Behandlungsfehler – Jeder dritte Verdacht gerechtfertigt – die Chroniken

23.06.2014

Wenn Medizin krank macht

Jeder zählt, doch wer hat den Überblick? Nach den Krankenkassen hat nun die Bundesärztekammer ihre Zahlen zu medizinischen Behandlungsfehlern vorgelegt. Für Patientenschützer gehen die Informationen nicht weit genug.

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Falsch operierte Knie, übersehene Vorerkrankungen, schlecht zusammenwachsende Brüche – Behandlungsfehler können jeden Patienten treffen. Die Bundesärztekammer hat am Montag in Berlin neue Zahlen vorgelegt.

Die Statistik zeigt, wie viele Patienten sich mit einem Verdacht auf Fehler im vergangenen Jahr an die Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen der Ärzteschaft gewandt haben – und in wie vielen Fällen diese einen Fehler bestätigten.

Demnach beschwerten sich im vergangenen Jahr rund 12.000 Patienten bei den Ärztekammern wegen vermuteter Behandlungsfehler. Rund 8000 Fälle davon wurden weiter bearbeitet, in 2243 Fällen bestätigte sich der Verdacht (Vorjahr: 2.280).

In 1.864 Fällen wurde ein Behandlungsfehler als Ursache für einen Gesundheitsschaden ermittelt, der einen Anspruch des Patienten auf Entschädigung begründete. Die häufigsten Diagnosen, die zum Vorwurf Behandlungsfehler führten, waren wie in den Vorjahren Knie- und Hüftgelenkarthrosen sowie Unterschenkel- und Sprunggelenkfrakturen.

Andreas Crusius, Vorsitzender der Ständigen Konferenz der Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen der Bundesärztekammer, warnte davor, Behandlungsfehler generell mit Ärztepfusch gleichzusetzen: „Zu Pfusch gehört auch immer eine gewisse Gleichgültigkeit gegenüber den Auswirkungen des eigenen Handelns. Es wäre falsch und unredlich, Ärzten eine solche Haltung zu unterstellen.“

Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer, führte die Fehlerquote auf wachsenden Stress der Mediziner zurück: „Seit Jahren steigt die Arbeitsintensität in deutschen Kliniken und Praxen“, sagte er dem Magazin „Der Spiegel“.

Lange Arbeitszeiten und ständiger Leistungsdruck erhöhten die Fehlerwahrscheinlichkeit. Daher sei es „bemerkenswert“, dass die Zahl der registrierten Behandlungsfehler in den vergangenen Jahren weitgehend konstant geblieben sei.

Schon vor einigen Wochen hatte der Medizinische Dienst der Krankenkassen seine Statistik zu Behandlungsfehlern vorgelegt. Er erstellte demnach im Vorjahr rund 14.600 Gutachten wegen Verdachts auf Fehler – gut 2000 mehr als 2012. In knapp 3700 der Fälle wurde ein Behandlungsfehler bestätigt.

Unterdessen hat die Deutsche Stiftung Patientenschutz ein nationales Register zu Behandlungsfehlern gefordert. „Jeder zählt die Behandlungsfehler einzeln, niemand hat den gesamten Überblick“, sagte Vorstand Eugen Brysch in Berlin.

In einem nationalen Register müssten die Zahlen der Ärztekammern, des Medizinischen Dienstes der Kassen und der Zivil- und Sozialgerichte zusammenlaufen, forderte Brysch. „So gewinnen wir einen Überblick.“

Die Bundesregierung müsse solch ein Register aufbauen. Zudem sollten auch Daten zu einzelnen Einrichtungen für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. „Es macht Sinn, die Behandlungsfehler je nach Einrichtungen einzeln zu veröffentlichen“, forderte Brysch. „Die Menschen wollen wissen, was vor Ort los ist.“

http://www.handelsblatt.com/technologie/forschung-medizin/medizin/tausende-behandlungsfehler-wenn-medizin-krank-macht/10085230.html

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21.01.2014

AOK registriert 190.000 Behandlungsfehler

Die AOK schlägt Alarm: Mehr Menschen sterben nach ihren Angaben durch Fehler im Krankenhaus als im Straßenverkehr. Nun liegen genaue Zahlen vor. Die Kliniken verweisen auf ihre hohen Standards.

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Zehntausende Patienten beschweren sich jedes Jahr wegen des Verdachts auf Ärzte- oder andere Behandlungsfehler. Die meisten Versicherten fühlen sich dabei in der Klinik falsch behandelt. Nun werden die Risiken für Deutschlands Klinikpatienten in einer neuen Studie beleuchtet.

Der AOK-Krankenhausreport analysiert, welchen gesundheitlichen Gefahren Patienten ausgesetzt sind. Hintergrund ist laut AOK, dass etwa bei jeder hundertsten Behandlung ein Fehler passiert. Das wären bei zuletzt rund 18,6 Millionen Klinikfällen pro Jahr knapp 190.000 Behandlungen mit Problemen.

Die Folgen könnten von gesundheitlichen Beschwerden bis zum Tod reichen. „So sterben jedes Jahr mehr Menschen durch Fehler im Krankenhaus als durch Unfälle im Straßenverkehr“, so die AOK. Im vergangenen Jahr gab es nach einer vorläufigen Bilanz rund 3300 Verkehrstote.

Die Dunkelziffer bei Behandlungsfehlern ist groß

Allein der Medizinische Dienst der Krankenkassen kümmerte sich nach den jüngsten Zahlen 2012 um rund 8600 Vorwürfe von Patienten gegen Kliniken – und bestätigte fast jeden dritten Verdacht. Insgesamt beanstanden nach Schätzungen rund 40.000 Versicherte pro Jahr ihre Behandlung bei Ärztestellen, Kassen oder direkt vor Gerichten. Die Dunkelziffer gilt bei den Problemen im Klinikablauf als hoch.

Die Bandbreite reicht von Infektionen, die sich Kranke zusätzlich im Krankenhaus holen, über verkehrte Medikamente bis hin zu Einzelfällen von vergessenem OP-Material im Inneren des Patienten.

Ärztevertreter weisen immer wieder darauf hin, dass in der Regel nicht einfach Pfusch eines Arztes dahintersteckt. Organisationsmängel, mehr komplizierte Eingriffe und auch der Mut vieler Operateure zum Risiko zählen zu den Ursachen.

Krankenhausgesellschaft: Sicherheitsstandard so hoch wie nie

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft unterstrich, die Sicherheitsstandards seien so hoch wie nie. „Sie können sich im internationalen Vergleich sehen lassen“, sagte Hauptgeschäftsführer Georg Baum. „Nie war die Bereitschaft der Krankenhäuser größer, Qualität und Sicherheit weiterzuentwickeln.“ Allerdings dürften die Kliniken bei der Finanzierung des Mehraufwands nicht alleingelassen werden.

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) hatte angekündigt, den Behandlungserfolg stärker zum Maßstab für die Patienten in Deutschland machen zu wollen. Gröhe bezog sich damit auf den Koalitionsvertrag von Union und SPD.

Ein neues Institut soll demnach sämtliche routinemäßig anfallenden Daten der Patienten zum jeweiligen Erfolg oder zu Problemen bei den einzelnen Behandlungen auswerten.

Ziel ist unter anderem eine online einsehbare Vergleichsliste zu Behandlungserfolgen der Krankenhäuser. Schlechte Qualität soll durch Abschläge bei der Finanzierung bestraft werden.

http://www.welt.de/wirtschaft/article124062776/AOK-registriert-190-000-Behandlungsfehler.html

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15.05.2013

Ärztepfusch – Jeder dritte Verdacht gerechtfertigt

In mehr als 10.000 Fällen sind Behandlungsfehler durch Ärzte untersucht worden. Jeden dritten Verdacht bestätigen Gutachter. Die meisten Fehler treten bei der Wurzelbehandlung von Zähnen auf.Von Stefan von Borstel

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Jeder dritte Verdacht auf einen ärztlichen Behandlungsfehler ist berechtigt. Das ergibt sich aus den Zahlen des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen (MDK), der im vergangenen Jahr rund 12.500 Gutachten bei vermuteten Behandlungsfehlern erstellte.

Dabei bestätigten die Gutachter in 31,5 Prozent der Fälle, dass es einen Behandlungsfehler gab. Rund zwei Drittel der Vorwürfe richteten sich gegen Krankenhäuser, davon wurden 30 Prozent bestätigt. Ein Drittel betraf niedergelassene Ärzte, hier waren 36 Prozent der Fehler-Vorwürfe berechtigt.

Versicherte haben das Recht, sich an ihre Krankenkassen zu wenden, wenn sie einen Behandlungsfehler vermuten, um ein kostenloses Gutachten des Medizinischen Dienstes zu beantragen. Seit dem Inkrafttreten des Patientenrechtegesetzes vor drei Monaten sind die Kassen verpflichtet, ihre Mitglieder darüber zu informieren.

Die meisten Vorwürfe bei Operationen

Die meisten Vorwürfe erheben Patienten im Zusammenhang mit Operationen. So sind die Fächer Orthopädie und Chirurgie besonders betroffen. Danach folgen Zahnmedizin, Innere Medizin und Gynäkologie.

Laut MDK-Statistik traten die meisten Fehler bei der Wurzelbehandlung von Zähnen auf, gefolgt von Operationen für den Ersatz von Hüft- und Kniegelenken.

Die Zahl der Vorwürfe und die Quote der bestätigten Behandlungsfehler liege auf nahezu unverändertem Niveau, erklärte der stellvertretende Geschäftsführer des MDS, Stefan Gronemeyer. Dies zeige, dass es beim Thema Behandlungsfehler nach wie vor Handlungsbedarf gebe.

Hohe Dunkelziffer

Die Dunkelziffer sei hoch, sagte Astrid Zobel, Leitende Ärztin des MDK Bayern. Es gebe Fehler, die gar nicht erkannt würden. Der MDK erfasst auch nur die Fälle, in denen sich Patienten an ihre Krankenkassen wenden. „Insofern bleibt die Gesamtzahl der Behandlungsfehler in Deutschland nach wie vor im Dunkeln“, sagte Zobel.

Die Gutachter kritisierten das kürzlich in Kraft getretene Patientenrechtegesetz. Dieses habe die Situation der Patienten nur teilweise verbessert, sagte MDS-Vize Gronemeyer. Er forderte, die Beweislast für Patienten zu erleichtern.

Außerdem fehle ein bundesweites Behandlungsfehlerregister, in dem die Daten aller beteiligten Institutionen zusammengeführt werden könnten. Defizite bestünden auch in der Umsetzung konkreter Maßnahmen zur Verbesserung der Patientensicherheit wie die Anwendung von Checklisten und Teamtrainings.

http://www.welt.de/wirtschaft/article116224202/Aerztepfusch-Jeder-dritte-Verdacht-gerechtfertigt.html

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