„Die USA sitzen in Mexiko mit am Küchentisch“

05.12.2010

Die Wikileaks-Enthüllungen über Lateinamerika zeigen: In Mexiko herrscht teils eine inoffizielle Co-Regierung mit den USA. Von Sandra Weiss

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Welt Online: Sie waren Außenminister in Mexiko, lehren an der Universität von New York und sind ein Experte in lateinamerikanisch-amerikanischen Beziehungen. Gab es für Sie in den Wikileaks-Depeschen Überraschungen?

Jorge Castañeda: Nein, bis jetzt nicht viel. Aber natürlich ist es etwas anderes, dass die Informationen jetzt schwarz auf weiß vorliegen und aus einer autorisierten Quelle stammen. Es ist deshalb interessant, weil die US-Botschaft natürlich viel mehr Einzelheiten liefert. Zum Beispiel ist nunmehr bestätigt worden, dass Venezuelas Staatschef Hugo Chávez die Kampagne (des linken Kandidaten im Jahr 2006 und Calderón-Gegners) Andrés Manuel López Obrador gegen den jetzigen mexikanischen Präsidenten Felipe Calderón finanzierte. Venezolanische Flugzeuge landeten zu diesem Zweck in der mexikanischen Stadt Toluca.

Welt Online: Im Falle von Mexiko sind die USA offenbar stärker involviert, als die mexikanische Regierung bisher zugegeben hat. So wird in einer Depesche berichtet, dass die US-Amerikaner zweimal den Mexikanern den Aufenthaltsort des Drogenbosses Arturo Beltrán Leyva mitteilten. Beim ersten Mal ging die Information an die Streitkräfte, und nichts passierte, beim zweiten Mal an die Marine, und Beltrán Leyva wurde gestellt und starb in einem Kugelhagel.

Jorge Castañeda: Ja, man kann von einer Co-Regierung sprechen, die Amerikaner sitzen bei uns sozusagen mit am Küchentisch. Das fing schon unter Präsident Vicente Fox an. 2005 begann man damit, die mexikanische Marine zu einer Eliteausbildung bei den US Navy Seals zu schicken. Dafür wurde niemals beim Kongress eine Autorisierung eingeholt, und auch die Öffentlichkeit wurde davon nicht informiert.

Neu für mich ist, dass die Drogenhändler 2008 in Mexiko 60 mexikanische Bundespolizisten ermordeten, und zwar gezielt die besten Kontakte der US-Anti-Drogenbehörde (DEA) und des FBI. In den USA ausgebildete Agenten, die Vertrauensleute der Amerikaner waren. Das ist sehr ernst, weil es zeigt, dass die Drogenkartelle schon vor zwei Jahren gezielt mordeten und methodisch arbeiten.

Welt Online: Was bedeuten Enthüllungen für die diplomatischen Beziehungen zwischen Lateinamerika und den USA?

Jorge Castañeda: Natürlich wird jetzt jeder, der mit US-Diplomaten Umgang pflegt, übervorsichtig sein, da er davon ausgehen muss, dass das Gesagte in einem internen Memorandum Niederschlag findet und auf Regierungsschreibtischen in Washington landet. Das ist zwar eine gängige Praxis aller Botschaften auf der ganzen Welt, aber das war vielen bisher nicht klar. Manche werden den Kontakt mit der US-Botschaft vielleicht ganz meiden, denn einige haben diese Treffen mit der US-Botschaft genutzt, um parteiinterne Widersacher anzuschwärzen. Auch das Vertrauensverhältnis zwischen den Regierungen ist dadurch angeschlagen.

Welt Online: Schadet das in vielen Fällen niedrige Niveau der Berichte nicht auch dem Prestige der US-Diplomatie?

Jorge Castañeda: Zeitungen abzuschreiben ist eine der Hauptaufgaben der Diplomaten weltweit. Die andere ist, Tratsch zusammenzutragen, dafür werden sie bezahlt. Und die dritte ist es, die Beziehungen zu Vertretern des Gastlandes zu pflegen.

Welt Online: Kuba insinuiert, die Dokumente seien ein Schachzug der Neokonservativen, um Präsident Obama zu schaden. Ist es nicht tatsächlich etwas merkwürdig, dass Wikileaks-Gründer Julien Assange sich immer nur die USA vorknöpft?

Jorge Castañeda: Das sind die paranoiden Wahnvorstellungen der Kubaner, denen man in internationalen Angelegenheiten nicht viel Glauben schenken sollte. Ich glaube, Assange interessiert sich nicht dafür, wer gerade an der Macht ist in den USA. Sein Ziel sind die USA generell.

Welt Online: Sind nun gewisse Vorstellungen von der US-Außenpolitik entmythifiziert?

Jorge Castañeda: Nein, denn nicht nur in Lateinamerika, auch im viel heikleren Fall Iran zeigt sich die umsichtige Außenpolitik der US-Regierung, wenn die Länder im Persischen Golf, vor allem Saudi-Arabien, aber auch Israel, von den USA einen Militärschlag gegen den Iran fordern und sich Obama diesem Ansinnen widersetzt. Letztlich ist es nur ein Ausschnitt. Geheimdienstinformationen haben wir nicht zu Gesicht bekommen. Deshalb ist es wichtig, die Wikileaks-Depeschen als das einzuordnen, was sie sind: die Sicht der Diplomaten und des Außenministerums.

http://www.welt.de/politik/ausland/article11408254/Die-USA-sitzen-in-Mexiko-mit-am-Kuechentisch.html

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