Lage bei den deutschen Stahl-Produzenten – aktuelle Chronik

26.06.2014

Stahlindustrie: IG Metall bereitet Warnstreiks in NRW vor

Den Tarifverhandlungen in Nordrhein-Westfalen droht das Aus. Die IG Metall bereitet Warnstreiks in der Stahlindustrie vor. Sie fordert Lohnerhöhungen und richtet sich gegen Werkverträge. Doch die Arbeitgeber halten an ihrer „unternehmerischen Entscheidungsfreiheit“ fest und wollen nicht nachgeben.

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Die IG Metall erhöht in der Stahltarifrunde den Druck auf die Arbeitgeber. “Die müssen am Montag ein verhandlungsfähiges Angebot vorlegen, sonst gibt es ab Dienstag Warnstreiks”, sagte der nordrhein-westfälische IG Metall-Chef Knut Giesler am Donnerstag in einem Interview der Nachrichtenagentur Reuters. “Davon würden auch die großen Betriebe ThyssenKrupp, Salzgitter und ArcelorMittal betroffen sein.” Nach ersten Arbeitsniederlegungen am Dienstag könnte es ab Mittwoch zu “größeren Wellen” kommen. Die Bereitschaft der Beschäftigten zum Arbeitskampf sei groß. “Die scharren mit den Hufen.”

Die Tarifparteien kommen am Montagnachmittag in Düsseldorf zur dritten Runde zusammen. Die IG Metall fordert für die 75.000 Beschäftigten in Nordwestdeutschland fünf Prozent mehr Lohn bei einer Laufzeit von zwölf Monaten. Die Arbeitgeber haben bislang kein Lohnangebot vorgelegt. Verhandlungsführer Helmut Koch hatte aber bei dem letzten Treffen vor zwei Wochen gegenüber Reuters eine Offerte für die dritte Runde als möglich bezeichnet. Zunächst müsse aber bei den weiteren Streitpunkten Klarheit herrschen. Auch diese seien für die Unternehmen mit Kosten verbunden. Zuletzt hatten die Stahlarbeiter im März vergangenen Jahres eine Erhöhung von drei Prozent erhalten. Der Tarifvertrag war Ende Mai ausgelaufen.

Der IG Metall geht es nicht nur ums Geld. Sie will zudem Vereinbarungen zur Altersteilzeit und Beschäftigungssicherung verlängern und der Zunahme von Werkverträgen einen Riegel vorschieben. Bei der Altersteilzeit muss die bestehende Vereinbarung an die neue Gesetzeslage angepasst werden, wonach Beschäftigte nach 45 Beitragsjahren mit 63 in Rente gehen können. Hier habe es bei den Verhandlungen auch aufseiten der Arbeitgeber Bewegung gegeben, sagte Giesler.

Kaum etwas habe sich aber getan bei den Gesprächen über die Forderung der Gewerkschaft, die unbefristete Übernahme von Auszubildenden über 2016 hinaus abzusichern. Auch in Sachen Werkverträge seien die Fronten verhärtet. “Es geht nicht, dass wir eine weiter explodierende Zahl von Werkverträgen haben”, sagte der Gewerkschaftschef. Es gebe Stahlbetriebe, bei denen ein Drittel der Beschäftigten Werkverträge habe.

Die IG Metall fordert, dass die Beschäftigung eigener Mitarbeiter Vorrang vor dem Einsatz von Fremdfirmen haben. Tarifstandards und Arbeitschutzbestimmungen sollen in gleicher Weise für alle Beschäftigten gelten. “Die Arbeitgeber sind am Zuge”, betonte Giesler. Bei den Arbeitgebern trifft jedoch ein Mitspracherecht der Gewerkschaft in dieser Frage auf Ablehnung. Sie wollen die unternehmerische Entscheidungsfreiheit unangetastet lassen.

http://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2014/06/26/stahlindustrie-ig-metall-bereitet-warnstreiks-in-nrw-vor/

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15.02.2014

Stahlkonzern Salzgitter steht wegen Energie-Wende vor dem Aus

Der drohende Wegfall der Eigenstrom-Rabatte bedroht die Existenz von Salzgitter, so der Stahlkonzern. Die zusätzlichen Kosten in Höhe von 75 Millionen Euro könnten auch durch einen Stellenabbau nicht kompensiert werden.

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Der Stahlproduzent Salzgitter rechnet durch den geplanten Wegfall der Eigenstrom-Rabatte für die Industrie mit Zusatzbelastungen von 75 Millionen Euro. Diese könne der Konzern nicht durch Stellenabbau kompensieren. „Sie sind eine Existenzbedrohung“, sagte ein Salzgitter-Sprecher zu Euro am Sonntag. Verlagerungen ins Ausland seien bei der Komplexität der Anlagen nicht machbar.

Auch Peter Willbrandt, Chef von Europas größtem Kupferproduzenten Aurubis sagte, die deutschen Standorte von Aurubis müssten nach den jetzigen Energieplänen der Bundesregierung in Zukunft insgesamt 60 Millionen Euro Stromkosten pro Jahr zahlen. Der Konzern könne die zusätzlichen Kosten auf Dauer nicht schultern.

Diese Mehrkosten würden nicht nur Investitionen an deutschen Standorten mehr als infrage stellen. Sie würden langfristig unsere deutschen Standorte gefährden“, so Willbrandt

Die Bundesregierung hatte im Januar im Zuge der Energiereform Eckpunkte für die Beteiligung der Industrie an den Kosten der Energiewende beschlossen. Demnach sollen Betriebe künftig auch auf selbst produzierten Strom teilweise die Umlage zur Förderung des Ökostroms zahlen.

Bislang waren sie davon ausgenommen und profitierten gleichzeitig vom kräftigen Rückgang der Strompreise an der Börse. Zahlreiche Industriekonzerne hatten daraufhin vor zusätzlichen Kosten in Millionen-Höhe gewarnt.

http://www.deutsche-mittelstands-nachrichten.de/2014/02/59630/

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11.02.2014

Krisenmodus”: Preisverfall in Europa senkt Umsatz der Stahl-Konzerne

Europäische Stahlkonzerne befinden sich noch immer in der Krise. Die schwächelnde Energiesparte von Voestalpine drückt die Gewinne des Stahlkonzerns. Die Belieferung der Öl- und Gasindustrie ist rückläufig. Die Großaufträge sind knapp. Das Überangebot an Stahl in Europa lässt den Umsatz der Stahlkonzerne sinken. ThyssenKrupp und Salzgitter bauen Stellen ab. In China wird die Nachfrage hingegen weiter steigen.

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Die schwächelnden Stahlkocher in Deutschland können keine Entwarnung geben. „Es ist keine Frage, die Stahlindustrie befindet sich in einem Krisenmodus“, sagte der Präsident des deutschen Branchenverbands, Hans Jürgen Kerkhoff, am Dienstag auf der „Handelsblatt Jahrestagung Stahlmarkt 2014″ in Düsseldorf. Zwar gebe es eine leichte Erholung, die Lage sei aber weiter schwierig. Den Stahlherstellern machten jedoch der Preisdruck und hohe Rohstoffkosten zu schaffen. Der Verband bekräftigte seine Prognose, wonach die Rohstahlproduktion in Deutschland 2014 leicht zulegen wird.

Auch die jüngsten Zahlen zeigen ein gemischtes Bild. Die Rohstahlproduktion stieg zwar im Januar um gut zwei Prozent. Die Auftragseingänge waren aber im Schlussquartal 2013 um vier Prozent gefallen. Der Stahlverband führte dies zwar auch auf eine höhere Zahl von Brückentagen zurück. Es gehe aber insgesamt nur langsam bergauf (mehr zur Krise der deutschen Industrie – hier).

Der österreichische Stahlkonzern Voestalpine hat wegen einer anhaltend schwachen Nachfrage aus dem Energiebereich seine Jahresprognose gesenkt. Für das bis Ende März laufende Geschäftsjahr 2013/14 werde nun mit einem etwas unter dem Vorjahreswert von 850 Millionen Euro liegenden Betriebsgewinn gerechnet, teilte das Unternehmen am Dienstag mit. Bislang hatten die Linzer ein operatives Ergebnis auf Vorjahresniveau angekündigt.

Die Pläne vermasselt habe dem Konzern vor allem die schwächelnde Energiesparte, wo er mit seinen Produkten Kunden aus der Öl- und Gasindustrie sowie dem Kraftwerksbau beliefert. In diesem Bereich macht Voestalpine rund 16 Prozent des Jahresumsatzes (mehr zum Thema Export – hier). Der Wettstreit um wenige Projekte habe zu einem Preisverfall geführt.

Einen Wendepunkt erhofft sich das Unternehmen nun durch den Großauftrag für das Pipeline-Projekt South Stream. Die Oberösterreicher sind ebenso wie Salzgitter bei diesem großen Röhrenauftrag zum Zug gekommen. Den Wert bezifferte die Firma jedoch nicht. Insgesamt vergab South Stream drei Aufträge im Gesamtwert von umgerechnet rund einer Milliarde Euro, bei denen auch der russische Voestalpine-Partner OMK sowie Severstal zum Zug kamen. OMK liefere 35 Prozent der insgesamt 75.000 Pipelinerohre und werde von der Voestalpine die Hälfte des dafür benötigten Grobblechs beziehen. Die Bestellungen beziehen sich auf Lieferungen für den ersten Strang der Pipeline, durch die ab Ende 2015 russisches Gas von Sibirien nach Südosteuropa strömen soll.

Nachfrage in China gigantisch

Die Schwerindustrie in Europa hat noch eine weite Durststrecke vor sich. „China bleibt der wichtigste Nachfrager von Stahl. Die chinesische Industrie wird bis 2025 mit 1,1 Milliarden Tonnen annähernd so viel Stahl benötigen wie der Rest der Welt zusammen”, ist sich Martin Theben, Leiter des Bereichs Industrielle Produktion bei PricewaterhouseCoopers (PwC) sicher. Die krisengeplagten Euro-Länder und die schwächelnde Konjunktur in den Schwellenländern stimmen die Experten der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PwC allerdings insgesamt pessimistischer.

Sie korrigierten daher ihre Prognose für die weltweite Stahlnachfrage nach unten und rechnen bis 2025 durchschnittlich noch mit einem Plus von 3,5 Prozent pro Jahr, wie PwC am Dienstag mitteilte. Im Vorjahr hatten die Stahlexperten noch einen jährlichen Anstieg um 3,8 Prozent vorausgesagt.

Während in China der Stahlbedarf pro Jahr im Schnitt um 4,3 Prozent zulegen werde, wachse er in den 28 EU-Ländern bis 2025 im Schnitt lediglich um 1,25 Prozent pro Jahr. Deutschland bleibe Wachstumsmotor in Europa mit einem jährlichen Zuwachs um 1,64 Prozent.

In Europa steckt die Schwerindustrie um Weltmarktführer ArcelorMittal seit über zwei Jahren in der Krise. Die eingebrochene Stahlnachfrage in den krisengeplagten Staaten Südeuropas und Überkapazitäten machen den Unternehmen das Leben schwer. ArcelorMittal hat sogar Werke geschlossen. In Europa lag die Nachfrage zuletzt nach Angaben des Stahlverbands knapp 30 Prozent unter dem Niveau von 2006. In Italien oder Spanien betrage das Minus 50 beziehungsweise 60 Prozent.

ThyssenKrupp und Salzgitter reagierten mit Stellenabbau auf den Preisverfall. Neben den operativen Zahlen dürfte bei ThyssenKrupp auch die Verschuldung im Blickpunkt stehen. Ende September stand das Unternehmen mit fünf Milliarden Euro in der Kreide.

http://www.deutsche-mittelstands-nachrichten.de/2014/02/59409/

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29.08.2013

Das Sterben der Stahlbranche fängt gerade erst an

Die Stahlbranche steckt in einer Krise, die noch lange nicht vorbei ist. Viele Konzerne greifen nun zu radikalen Mitteln. In Deutschland ist die Situation ganz besonders problematisch.

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Zum Geburtstag hat sich Rainer Thieme eine kurze Auszeit gegönnt. Seinen Ehrentag zum 75. verbrachte der Aufsichtsratschef des kriselnden Stahlkonzerns Salzgitter auf Sylt – wohl auch, um den Kopf frei zu kriegen. Denn die vergangenen Wochen waren turbulent bei den Niedersachsen.

Und das dürfte so bleiben. Salzgitter steckt tief in der Krise: Auf gut 315 Millionen Euro summiert sich der Konzernverlust nach den ersten sechs Monaten, die Jahresziele sind mittlerweile Makulatur, und mit Peine steht sogar ein kompletter Standort zur Disposition.

Bei Salzgitter sind 1500 Jobs in Gefahr

Chefaufseher Thieme jedenfalls droht mit der Schließung des Werkes, in dem Stahlträger für die Bauindustrie produziert werden. „Ich will da nichts beschönigen: Der Standort ist in seiner Existenz bedroht“, sagt er. Schließlich könne das defizitäre Werk am Ende den gesamten Konzern in Gefahr bringen. Hinter den Kulissen ringt das Management um Vorstandschef Heinz Jörg Fuhrmann deswegen schon seit Wochen mit den Arbeitnehmervertretern um eine Lösung.

Ein sogenannter Zukunftsvertrag soll Abhilfe schaffen. Die IG Metall allerdings sperrt sich gegen die ambitionierten Sparziele des Vorstands, die unter anderem den Abbau von 1500 Arbeitsplätzen vorsehen. Ein heftiger Konflikt zwischen der Kapital- und der Arbeitnehmerseite scheint programmiert. Thiemes Stellvertreter jedenfalls, der Gewerkschafter Hans-Jürgen Urban, wehrt sich heftig. Zuletzt hat er die Kürzungspläne sogar als „überflüssig“ bezeichnet.

Die Stahlwelt blickt entsprechend gespannt auf Salzgitter. Denn die Restrukturierung des zweitgrößten deutschen Stahlkonzerns nach ThyssenKrupp könnte der Konkurrenz als Blaupause dienen. Massive Probleme gibt es schließlich nicht nur beim MDax-Konzern aus Niedersachsen.

„Die gesamte europäische Stahlindustrie muss um ihre Zukunft bangen“, orakeln die Experten. Zwar haben bei Salzgitter auch hausgemachte Probleme zur akuten Krise geführt. Doch der Konzern leidet wie die gesamte Branche an Strukturfehlern und der schlechten Konjunkturlage.

Branchengrößen kappen Gewinnprognosen

Seit mittlerweile fünf Jahren – damals hatte der Ausbruch der Finanzkrise den Höhenrausch der Stahlerzeuger jäh beendet – wartet die Branche in Europa auf eine tiefgreifende Erholung. Um immer noch 30 Prozent liegt die Nachfrage heute unter dem Niveau der Vorkrisenjahre. Zumal mit der Auto- und der Bauindustrie die beiden größten Abnehmerbranchen selbst gegen eine Flaute kämpfen.

Den Stahlkonzernen beschert die anhaltende Baisse reihenweise Verluste. Weltmarktführer ArcelorMittal hat deswegen erst kürzlich seine Ziele nach unten korrigiert. ThyssenKrupp ist zwar operativ noch in der Gewinnzone – die hohen Verluste der vergangenen Jahre stammen allein aus den Fehlplanungen der amerikanischen Stahlsparte mit dem Pannenwerk in Brasilien. Der Verdienst der Einheit Steel Europe reicht aber gerade noch aus, um die Instandhaltung der eigenen Anlagen zu finanzieren.

Und Besserung scheint nicht in Sicht. Im Gegenteil: Das zeigt der Blick auf die Marktzahlen in Deutschland, dem wichtigsten Produktionsstandort innerhalb der Europäischen Union. Um deutliche 5,4 Prozent ist die produzierte Menge hierzulande im Juli gesunken, meldet die Wirtschaftsvereinigung Stahl. Damit fällt das Minus noch einmal deutlich höher aus als in den Monaten der ersten Jahreshälfte.

Hauptproblem sind die massiven Überkapazitäten

Dabei sollte im zweiten Halbjahr alles besser werden. „Ich sehe keine nachhaltige Erholung“, sagt Marc Gabriel, Stahl-Analyst beim Bankhaus Lampe. Die Wirtschaftsvereinigung hat nun reagiert und ihre Jahresprognose gesenkt – um eine halbe Milliarde auf nur noch 42,2 Milliarden Tonnen. „Die Hoffnung wandert in das Jahr 2014“, sagt Wolfgang Eder, der Präsident des europäischen Stahlverbands Eurofer und gleichzeitig Vorstandsvorsitzender des österreichischen Branchenriesen Voestalpine ist.

Hauptproblem für die Branche sind die massiven Überkapazitäten im Markt. Zwar ist die Zahl der Anbieter in Europa in den letzten 20 Jahren schon von 26 auf acht geschrumpft. Trotzdem gibt es noch immer zu viele Hochöfen. Die meisten Analysten sprechen von 25 Prozent zu viel Produktionsvolumen allein in Europa, bei der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) ist sogar von über einem Drittel die Rede.

„Die Konzerne halten mehr Kapazitäten vor, als der Markt auf Dauer erfordert, das hat Auswirkungen auf den Preis“, sagt Erwin Bronk, der Stahlmarktexperte der Beratungsgesellschaft PriceWaterhouseCoopers (PwC). Zusätzlich strömen aus Drittländern überschüssige Mengen zu Tiefstpreisen auf den Markt. „Einige Hersteller werden bald nicht mal mehr ihre Kapitalkosten verdienen“, glaubt Bronk.

Zumal die Kunden ganz genau wissen, was sie sich in den Preisverhandlungen erlauben können. So zum Beispiel der VW-Konzern. Der Branchenriese hat bei einer Investmentbank sechs Händler abgeworben, die den ganzen Tag nichts anderes machen als Rohstoffpreise zu beobachten. „Die wissen ganz genau, wie stark sie die Preise drücken können“, klagt ein Stahlmanager.

In Italien bleibt sogar das „Giftwerk“ offen

Um den Überhang zu beseitigen und dadurch den Preisdruck zu lindern, müssten gleich mehrere Fabriken schließen, die Rede ist von mindestens zehn. „Eine Kapazitätsbereinigung ist unabdingbar“, sagt Bronk.

Zustimmung findet diese Forderung bei Gisbert Rühl, dem Chef von Europas größtem Stahlhändler Klöckner&Co.: „Die Stahlhersteller müssen Anlagen stilllegen, wenn sie wieder einmal dauerhaft Geld verdienen wollen.“ Doch Experten glauben nicht an eine schnelle Lösung. Die Analysten von JP Morgen Cazenove etwa sehen die Strukturkrise auch in zehn Jahren noch nicht gelöst.

Die Stahlindustrie ist keine Branche wie jede andere. Steht eine Hütte zur Disposition, ruft das sofort die Politik auf den Plan. Erst im vergangenen Jahr war das bei ArcelorMittal der Fall. Als der Branchenriese sein Werk im französischen Florange schließen wollte, keimten bei der Regierung in Paris sogar Verstaatlichungsfantasien auf.

In Italien ist genau das passiert. Ein von der Regierung eingesetzter Zwangsverwalter hält derzeit das zum Riva-Konzern gehörende Stahlwerk Ilva in Tarent am Leben. Dass dauerhaft Grenzwerte für krebserregende Stoffe überschritten wurden und ein Gericht deswegen die Betriebserlaubnis einkassiert hat, scheint nachrangig. Wichtiger sind für die Regierung und die Gewerkschaften die mehr als 20.000 Arbeitsplätze, die auf dem Spiel stehen. Das Giftwerk soll daher unter Auflagen weiterarbeiten dürfen.

Die Länderfürsten mischen sich kräftig ein

Doch staatliche Eingriffe gibt es nicht nur im Ausland. In Nordrhein-Westfalen etwa hat Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) schon angedeutet, dass sie eine Filetierung des angeschlagenen Traditionshauses ThyssenKrupp vermeiden will. Sie reagiert damit auf anhaltende Gerüchte um eine Abspaltung der Sparte Steel Europe im Zuge des Konzernumbaus durch Vorstandschef Heinrich Hiesinger.

In Niedersachsens wiederum kommt für Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) eine Schließung des Salzgitter-Werks in Peine „nicht infrage“. Dafür werde das Land schon sorgen. Und das sind keine leeren Versprechungen. Niedersachsen besitzt 26,5 Prozent der Anteile der Salzgitter AG und damit eine Sperrminorität. Um massive Stellenstreichungen wird man allerdings nicht herumkommen. Das weiß auch die Landesregierung in Hannover. Zumindest dieses Übel muss sie dann mittragen.

Für Analyst Gabriel kommt der Schritt reichlich spät – aber vielleicht nicht zu spät. „Noch hat Salzgitter die Finanzkraft für einen Umbau“, meint Gabriel. Billig wird das nicht. Stahlwerker haben durch die Stärke der IG Metall in der Branche üblicherweise hoch dotierte Verträge. Das zeigen auch die Kurzarbeiterregelungen.

Laut den einzelnen Betriebsvereinbarungen bekommen die Arbeiter nicht nur die üblichen 68 Prozent des Gehalts, die Stahlkonzerne müssen die Bezahlung während der erzwungenen Auszeit auf 90 Prozent aufstocken.

Die hohen Energiepreise könnten der Sargnagel sein

Doch der Abbau von Arbeitsplätzen ist in der Stahlindustrie praktisch die einzige Möglichkeit zum Sparen. Denn Europa ist weit entfernt von den nötigen Rohstoffen. Das mächtige Oligopol der Produzenten Rio Tinto, BHP Billiton und Vale kann der zersplitterten Stahlindustrie die Preise für Eisenerz und Kokskohle fast nach Belieben diktieren.

Die hohen Energiepreise kommen anschließend noch oben drauf. Rohstoffe und Energie machen rund 80 Prozent der Kosten bei der Stahlherstellung aus, erklären Branchenexperten.

Und zumindest den deutschen Anbietern droht in Sachen Energie weiteres Ungemach – wegen der EEG-Umlage, über die der Ausbau der erneuerbaren Energien finanziert wird. „Diese Zusatzbelastung macht uns nervös“, sagt Frank Schulz, Deutschland-Chef von ArcelorMittal. Der Weltmarktführer produziert in Eisenhüttenstadt, Hamburg, Duisburg und Bremen.

Grundsätzlich sei Deutschland ein guter Industriestandort. „Man muss uns aber auch arbeiten lassen.“ Sonst drohen Abwanderungen. „Die Konzernsicht ist simpel: Unrentable Standorte können wir uns nicht leisten“, sagt Schulz.

Die Musik spielt in Asien

Der deutsche Branchenverband ist entsprechend alarmiert. „Das EEG ist ein Wettbewerbsnachteil“, kritisiert Hans Jürgen Kerkhoff, Präsident der Wirtschaftsvereinigung Stahl. Die Energiepreise dürften nicht weiter aus dem Ruder laufen, andernfalls werde der deutschen Stahlindustrie im internationalen Rennen die Luft ausgehen.

Denn in China, Russland oder den USA und auch in den anderen europäischen Ländern gebe es keine vergleichbaren Zusatzkosten. „Die Politik gefährdet Arbeitsplätze.“ Und sind die erst weg, gibt es auch kein Zurück, meint Lampe-Analyst Gabriel. „In Deutschland wird kein neues Stahlwerk mehr gebaut.“

Anders in Asien, wo mittlerweile neun der zehn größten Stahlkonzerne der Welt ihren Sitz haben. Hier entstehen reihenweise neue Werke. Und die produzieren längst nicht mehr nur die einfachen Stähle. „Die Qualität der asiatischen Werke ist enorm gestiegen“, bestätigt PwC-Berater Bronk.

Er schließt nicht aus, dass die Industrie in Europa künftig auch dort einkauft. Und zwar nicht nur für die lokale Produktion etwa in China, sondern auch für den jeweiligen Heimatmarkt. „Irgendwann ist das nur noch eine Frage der Logistikkosten“, sagt Bronk. „Der globale Schwerpunkt verschiebt sich“ – weg von Europa.

http://www.welt.de/wirtschaft/article119483491/Das-Sterben-der-Stahlbranche-faengt-gerade-erst-an.html

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06.08.2013

Deutsche Stahl-Krise: Salzgitter mit Verlusten in Millionenhöhe

Zum zweiten Mal innerhalb weniger Monate hat der deutsche Stahlkonzern Salzgitter eine Gewinnwarnung vorgenommen. Die Prognose für dieses Jahr wurde erneut gekappt. Das Ergebnis für 2013 soll nun bei Minus 400 Millionen Euro vor Steuern liegen.

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Die Überkapazitäten in der weltweiten Stahlindustrie und die Eurokrise machen auch vor deutschen Unternehmen nicht Halt. Der Stahlkonzern Salzgitter rechnet für dieses Jahr mit einem Verlust im dreistelligen Millionenbereich – vor Steuern.

Erst Anfang Mai hatte Salzgitter seine Ergebnis-Prognose für 2013 nach unten korrigiert. Doch die heruntergeschraubten Erwartungen mussten nun noch einmal angepasst werden. Für die ersten sechs Monate musste Salzgitter nach eigenen Annahmen „unter Einbeziehung sämtlicher operativer und bilanzieller Einflüsse“ einen Vorsteuerverlust in Höhe von 298,7 Millionen Euro hinnehmen, heißt es in der Mitteilung des Konzerns. Im ersten Halbjahr 2012 lag der Verlust noch bei 17,9 Millionen Euro.

Doch der Verlust wird weiter steigen. Der Konzern rechnet mit einem negativen Ergebnis vor Steuern in einer Größenordnung von 400 Millionen Euro. Salzgitter begründet dies vor allem mit der Krise in Europa.

Die europäische Stahlindustrie wird aufgrund der anhaltenden Rezession in vielen Staaten Europas von einer Strukturkrise belastet. Deren mittelbare und unmittelbare Folgen beeinträchtigen die Salzgitter AG in erheblichen Ausmaß. So hat die rückläufige Nachfrage vor allem bei den Stahlproduzenten dieser Länder zu erheblichen Überkapazitäten geführt.”

Salzgitter ist jedoch nicht das einzige deutsche Unternehmen, dass von der Stahlkrise erfast wurde. Thyssen-Krupp kündigte bereits im Februar an, Sparmaßnahmen in Höhe von 500 Millionen Euro durchführen zu müssen (hier).

http://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2013/08/06/deutsche-stahl-krise-salzgitter-mit-verlusten-in-millionenhoehe/

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24.05.2013

Deutscher Stahlhändler streicht 17 Prozent der Stellen

Dem Sparprogramm des Stahlhändlers Klöckner & Co fallen weltweit rund 70 Standorte und mehr als 2000 Arbeitsplätze zum Opfer. Der Chef verweist auf eine tiefe Branchenkrise in Europa.

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Der defizitäre Stahlhändler Klöckner & Co (KlöCo) verschärft sein Sparprogramm und streicht mehr Stellen als bislang geplant. Als Grund nannte Konzernchef Gisbert Rühl auf der Hauptversammlung in Düsseldorf den nach wie vor schwachen Stahlmarkt in Europa.

Insbesondere in Frankreich fielen weitere Standorte dem Sparzwang zum Opfer. „Insgesamt werden damit etwa 70 Standorte geschlossen beziehungsweise verkauft und über 2000 Mitarbeiter abgebaut“, kündigte Rühl an. Damit fielen beinahe 25 Prozent der Standorte weg und 17 Prozent der Stellen.

Durch das Restrukturierungsprogramm erwartet der Konzern einen jährlichen Ergebnisbeitrag ab 2014 von 160 Millionen Euro. Bislang hatte Rühl rund 1800 Stellen streichen und 60 Standorte schließen wollen. Zum Ende des ersten Quartals hatten bereits 1600 Mitarbeiter den Konzern verlassen.

Konzern macht Aktionären wenig Hoffnung

Finanziell hat sich Rühl Luft verschafft. Der syndizierte Kredit über 360 Millionen Euro sei bis Mai 2016 verlängert worden. „Die im laufenden und im kommenden Jahr zur Rückzahlung anstehenden Fremdmittel können wir problemlos aus der vorhandenen Liquidität begleichen.“

Für 2013 machte Rühl den Aktionären, die zuletzt für 2010 eine Dividende von 30 Cent je Aktie erhalten hatten, wenig Hoffnung auf Besserung. Das angestrebte Ziel eines operativen Gesamtergebnisses von 200 Millionen Euro zu erreichen, sei „zunehmend unrealistisch“.

Nach einem Nettoverlust zum Jahresauftakt und einem Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) von 29 Millionen Euro rechnet Rühl im zweiten Quartal mit einem Ebitda von 35 bis 45 Millionen Euro.

Während in den USA die Markterholung schneller voranschreite als erwartet, befinde „sich die Stahlbranche in Europa in einer tiefen Krise, die sicherlich noch lange Zeit anhält.“ Auch die Nachfrage in Brasilien und China sei zuletzt flau gewesen.

http://www.welt.de/wirtschaft/article116482145/Deutscher-Stahlhaendler-streicht-17-Prozent-der-Stellen.html

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