Das Weltkartell der Gelddrucker

03.11.2013

Mit dem ausgeweiteten Liquidität-Swap-Abkommen haben die weltgrößten Zentralbanken beschlossen, sich untereinander unbefristet Geld zu leihen. Das birgt gefährliche Risiken, eine einheitliche Weltgeldpolitik droht.

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Am Donnerstag dieser Woche gab es eine Pressemitteilung: Die Bank von Kanada, die Bank von England, die Bank von Japan, die Europäische Zentralbank (EZB), das Federal Reserve System (Fed) und die Schweizerische Nationalbank (SNB) gaben gemeinsam bekannt, dass sie ihre bestehenden, bisher befristeten „Liquidität-Swap-Abkommen“ in unbefristete Abkommen überführen.

Was sind „Liquidität-Swap-Abkommen“? Mittels dieser Abkommen leihen sich Zentralbanken untereinander Geld (und zwar vermutlich unbegrenzt, denn von Maximalgrenzen ist nicht die Rede). So ist die Fed zum Beispiel permanent bereit, der EZB US-Dollar zu leihen – und zwar neue, „aus dem Nichts“ geschaffene US-Dollar, versteht sich.

Warum brauchen Zentralbanken Fremdwährungen? Sie selbst brauchen sie nicht, aber die Geschäftsbanken brauchen fremde Währungen. Euro-Banken etwa finanzieren ihre Geschäfte nicht nur mit Euro, sondern unter anderem auch mit US-Dollar. Sie nutzen zum einen dadurch günstige(re) Finanzierungskosten aus. Zum anderen vergeben sie Kredite nicht nur in Euro, sondern auch in US-Dollar und anderen Währungen.

Im Zuge der Finanz- und Wirtschaftskrise gab es wiederholt ernste Probleme gerade auch für Euro-Banken: Investoren waren nicht mehr bereit, ihnen US-Dollar zu leihen. Den Euro-Banken drohte die Zahlungsunfähigkeit. Um das abzuwenden, griff die amerikanische Zentralbank bereits im Dezember 2007 zu Liquidität-Swap-Abkommen, zunächst mit der EZB und der SNB. Die Versorgung der Euro- und Schweizer-Banken mit US-Dollar war damit sichergestellt. Es folgten immer neue Liquidität-Swap-Abkommen mit immer mehr Zentralbanken sowie Verlängerungen auslaufender Abkommen – und endlich wurden auch bilaterale Abkommen abgeschlossen, in denen die beteiligten Zentralbanken versprachen, wenn nötig, sich gegenseitig jederzeit die eigene Währung zu leihen.

Es gab in 2009 nur kurzzeitig Rückgriffe auf US-Zentralbankkredite; in der Spitze beliefen sie sich auf etwa 550 Mrd. US-Dollar. Nachdem die Marktakteure gelernt hatten, dass die Zentralbanken die Geschäftsbanken zahlungsfähig halten, entspannte sich die Lage. Investoren liehen Banken wieder Geld. Allein schon die Aussicht auf eine jederzeit gesicherte Liquiditätszufuhr im Interbankenmarkt hat also die Sorgen vor Zahlungsausfällen vertrieben.

Es wäre jedoch vorschnell, diese Politiken als Erfolg zu feiern. Vielmehr stehen sie für eine Entwicklung, die nichts Gutes verspricht. Das wird deutlich, wenn man sich die Auswirkungen beziehungsweise die (politisch gewollten) Nebeneffekte vor Augen führt, die das Einrichten permanenter Liquidität-Swap-Abkommen nach sich ziehen dürften.

(1) Permanente Liquidität-Swap-Abkommen tragen dazu bei, die Marktzinsen zu verzerren und Fehlentwicklungen in Gang zu setzen. Euro-Banken und ihre Kunden können sich zu künstlich niedrigen Zinsen zum Beispiel US-Dollar beschaffen und damit (bei einer erwarteten Abwertung des Euro gegenüber dem US-Dollar) amerikanische Wertpapiere kaufen. Das weitet die US-Dollar-Geldmenge aus und führt zu Spekulationsblasen oder offener Inflation in den USA, die nachfolgend auch in anderen Währungsräumen für Preisauftrieb sorgen dürfte. Einem Inflationierungskarussell wird Vorschub geleistet.

(2) Durch die Liquidität-Swap-Abkommen verlieren die nationalen Zentralbanken die Hoheit über die heimische (Basis-)Geldmenge. Sie werden jeden Betrag in heimischer Währung zur Verfügung stellen (müssen), der ihnen von ausländischen Geschäftsbanken abgefordert wird, also von Banken, die eigenen Gewinnzielen nachgehen. Mit permanenten Liquidität-Swap-Abkommen wird die nationale Währungssouveränität de facto aufgehoben; die Zentralbanken sind vollends im Schlepptau der Bankenindustrie.

(3) „Moralische Wagnisse“ (oder auch: „Moral Hazard“) werden befördert: Für die Geschäftsbanken wird der Zugang zu Fremdwährungen, bereitgestellt zu den attraktiven Konditionen eines in der Regel politisch gesetzten Zinses, attraktiver. Dadurch werden Transaktionen wie Kreditvergabe oder Wertpapierkäufe ermutigt, die bei normalen Zinsen aus Risikoerwägungen nicht vollzogen würden.

(4) Die Zentralbanken können aus Liquidität-Swap-Abkommen kaum mehr aussteigen (und wollen es vermutlich auch nicht). Die Finanzmärkte und insbesondere die Banken richten sich auf die ultralockere Geldpolitik ein. Ein Ausstieg aus dieser Politik würde folglich die Turbulenzen hervorbringen, die man mit Liquidität-Swap-Abkommen zu verhindern sucht.

(5) Wie die Basis-Geldmenge, die im Zuge von Liquidität-Swaps geschaffen werden kann, letztlich verwendet wird, lässt sich nicht kontrollieren. Wer kann garantieren, dass zum Beispiel neu geschaffene Euro nicht ausländischen Industrieunternehmen zugänglich gemacht werden, die sich so Finanzierungs- und Wettbewerbsvorteile sichern, und dann letztlich doch die umlaufende Euro-Geldmenge aufgebläht wird?

(6) Liquidität-Swap-Abkommen ebnen den Weg zur einheitlichen Weltgeldpolitik. Der (bisher zumindest in Ansätzen noch bestehende) internationale Währungswettbewerb wird zusehends ausgeschaltet: Für Sparer und Investoren schwindet die Möglichkeit, sich dem Missbrauch mit der elektronischen Notenpresse entziehen zu können. Bei einer Vereinheitlichung der Geldpolitik wird überall die gleiche Politik verfolgt: Tiefstzinsen und Geldmengenausweitung. Indem die Zentralbanken ihr Handeln immer enger koordinieren, steigt auch die Möglichkeit eines geldpolitischen Machtmissbrauchs: Eine Inflationspolitik im Gleichschritt zu betreiben, wird attraktiv(er), gerade in Zeiten einer akuten Überschuldung von Staaten und Banken.

Amerika führt

Die permanenten Liquidität-Swap-Abkommen werden die Geldpolitiken stärker denn je unter die amerikanische Vorherrschaft stellen. Der US-Dollar ist nach wie vor die dominierende und abgesehen von Gold auch die unangefochtene Reservewährung der Welt. Diese finanzwirtschaftliche Vormachtstellung Amerikas lässt sich vor allem durch drei Faktoren erklären:

(1) Die US-amerikanischen Finanzmärkte sind die weltweiten größten und bedeutendsten. Sie geben die Richtung für die weltweite Zins- und Finanzmarktpreisbildung vor.

(2) Die Geschehnisse auf den US-Finanzmärkten, die entscheidend von der amerikanischen Geldpolitik beeinflusst werden, haben in der Regel Rückwirkungen auf die internationalen Konjunkturen. Folglich verursacht die US-Geldpolitik „Zwänge“ für die Geldpolitiken in anderen Währungsräumen.

(3): Die Finanzbranche hat sich unter der Führung des US-Dollar zusehends globalisiert. Vor allem für Geschäftsbanken ist die amerikanische Zentralbankpolitik „lebenswichtig“, und so fordern die Banken von ihren heimischen Zentralbanken eine Geldpolitik ein, wie sie von der US-Zentralbank praktiziert wird.

Druck zu Drucken

In den USA, in Japan, in China, in Großbritannien und in der Schweiz ist es mit den bisher eingeleiteten Politiken gelungen, die Bilanzsumme von Geschäfts- und Zentralbanken wieder ansteigen zu lassen. Der Euroraum und Großbritannien hinken hinterher. In Großbritannien hat der Gouverneur der Bank von England daher signalisiert, die englische Zentralbank werde mit allen Mittel verhindern, dass der Banken- und Finanzsektor schrumpft; man will, dass er wieder anschwillt.

Als nächstes dürfte die EZB beginnen, den Anstrengungen der anderen nachzueifern. Denn ähnlich wie in Großbritannien schrumpft der Euro-Bankensektor – und das würde, wenn sich diese Entwicklung weiter fortsetzt, absehbar zu einer Deflation führen.

Eine Deflation aber dürfte den Interessen der weltweit ausgerichteten Bankenindustrie und vielen Regierungen im Euroraum zuwiderlaufen. Es wäre daher nicht verwunderlich, wenn die EZB ganz bald zu Maßnahmen greift, die auch im Euroraum für ein Anwachsen der Geschäfts- und Zentralbankbilanzen sorgen – dazu zählen neben Zinssenkungen vor allem Aufkäufe von Wertpapieren.

Endergebnis

Die Zentralbanken können drohende Zahlungsausfälle von großen Schuldnern, allen voran Banken und Staaten, abwenden, indem sie die Geldmenge ausweiten: Die Zentralbanken sind in der Lage, jederzeit die Geldmenge um jeden politisch erwünschten Betrag auszuweiten, gewissermaßen auf „Knopfdruck“.

Wenn Rezession und Arbeitslosigkeit stärker gefürchtet werden als Inflation – was heutzutage der Fall ist –, wird gerade in Krisensituationen die Geldmenge unbegrenzt ausgeweitet, wenn es gilt, Wirtschaftsprobleme abzuwehren.

Und wird erst einmal in einer Geldmengenvermehrung die Politik des kleinsten Übels erblickt, um den Problemen zu entkommen, die eine zuvor zu lockere Geld- und Schuldenpolitik verursacht hat, wird eine Inflationspolitik die absehbare Folge sein. Die Liquidität-Swap-Abkommen permanent zu machen, ist ein weiterer Schritt in diese Richtung.

 http://www.wiwo.de/politik/europa/gastbeitrag-bei-anruf-geld-das-weltkartell-der-gelddrucker-seite-all/9017818-all.html

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