU-Länder verkauft werden, und die Überkapazitäten aus anderen Ländern könnten die wind- und sonnenarmen Zeiten hierzulande ausgleichen. Deutschland müsste weniger Ersatzkapazitäten bereithalten. Es würden weniger konventionelle Stromkraftwerke, die in wind- und sonnenarmen Zeiten hochgefahren werden, benötigt.

Wie groß das Potential ist, hat der Direktor des Instituts für Wettbewerbsökonomik Dice an der Universität Düsseldorf, Justus Haucap, beispielhaft an Deutschland und seinen Nachbarn gezeigt. In einem Drittel bis zur Hälfte der Zeit, wenn die Stromerzeugung in den deutschen Nachbarländern die höchste Auslastung erreicht, gibt es in Deutschland keine Überproduktion. Die Kommission selbst beziffert den ökonomischen Vorteil durch eine bessere Vernetzung der Börsen auf 4 Milliarden Euro im Jahr. Dabei ist auch berücksichtigt, dass eine bessere Abstimmung des Stromhandels auch Einsparungen beim Ausbau der Infrastruktur erlauben würde.

Praktisch hängt die Schaffung der europäischen Börse vor allem an technischen Fragen. So müssen die Algorithmen angepasst werden, mit denen die Börsen arbeiten. Leicht werde das nicht, unkt man in der Kommission. Ursprünglich sollten die bestehenden Strombörsen selbst eine einheitliche Plattform für den europäischen Handel schaffen. Das sei aber an den Egoismen der einzelnen Börsen gescheitert, heißt es in der EU-Behörde.

Nicht zuletzt die skandinavische Börse Nord Pool, die eine Vorreiterrolle beim grenzüberschreitenden Handel mit Strom gespielt habe, sei nicht bereit, ihre Standards und Algorithmen anzupassen, sondern fordere eine Angleichung an ihre Regeln. Wenn die Staaten sich hinter die Interessen der nationalen und regionalen Strombörsen stellten und das gemeinsame europäische Ziel aus dem Auge verlören, bestehe deshalb durchaus die Gefahr, dass das Projekt der europäischen Strombörse 2015 scheitere.

http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/binnenhandel-eu-will-eine-einheitliche-stromboerse-12589781.html

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