Armut: Wie gut es den Deutschen wirklich geht – eine Chronik

05.04.2017

Bundesregierung hat „die Armut stark vergrößert“

Europäische Kommission erhebt schwere Vorwürfe gegen deutsche Politik

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„Von 2008 bis 2014 stach Deutschland durch eine Politik hervor, die stark die Armut vergrößerte.“ Diese Aussage stammt nicht etwa aus dem Armutsbericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, sondern direkt von hoher politischer Stelle: der Europäischen Kommission.

In ihrem Länderbericht, der bereits im Februar veröffentlicht wurde, aber bisher keinen Eingang in die mediale Öffentlichkeit gefunden hat, hebt die Europäische Kommission das hervor, was Sozialverbände schon seit Jahren anprangern: Die Bundesregierung unternimmt viel zu wenig, um den Armen in Deutschland zu helfen.

Despite overall positive economic and labour market developments in the last few years, income inequality has increased and moderated only recently, while wealth inequality remains among the highest in the euro area.

Bericht der EU-Kommission

Wie das Versagen der Bundesregierung im Zusammenhang mit der Armutsbekämpfung im eigenen Land aussieht, bringt die Kommission so auf den Punkt: Bedarfsabhängige Leistungen seien „real und im Verhältnis zur Einkommensentwicklung gesunken“. Die Berliner Zeitung erläutert:

„Damit sind zwei Fehlleistungen angesprochen, die sich die Bundesregierung nach dem Befund der Kommission vorwerfen lassen muss. Erstens erhöhte sie die Unterstützung etwa für Hartz IV-Bezieher, Wohngeld-Empfänger oder BaföG-Berechtigte nicht einmal in dem Maß, um für die Betroffenen die Kaufkraftverluste durch die Preissteigerung auszugleichen. Zweitens ignorierte sie den Wohlstandsanstieg in weiten Teilen der Bevölkerung, von dem die Menschen am unteren Ende der Einkommensskala abgekoppelt wurden.“

Das Blatt spricht von einem „vernichtenden Urteil für die deutsche Sozialpolitik“ und zeigt sich verwundert darüber, dass der Bericht aus Brüssel bisher keinerlei Aufmerksamkeit in den Medien erhalten hat. „Es stellt sich die Frage, wer Deutschland noch alles ermahnen muss, bevor eine Bundesregierung ihre verteilungspolitische Vogel-Strauß-Politik aufgibt“, sagte Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfartsverbandes gegenüber der BZ. „Mittlerweile prangern sowohl OECD und Internationaler Währungsfonds als auch EU-Kommission und Europäische Zentralbank die eklatante Ungleichverteilung von Einkommen und Vermögen in Deutschland an.“

Die Brüsseler Behörde stellt in ihrem Länderbericht weiter fest, das selbst eine angeblich positive Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt das Armutsrisiko nicht veringert habe.

Verantwortlich für die Armut in Deutschland ist laut Auffassung der Europäischen Kommission nicht nur die Merkel-Regierung, sondern nach der Abschaffung der Vermögenssteuer schon durch die Vorgängerregierung waren es vor allem die Reformen der rot-grünen Regierung, die die Besteuerung von hohen Einkommen von 53 Prozent auf 42 Prozent absenkte und die Sozialabgaben erhöhte.

Doch die Bundesregierung zeigt schon seit Jahren, dass sie diese Wirklichkeit, wie sie nun auch die Europäische Kommission erkannt hat, nicht wahrnehmen will. Erst im Dezember des vergangenen Jahres wurde bekannt, dass die Bundesregierung kritische Stellen aus ihrem eigenen Armutsbericht hat streichen lassen (Gelenkte Wirklichkeit: Bundesregierung streicht brisante Stellen aus Armutsbericht)

https://www.heise.de/tp/features/Bundesregierung-hat-die-Armut-stark-vergroessert-3675653.html

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02.03.2017

Wirtschaft boomt, Armut steigt

Der Anteil armer Menschen in Deutschland wächst – zu diesem Schluss kommt der Paritätische Gesamtverband im aktuellen Armutsbericht.

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In Deutschland lebten 2015 12,9 Millionen Menschen unterhalb der statistischen Armutsschwelle. Der Anteil armer Menschen an der Gesamtbevölkerung wuchs im Vergleich zum Vorjahr um 0,3 Punkte auf 15,7 Prozent. Das ist die höchste Quote, die seit der deutschen Vereinigung 1991 je festgestellt wurde.

Die Zahlen basieren auf Berechnungen des Paritätischen Gesamtverbands, der für seine jährlichen Armutsberichte seit 2005 die Mikrozensusdaten des Statistischen Bundesamts auswertet. Mit den aktuellen Ergebnissen setzt sich ein langjähriger Trend fort. 2005 hatte die Armutsquote noch bei 14,7 Prozent gelegen und war seither mit wenigen Unterbrechungen in fast jedem Jahr gestiegen.

Andere Zahlen bestätigen den Trend

Die Zahlen bestätigen die vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) publizierte Erkenntnis, wonach etwa ein Fünftel der Bevölkerung von der allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklung abgekoppelt ist.

Zwar hat sich die Arbeitslosigkeit seit 2005 fast halbiert, die Wirtschaft ist trotz der Finanzkrise kräftig gewachsen und das private Bruttogeldvermögen mehrte sich seit 2005 um durchschnittlich drei Prozent pro Jahr und erreichte 2015 sagenhafte 5490 Milliarden Euro.

Zugleich aber stieg der Anteil der Menschen, die weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens (Medianeinkommen) zur Verfügung haben und somit als arm gelten. „Volkswirtschaftliches Wachstum schlägt sich leider schon seit langem nicht mehr in sinkender Armut nieder“, sagte der Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbands, Ulrich Schneider.

Im Zehnjahresvergleich wird deutlich, dass dies nicht für Gesamtdeutschland zutrifft. Mit Ausnahme Berlins ist der Armenanteil in den östlichen Bundesländern seit 2005 merklich zurückgegangen. Am kräftigsten ging der Anteil in Brandenburg zurück, von 19,2 auf 16,8 Prozent. Während die Quote in Bayern (zuletzt 11,6 ) und Hamburg ( 15,7 ) fast unverändert blieb, stiegen die Armutsquoten in allen anderen Westländern an, darunter auch in wohlhabenden wie Hessen, wo es ein Plus von 1,7 Punkten auf 14,4 Prozent gab.

Besonders negativ verlief die Entwicklung seit 2005 in Bremen, Berlin und Nordrhein-Westfalen. Mit einer weit überdurchschnittlichen Armutsproblematik hat die Hauptstadt Berlin zu kämpfen. Dort wurde 2005 eine Quote von 19,7 Prozent registriert, 2015 waren es 22,4 Prozent. Schneider spricht mit Blick auf diese Länder von „armutspolitischen Problemregionen“. Vor diesem Hintergrund könne von einem Ost-West-Gefälle heute nicht mehr die Rede sein, so der Verbandschef.

Bleibt die Frage, ob die zugrundeliegende Armutsdefinition wirklich aussagekräftig ist. Das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) hatte dies im vergangenen Jahr verneint: Es handele sich lediglich um relative, am mittleren Einkommen orientierte Armut.

Steige das Medianeinkommen stärker als die unteren, nehme die Armut statistisch zu, obwohl die Betroffenen real mehr Geld in der Tasche hätten als zuvor. Außerdem berücksichtige die Orientierung am bundesweiten Medianeinkommen regional unterschiedliche Lebenshaltungskosten nicht. Überdies würden Personengruppen wie Studenten als arm erfasst, die faktisch zu den Bessergestellten zählten.

Schneider räumt dies zwar ein, verweist aber auf Bevölkerungsgruppen wie Obdachlose, in Heimen untergebrachte Behinderte und Pflegebedürftige, die allesamt nicht in die Armutsstatistik eingingen.

Wir haben es also keineswegs mit einer Überschätzung und Dramatisierung der tatsächlichen Situation zu tun, sondern im Gegenteil mit einer Unterschätzung.“ Auch die Kritik an der am bundesweiten Medianeinkommen orientierten Armutsdefinition weist Schneider zurück.

Würde man zum Beispiel für Berlin nur das mittlere Einkommen der ansässigen Haushalte zugrunde legen, so käme die Hauptstadt auf eine Armutsquote von nur 15,3 Prozent, obwohl dort die Hartz-IV-Quote bei fast 20 Prozent und somit mehr als doppelt so hoch wie der Bundesdurchschnitt liege. Betrachte man besondere soziale Problemviertel wie Wedding, verschwinde die Armut, so Schneider, denn: „In einem Armenhaus gibt es keine relative Armut.“

http://www.fr.de/wirtschaft/armutsbericht-wirtschaft-boomt-armut-steigt-a-1046986

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09.01.2017

Acht Punkte zeigen: Nie zuvor ging es den Deutschen so gut wie heute

Das Jobwunder kennt kein Ende, die Löhne klettern – und das Vermögen wird immer gerechter verteilt. Was sich wie ein schöner Traum anhört, ist in den vergangenen Jahren Wirklichkeit gewesen. Jedenfalls legt das der neue „Armuts- und Reichtumsbericht“ der Bundesregierung nahe.

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Alle vier Jahre veröffentlicht die Bundesregierung ihren „Armuts- und Reichtumsbericht“. Jetzt ist es wieder soweit. Etliche Sachverständige und Institute haben dafür in den vergangenen Monaten Unmengen an Daten zusammengetragen und ausgewertet. Am Dienstag wird Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) gemeinsam mit Vertretern aus Wissenschaft, Verbänden und Sozialpartnern vorweg wichtige Erkenntnisse aus dem Bericht diskutieren.

Wie die „Welt“ berichtet, haben die Experten fast durchweg positive Fakten zusammengetragen. die wichtigste Erkenntnis des Berichts laute: Nie zuvor ging es der Mehrheit der Deutschen so gut wie heute.

Die Fakten auf den mehr als 600 Seiten des Berichts, der der Zeitung in Auszügen vorlag, zeigen demnach, dass Deutschland „nicht nur wirtschaftlich, sondern auch sozial durch ein hohes Maß an Stabilität gekennzeichnet ist“.

Acht Punkte zeigen, warum wir uns momentan nicht beklagen können:

1. Jobwunder kennt kein Ende

Seit zehn Jahren währt nun schon das deutsche Jobwunder. Von 2012 bis 2016 sank die Arbeitslosigkeit jedes Jahr deutlich, inzwischen ist der niedrigste Stand seit der Wiedervereinigung erreicht. Seit dem Start der Hartz-Reformen 2005 ging die Zahl der Jobsuchenden sogar um fast die Hälfte zurück.

Besonders stark profitierten davon junge Menschen: Die Jugendarbeitslosigkeit liegt dem Bericht zufolge bei nur noch 5,3 Prozent – niedriger als in jedem anderen EU-Land. Auch für die Älteren haben sich die Beschäftigungschancen enorm verbessert: Arbeitete vor zehn Jahren nicht einmal jeder Zweite der 55- bis 64-Jährigen, sind mittlerweile gut zwei Drittel beschäftigt.

Besonders erfreulich: Befristungen und Minijobs sind dem Bericht zufolge rückläufig – was die immer wieder geäußerte Kritik widerlegt, das Jobwunder schaffe vor allem prekäre Jobs. Tatsächlich wuchs die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in den letzten Jahren sogar überproportional.

2. Löhne klettern um 30 Prozent

Auch das Volkseinkommen, das ist die Summe aller Erwerbs- und Vermögenseinkommen, machte einen kräftigen Sprung nach oben: Von 2012 bis 2015 wuchs es um zehn Prozent. Dabei legten die Arbeitsentgelte mit elf Prozent sogar stärker zu als die Einkommen aus Unternehmensgewinnen und Vermögen(neun Prozent). Noch deutlicher wird die Steigerung auf lange Sicht: Zwischen 2007 und 2015 kletterten die Arbeitsentgelte der abhängig Beschäftigten um fast 30 Prozent. Zum Vergleich: Die Unternehmens- und Vermögenseinkommen wuchsen im gleichen Zeitraum nur um 5,6 Prozent.

3. Privatvermögen wachsen deutlich

Doch auch beim Vermögen der Deutschen gab es in den vergangenen Jahren kräftige Zuwächse. Die Summe aller privaten und staatlichen Vermögensgüter belief sich 2015 auf 16 Billionen Euro – 1999 waren es erst zehn Billionen Euro. Dabei entwickelt sich dem Bericht zufolge vor allem der Privatbesitz erstaunlich gut: Zwischen Ende 2011 und Ende 2015 wuchs das Privatvermögen um fast zwei Billionen Euro – vor allem im Bereich der Geldvermögen.

Westdeutsche Haushalte haben dem Entwurf zufolge im Durchschnitt ein Immobilien- und Geldvermögen von 140.000 Euro, während Ostdeutsche auf lediglich 61.000 Euro kommen. Aber: Die Ostdeutschen holen auf.

4. Schere zwischen Arm und Reich schließt sich

Auch die These von der sich immer weiter öffnenden Schere zwischen Arm und Reich werde von der Regierungsstatistik widerlegt, schreibt die „Welt“. Das zeigt sich zum Beispiel bei der Vermögensverteilung: Die reichsten zehn Prozent der Bundesbürger besitzen zwar gut die Hälfte des Gesamtvermögens – doch ihr Anteil ist zuletzt etwas gesunken.

Rund 78 Prozent der Bevölkerung zählen laut dem Bericht danach zur Mittelschicht. Somit sei die Gesellschaft seit 2005 weitgehend stabil, leichte Schwankungen seien vermutlich „stichprobenbedingt“, schreiben die Experten.

Auch bei den verfügbaren Einkommen stellt der Bericht seit 2005 eine „weitgehend stabile Verteilung“ fest. Seit 2010 gebe es sogar „eine gebremste oder rückläufige Lohnungleichheit“.

5. Mehr Chancengleichheit bei Studium und Ausbildung

Wissen bedeutet Macht – und ein besseres Einkommen. Mitte der 1990er hatte nur jeder vierte Mann und jede sechste Frau in Deutschland ein Studium oder eine Berufsausbildung absolviert. Mittlerweile gilt das für fast jeden dritten Mann und jede vierte Frau. Gleichzeitig sank der Bevölkerungsanteil ohne Berufsausbildung im gleichen Zeitraum von 26 auf 17 Prozent.

Auch bei den Schulabschlüssen gibt es einen deutlichen Aufwärtstrend: Mittlerweile macht gut die Hälfte der Jugendlichen Abitur, nur noch sechs Prozent schaffen nicht einmal einen Hauptschulabschluss.

6. Mehr Rente trotz sinkenden Rentenniveaus

Das Problem: Bei den Bürgern sind diese guten Botschaften noch nicht angekommen. In einer Umfrage für den Armuts- und Reichtumsbericht sagen zwei von drei Befragten, dass sie in der Ruhestandsphase ein hohes oder gar sehr hohes Risiko sehen, von Armut betroffen zu sein. Doch tatsächlich gibt die bisherige Entwicklung kaum Anlass zur Sorge: Dem Bericht zufolge sind die Renten in den vergangenen Jahren absolut stets gestiegen – auch wenn infolge der Riester-Rentenreformen das Rentenniveau von 53 Prozent auf derzeit rund 48 Prozent abgesenkt wurde.

Annahmen über einen allgemeinen Rückgang der Rentenanwartschaften – und damit die Gefahr eines Anstiegs von Altersarmut auf breiter Ebene – lassen sich auf der Grundlage der Durchschnittsrenten nicht begründen“, zitiert die „Welt“ aus dem Bericht.

Zudem verfüge das Gros der Senioren über weitere Alterseinkünfte. Der Anteil der über 65-Jährigen, die auf Grundsicherung im Alter angewiesen sind, habe sich entsprechend seit 2007 „nur leicht erhöht“ und liege bei 3,3 Prozent.

7. Immer mehr Platz zum Wohnen

Die Deutschen leisten sich heute erheblich größere Wohnungen als noch vor 20 Jahren. Reichten damals pro Kopf 54 Quadratmeter, sind es mittlerweile gut 63 Quadratmeter. Alleinstehende und Rentner haben den meisten Platz zur Verfügung.

Auch die Wohnqualität hat sich im Lauf der Jahre deutlich verbessert: Nur noch zwei Prozent der befragten Personen wohnen nach eigenen Angaben in renovierungsbedürftigen oder gar abbruchreifen Gebäuden. Vor zwei Jahrzehnten waren es fast sechs Prozent.

8. Echte Armut geht zurück

Die Quote der Menschen, die erhebliche materielle Entbehrungen hinnehmen müssen, ist laut dem Armuts- und Reichtumsbericht seit 2013 von 5,4 auf 4,4 Prozent gesunken. Unter den Erwerbstätigen ist der Anteil der Menschen, die unter solchen Geldnöten leiden, mit zwei Prozent noch einmal weit niedriger. Hingegen ist fast jeder dritte Arbeitslose betroffen. Auch bei Alleinerziehenden ist die Quote mit gut elf Prozent relativ hoch. Doch sie lag 2013 mit fast 15 Prozent noch deutlich höher. Auch bei Kindern sei die echte Armut auf dem Rückzug, so der Bericht des Ministeriums.

http://www.focus.de/finanzen/news/arbeitsmarkt/armuts-und-reichtumsbericht-nie-zuvor-ging-es-den-deutschen-so-gut-wie-heute_id_6467551.html

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27.12.2016

Armut in Deutschland: Keine volle Mahlzeit im reichen Land

Deutsche verfügen über geringeres Nettovermögen als viele andere Europäer

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„An Millionen Deutschen geht das vermeintliche Arbeitsplatzwunder in Deutschland komplett vorbei. Sie sind arm trotz Arbeit und haben massive Probleme, den täglichen Bedarf zu bestreiten.“ Das sagte die Arbeitsmarktexpertin der Linken, Sabine Zimmermann, den Ruhr Nachrichten.

Der Grund für die Äußerung Zimmermanns: Eine Statistik des Statistischen Bundesamtes, die die Linksfraktion ausgewertet hat, zeigt auf, wie groß die Zahl prekärer Lebensverhältnisse in Deutschland mittlerweile ist. Die Statistik zur sogenannten „materiellen Entbehrung“ bringt zum Vorschein: 1,7 Millionen Menschen in Deutschland haben so wenig Einkommen zur Verfügung, dass sie sich nicht einmal jeden zweiten Tag eine vollwertige Mahlzeit leisten können.

Doch die Zahl derer, die erhebliche Probleme haben, ihr Leben finanziell zu bestreiten, ist weitaus größer. Laut der Statistik sind 10,6 Millionen Menschen trotz Arbeit nicht in der Lage, Rücklagen für unvorhergesehene Auslagen zu bilden. Das entspricht fast 30 Prozent aller Erwerbstätigen.

Mit diesen Zahlen vor Augen wird deutlich: Auch in Deutschland gibt es eine große Gruppe der Bevölkerung, die zu den working poor gehört, also jenen Menschen, die trotz Arbeit arm oder zumindest armutsgefährdet sind (Die Armen in Deutschland).

Die Statistik zeigt außerdem auf, dass 5,7 Millionen der Erwerbstätigen es nicht schaffen, finanziell einmal im Jahr einen Urlaub von einer Woche außerhalb ihres Zuhauses zu stemmen. Das entspricht einem Anteil von 15,5 Prozent der Beschäftigten. Laut der Statistik können des Weiteren 1,8 Millionen der arbeitenden Bevölkerung nicht immer pünktlich ihre Miete zahlen oder andere Rechnungen begleichen, 1,3 Millionen Beschäftigte haben zudem nicht genug Geld, um ihren Wohnraum angemessen zu heizen.

Laut Focus Online stammen die Daten aus dem Jahr 2015. Erfasst wurden Menschen ab ihrem 16. Lebensjahr. Nach EU-Definition liegt eine „materielle Entbehrung“ dann vor, „wenn für einen Haushalt nach Selbsteinschätzung wegen finanzieller Probleme vier der folgenden neun Kriterien zutreffen:“

  • Finanzielles Problem, die Miete oder Rechnungen für Versorgungsleistungen rechtzeitig zu bezahlen.
  • Finanzielles Problem, die Wohnung angemessen heizen zu können.
  • Finanzielles Problem, unerwartete Ausgaben in einer bestimmten Höhe aus eigenen finanziellen Mitteln bestreiten zu können.
  • Finanzielles Problem, jeden zweiten Tag Fleisch, Fisch oder eine gleichwertige vegetarische Mahlzeit einnehmen zu können.
  • Finanzielles Problem, jährlich eine Woche Urlaub woanders als zu Hause zu verbringen.
  • Fehlen eines Pkw im Haushalt aus finanziellen Gründen.
  • Fehlen einer Waschmaschine im Haushalt aus finanziellen Gründen.
  • Fehlen eines Farbfernsehgeräts im Haushalt aus finanziellen Gründen.
  • Fehlen eines Telefons im Haushalt aus finanziellen Gründen.

Als Grund für die Armutsprobleme führte Zimmermann den großen Niedriglohnsektor sowie die zunehmende Teilzeitarbeit an.

Dass es in Deutschland für einen nicht unerheblichen Teil der Bevölkerung sehr schwer ist, sich materiell abzusichern, zeigt auch die aktuelle Studie der Europäischen Zentralbank (EZB) auf. Sie verdeutlicht, dass die Erfolge einer starken Wirtschaftsleistung in Deutschland bei einem großen Teil der Bevölkerung nicht ankommen. „Die meisten Bundesbürger besitzen deutlich weniger als andere Europäer“, heißt es in der SZ. Die Ursache ist der geringe Immobilienbesitz, der europaweit 82,2 Prozent des Vermögens ausmacht. In Deutschland liegt der Prozentsatz der Menschen, die in eigenen Immobilien leben, bei 44 Prozent, in Frankreich hingegen bei 58,7 Prozent, in Italien bei 68,2 Prozent, in Griechenland bei 72,1 Prozent, in Ungarn bei 85,2 und in der Slowakei sogar bei 85,4 Prozent.

Ganz deutlich wird in der Studie, dass der Wohlstand aber in allen Ländern und im gesamten Euroraum höchst ungleich verteilt ist. Die reichsten 10 Prozent besitzen mehr als die Hälfte des Vermögens, ganz unten sind 5 Prozent verschuldet, die reichsten 10 Prozent haben ein durchschnittliches Vermögen von 497.900 Euro, die ärmsten 10 Prozent von 1.000 Euro:

If the euro area population is divided into 100 equal groups, or percentiles, sorted by increasing levels of net wealth, the 50th percentile, or the median, has wealth equal to €104,100; the 10th percentile has wealth equal to less than one hundredth of the median (€1,000); the 90th and 95th percentiles own almost five times (€496,000) and over seven times (€743,900) the median respectively. At the top of the wealth distribution, the wealthiest 10% of households own 51.2% of total net wealth; at the bottom, about 5% of households have negative net wealth.

EZB

Wie die SZ feststellt, bestätigte die EZB-Studie die Tendenz einer anderen Studie aus dem Jahr 2013. Demnach sei die Bundesrepublik zwar seit vielen Jahren der wirtschaftliche Motor Europas, aber die Bevölkerung Deutschlands spüre davon wenig. Konkret: Nach dem Abzug der Schulden haben die Haushalte in Deutschland ein Median-Nettovermögen von 60.800 Euro. In Österreich liegt es mit 85.900 schon deutlich höher. In einigen Krisenländern beträgt das Mediennettovermögen wie in Italien 146.200 Euro oder in Spanien 159.600 Euro, in Irland sind es 100.000 Euro, in Portugal auch noch 71.200 Euro. Griechenland liegt mit 65.000 Euro noch vor Deutschland, Estland, Lettland oder Ungarn jedoch deutlich darunter.

Auch der „geringe Verdienst“ bei einem Teil der arbeitenden Bevölkerung in Deutschland führe zu dem geringen Nettovermögen: „Laut Sachverständigenrat der Bundesregierung bilden Haushalte unter 2000 Euro Nettoeinkommen im Schnitt gar kein Vermögen. Sie verschulden sich.“ Eine Feststellung, die nahtlos an die eingangs des Artikels angeführte Statistik des Statistischen Bundesamtes anknüpft.

https://www.heise.de/tp/features/Armut-in-Deutschland-Keine-volle-Mahlzeit-im-reichen-Land-3582142.html

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23.12.2016

Die meisten Deutschen besitzen weniger als andere Europäer

Der mittlere Haushalt sammelt hierzulande ein Nettovermögen von 60 000 Euro an, deutlich weniger als der Durchschnitt der Bürger von 18 Euro-Staaten. Weil das mittlere Vermögen auch in allen Euro-Krisenstaaten höher ausfällt, könnten die Ergebnisse der EZB-Studie vor der Bundestagswahl 2017 scharfe Kontroversen auslösen. Von Alexander Hagelüken

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Die meisten Bundesbürger besitzen deutlich weniger als andere Europäer. Das geht aus einer Studie der europäischen Zentralbank (EZB) hervor. Danach sammelt der mittlere deutsche Haushalt ein Nettovermögen von 60 000 Euro an, die Bürger im Schnitt von 18 Euro-Staaten dagegen mehr als 100 000 Euro. Weil das mittlere Vermögen unter anderem in allen Euro-Krisenstaaten höher ausfällt als in Deutschland, könnten die Ergebnisse vor der Bundestagswahl 2017 scharfe Kontroversen auslösen.

Die Daten bestätigen die Tendenz einer EZB-Studie von 2013. Somit ist die Bundesrepublik zwar seit Langem Europas wirtschaftlicher Motor. Bei einem Großteil der Bevölkerung kommt davon aber wenig an. Die Hälfte der deutschen Haushalte besitzt nach Abzug von Schulden null bis höchstens 60 000 Euro. In den Euro-Krisenstaaten Zypern und Italien, das gerade wegen Bankenproblemen im Fokus steht, liegt das mittlere Vermögen bei 170 000 beziehungsweise knapp 150 000 Euro. Franzosen kommen auf knapp doppelt so viel wie die Deutschen. Selbst Portugal und Griechenland weisen einen höheren Wert auf als die Bundesrepublik.

Das mittlere Vermögen bezeichnet den Betrag, bei dem genau die Hälfte der Haushalte eines Landes mehr besitzt und die andere Hälfte weniger. Statistiker halten diesen Wert für genauer als Durchschnitte, weil es den Durchschnitt nach oben treibt, wenn ein Land sehr viele Reiche hat. In der Bundesrepublik klafft das Vermögen von Armen und Reichen nach Angaben des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung so stark auseinander wie nirgends sonst in der Euro-Zone. Es gibt viele Firmen in Familienbesitz. Die reichsten zehn Prozent der Deutschen vereinen mehr als 60 Prozent des ganzen Vermögens auf sich. Betrachtet man bei der EZB-Studie die Durchschnitte, fällt die Bilanz der Deutschen besser aus. Sie liegen dennoch hinter Italienern, Franzosen, Spaniern und vielen kleinen Nationen.

Eine Erklärung für das geringe Vermögen der Deutschen ist ihre Geldanlage. Nur jeder zehnte besitzt Aktien, aber die Mehrheit Lebensversicherungen oder Sparkonten, die oft kaum Gewinn abwerfen. Außerdem wohnen nur etwa 40 Prozent im eigenen Haus. Dagegen besitzen 70 bis 80 Prozent der Italiener und Spanier Immobilien, die einst günstig erworben wurden und zum Teil erhebliche Wertsteigerungen erfahren haben. Auch geringer Verdienst erklärt die Unterschiede. Laut Sachverständigenrat der Bundesregierung bilden Haushalte unter 2000 Euro Nettoeinkommen im Schnitt gar kein Vermögen. Sie verschulden sich.

Die EZB-Studie ist auch deshalb brisant, weil Deutschland und andere Euro-Partner Krisenstaaten wie Griechenland, Spanien, Portugal und Zypern mit Milliardenkrediten vor der Pleite gerettet haben. Bundeskanzlerin Angela Merkel argumentierte nach der ersten Studie 2013, andere Nationen seien reicher, doch die Rentenansprüche würden nicht berücksichtigt. Nach damaligen Daten der OECD war die Rente im Vergleich zum Lohn allerdings in Deutschland nicht höher als in Südeuropa. Dafür arbeiteten die Deutschen länger als Italiener, Spanier oder Griechen.

http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/studie-der-ezb-die-meisten-deutschen-besitzen-weniger-als-andere-europaeer-1.3308252

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22.09.2016

Mehr Menschen von Armut bedroht – besonders in Duisburg und Dortmund

Immer mehr Menschen in Deutschland leben an der Armutsgrenze. In allen westdeutschen Bundesländern – außer Hamburg – war die Armutsgefährdung 2015 höher als vor zehn Jahren. In den neuen Bundesländern ist die Quote dagegen gesunken – allerdings auf höherem Niveau.

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Der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, Ulrich Schneider, stellt fest: „Wir haben mit 15,7 Prozent einen neuerlichen Höchststand der Armut im wiedervereinten Deutschland.“ Die wichtigsten Fragen und Antworten:

In welchen Ländern sind besonders viele Menschen von Armut bedroht?

Bremen schneidet am schlechtesten ab. Fast jeder Vierte (24,8) ist in dem Stadtstaat von Armut bedroht. Es folgen Berlin (22,4Prozent) undMecklenburg-Vorpommern(21,7 Prozent). Der Anstieg der Armutsgefährdung ist in Bremen (2,5 Prozentpunkte) und Berlin (2,7 Punkte) im Zehn-Jahres-Vergleich dabei auch überdurchschnittlich hoch.

Am stärksten wuchs das Armutsrisiko allerdings in Nordrhein-Westfalen – um 3,1 Punkte auf 17,5 Prozent. InMecklenburg-Vorpommernging es dagegen um 2,4 Punkte zurück. Im Jahresvergleich (2014) ist das Armutsrisiko in elf Bundesländern gestiegen, darunter sind auch neue Länder.

Welche Bundesländer schneiden gut ab?

In Bayern (11,6 Prozent) und Baden-Württemberg (11,8 Prozent) ist nur gut jeder Zehnte von Armutbedroht. Auf Platz drei rangiert Hessen (14,4 Prozent). Dann kommen Schleswig-Holstein (14,6), Rheinland-Pfalz (15,2), Hamburg (15,7), Niedersachsen (16,5) Brandenburg (16,8), Saarland (17,2) und Nordrhein-Westfalen (17,5).

Welche Städte schneiden am schlechtesten ab?

Duisburg ist das Schlusslicht in der Liste von 15 Großstädten. Mit 26,6 Prozent ist in der 491 000-Einwohner-Stadt schon deutlich mehr als jeder Vierte von Armut bedroht. Dortmund (25,7 Prozent) folgt auf Platz zwei, Leipzig (25,1) auf Rang drei. Besonders stark ist der Anstieg der Armutsgefährdungsquote innerhalb der vergangenen zehn Jahre in Duisburg (9,6 Punkte).

Wie sieht es in anderen Städten aus?

Auch in Berlin, Bremen, Düsseldorf, Essen, Frankfurt am Main, Hannover, Köln, Nürnberg und Stuttgart waren mehr Menschen von Armut und Ausgrenzung bedroht als 2005. Einen leichten Rückgang gab es in Dresden um 0,7 Punkte auf immerhin noch 20 Prozent. Das ohnehin wohlhabende München konnte sich noch verbessern: Die Quote ging um 1,3 Punkte auf 9,6 Prozent zurück. In Hamburg war der Anteil in beiden Jahren gleich hoch.

Was verstehen die Statistiker unter Armutsgefährdung?

Von Armut bedroht ist, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens im Bundesdurchschnitt zur Verfügung hat. Für einen Singlehaushalt sind das 2015 genau 942 Euro. Für eine vierköpfige Familie mit zwei Kindern unter 14 Jahren 1978 Euro im Monat. Diese Grenze ist aber ebenfalls gestiegen. So betrug sie 2005 nur 736 Euro für Singles und 1545 Euro für eine vierköpfige Familie.

Die Statistik geht auf den Mikrozensus zurück, eine Stichprobenerhebung und zugleich die größte jährliche Haushaltsbefragungin Europa. Die Präsidentin des Sozialverbandes VdK, Ulrike Mascher, sagt: „Über die Sinnhaftigkeit der Armutsgefährdungsquote kann man durchaus streiten. Aber sie ist auf jeden Fall ein Signal.“

Was sagen die Sozialverbände zu den Ergebnissen?

Schneider vom Paritätischen Wohlfahrtsverband fordert: „Wenn wir aus Deutschland nicht weiter einen Flickenteppich machen wollen, brauchen wir einen vernünftigen Bund-Länder-Strukturausgleich, der auch die Regionen und Kommunen mit in den Blick nimmt.“ Das Ruhrgebiet beispielsweise – Deutschlands größter Ballungsraum mit mehr als fünf Millionen Menschen – könne seine Situation nicht allein verbessern.

Solche Regionen müssten immer mehr Sozial- und Kultureinrichtungen schließen, könnten die Infrastruktur nicht aufrecht halten und würden somit unattraktiv für Investoren. Bremerhaven und Bremen, Mecklenburg-Vorpommern, aber auch Berlin seien andere Beispiele.

Mascher vom VdK fordert vor allem eine Unterstützung für die Bevölkerungsgruppen, die sich aus eigener Kraft nicht helfen können wie Kinder und Jugendliche sowie ältere Menschen. „Das Geld muss dahin, wo Kinder sind. Das sind die Schulen und Kitas, die dann auch in Kooperation mit Musikschulen und Sportvereinen etwas voranbringen können.“

http://www.focus.de/finanzen/news/26-6-prozent-hoechstwert-mehr-menschen-von-armut-bedroht-besonders-in-duisburg-und-dortmund_id_5974498.html

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09.08.2016

Von wegen Unsozialstaat – den Deutschen geht es gut

Eigentlich sind die Deutschen zufrieden und optimistisch. Doch die Politik redet der Bevölkerung ein, dass das Land sich immer mehr spalte zwischen arm und reich. Viele sind zu Unrecht verunsichert.

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Es gibt Mythen, gegen die kommt die Realität nicht an. So ist es auch mit dem Mythos, dass die Gesellschaft in Deutschland zunehmend gespalten sei, dass die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer würden, während die Mittelschicht erodiere.

Gebetsmühlenartig prangern nicht nur Gewerkschaften und Sozialverbände die angeblich schlimmen Zustände an. Auch die Politik befeuert die Debatte nach Kräften.

Ein Jahr vor der nächsten Bundestagswahl machen sich Linke und Grüne bereits wieder für noch mehr Umverteilung stark. SPD-Chef Sigmar Gabriel verspricht den Bürgern „ein neues Solidarprojekt“, um zu verhindern, dass die Menschen sich von Vater Staat vernachlässigt fühlen könnten angesichts der vielen Flüchtlinge, die versorgt werden müssen.

Und auch innerhalb der Union haben sich die Sozialpolitiker schon auf die Suche nach neuen „Gerechtigkeitslücken“ begeben, die mit Steuer- oder Beitragsgeldern zu „stopfen“ seien.

Wenn Parteien und Lobbyverbände den Sozialstandort Deutschland systematisch schlechtreden, ist es kein Wunder, dass viele Bürger das vermittelte Zerrbild mit der Wirklichkeit verwechseln.

Allen geht’s gut, alle fühlen sich ungerecht behandelt

Die Situation ist paradox. Einerseits zeigen Umfragen, dass die Deutschen so zufrieden mit ihrer persönlichen wirtschaftlichen Lage sind wie seit Jahrzehnten nicht. Die Mehrheit schätzt auch die eigenen Zukunftsperspektiven ausgesprochen optimistisch ein.

Denn dank guter Konjunktur und Rekordbeschäftigung machen sich weitaus weniger Menschen als noch vor zehn Jahren Sorgen um den eigenen Job. Andererseits glauben die Menschen trotzdem, dass es in der Gesellschaft und besonders am Arbeitsmarkt immer unfairer zugehe.

Entsprechend gering ist der Widerstand gegen das permanente Anschwellen des Sozialbudgets. Und die meisten Menschen sind geneigt, einem Politiker zu glauben, der ihnen einredet, sie hätten berechtigten Anspruch auf mehr Leistungen. Das gilt für Eltern wie für Kinderlose, für Arbeitnehmer wie für Rentner oder Unternehmer gleichermaßen.

Denn fast jeder hat das Gefühl, zu viel in den großen Umverteilungstopf zu zahlen und entsprechend ein Recht auf eine größere Gegenleistung zu haben. Sei es in Form einer neuen oder höheren Rentenleistung, einer subventionierten Sozialmiete oder einer Aufstockung des Kindergeldes.

Vertrauen ins System droht zu erodieren

Im Wettbewerb um Wählerstimmen nähren die Parteien bewusst die Zweifel am bestehenden sozialen Ausgleich und überbieten sich gleichzeitig mit den Versprechen neuer Wohltaten. Diese Strategie zur Wählerstimmenmaximierung ist überaus gefährlich.

Nicht nur wirtschaftlich nimmt das Land auf Dauer Schaden, wenn immer mehr Milliarden verteilt werden, die der Staat über Steuern und Abgaben den Bürgern zuvor wegnehmen muss.

Und auch die Alternative der Großzügigkeit auf Pump über eine höhere Staatsverschuldung verlagert das wachsende Finanzierungsproblem lediglich in die Zukunft. Doch schlimmer noch als die ökonomischen sind die politischen Folgeschäden, wenn den Bürgern permanent das Bild einer unsozialen Gesellschaft vermittelt wird.

Auf diese Weise werden nicht nur Zweifel am Nutzen des bestehenden Wirtschaftssystems herangezüchtet. Auch das Vertrauen in das politische System droht zu erodieren.

Warum sollten die Bürger glauben, dass die Parteien der Mitte, die schließlich seit Jahrzehnten die Geschicke des Landes bestimmen, in der Lage sind, die von ihnen selbst beklagten gesellschaftlichen Zustände zu verbessern?

Wer der Mittelschicht einredet, dass ihr der soziale Abstieg droht, treibt sie politischen Rattenfängern in die Arme. Wer behauptet, nur die wirtschaftlich Schwachen wählten immer häufiger die populistischen Parteien am rechten und linken Rand, lügt sich in die Tasche.

Die AfD hat ebenso wie die Partei der Linken viele Anhänger in der Mitte. Und auch der linke Flügel der Grünen vertritt in Wirtschaftsfragen keineswegs gemäßigte Positionen, sondern betreibt eine Hatz auf „die Reichen“ – und das links-liberale Bürgertum spendet Applaus.

Mehr Marktwirtschaft, weniger Ideologie

Dass schon heute die wohlhabendsten zehn Prozent der Haushalte fast die Hälfte der gesamten Einkommensteuer tragen, wird schlicht ignoriert. Auch lässt man sich in seinem Lamentieren über den angeblichen Unsozialstaat nicht von nüchternen Daten irritieren.

Seit 2005 geht die Einkommensschere nicht mehr auseinander, sondern hat sich vielmehr wieder leicht geschlossen. Selbst die Finanzkrise konnte der Mittelschicht nichts anhaben.

Dagegen hatte es in den Jahren um die Jahrtausendwende in der Tat wachsende Sozialprobleme gegeben. Damals herrschte Massenarbeitslosigkeit und Stagnation. Doch Rentenreformen und die Liberalisierung des Arbeitsmarktes im Zuge der Agenda 2010 haben die Wachstumskräfte belebt – zum Nutzen der gesamten Bevölkerung.

Das Erfolgsrezept bestand aus mehr Marktwirtschaft und einer ideologiefreien pragmatischen Politik, die auf mehr Eigenverantwortung des Einzelnen statt auf den omnipotenten Wohlfahrtsstaat setzte.

Es ist tragisch, dass auch die hiesigen Volksparteien den international viel beneideten Erfolg Deutschlands nicht offensiv verteidigen, sondern stattdessen überall Gerechtigkeitsprobleme ausmachen.

Union stemmt sich gegen die Sozialstaatsgläubigen

Entsprechend ist die wirtschaftspolitische und soziale Strategie, auf die Bundeskanzlerin Angela Merkel nunmehr seit elf Jahren setzt, vor allem eine Demontage der Agenda 2010.

Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit hat bereits erheblich gelitten. So rutschte die Bundesrepublik nach dem Urteil des renommierten Schweizer Institute for Management Development (IMD) binnen zwei Jahren vom sechsten auf den zwölften Platz ab.

Sollte die ungewöhnlich lange Aufschwungphase, die nicht zuletzt auf dem Optimismus der hiesigen Konsumenten basiert, irgendwann enden, wird sich der wirtschaftspolitische Irrweg böse auswirken.

Denn eine übermäßige Regulierung des Arbeitsmarktes und die überbordenden Soziallasten zeigen ihre verheerende Wirkung immer in wirtschaftlichen Schwächephasen.

Dies kann man derzeit im Süden Europas eindrucksvoll sehen. Der Wirtschaftsflügel der Union stemmt sich jetzt mit einem ambitioniertenSteuerentlastungskonzept gegen die parteiübergreifende Übermacht der Sozialstaatsgläubigen.

Die Partei sollte diesen von vielen Bürgern ersehnten Impuls aufgreifen. Glaubhaft kann sie allerdings nur dann eine Entlastung versprechen, wenn sie sich mit sozialen Wohltaten zurückhält.

http://www.welt.de/debatte/kommentare/article157580562/Von-wegen-Unsozialstaat-den-Deutschen-geht-es-gut.html

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08.08.2016

Die Einkommensungleichheit ist in Deutschland heute „weit höher“ als noch vor 20 Jahren

Hans-Böckler-Stiftung geht davon aus, dass „Ausmaß der Ungleichheit insgesamt unterschätzt wird“

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Eine Einkommensungleichheit, die in Deutschland höher ist als noch vor 20 Jahren, Millionen Menschen, die in Deutschland in Armut leben, und eine Wirtschaft, die durch diese Entwicklung gehemmt wird: Die Hans-Böckler-Stiftung hat sich mit der sozialen Ungleichheit in Deutschland und den sich daraus ergebenden Folgen auseinandergesetzt und relevante Quellen ausgewertet.

„Nimmt die soziale Ungleichheit in Deutschland zu? Bremst oder fördert Ungleichheit das Wachstum der Wirtschaft? Wie sollen wir mit Ungleichheit in der Zukunft umgehen?“ Diesen Fragen sind Wissenschaftler des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) und des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung nachgegangen. Ihre Ergebnisse, die auf einer zusammenfassenden Auswertung bisheriger Forschungen zu dem Thema beruhen, lassen aufhorchen.

Die Einkommensungleichheit ist in Deutschland demnach heute „weit höher“ als noch vor 20 Jahren. Insbesondere sei „zwischen 1999 und Mitte der 2000er Jahre … die Ungleichverteilung der verfügbaren Haushaltseinkommen deutlich“ angestiegen. Die Einkommensungleichheit habe zwar 2005 zunächst ihren Höhepunkt erreicht, worauf eine Phase folgte, in der der Anstieg sich nicht fortgesetzt habe bzw. leicht zurück gegangen sei. Allerdings: Seit 2010 steige, laut Hans-Böckler-Stiftung, die Ungleichheit wieder an und „trotz zwischenzeitlicher Erholungsphasen zeigt der langfristige Trend der Einkommensungleichheit … nach oben“. In der Eurozone ist Deutschland das Land mit der zweithöchsten Vermögensungleichheit.

Die Wissenschaftler verweisen überdies darauf, dass sehr hohe Einkommen „tendenziell untererfasst“ seien, da „superreiche Haushalte relativ selten und oft sehr auf Diskretion bedacht sind“. Sie gehen daher davon aus, „dass das Ausmaß der Ungleichheit insgesamt unterschätzt wird.“

Gespalten ist die Wissenschaft allerdings bei der Frage, welche Auswirkungen Einkommensungleichheit auf das Wachstum der Wirtschaft hat. Die Analysten des WSI und IMK machen darauf aufmerksam, dass Studien, die vor der globalen Finanz- und Wirtschaftskrisen erstellt wurden, häufig „keinen klaren Zusammenhang“ diesbezüglich finden konnten. Aber in der wissenschaftlichen Debatte sei „zuletzt zunehmend die Position vertreten“ worden, „dass wachsende Einkommensungleichheit einen merklich negativen Einfluss auf die gesamtwirtschaftliche Entwicklung“ habe.

Die Wissenschaftler verweisen auf eine Untersuchung aus dem Jahr 2014, wonach das Wirtschaftswachstum in einem Land wie Deutschland bei gleichbleibender Einkommensungleichheit zwischen den Jahren 1990 und 2010 „rund ein Fünftel höher gewesen wäre“. Laut der angeführten Untersuchung des Wirtschaftswissenschaftlers Frederico Cingano, werde „das Wirtschaftswachstum hauptsächlich dadurch gebremst…, dass untere Einkommensgruppen bei steigender Ungleichheit weniger in Bildung investieren können, wodurch die soziale Mobilität und die Entwicklung des Humankapitals geschwächt“ würden.

Die Hans-Böckler-Stiftung hebt auch hervor, dass die Gruppe derjenigen Menschen in Deutschland, die nur über ein verhältnismäßig geringes Einkommen verfügen, beträchtlich ist.

Die Auswertung der Wissenschaftler lässt den Schluss zu: Armut in Deutschland existiert. Seit Anfang der 1990er Jahre sind in Deutschland immer mehr Menschen von Armut betroffen. Insbesondere in den 2000er Jahren sei ihr Anteil im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung stark angestiegen. Im Jahr 2009 habe die Armutsquote bei 15 Prozent gelegen. Anders gesagt: 2009 lebte jeder sechste Einwohner in Armut. „Das entspricht ca. 12,5 Millionen Menschen“, so die Wissenschaftler von WSI und IMK. Trotz „guter konjunktureller Lage“ und „steigender Erwerbstätigkeit“ habe sich an den Verhältnissen kaum etwas geändert.

Die Wissenschaftler legen ihrer Auffassung den Begriff der „relativen Armut“ zugrunde. Demnach gelte als arm, „wer weniger als 60 Prozent des mittleren äquivalenzgewichteten Nettohaushaltseinkommens zur Verfügung“ habe.

http://www.heise.de/tp/artikel/49/49070/1.html

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25.01.2016

Deutschlands Arme werden immer ärmer

Die reichsten zehn Prozent der Deutschen besitzen mehr als die Hälfte des gesamten Vermögens. Die ärmste Hälfte der Bevölkerung verfügt dagegen über immer weniger Vermögen. Langfristig hat sich die Kluft zwischen arm und reich deutlich vertieft.

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Vermögen ist in Deutschland weiter sehr ungleich verteilt. Zwar hat sich der Trend, wonach die reichsten zehn Prozent der Bevölkerung über mehr als die Hälfte des deutschen Nettovermögens verfügen, kurzfristig abgeschwächt. In den Jahren 2008 bis 2013 sank deren Anteil am gesamten Vermögen um einen Prozentpunkt auf knapp 52 Prozent. Die ohnehin vermögensschwächere Hälfte der Bevölkerung allerdings wurde im gleichen Zeitraum noch ärmer; auf sie entfiel 2013 nur noch ein Prozent des gesamten Vermögens in Deutschland. Das geht aus einer neuen Einkommens- und Verbraucherstichprobe des Statistischen Bundesamtes hervor, die das Bundesarbeitsministerium in den 5. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung einfließen lassen will. Der Bericht soll im Lauf des Jahres 2016 vorgelegt werden.

Betrachtet man die seit 1998 erhobenen Daten, ist die Kluft zwischen Arm und Reich langfristig deutlich tiefer geworden. Damals gehörten den reichsten zehn Prozent der Bevölkerung nur etwa 45 Prozent des Vermögens, die untere Hälfte der deutschen Haushalte verfügte über knapp drei Prozent davon.

In der Realität könnte die gesellschaftliche Spaltung allerdings noch größer sein, als es die Zahlen aus der Stichprobe nahelegen. Das Bundesarbeitsministerium wies am Montag in Berlin auf die „begrenzte“ Aussagekraft der Daten hin, unter anderem, weil „die reichsten Haushalte nicht erfasst werden“. Milliardäre und Millionäre nehmen kaum an Umfragen teil. Zudem gibt es Lücken bei der statistischen Erfassung von Kapitaleinkommen wie Zinsen, Dividenden oder Spekulationsgewinnen, die vor allem wohlhabenden Haushalten zufließen. Darauf hatten jüngst auch Forscher des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung und der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung aufmerksam gemacht.

Das Arbeitsministerium wies außerdem darauf hin, dass Deutschland im internationalen Vergleich eher schlechter abschneidet, weil der Anteil der Grund- und Immobilienbesitzer an der Bevölkerung im Vergleich zum Euro-Raum eher niedrig ist, und junge Erwachsene häufiger in eigenständigen Haushalten lebten, ohne wie ihre Eltern bislang schon Vermögen aufbauen zu können. Deshalb erscheine das Vermögen in Deutschland weniger gleichmäßig verteilt.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund forderte wegen der starken Konzentration von Privatvermögen in Deutschland, Kapitalerträge und Erbschaften höher zu besteuern. DGB-Chef Reiner Hoffmann sagte am Montag in Berlin, „es ist Unfug“, dass Menschen für ihre Arbeit mit bis zu 42 Prozent des Einkommens besteuert würden, während auf Kapitaleinkommen lediglich 25 Prozent Steuern entfielen. Allerdings könne die wachsende Spaltung in Reiche und Arme nicht in Deutschland allein bekämpft werden, sagte Hoffmann. Durch unterschiedlich hohe Steuersätze in den Mitgliedsländern gehe in der Europäischen Union pro Jahr eine Billion Euro durch Steuerflucht verloren. Ein Großteil davon entfalle auf Deutschland.

http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/soziale-ungleichheit-deutschlands-arme-werden-immer-aermer-1.2833313

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21.05.2015

Deutschland steht gut da: In diesen Ländern geht es viel ungerechter zu als bei uns

Die wirtschaftliche Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte kennt zwei Geschwindigkeiten: Hier die bestens ausgebildeten Gutverdiener, deren Anteil am Kuchen immer weiter wächst – dort die Niedriglöhner, die bei der Einkommensentwicklung hinterherhinken und nur wenig vom Wachstum abbekommen.

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„Wir haben einen Wendepunkt erreicht. Noch nie in der Geschichte der OECD war die Ungleichheit in unseren Ländern so hoch wie heute„, sagt der Chef des Industrieländerclubs, Angel Gurría. Sie ist in den vergangenen 30 Jahren stetig angestiegen.

Riesige Kluft zwischen Arm und Reich

Ein Bericht der Organisation fasst die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich in Zahlen: Die reichsten zehn Prozent verdienen in den Industriestaaten heute im Schnitt fast zehnmal so viel wie die ärmsten zehn Prozent.

Damit ist die Einkommenslücke binnen einer Generation um fast 40 Prozent gewachsen – in wirtschaftlich guten Zeiten ebenso wie in Krisenjahren. Deutschland liegt im Mittelfeld, auch hier ist die Lücke aber gewachsen. Und bei der Verteilung des Vermögens ist das Gefälle noch deutlich größer. 

40 Prozent der Deutschen profitieren nicht

Obwohl es Deutschland wirtschaftlich gut geht, ist die Ungleichheit in den vergangenen Jahren stark angestiegen. Vor allem die unteren 40 Prozent der Haushalte haben vom Wachstum in Deutschland nicht profitiert, schreiben die OECD-Experten in ihrer Studie.

Die reichsten zehn Prozent der Deutschen besitzen dem Bericht zufolge 60 Prozent der Nettohaushaltsvermögen – im OECD-Schnitt liegt diese Quote bei lediglich 50 Prozent. Die unteren 60 Prozent der Bevölkerung kommen in Deutschland lediglich auf sechs Prozent des gesamten Haushaltsvermögens. 

Gerade die Mittelschicht blutet aus

Prekär daran: Hier handelt es sich nicht nur um arme Menschen, sondern auch um den unteren Teil der Mittelschicht, also etwa Facharbeiter. Eben diese Mittelschicht, die jetzt langsam abgehängt wird, galt lange als Wachstumsmotor der deutschen Volkswirtschaft.

Immerhin: Die Armutsquote in Deutschland ist seit 2007 stabil geblieben. Ebenfalls positiv: Deutschland ist während der Finanz- und Wirtschaftskrise anders als die Mehrzahl der anderen OECD-Länder nicht weiter abgerutscht.

Ein Armutszeugnis für Deutschland“

Kritisch bewertet die OECD den hohen Anteil an Teilzeit-Jobs, befristeten Beschäftigungen oder selbstständiger Arbeit. Eine solche sogenannte atypische Beschäftigung übten im Jahr 2013 in Deutschland fast 40 Prozent aller Beschäftigten aus. Sie verdienen demnach deutlich weniger als Normalbeschäftigte.

Der OECD-Sozialbericht ist ein Armutszeugnis für Deutschland. In einem der wohlhabendsten Länder der Welt ist die Ungleichheit der Einkommen und Vermögen größer als in vielen anderen Industriestaaten – dagegen brauchen wir mehr Verteilungsgerechtigkeit. Die stetig zunehmende Ungleichheit ist nicht nur eine Gefahr für den gesellschaftlichen Zusammenhalt, sie schadet auch der ökonomischen Entwicklung“, sagt Stefan Körzell DGB-Vorstandsmitglied.

Wer finanziell zurückliegt, kann seine Fähigkeiten nicht entfalten

Interessant an der OECD-Studie ist vor allem, dass sie nicht allein auf die sozialen Folgen des Lohngefälles abzielt, sondern volkswirtschaftlich argumentiert. Denn wer finanziell soweit zurückliege, könne auch nicht all seine Fähigkeiten entfalten – und somit auch weniger zum Bruttoinlandsprodukt beitragen.

„Die Ergebnisse zeigen, dass hohe Ungleichheit schlecht für das Wachstum ist“, sagt Gurría. Die Experten schätzen, dass OECD-Staaten somit zwischen 1985 und 2005 ein Wachstum von fünf Prozentpunkten entging. 

Müssen hohe Vermögen stärker besteuert werden?

Was also tun gegen die wachsende Ungleichheit? Der französische Ökonom Thomas Piketty forderte als Konsequenz eine rigorose Vermögensbesteuerung – was ihm prompt den Vorwurf der Ideologie einbrachte: Marktliberale Volkswirte halten zu hohe Steuern für investitionsschädlich.  

Die OECD-Vorschläge sind da weitaus konsensfähiger. Doch auch sie haben das Steuersystem als einen Ansatzpunkt ausgemacht. Die höchsten Steuersätze seien in den vergangenen Jahrzehnten gesenkt worden. „Die Politik muss sicherstellen, dass wohlhabendere Privatleute, aber auch multinationale Firmen ihren Anteil an der Steuerlast bezahlen“, heißt es in dem Bericht. Eine Forderung, die von Gewerkschaften gleich gutgeheißen wurde. 

Ungleichheit ist tief verankert

Allerdings: Alleingenommen sei Umverteilung weder effektiv noch nachhaltig, so die OECD-Experten. Sie empfehlen daneben unter anderem, mehr Frauen in den Arbeitsmarkt zu bringen und dafür zu sorgen, dass sie gleich bezahlt werden wie Männer. Chancengleichheit am Arbeitsmarkt und mehr Investitionen in die Bildung sind weitere Punkte auf der To-Do-Liste, die sie der Politik an die Hand geben.

„Wir müssen die Debatte darauf konzentrieren, wie Wachstumsgewinne verteilt werden“, sagt Gurría. Der Bericht macht aber auch klar, dass eine Umkehr keine leichte Aufgabe ist: „Weil der Anstieg der Ungleichheit so tief in unseren Wirtschaftsstrukturen verankert ist, wird es hart sein, ihn umzukehren.“

http://www.focus.de/finanzen/news/konjunktur/oecd-auswertung-zur-armutsverteilung-deutschland-steht-gut-da-in-diesen-laendern-geht-es-viel-ungerechter-zu-als-bei-uns_id_4698701.html

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04.04.2015

So arm ist Deutschland wirklich!

Wer ist arm? Kann man Armut überhaupt messen? Und wenn ja, wie? Forscher haben nun analysiert, wer in Deutschland arm und wer reich ist. Die Experten kommen auf erstaunliche Ergebnisse.

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Wer ist arm? Und wie kann man Armut messen? Diese Fragen bewegen die Republik, seit Sozialministerin Andrea Nahles (SPD) ankündigte, die Definition von Armut verändern zu wollen. Der Ansatz, wonach jeder mit weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens als arm gelte, „führt leider schnell in die Irre“, sagt Nahles. Es handele sich um eine relative Größe, die zwar die Spreizung der Einkommen zeige – aber nicht die absolute Armut.

Aussagen wie die des Paritätischen Wohlfahrtsverbands, wonach die Armut in Deutschland einen historischen Höchststand erreicht habe, weist Nahles deshalb zurück. Mit solchen Berechnungen laufe die Politik Gefahr, den Blick für die wirklich Bedürftigen zu verlieren. Der Verband hatte in seinem Armutsbericht geschrieben, 2013 seien rund 12,5 Millionen Menschen in Deutschland arm gewesen. Die Sozialleistungen müssten daher deutlich erhöht und im Gegenzug große Vermögen und Einkommen stärker als bisher zur Finanzierung des Sozialstaats herangezogen werden, forderte der Verband.

Das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW Köln) hält nun mit eigenen Zahlen dagegen. Die Forscher haben analysiert, wer 2014 in Deutschland arm und wer reich war, wer wie viele Steuern zahlte und wer welche Sozialleistungen erhielt. Die Daten liegen der „Welt“ vor. Ergebnis: Bei dem Anteil der Armen an der Bevölkerung kommt das IW auf ähnliche Zahlen wie der Paritätische Wohlfahrtsverband.

Ab 4445 Euro netto ist man reich

Allerdings gibt es einen gravierenden Unterschied: Das IW hält das jetzige Maß an Umverteilung für mindestens ausreichend. So seien nur 3,5 Prozent aller Deutschen laut IW reich. Diese kleine Gruppe trage aber schon jetzt einen großen Beitrag zur Finanzierung des Sozialstaats bei: „Saldiert man die betrachteten Transfers, Renten und Abgaben, dann bekommt ein Single der unteren Einkommensschicht durchschnittlich 414 Euro vom Staat, ein Einkommensreicher zahlt knapp 3000 Euro im Monat“, sagt IW-Forscherin Judith Niehues.

Das IW stützt sich bei seinen Zahlen auf die herkömmliche Armutsdefinition. Demnach ist ein kinderloser Single arm, der im Monat weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens in Höhe von 1778 Euro verdient. Das sind 1067 Euro. Nach dieser Definition sind laut den IW-Zahlen 14,7 Prozent aller Deutschen arm. Der Paritätische Wohlfahrtsverband kam in seinem Report auf eine Armutsquote von 15,5 Prozent.

Die Unterschiede erklären sich unter anderem dadurch, dass die beiden Untersuchungen auf unterschiedlichen Datensätzen beruhen. Reich ist in Deutschland laut dem IW Köln, wer im Monat netto 4445 Euro in der Tasche hat. Das sind 3,5 Prozent der Bevölkerung. Zwischen Arm und Reich gebe es nach wie vor eine stabile Mittelschicht: Rund 49 Prozent der Bevölkerung gehörten zur Mitte „im engeren Sinne“. Das heißt, sie verdienen zwischen 80 und 150 Prozent des mittleren Einkommens von netto 1778 Euro im Monat.

Mittelschicht schrumpft nicht

Daneben franst sich die Mittelschicht in zwei gleich große Blöcke aus: 16,6 Prozent gehören zur einkommensschwachen Mitte. Diese Haushalte erzielen 60 bis 80 Prozent des mittleren Einkommens. 16,3 Prozent der Bevölkerung bilden laut IW die einkommensstarke Mitte. Sie verdienen zwischen 150 und 250 Prozent eines Durchschnittsverdieners. Seit vielen Jahren seien diese Anteile mehr oder weniger konstant. Von einer „schrumpfenden Mittelschicht“ oder „Abstiegssorgen der Mitte“ kann laut IW daher keine Rede sein.

Im Gegenteil: Seit dem Jahr 2005 weise die Mitte eine bemerkenswerte Stabilität auf. Vor allem aber geht aus Sicht der IW-Forscher aus den Zahlen hervor, dass in Deutschland schon kräftig von oben nach unten umverteilt wird. „Die Reichen – dazu gehören gerade einmal 3,5 Prozent der Bevölkerung – verfügen zwar über einen deutlich überdurchschnittliches Einkommen, zahlen aber auch beinahe 25 Prozent des Einkommensteueraufkommens“, sagt Niehues.

Allerdings zeigen die Zahlen auch, dass Gutverdiener bei den Abgaben gut wegkommen. So tragen die Reichen in Deutschland nur sechs Prozent zum Gesamtaufkommen der Sozialbeiträge bei. Dies liegt an der Deckelung der Sozialbeiträge ab einer bestimmten Einkommenshöhe. Die einkommensstarke Mittelschicht steuert dagegen 27,8 und die mittlere Mittelschicht 53,6 Prozent bei.

Internationale Organisationen wie die OECD kritisieren schon lange, die deutsche Mittelschicht leide besonders unter den Sozialbeiträgen. Doch die Debatte über Entlastungen dreht sich in Deutschland ausschließlich um Steuern, etwa dem Abbau der kalten Progression. Bei diesem Effekt kann durch das Zusammenspiel aus höherem Steuertarif und Inflation der Gehaltszuwachs von Arbeitnehmern aufgefressen werden. Die Sozialbeiträge spielen dagegen anders als noch vor zehn Jahren in der öffentlichen Debatte überhaupt keine Rolle mehr.

http://www.n24.de/n24/Nachrichten/Politik/d/6419048/so-arm-ist-deutschland-wirklich-.html

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03.04.2015

Wer in Deutschland arm ist

Es ist eine bissige Debatte darüber entstanden, was „richtige“ Armut in Deutschland ist. Sie geht am Thema vorbei. Die deutschen Armen sind arm, weil sie ausgeschlossen sind aus einer Welt, die sich nur den Situierten entfaltet.

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Wie kann man Armut messen? An der Länge der Schlange vor den Geschäften, in denen es das billige Brot von gestern zu kaufen gibt? Oder ist der Mensch womöglich erst dann arm, wenn er in Mülltonnen wühlen muss? Ist also dann die Not derer, die jeden Cent dreimal umdrehen müssen und die samt ihren Kindern nur knapp irgendwie über die Runden kommen, keine richtige Not?

Es ist eine bissige Debatte darüber entstanden, was „richtige“ Armut in Deutschland ist. Seitdem der Paritätische Wohlfahrtsverband seinen neuen Armutsbericht vorgelegt, den Anstieg der Armutsquote auf 15,5 Prozent gemeldet und konstatiert hat, dass die „soziale Zerrissenheit“ in der Bundesrepublik noch nie so tief gewesen sei, werden die Berechnungsmethoden attackiert, die solchen Feststellungen zugrunde liegen. Die Armutsrechnerei, so wird kritisiert, sei in einem reichen Land ein statistischer Schmarren – was sich schon aus folgender Überlegung ergäbe: Wenn alle Menschen auf einen Schlag 100-mal so viel verdienten, würde der Armutsbericht trotzdem beim Anteil von 15,5 Prozent Arme bleiben. Ist das die Entlarvung von statistischem Irrwitz? Die Kritik verkennt, dass die Preise dann entsprechend stiegen, sich an der Kaufkraft also wenig ändern würde.

Die neue Armutsdebatte ist eine hochpolitische Glaubwürdigkeitsdebatte. Sie wird ausgetragen zwischen denen, die Armut in Deutschland für ein aufgeblasenes Schreckensszenario halten, und denen, die die Realität aus täglicher Arbeit kennen. Deutschland ist ein reiches Land; trotzdem gibt es immer mehr Armut. Man sieht sie nicht, wenn man sie nicht sehen will. Schon vor Jahren hat ein Industriefunktionär am Rande einer Spendengala für Opfer einer Naturkatastrophe räsoniert, er könne angesichts des Elends anderswo das Gejammer über Armut hierzulande nicht mehr hören. Gewiss: Es stimmt, dass die deutschen Armen Krösusse wären in Kalkutta. Aber: Armut muss man beziehen auf die Gesellschaft, in der man lebt. Die deutschen Armen sind arm, weil sie ausgeschlossen sind aus einer Welt, die sich nur einigermaßen Situierten entfaltet. „Arm zu sein unter Armen mag vielleicht noch zum Aushalten sein. Arm zu sein unter protzenhaften Reichtum – das ist unerträglich“. So stand es in einem Brief an den Münchner OB.

Anerkennung der Bedürftigkeit verloren

Verglichen mit dem Elend in Mombasa oder Kalkutta sind deutsche Arme komfortabel ausgestattet. Sie verhungern nicht; Armut hierzulande ist selten eine Kalorienfrage. Aber daraus ergibt sich auch das Bittere für die Bedürftigen in Deutschland: Sie haben die Anerkennung ihrer Bedürftigkeit verloren. Deswegen kann so getan werden, als seien die Langzeitarbeitslosen an ihrer Situation selbst schuld. Deshalb können die relativ Armen als relativ faul diskreditiert werden. Warum ist das so? Es gibt politischen Überdruss an ihrer Not. Und es gibt das Bestreben, den Niedriglohnsektor im Exportland Deutschland zu erhalten.

Der frühere Generalbundesanwalt Kay Nehm hat schon 2006, kurz vor dem Ende seiner Amtszeit, vor dem „Auseinanderdriften der Gesellschaft“ gewarnt. Der Gegensatz von Gewinnern und Verlierern ist elementarer denn je. Der Politologe Franz Walter hat das so beschrieben: „Die einen betrinken sich mit Hansa-Pils, die anderen entspannen sich beim Brunello; die einen nächtigen in Fünf-Sterne-Hotels, die anderen machen es sich notgedrungen auf dem Balkon oder im nahegelegenen Campingplatz gemütlich“. Das klingt klischeehaft. Dann schaut man in die Erhebungen von Jugendforschungsinstituten und stellt fest, dass Kinder aus unteren Schichten über keine Erfahrungen mit Ausflügen, Reisen oder Radtouren verfügen. Ihre Altersgenossen aus betuchten Familien haben die Welt schon gesehen und Sprachkurse absolviert.

Armut heute hat viele Gesichter: da ist der Gelegenheitsarbeiter; der wegrationalisierte Facharbeiter; der arbeitslose Akademiker; da sind die schon immer zu kurz gekommenen am Rand der Gesellschaft; da ist die alleinerziehende Mutter, da sind die Einwandererkinder, die aus dem Ghetto nicht herausfinden; da sind Hartz-IV-Empfänger; da sind dreihunderttausend Obdachlose; und die neuen Alten, die Dementen, die zu wenig Hilfe erhalten. Im „neuen Unten“ bleiben die Leute für sich: netzwerkunfähig, vereinsamt. Der Vereinsamungszirkel verschwindet nicht, nur weil eine große Koalition regiert.

Armutsberichte stellen die Glaubwürdigkeit der Erfolgsmeldungen infrage – schwarze Null, sinkende Arbeitslosigkeit, hohes Steueraufkommen; alles ist ja, angeblich, gut wie schon lange nicht mehr. Aber: Armut hört nicht auf, nur weil die Politik ihrer überdrüssig ist und weil sie einem nicht mehr in den Kram passt.

http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/debatte-um-armut-wer-in-deutschland-arm-ist-1.2419798

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27.03.2015

In Deutschland herrscht gar nicht so viel Armut

In Deutschland gibt es immer mehr Armut? Gegen diese Erzählung gibt es immer mehr Opposition. Jetzt stellt sich auch die Sozialministerin dagegen.

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In Deutschland gibt es immer mehr Armut – so schrieb es der Paritätische Wohlfahrtsverband im Februar. Seine Rechnung: Arm ist, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Nettoeinkommens zur Verfügung hat, für eine vierköpfige Familie wären das derzeit 1873 Euro im Monat. Das ist ein „relativer Armutsbegriff“. In dieser Rechnung würde die Armut nicht einmal verringert, wenn alle Deutsche plötzlich das Doppelte verdienten.

Dafür hat der Wohlfahrtsverband viel Kritik bekommen. Jetzt stellt sich selbst Bundessozialministerin Andrea Nahles (SPD) gegen diese Wahrnehmung. „Der Ansatz führt leider schnell in die Irre“, sagte sie der Süddeutschen Zeitung. Es handele sich um eine relative Größe, die zwar die Spreizung der Einkommen zeige, aber nicht die absolute Armut.

Mit solchen Berechnungen laufe die Politik und die Gesellschaft Gefahr, den Blick für die wirklich Bedürftigen zu verlieren. „Es gibt zum Beispiel mehr illegale Einwanderer und sehr viele jüngere Erwerbsgeminderte, da haben wir es mit wirklicher Armut zu tun.“

Ende 2016 oder Anfang 2017 will sie den fünften Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung vorlegen. Darin werde ihr Haus darlegen, welche Auswirkungen Reichtum für die Gesellschaft habe oder welchen Einfluss Vermögende und Eliten auf politische Entscheidungen und gesellschaftliche Diskurse nähmen, sagte Nahles. „Ich glaube, da gibt es viele Vermutungen, oft auch Vorurteile“, erklärte die SPD-Politikerin.

In diesem Artikel ist folgende Korrektur vorgenommen: Ursprünglich hieß es, die Armutsschwelle des Wohlfahrtsverbands liege bei 60 Prozent des durchschnittlichen Nettoeinkommens. Tatsächlich sind es 60 Prozent des Median-Einkommens.

http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftspolitik/andrea-nahles-gegen-den-relativen-armutsbegriff-13508843.html

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21.02.2015

Falsch berechnet

Der Paritätische Wohlfahrtsverband sieht den Nordosten Deutschlands als Armenhaus. Doch die Realität sieht anders aus, als es die Zahlen vermuten lassen.

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Wer mit dem Rad auf der beliebten Strecke von Berlin nach Kopenhagen fährt, kommt auch durch Mecklenburg-Vorpommern. Glaubt man dem Paritätischen Wohlfahrtsverband, ist die Tour eine ziemlich traurige Angelegenheit. Demnach durchquert man das Armenhaus der Republik, eine Art großflächigen Ostküsten-Slum. Wie die Organisation in ihrem Armutsbericht feststellt, sind nämlich 24 Prozent der Menschen im Nordosten arm oder von Armut bedroht – nur Bremen ist ärmer dran. Jeder durch das Land radelnde Mensch müsste also betroffen in sich gehen und fragen, ob er hier nicht Armutstourismus betreibt.

Übertrieben? Total. Die Zahlen des Paritätischen widersprechen jeder gefühlten Realität. Mecklenburg-Vorpommern ist ein Land, in dem die Radwege besser in Schuss sind als manche Autobahn-Brücke in Westdeutschland. 25 Jahre nach der Wiedervereinigung glänzen die Innenstädte, sind die Dörfer rausgeputzt, die Vorgärten gepflegt. Vor den Häusern stehen Mittelklassewagen. Das Land hat seit langem einen ausgeglichenen Haushalt. So mancher von der Studie zum Armen erklärte Einwohner Mecklenburg-Vorpommerns würde den Autoren des Papiers wohl einen Vogel zeigen.

Wenn Statistik und Realität so sehr in Widerspruch stehen, spricht einiges dafür, dass mit der Statistik etwas nicht in Ordnung ist. Und so ist es auch. Der Verband verwendet bei seinen Berechnungen ein simples Modell. Es ist so einfach, dass es bei der Abbildung eines so komplexen Phänomens wie Armut scheitern muss. Denn Armut wird inzwischen weniger über Geld als über eine würdevolle Teilhabe an der Gesellschaft definiert.

Ansatz führt in die Irre

Im Modell des Wohlfahrtsverbands wird angenommen, dass die Armut bei Menschen anfängt, die weniger als 60 Prozent des mittleren Netto-Einkommens zur Verfügung haben. Dieser Ansatz ist geläufig, aber so derartig grob, dass er völlig in die Irre führt. Angenommen, alle Menschen in Deutschland würden auf einen Schlag 100 Mal so viel verdienen wie bisher. Der Wohlstand würde explodieren. Das Land und seine Einwohner wären reicher als jeder andere Staat der Welt. Doch nach den Zahlen des Paritätischen ginge es uns kein bisschen besser. Noch immer läge die rechnerische Armutsquote bei 15,5 Prozent. Der Grund: Am 60-Prozent-Verhältnis zwischen arm und reich hätte sich nichts verändert.

Auch unterscheiden sich die Lebensumstände der angeblich von Armut betroffenen Menschen erheblich. So gelten neben Hartz-IV-Empfängern auch Studenten als arm. In der Tat verdienen Hochschüler wenig, sie werden aber mit hoher Wahrscheinlichkeit nach ihrem Studium zu den Gutverdienern der Gesellschaft gehören. Es gibt viel zu beklagen an deutschen Unis. Aber niemand würde ernsthaft behaupten, sie würden nur von Armen besucht.

Völlig wertlos sind die errechneten Zahlen indes nicht. Sie sagen etwas über die Ungleichheit in der Gesellschaft. Im aktuellen Fall zeigen sie, dass die Löhne der allermeisten Menschen in Deutschland deutlich zugenommen haben, die Transferleistungen des Staates womöglich aber nicht entsprechend angepasst wurden. Auch das kann man aus gutem Grund beklagen. Es ist aber etwas völlig anderes als zu behaupten, die Armut in Deutschland habe zugenommen.

Schon seit Jahren kritisieren Statistiker deswegen den Armutsbericht des Paritätischen aus diesen Gründen. Es stellt sich die Frage, warum der Wohlfahrtsverband sie trotzdem jedes Jahr weiter publiziert. Die Antwort ist einfach – die Zahlen stützten seine Mission. Etwas böser kann man auch sagen: seinen Geschäftszweck.

http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/armut-in-deutschland-falsch-berechnet-1.2360605

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19.02.2015

Mehr junge Menschen wachsen ohne Hoffnung auf

Konzerngewinne sprudeln, und es herrscht Rekordbeschäftigung – doch Millionen sind trotzdem abgehängt. Experten fordern nun den Staat auf, die ihm zustehenden Steuern auch einzutreiben und zügig Armut zu bekämpfen.

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Angesichts einer wachsenden Kluft zwischen Arm und Reich in Deutschland fordern Gewerkschaften und Experten zügige Schritte gegen prekäre Beschäftigung. Fällige Steuern müssten zudem auch tatsächlich effektiv eingetrieben werden, sagte der Gießener Politikwissenschaftler und Armutsforscher Ernst-Ulrich Huster. Dann könne das Vermögen etwas gerechter verteilt werden. Aktuelle Entwicklungen bei der Armut in Deutschland stellt der Paritätische Gesamtverband am Donnerstag mit einer Studie „Die zerklüftete Republik“ in Berlin vor.

Deutschland ist ein reiches Land – im Schnitt werden hier über 30.000 Euro pro Jahr und Einwohner erwirtschaftet“, sagte Huster. „Doch acht Prozent der Bevölkerung sind völlig abgehängt, und zwischen 16 und 20 Prozent leben unterhalb der Armutsgrenze.“ Gleichzeitig würden die Reichen laut den offiziellen Statistiken immer reicher. „Die obersten zehn Prozent verfügen über rund 53 Prozent des Vermögen.“ Manche Berechnungen gingen von mehr als 60 Prozent aus.

Über 42 Millionen Menschen in Deutschland sind zwar beschäftigt – ein Rekord“, sagte Huster. Doch es gebe verbreitet Armut trotz Arbeit. Rund die Hälfte der Neubeschäftigten hätten zudem zeitlich befristete Arbeitsverträge.

Annelie Buntenbach, DGB-Vorstandsmitglied, sagte: „Wer Armut bekämpfen will, muss vor allem den Arbeitsmarkt aufräumen.“ Der gesetzliche Mindestlohn dürfe nicht mit dem Argument der Vermeidung von Bürokratie unterhöhlt werden. „Prekäre Arbeit wie Leiharbeit und der Missbrauch von Werkverträgen muss zurückgedrängt werden.“

Huster erläuterte: „Die hohen Einkommen sind auf wenige Regionen verteilt, etwa die Regionen Hamburg, Düsseldorf, Köln, Frankfurt, Wiesbaden und München.“ Er sagte: „Im Ruhrgebiet ist die Autobahn 40 die Trennlinie – südlich herrscht überwiegend Wohlstand, nördlich überdurchschnittlich viel Armut.“

Höhere Steuern sieht der Wissenschaftler nicht als Bedingung für eine gerechtere Verteilung des Wohlstands an. „Vielmehr müssen die Steuern, die es gibt, auch eingezogen werden“, sagte er. „Reichere Bundesländer machen auch Wirtschaftsförderung durch Finanzämter und statten diese mit zu wenigen Steuerprüfern aus.“

Huster warnte vor den Folgen mangelnder Armutsbekämpfung: „Wir leben nicht in der Sahelzone. Aber es besteht das konkrete Risiko, dass auch in Deutschland immer mehr junge Menschen ohne Hoffnung nachwachsen. Viele kennen gar keine geregelte Beschäftigung, rutschen in Kriminalität ab oder gefährden sich durch Sucht.“

Buntenbach forderte gezielte Sozialleistungen für armutsgefährdete Kinder – auch wegen gestiegener Mieten. Gut sei, dass die Bundesregierung eine Wohngeldreform angehe. Wichtig sei zudem die anstehende Neufestsetzung von steuerlichen Kinderfreibeträgen und Kindergeld. „Jedes Kind ist gleich viel wert – das sollte der Staat beachten“, sagte sie. „Reichere Eltern durch die Freibeträge überproportional besserzustellen ist ungerecht und in Zeiten knapper Kassen erst recht nicht vertretbar.“

Bereits in seinem Jahresgutachten 2014 hatte der Paritätische Gesamtverband wachsende soziale Spaltung in Deutschland beklagt.

http://www.handelsblatt.com/politik/armut-mehr-junge-menschen-wachsen-ohne-hoffnung-auf/11393318.html

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04.02.2015

4,5 Millionen Hartz-IV-Empfänger bekommen zu wenig

Der Regelsatz für mindestens 4,5 Millionen Hartz-IV-Empfänger und deren Kinder ist zu niedrig berechnet. Nach Auffassung des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) bekommen sie bis zu 45 Euro zu wenig. Unter anderem werde die verdeckte Armut falsch berechnet.

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Statt aktuell 399 Euro stünden einem Leistungsempfänger damit eigentlich bis zu 444 Euro im Monat zu. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung, wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung am Mittwoch berichtet. Es sei eindeutig, dass die Regelsätze runtergerechnet werden, kommentierte Annelie Buntenbach, Vorstandsmitglied des Deutschen Gewerkschaftsbundes, die Ergebnisse der Untersuchung. „Das kann und muss sofort geändert werden“, sagte sie der Zeitung.

Der Regelsatz bildet mit den Zulagen für Wohnen und Heizen die Geldleistung für Hartz-IV-Empfänger, das Arbeitslosengeld II. Seit einem Urteil des Bundesverfassungsgerichtes 2010 orientiert sich die Höhe an der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe des Statistischen Bundesamtes. Maßgeblich ist der Verbrauch der unteren 15 Prozent der alleinstehenden Bevölkerung, wobei Hartz-IV-Empfänger herausgerechnet werden. Damit soll ein Zirkelschluss verhindert werden, bei dem Hilfsbedürftige an sich selbst gemessen werden.

Verdeckte Armut drückt den Regelsatz

Nicht herausgerechnet wird die „verdeckte Armut“. Dabei handelt es sich um Personen, die Hartz-IV-Leistungen in Anspruch nehmen könnten, dies aus Scham, Unwissenheit oder anderen Gründen aber nicht tun. Diese Gruppe verzerre das Bild zu Lasten der Hilfsbedürftigen, kritisiert Irene Becker, die Studien-Autorin der Böckler-Stiftung. Ohne die verdeckte Armut läge der Regelsatz nach ihren Berechnungen um 12 Euro im Monat höher. Rechne man weitere Restriktionen hinzu, die der Gesetzgeber bei der Neuberechnung 2011 vorgenommen hat, wie die Verkleinerung der Bezugsgruppe oder das Streichen von Ausgaben etwa für Tabak oder Schnittblumen, komme man auf die Gesamtdifferenz von 45 Euro im Monat.

http://www.focus.de/finanzen/news/arbeitslosengeld/hartz/falsche-regelsaetze-4-5-millionen-hartz-iv-empfaenger-bekommen-zu-wenig_id_4451747.html

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16.12.2014

Jeder Fünfte von Armut betroffen

Deutschlands ungute Quote

In Deutschland ist jeder Fünfte von Armut oder sozialer Ausgrenzung betroffen. Wenn die Politik daran nichts ändert, wird auch der Frust weiter wachsen. Abstiegsangst ist gefährlich für die Gesellschaft. Ein Kommentar.

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Es wird einfach nicht besser. Im vergangenen Jahr galten in Deutschland 16,2 Millionen Menschen als arm oder sozial ausgegrenzt, das hat das Statistische Bundesamt am Dienstag bekannt gegeben. Der Anteil

war mit 20,3 Prozent demnach sogar etwas höher als im Vorjahr (19,6 Prozent) und blieb damit seit 2008 (20,1 Prozent) etwa konstant.

An dieser Stelle liegt es nahe, zu relativieren. In der gesamten Europäischen Union war der Anteil armer oder sozial ausgegrenzter Menschen mit 24,5 Prozent deutlich höher als in Deutschland.

Außerdem ist Armut bei uns nicht dieselbe existenzielle Armut wie in Entwicklungsländern, auch das ist klar. Trotzdem: Auch wenn Armut in Deutschland nicht gleich Hunger bedeutet, steht sie doch für ein chancenarmes Leben.

Die deutschen Statistiken, die auf der Erhebung „Leben in Europa“ 2013 basieren, setzen sich aus den Prozentanteilen der armutsgefährdeten Bevölkerung (16,1 Prozent), der von erheblicher materieller Entbehrung betroffenen Bevölkerung (5,4 Prozent) und der Bevölkerung in Haushalten mit sehr geringer Erwerbsbeteiligung (9,9 Prozent) zusammen. Als arm oder sozial ausgegrenzt gilt per Definition eine Person dann, wenn eines oder mehrere der drei genannten Kriterien auf sie zutreffen.

Was hinter diesen Zahlen steckt? Kinder, die nicht mit auf Klassenfahrt fahren können. Erwachsene, die drei Jobs gleichzeitig haben und ihre Miete trotzdem nicht bezahlen können. Und Alte, deren Rente zwar zum Überleben aber lange nicht mehr zum Leben reicht. Deutschland gilt immer noch als Hochlohnland. Trotzdem werden auch hier seit Jahren Tarifverträge aufgelöst, junge Menschen in unbezahlten Praktika beschäftigt und Arbeiter mit Leih- oder Werkverträgen um sichere Beschäftigungsbedingungen gebracht. Die Politik bemüht sich – der Mindestlohn, neue Vorschriften für Leihverträge, die Änderungen zu Praktika ab 2017 – doch das ist immer noch zu wenig. Nichts ist so gefährlich für eine Gesellschaft wie die Angst vor dem Abstieg. Wer ein Fünftel der Menschen in Armut leben und den Rest fürchten lässt, es könnte ihm bald genauso gehen, der schafft eine Atmosphäre voller Misstrauen und Frust. Die kann Menschen auch anfällig für einfache Parolen machen. Einige treibt auch dieser Frust auf die Straßen von Dresden.

http://www.tagesspiegel.de/politik/jeder-fuenfte-von-armut-betroffen-deutschlands-ungute-quote/11125986.html

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09.12.2014

Kluft zwischen Arm und Reich bremst Deutschland

Die OECD stellt fest: Das BIP in Deutschland könnte fast sechs Prozent höher liegen – hätte sich nicht die Einkommensschere zwischen Arm und Reich seit den 80er Jahren so stark geöffnet. Es gibt aber noch einen Ausweg.

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Die Kluft zwischen Arm und Reich in Deutschland ist der Industriestaaten-Organisation OECD zufolge heute größer als vor 30 Jahren. Verdienten die reichsten zehn Prozent der Bevölkerung Mitte der 1980er-Jahre fünf Mal so viel wie die ärmsten zehn Prozent, liege das Verhältnis heute bei 7:1, hieß es in einem am Dienstag veröffentlichten Arbeitspapier.

Die OECD fordert die Politik in diesem zum Gegensteuern auf. „Unsere Analyse zeigt, dass wir nur auf starkes und dauerhaftes Wachstum zählen können, wenn wir der hohen und weiter wachsenden Ungleichheit etwas entgegensetzen„, sagte Generalsekretär Angel Gurria. „Der Kampf gegen Ungleichheit muss in das Zentrum der politischen Debatte rücken.“

Denn die gestiegene Einkommensungleichheit hemme die wirtschaftliche Entwicklung. Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf in Deutschland sei zwischen 1990 und 2010 inflationsbereinigt um etwa 26 Prozent gewachsen, so die OECD. Wäre die Ungleichheit auf dem Niveau von Mitte der achtziger Jahre verharrt, hätte das Plus um fast sechs Prozentpunkte höher ausfallen können.

Dafür sieht die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) vor allem einen Grund: Ärmere investieren in der Regel weniger in Bildung. Kinder aus sozial schwächeren Familien haben daher weniger Bildungschancen. „Wachsen und gedeihen werden vor allem jene Länder, die alles daran setzen, dass ihre Bürger von klein auf gleiche Chancen haben.“

Eine Umverteilung von oben nach unten mittels Steuern und Transfers sei nicht zwangsläufig wachstumsschädlich, solange entsprechende Maßnahmen zielgenau angewandt werden. Eine solche Verteilungspolitik müsse sich vor allem auf Familien mit Kindern sowie auf junge Menschen konzentrieren und deren Lernchancen verbessern.

http://www.handelsblatt.com/politik/konjunktur/nachrichten/oecd-studie-kluft-zwischen-arm-und-reich-bremst-deutschland/11092886.html

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09.12.2014

Immer mehr Menschen ohne Strom

Wenn die Rechnung nicht bezahlt wird, stellt der Energieversorger den Strom ab. Kein Einzelfall in Deutschland, wo bei steigenden Preisen Elektrizität für immer mehr arme Menschen unerschwinglich wird. Die Opposition fordert daher eine Grundversorgung für alle.

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Ohne Strom funktioniert in modernen Haushalten kaum noch etwas – die Beleuchtung nicht, das Telefon nicht, ebenso wenig Elektroherd, Fernseher oder Computer. Elektrizität ist die Voraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe und für Lebensqualität. Ein Leben ohne Strom ist kaum noch vorstellbar. Das sieht man besonders dann, wenn er doch mal ausfällt und die Leute plötzlich im Dunkeln sitzen. Viele bedienen dann instinktiv den Lichtschalter – bevor sie kurz nachdenken und sich auf die Suche nach Kerze und Streichhölzern machen.

Was aber ist, wenn man die Stromrechnung nicht bezahlen kann und der Versorger deshalb die Lieferung einstellt? Fast 345 000 Privathaushalten ist nach Angaben der Bundesnetzagentur im vergangenen Jahr zeitweise der Strom abgeklemmt worden. Gegenüber dem Vorjahr entsprach das einer Zunahme um gut 23 000 Fälle. Zugleich gab es rund sieben Millionen Mahnverfahren, in denen die Anbieter mit einer Stromsperre drohten. Beim Gas drehten die Lieferanten in rund 46 000 Fällen den Hahn zu. Etliche Kunden versäumen es einfach nur, rechtzeitig ihre Rechnungen zu begleichen. Aber es gibt auch viele, die sich dazu finanziell nicht in der Lage sehen.

Ein breites Bündnis aus Opposition und Verbraucherschützern macht sich deshalb nun dafür stark, zumindest in der kalten Jahreszeit Strom- und Gassperren einzuschränken, wenn nicht sogar zu verbieten. „Energiesperren im Winter sind eine unmittelbare Gefahr für Leib und Leben der Betroffenen und daher mit dem Sozialstaatsprinzip unvereinbar“, meint Aribert Peters, der Chef des Bundes der Energieverbraucher. Wenigstens zwischen dem 1. November und dem 15. März müssten solche Liefer-Unterbrechungen verboten werden.

Auch Grünen-Fraktionsvize Oliver Krischer sagt: „Es darf nicht sein, dass Menschen – vor allem im Winter – frieren müssen oder im Dunkeln sitzen.“ Die große Koalition müsse die Hürden für Energiesperren höher setzen und die Grundversorger anhalten, Ratenzahlungs-Vereinbarungen und spezielle Beratungsangebote anzubieten. „Während die Industrie üppige Befreiungen beim Strompreis erhält, sind die Ausgaben der Privathaushalte für Strom in den letzten Jahren um über 45 Prozent gestiegen. Auch beim Gaspreis gab es einen Anstieg von knapp 30 Prozent“, sagt Krischer. Es sei Aufgabe von Union und SPD, das Wahlkampfversprechen sozialverträglicher Energiepreise endlich umzusetzen.

Die Linksfraktion im Bundestag brachte in der vergangenen Woche zu dem Thema sogar einen Entschließungsantrag ein. „Stromsperren durch die Energieversorger aufgrund von Zahlungsunfähigkeit von Verbraucherinnen und Verbrauchern“ müssten gesetzlich untersagt werden, heißt es darin. Nach einer kurzen, aber heftigen Debatte im Plenum wurde er an die zuständigen Ausschüsse überwiesen. Vor allem die Union hält wenig von dem Vorstoß. Sie argumentiert, dass ein Verbot von Sperren förmlich zum Missbrauch einladen würde: Wer seine Rechnung nicht begleiche, müsse kaum mit Konsequenzen rechnen. Wer aber eine Leistung erbringe – also etwa Strom liefert – habe ein Recht darauf, dass diese bezahlt wird. Außerdem greife der Staat Hilfsbedürftigen auf vielfältige Weise unter die Arme und übernehme auch die Energiekosten. So seien im Hartz-IV-Regelsatz von rund 400 Euro Aufwendungen für Strom in Höhe von 30 Euro eingerechnet.

Tatsächlich ist es für die Energie-Anbieter gar nicht so leicht, säumigen Kunden die Strom- oder Gaslieferung zu verweigern. Jedes Stadtwerk und jeder Regionalversorger muss einen so genannten Grundversorgungstarif anbieten. Das ist keineswegs immer der billigste Tarif. Aber jedermann kann ihn in Anspruch nehmen – unabhängig von der persönlichen Bonität.

Zahlt ein Kunde seine Rechnung nicht, kann der Versorger laut Gesetz nur unter bestimmten Bedingungen eine Sperre verhängen. So müssen sich die offenen Rechnungen auf mindestens 100 Euro summieren. Etwaige Anzahlungen sind dabei zu berücksichtigen. Das gleiche gilt für schriftliche Widersprüche gegen Rechnungen oder Preiserhöhungen. Der Versorger ist überdies verpflichtet, die drohende Sperre mindestens vier Wochen im Voraus anzukündigen.

Drei Werktage vor der eigentlichen Liefer-Unterbrechung muss der Versorger nochmals dem Kunden Kontakt aufnehmen. Eine Sperre ist dann unzulässig, wenn der Kunde darlegt, dass eine „hinreichende Aussicht besteht, dass er seinen Verpflichtungen nachkommt“. Der Versorger darf auch nicht die Lieferung unterbrechen, wenn die Folgen „außer Verhältnis zur Schwere der Zuwiderhandlung stehen“. Ist etwa die Gesundheit von Kranken oder Kindern gefährdet, müssen Strom und Gas weiter fließen.

http://www.fr-online.de/politik/armut-immer-mehr-menschen-ohne-strom,1472596,29279580.html

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28.10.2014

Jeder Sechste ist gefährdet:

13 Millionen Deutschen droht Armut

Trotz der guten Konjunktur haben Millionen Deutsche so wenig Geld, dass sie in die Armut abrutschen könnten. Im Rest Europas sieht es allerdings weit schlimmer aus – besonders für Frauen.

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Trotz der vergleichsweise guten Lage am Arbeitsmarkt droht fast jedem sechsten Deutschen Armut. 13 Millionen Menschen waren laut dem Statistischen Bundesamt im Jahr 2013 gefährdet – rund 16,1 Prozent der Bevölkerung. Wer einen Job hat, gerät vergleichsweise selten in Bedrängnis. Hier sind nur 8,6 Prozent gefährdet, bei den Arbeitslosen sind es dagegen 69,3 Prozent.

Wirtschaftswachstum und Rekordbeschäftigung ändern kaum etwas an der Lage. Der Anteil der armutsgefährdeten Menschen liegt immer noch genauso hoch wie 2012. Besonders hoch ist das Risiko für Alleinerziehende, Singles und Frauen. 35,2 Prozent der Alleinerziehenden laufen laut den Zahlen Gefahr in die Armut abzurutschen, bei den Singles sind es 31,9 Prozent.

Kinder senken das Armutsrisiko: Nur 11,1 Prozent aller Familien mit einem Kind sind laut der Erhebung von Armut bedroht. Bei Familien mit zwei Kindern sind es sogar nur 8,5 Prozent. Das könnte daran liegen, dass viel mehr staatliche Leistungen an Familien fließen als an Singles.

Durch alle Altersgruppen hindurch sind Frauen viel gefährdeter als Männer. Bei den 18- bis 64-Jährigen gelten fast 18 Prozent der Frauen als von Armut bedroht, aber nur 16 Prozent der Männer. Noch deutlicher wird der Unterschied bei den über 65-Jährigen: Hier sind 17 Prozent aller Frauen, aber nur 12,7 Prozent aller Männer gefährdet. Ein Grund dafür könnte sein, dass Frauen durch Kindererziehungszeiten häufig viel geringere Rentenansprüche erwerben als Männer.

Armutsgrenze ist willkürlich

Festlegen wollen sich die Statistiker allerdings nicht: Sie erheben nur beschreibende Daten zur Armutsgefährdung, untersuchen in der Erhebung aber nicht, welche Faktoren zu Armut führen. Die höhere Armutsgefährdung von Frauen ist zwar auch europaweit die Regel. Die Ausnahme bilden allerdings Spanien, Portugal, Ungarn, Dänemark und Island: Hier haben Männer ein höheres Risiko in die Armut abzurutschen als Frauen.

Die Armutsgefahr ist allerdings in allen Ländern eher statistisch, nicht unbedingt real. Denn als gefährdet gilt bereits, wer weniger als 60 Prozent des Median-Einkommens der Gesamtbevölkerung verdient. Eingerechnet werden alle Transferleistungen des Staates wie Kindergeld, Wohngeld oder Hartz IV und Renten. Im Jahr 2013 lag der Schwellenwert in Deutschland für eine alleinlebende Person bei 979 Euro im Monat, für eine Familie mit zwei Kindern bei 2056 Euro monatlich.

Die Armutsgrenze von 60 Prozent des Medianeinkommens haben die EU-Staaten 2003 festgelegt, um die Lebensverhältnisse europaweit vergleichen zu können. Als willkürlicher Schwellenwert ist sie damit wie viele statistische Indikatoren angreifbar. Und so dramatisch die Zahlen scheinen: Im Rest Europas sieht es weit schlimmer aus als in Deutschland.

Die Armutsgefährdung liegt hierzulande mit 16,1 Prozent leicht unter dem europaweiten Durchschnitt von 16,7 Prozent. Spitzenreiter aller EU-Länder ist Griechenland: Hier sind 23,1 Prozent der Bevölkerung von Armut bedroht. Auch in Spanien, Italien, Portugal oder Polen liegt die Zahl höher. Frankreich, Großbritannien, Dänemark oder Norwegen schneiden hingegen deutlich besser ab. In Tschechien sind sogar nur 8,6 Prozent aller Einwohner armutsgefährdet, die niedrigste Quote in ganz Europa.

http://www.n-tv.de/wirtschaft/13-Millionen-Deutschen-droht-Armut-article13857846.html

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08.10.2014

Einkommen: In der Krise wächst die Ungleichheit zugunsten der Reichen

Über Jahrzehnte nahm die Ungleichverteilung der Einkommen in Deutschland zu. Nach 2007 schien der Trend jedoch vorerst gestoppt. Unter Ökonomen entbrannte ein heftiger Streit, ob dieser Stopp dauerhaft oder nur vorübergehend ist. Das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) hat herausgefunden, dass der Trend zur Ungleichheit nach wie vor besteht.

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Die Düsseldorfer Ökonomen fanden in ihrer Studie heraus, dass lediglich die schwache Konjunktur dafür sorgte, dass die Ungleichheit nach 2007 nicht weiter stieg, bei gutem Wirtschaftswachstum aber der Trend zu mehr Ungleichheit ungebrochen ist. Zu diesem Schluss kamen sie, als sie berechneten, welchen Einfluss die verschiedenen Einkommensquellen auf die Einkommensverteilung haben.

So wurden durch das Krisenjahr 2008 die Einkommen durch Vollzeiterwerbstätigkeit ungleicher verteilt, da viele Leute arbeitslos wurden. Auf der anderen Seite schwanken aber die Kapitaleinkommen, also die Einkommen aus Zinsen oder Unternehmensausschüttungen, besonders stark mit der Konjunktur. Und da die Kapitaleinkünfte vor allem bei den bereits schon Reichen anfallen, führte ihr vorübergehender Rückgang in den Jahren 2008-10 tendenziell zu einer gleicheren Einkommensverteilung.

Die Ökonomen vom Düsseldorfer IMK berechneten dazu, dass der positive Verteilungseffekt durch die zurückgehenden Kapitaleinkünfte größer war als der negative Verteilungseffekt durch die zurückgehenden Vollerwerbseinkommen. Nur darum ging nach 2007 die Einkommensungleichheit insgesamt zurück.

Allgemein sieht das IMK aber den Trend zu mehr Ungleichheit ungebrochen. Dafür würden immer mehr atypische Beschäftigungsverhältnisse wie Teilzeitarbeit oder Leiharbeit sorgen. Genaue Daten für die Jahre ab 2012, um diese These zu bestätigen, sind aber noch nicht verfügbar.

Das IMK wird von der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung finanziert.

http://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2014/10/08/einkommen-in-der-krise-waechst-die-ungleichheit-zugunsten-der-reichen/

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27.07.2014

Verdummung mit Statistik: Die Deutschen werden nicht „immer reicher“

Die Bundesbank berichtet von einen Anstieg des Privatvermögens in Deutschland auf einen neuen Rekord von 5,2 Billionen Euro. Doch die obersten 10 % haben etwas mehr als zwei Drittel des Vermögens, die unteren 40 % kommen nicht einmal auf ein Prozent. Das Institut der Wirtschaft (IW) betreibt ebenfalls Verdummung und erklärt, dass die Bürger irrigerweise glauben, dass sie immer ärmer werden. Die Bürger haben mit ihrem Gefühl recht, die Darstellung der Institute ist manipulativ.

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Da meldet die Bundesbank im neuesten Quartalsbericht einen Anstieg des Privatvermögens in Deutschland auf einen neuen Rekord von 5,2 Billionen Euro, 54 Milliarden Euro mehr als im Vorquartal. Prompt machen die Medien daraus eine Erfolgsgeschichte für die Deutschen schlechthin. So setzt etwa Spiegel-online über seinen Bericht die Überschrift „Deutschlands Bürger werden immer reicher“ und schreibt dann: „Reich, reicher, Deutschland: Das Privatvermögen der Bundesbürger ist bis Ende März auf mehr als 5,2 Billionen Euro gestiegen.“ Eine größere Irreführung des deutschen Durchschnittsbürgers ist kaum vorstellbar. Denn die obersten 10 % haben etwas mehr als zwei Drittel des Vermögens und die unteren 40 % haben meist nur Schulden und zusammengenommen ganze 0,3 % des deutschen Gesamtvermögens. Das „reich, reicher“ ist nicht Deutschland sondern nur ein sehr kleiner Teil seiner Bürger.

Ebenso verdummend ist der Versuch des den Arbeitgebern gehörenden Instituts der Wirtschaft (IW). Aufgeschreckt von der in allen hochentwickelten Ländern zunehmenden Diskussion über die Verteilungsgerechtigkeit und den Warnungen selbst der konservativen Industrieländerorganisation OECD hat das IW im Juni 2014 eine Studie veröffentlicht. Sie soll beweisen, dass die Verteilung gar nicht so ungleich ist, wie immer angenommen wird. Dazu greift sie eine Umfrage aus dem Jahr 2009 auf, bei der sich die Befragten zwischen fünf Gesellschaftsformen als die in ihrem Lande vorherrschende entscheiden mussten. Die wurden jeweils durch fünf entsprechende Diagramme angedeutet, die am einen Ende eine kleine Elite oben, nur sehr wenige Menschen in der Mitte und die große Masse der Bevölkerung unten sowie am anderen Ende viele Menschen im oberen Bereich und nur wenige Menschen im unteren Bereich zeigten

Dem wurde dann eine Auswertung von Daten zur tatsächlichen Verteilung gegenübergestellt. Damit sollte bewiesen werden, dass z.B. in Deutschland und Österreich die tatsächliche Verteilung der Einkommen viel weniger ungleich als die befürchtete ist. Und tatsächlich dürfte für den schnellen und unkritischen Leser der Beweis geglückt sein

Doch der Vergleich ist mehr als faul. Erstens denken Menschen, wenn sie sich Arm und Reich vorstellen und so die Gesellschaftsform bestimmen, an die Vermögensverteilung und nicht an die hier zum Maßstab genommene Einkommensverteilung. Zweitens mag bei den Einkommen die niedrigste Gruppe kleiner als vermutet sein. Das sagt jedoch sehr wenig über das Verhältnis der Einkommen aus, wenn man nicht mitberücksichtigt, wie viel des Einkommens auf die verschiedenen Gruppen entfällt.

Zur Vermögens- und Einkommensverteilung nach Zehnteln von Haushaltsgruppen gibt es seit vielen Jahren für Deutschland die Daten des Sozio-ökonomischen Panels, die vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin ausgewertet werden. Danach steht die deutsche Vermögenspyramide auf dem Kopf, wobei 66,6 % des Vermögens auf das oberste Zehntel entfällt und darin allein 35,8 % auf das oberste Hundertstel, während auf die untersten vier Zehntel gerade einmal 0,3 % entfallen, wobei bei den untersten Zehnteln die Schulden überwiegen

Betrachtet man die Einkommen, so zeigt sich für 2011 ebenfalls, wenn auch etwas weniger ausgeprägt diese Struktur; hier sorgen vor allem die Sozialausgaben und die Steuerstaffel für eine wenn auch begrenzte Minderung der Ungleichgewichte

In seiner neuesten Analyse vom Februar 2014 kommt das DIW denn auch zum Ergebnis:

Nach aktuellen Analysen auf der Basis des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) belief sich das Nettovermögen der privaten Haushalte in Deutschland im Jahr 2012 auf 6,3 Billionen Euro. Knapp 28 Prozent der erwachsenen Bevölkerung verfügten über kein oder sogar ein negatives Vermögen. Im Durchschnitt lag das individuelle Nettovermögen 2012 bei gut 83 000 Euro, es war damit nur wenig höher als zehn Jahre zuvor. Kaum verändert hat sich auch der Grad der Vermögensungleichheit. Mit einem Gini-Koeffizienten von 0,78 weist Deutschland im internationalen Vergleich ein hohes Maß an Vermögensungleichheit auf, und innerhalb des Landes besteht fast 25 Jahre nach der Vereinigung noch immer ein starkes Gefälle zwischen West- und Ostdeutschland.“

Schlimmer noch: Es gibt kaum noch Aufstiegsmobilität trotz aller Versprechen der Politik. Schon in seinem Jahresgutachten von 2009 beschrieb der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung die deutsche Situation:

Neben den zeitpunktbezogenen Vergleichen der Vermögen verschiedener Gruppen in den Jahren 2002 und 2007 ist von Bedeutung, wie viele Personen ihre Vermögensposition in diesem Zeitraum beibehalten beziehungsweise verändert haben. Insbesondere am oberen Rand der Vermögensverteilung sind die Positionen stabil: 62 % der Personen, die im Jahr 2002 zu den vermögendsten 10 % gehörten, zählten auch im Jahr 2007 zu dieser Gruppe. Weitere 19 % waren aus der bereits zweitvermögendsten Gruppe hinzugestoßen.“

Das heißt mit anderen Worten: Angesichts des festgefahrenen obersten Fünftels ist die Aufstiegsmobilität stark ausgebremst

Niemand wird aus diesen Daten entnehmen können, dass es in Deutschland und anderen westeuropäischen Ländern, wie etwa Österreich, zwischen Arm und Reich gar nicht so schlimm steht, was uns das Institut der Wirtschaft nun weismachen will.

http://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2014/07/27/verdummung-mit-statistik-die-deutschen-werden-nicht-immer-reicher/

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02.07.2014

Deutschland droht soziale Ungleichheit wie den USA

Die OECD erwartet, dass die Kluft zwischen Viel- und Geringverdienern langfristig größer wird. In wenigen Jahrzehnten könnte Deutschland sogar so ungleich sein, wie es die USA heute sind.

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Die USA gelten heute als die wohlhabende Nation mit den größten sozialen Ungleichheiten. In keinem Industrieland ist der Unterschied zwischen den Einkommen der Höchstverdiener und den Einkommen der am wenigsten Verdienenden so groß wie in Amerika.

Jetzt macht allerdings die Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) eine beunruhigende Rechnung auf: In wenigen Jahrzehnten könnten demnach die Einkommensunterschiede hierzulande so groß sein wie in den USA heute.

Die Einkommensungleichheit in Deutschland, die ohnehin bereits Thema politischer Debatten ist, soll nach den Langfristberechnungen der OECD in den kommenden Jahrzehnten größer werden. Die Denkfabrik vorwiegend wohlhabender Industriestaaten erwartet, dass die Einkommensungleichheit im Jahr 2060 so groß sein wird wie heute in den USA.

Deutschland bis jetzt noch Mittelfeld

Die Ökonomen betrachten dabei den Unterschied zwischen den zehn Prozent der Verdiener mit den höchsten Einkommen und den zehn Prozent der Verdiener mit den geringsten Einkommen. Hierzulande verdienen die zehn Prozent mit den höchsten Einkommen beispielsweise gegenwärtig im Schnitt mehr als dreimal soviel wie die untersten zehn Prozent der Verdiener.

Deutschland liegt heute bei dieser Betrachtung der Einkommensunterschiede im Mittelfeld der 29 untersuchten OECD-Länder. Tritt die Entwicklung allerdings so ein, wie von den OECD-Experten prognostiziert, würde Deutschland künftig zur Gruppe der Länder mit der größten Einkommensungleichheit gehören.

Die Kluft zwischen Hoch- und Geringverdienern wird im gleichen Zeitraum in den USA allerdings noch größer werden als heute, sodass die Unterschiede dort auch in 50 Jahren noch weit größer sein werden als hierzulande.

Allerdings: Während die USA heute noch das Land mit der größten Einkommensungleichheit sind, wird sich im Jahr 2060 Israel mit diesem zweifelhaften Titel schmücken können. Beide Volkswirtschaften tauschen damit ihre Positionen. Israel liegt heute im OECD-Vergleich bereits dicht hinter den USA.

Technischer Fortschritt ist schuld an Ungleichheit

Die Länder mit den größten Einkommensungleichheiten sollen auch in 50 Jahren diese Position halten: Heute wie künftig sind das die USA, Israel, Chile, Südkorea und Ungarn.

Grundsätzlich sollen die Unterschiede zwischen Viel- und Geringverdienern in allen untersuchten Ländern erheblich wachsen. Als Treiber sehen die OECD-Experten den technologischen Fortschritt: Durch die Digitalisierung und andere technologische Entwicklungen steigt weltweit die Nachfrage nach hoch qualifizierten Arbeitskräften.

Während die Gehälter der Hochqualifizierten dank steigender Nachfrage und schrumpfender Bevölkerungen steigen, werden am unteren Ende der Einkommensskala Menschen, die heute einfache Tätigkeiten ausführen, zunehmend durch Maschinen ersetzt. Der geringere Bedarf an niedriger qualifizierten Arbeitskräften lässt deren Löhne sinken.

Die geringsten Unterschiede finden die Statistiker der OECD heute – wenig überraschend – in den nordischen Staaten Finnland, Schweden und Norwegen sowie in Belgien und Italien.

Das Mittelmeerland Italien hat heute die geringsten Unterschiede zwischen Top- und Geringverdienern, woran sich nach Ansicht der OECD auch in den kommenden Jahrzehnten nichts ändern dürfte. Auch die anderen vier Länder dürften im Jahr 2060 noch die Volkswirtschaften mit den geringsten Einkommensunterschieden sein.

Gewagte Prognose

Ob diese Vorhersage der OECD-Experten so tatsächlich eintrifft, ist allerdings alles andere als sicher, schließlich sind 50 Jahre ein äußerst langer Prognosezeitraum. In einem halben Jahrhundert kann sich viel tun.

So hätte man sich vor 50 Jahren beispielsweise kaum vorstellen können, dass Südkorea einmal Mitglied der OECD werden könnte: Noch in den 60er-Jahren war das asiatische Land eine der ärmsten Nationen der Welt.

Die Autoren des Papiers wollen ihre Aussagen denn auch nicht als Prognosen missverstanden wissen: Ihnen geht es vielmehr darum, zu zeigen, welche Auswirkungen es hätte, wenn bestehende Trends unverändert weiterlaufen und auf welche Trends die Politik möglicherweise reagieren muss.

Tatsächlich bietet das Papier mit dem Titel „Shifting Gear: Policy challenges for the next 50 years“ („Den Gang wechseln: Politische Herausforderungen der kommenden 50 Jahre“) vor allem beunruhigenden Lesestoff.

Globales Wachstum schwächt sich ab

Die Experten rechnen beispielsweise damit, dass sich das weltweite Wachstum in den kommenden Jahrzehnten stark abschwächen wird. Während die Weltwirtschaft zwischen 2010 und 2020 um durchschnittlich 3,6 Prozent wachsen soll – auch das ist eine mit Unsicherheiten behaftete Prognose –, soll das globale Wachstum zwischen 2050 und 2060 nur noch 2,4 Prozent betragen.

Hinter den Durchschnittswerten verbergen sich allerdings erhebliche Unterschiede: Die Wirtschaftsleistung in Schwellen- und Entwicklungsländern soll weit stärker wachsen. In Indien und Teilen Afrikas soll sich die Wirtschaftsleistung demnach bis 2060 versiebenfachen. Die Autoren erwarten denn auch, dass „breite Massen von Armut befreit werden“.

Eine erhebliche Belastung für das Wirtschaftswachstum in vielen Teilen der Welt ist nach Ansicht der Forscher der Klimawandel: Im Schnitt soll die Erderwärmung die weltweite Wirtschaftsleistung um 1,5 Prozent senken.

In Süd- und Südostasien könnte demnach die Wirtschaftsleistung ohne Klimawandel im Jahr 2060 sogar um sechs Prozent höher sein. Das allerdings ist eine doppelt unsichere Prognose.

http://www.welt.de/wirtschaft/article129701254/Deutschland-droht-soziale-Ungleichheit-wie-den-USA.html

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16.06.2014

Deshalb werden die Ursachen von Armut in Deutschland verschwiegen

Es fehlt nicht an statistischen Daten, die den fortschreitenden Zerfall unserer Gesellschaft in Arm und Reich belegen, schreibt unser Gastautor Christoph Butterwegge – aber an den zu seiner Bekämpfung notwendigen Taten.

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Sozialberichte können die gesellschaftliche Wirklichkeit nie voll erfassen, denn sie ist viel zu komplex. Dass zahlreiche Armuts- und Reichtumsberichte die Ursachen sozialer Fehlentwicklungen wie der wachsenden Ungleichheit vernachlässigen, hängt mit den anders gelagerten Interessen ihrer Auftraggeber zusammen. Regierende möchten darin nämlich die Erfolge ihrer Politik dokumentiert, aber nicht ins Stammbuch geschrieben bekommen, dass sie tiefgreifende Veränderungen der Wirtschaftsordnung vornehmen müssten, um die Verteilungsschieflage beseitigen zu können.

Hinzu kommt die Zahlenfixiertheit von Politikern wie Öffentlichkeit, aus der empirische Blickverengungen, analytische Defizite und eine gewisse Oberflächlichkeit dieser Dokumente resultieren.

Dabei fehlt es keineswegs an statistischen Daten, die den fortschreitenden Zerfall unserer Gesellschaft in Arm und Reich belegen, sondern an den zu seiner Bekämpfung nötigen Taten. Armut und Reichtum sind keine unsozialen Kollateralschäden der Globalisierung, wie man die Menschen glauben machen möchte, sie sind im kapitalistischen Wirtschafts- und Gesellschaftssystem vielmehr strukturell angelegt.

Armut ist gewollt und bewusst erzeugt, weil sie die „Aktivierung“, Motivierung und Disziplinierung der Bevölkerungsmehrheit gewährleistet. Die (Angst vor der) Armut sichert den Fortbestand der bestehenden Herrschaftsverhältnisse. Während der Reichtum als Belohnung für „Leistungsträger“ dient, gilt die Armut als gerechte Strafe für „Leistungsverweigerer“, „Faulenzer“ und „Sozialschmarotzer“.

Somit bilden Armut und Reichtum zwar ein begriffliches Gegensatzpaar, aber in gewisser Weise auch zwei Seiten derselben Medaille: Wenn etwa Geringverdiener aufgrund der sie hart treffenden Krisenfolgen häufiger ihr Girokonto überziehen und hohe Dispozinsen zahlen müssen, werden die Eigentümer der Banken noch reicher, und wenn noch mehr Familien beim Lebensmittel-Discounter einkaufen müssen, um über die Runden zu kommen, häufen die Eigentümer solcher Discountketten wie Aldi Nord und Süd, die zu den vermögendsten Deutschen gehören, noch mehr Privatvermögen an.

Steuerpolitik nach dem Matthäus-Prinzip

Trotzdem ist nicht das bestehende Geld- und Zinssystem für die Spaltung in Arm und Reich verantwortlich, vielmehr das Kapitaleigentum, aber auch eine Steuerpolitik nach dem Matthäus-Prinzip: „Wer hat, dem wird gegeben, und wer nicht viel hat, dem wird auch das Wenige noch genommen“, heißt es im Evangelium dieses Jüngers Jesu und lautet das heimliche Regierungsprogramm unterschiedlicher Bundesregierungen. Dass man auf Kapitaleinkünfte (Zinsen, Dividenden usw.) bloß noch 25 Prozent Abgeltungssteuer zahlen muss, während Arbeitnehmer bis zu 42 Prozent Lohn- bzw. Einkommensteuer entrichten müssen, ist eine schreiende Ungerechtigkeit.

Auch fördert die durch Arbeitsmarkt-, Gesundheits- und Rentenreformen vorangetriebene US-Amerikanisierung des Sozialstaates eine US-Amerikanisierung der Sozialstruktur (Spaltung der Gesellschaft in Arm und Reich), eine US-Amerikanisierung der Stadtentwicklung (Spaltung in Luxusquartiere und Armenghettos) und eine US-Amerikanisierung des sozialen Klimas (Betonung von Privatinitiative, Eigenverantwortung und Selbstvorsorge). Kapitaleigentümer vertreten ihre Interessen heute sehr viel massiver und rücksichtsloser als in der „alten“ Bundesrepublik, weil sich die Kräfteverhältnisse zu ihren Gunsten geändert und durch den Aufstieg des Neoliberalismus ideologische Deutungsmuster an Bedeutung gewonnen haben, die ihre soziale Privilegierung legitimieren.

Durch die Vereinigung bekam die Armut in Deutschland ein anderes Gesicht

Durch die Vereinigung und die Eingliederung der neuen Bundesländer bekam die Armut in Deutschland ein anderes Gesicht. Sie verschob sich nach Osten, und Berlin entwickelte sich (gemeinsam mit dem Ruhrgebiet) zum Armenhaus der Republik. Werden die Reichen reicher und die Armen zahlreicher, findet auch eine sozialräumliche Spaltung statt. Wer die brisante Mischung von berechtigter Empörung, ohnmächtiger Wut und blankem Hass auf Politiker kennt, wie sie wohl nur in Versammlungen von Hartz-IV-Beziehern existiert, kommt zu dem Schluss, dass in Deutschland soziale Parallelgesellschaften entstanden und die Brücken dazwischen abgebrochen sind.

Prof. Dr. Christoph Butterwegge lehrt Politikwissenschaft an der Universität zu Köln. Letzte Buchveröffentlichungen: „Armut in einem reichen Land“, „Armut im Alter“, „Krise und Zukunft des Sozialstaates“. Butterwegge antwortet in der Rubrik „Zurückgeschrieben“ unserem Leser Bernd Hack aus Berlin. In einem Leserbrief von Hack heißt es: „Heiliger Zorn packt mich jedes Mal, wenn ich die unqualifizierten Sozialberichte der Verbände, Kirchen usw. lese oder den Armutsbericht des Senats vom Mai 2014. Unqualifiziert deshalb, weil zwar die miserable Lage geistreich und soziologisch diskutiert wird, aber jede tiefere Ursachenforschung und Fehlerquellenanalyse fehlt.“

http://www.tagesspiegel.de/meinung/armutsforscher-christoph-butterwegge-deshalb-werden-die-ursachen-von-armut-in-deutschland-verschwiegen/10043732.html

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25.05.2014

Wie zu Kaisers Zeiten: Die Gesellschaft zerfällt in zwei Klassen

Das Vermögen konzentriert sich immer stärker in privatem Reichtum einer kleinen Gruppe der Bevölkerung. Um so länger Einkommen immer wieder zur Seite gelegt werden muss, um Vermögen zu bilden, umso weniger materielle Aufstiegsmöglichkeiten gibt es in der Gesellschaft. So wird Vermögen nur durch Zinsen statt aus Arbeit gebildet. Offensichtlich braucht es Kriege, große Krisen oder gar Revolutionen, um diese Entwicklung zu unterbrechen oder auch nur zu verlangsamen.

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Thomas Piketty hat in seinem neuen, international viel diskutierten Buch „Capital in the Twenty-First Century“ die langfristige Entwicklung von Vermögen und Einkommen in mehreren westlichen Ländern untersucht. Dabei hat er die beiden Größen in ein Verhältnis gestellt. So zeigt sich, dass das Verhältnis seit Beginn des letzten Jahrtausends bis 1950 vor allem als Folge zweier Weltkriege und der Weltwirtschaftskrise der 30er-Jahre von 600 % auf nur noch 150 % abstürzte und dies Deutschland mehr als andere Länder traf. Doch seitdem ist das Verhältnis bis 2010 wieder auf 400 % angestiegen und liegt nun wieder auf dem Wert zu Kaisers Zeiten vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges (Abb. 18317). Das Vermögen ist also gemessen am jährlichen Einkommen viel größer geworden. Auch der Anteil der reichsten 10 % (vor Steuern und mit Kapitalgewinnen) liegt wieder wie zu Kaisers Zeiten (Abb. 10049).

Nach Pikettys Analyse wird sich diese Entwicklung weiter unbegrenzt fortsetzen und zu immer mehr Konzentration der Vermögen in privatem Reichtum einer kleinen Gruppe der Bevölkerung führen. Um so länger Einkommen immer wieder zur Seite gelegt werden muss, um Vermögen zu bilden, umso weniger materielle Aufstiegsmöglichkeiten gibt es in der Gesellschaft und umso mehr wird Vermögen durch Einkommen aus diesem Vermögen selbst statt aus Arbeit gebildet. Offensichtlich braucht es Kriege, große Krisen oder gar Revolutionen, um diese Entwicklung zu unterbrechen oder auch nur zu verlangsamen.

Tatsächlich hat sich der Wirtschaftszuwachs in Deutschland (und anderswo) in den letzten Jahrzehnten immer weiter gegen null abgeschwächt (Abb. 14871) und liegt damit erheblich unter der Profitrate des Vermögens. Hinzu kommt dann für die Beurteilung der Zukunft noch der kumulative Effekt verschiedener Zuwachsraten von BIP und Vermögen über längere Zeiträume: Innerhalb einer Generation von 30 Jahren würde bei einer Zuwachsrate des BIP von 1 % und einer des Vermögens von 3 % am Ende dieser Zeitphase das Vermögen um fast das 1,5-fache größer sein, die jährliche Wirtschaftsleistung dagegen nur um ein Drittel (Abb. 10048).

Gemessen an den Zeiten, als es in Deutschland noch eine Soziale Marktwirtschaft gab, ist die Aufspaltung hier über die letzten Jahrzehnte besonders weit fortgeschritten. Die Arbeitseinkommen haben seit dem Jahr 2000 fast nur stagniert oder sind nach Abzug der Inflation gesunken (Abb. 14849). Ihr Zuwachs ist erheblich unter dem Produktionsfortschritt geblieben (Abb. 17870) und weit unter dem Zuwachs in den Vergleichsländern (Abb. 18156). Deutschland hat den größten Niedriglohnsektor in Westeuropa und befindet sich in der Spitzengruppe von vergleichbaren Ländern mit dem höchsten Anteil der in Arbeit Armen („working poor“ Abb. 18044). Es gibt bisher keinen Mindestlohn und, wenn er einmal kommt, wird er jahrelang erhebliche Ausnahmen haben und überhaupt viel zu niedrig sein, zumal er bis 2018 nicht an die Verbraucherpreisentwicklung angepasst werden soll.

Deutschland ist zu einem Land geworden, in dem vor allem die Mittelklasse – das dynamische Herz jeder Gesellschaft – ständig schrumpft (Abb. 10044) und Aufstiegsmobilität nur noch in den Geschichtsbüchern existiert, ein Land, in dem die Lohndiskriminierung der Frauen die höchste in Westeuropa ist (W-Deutschland Abb. 14224) und zusätzliche Jobs für Frauen fast nur noch in Formen schlecht bezahlter atypischer Beschäftigung entstehen (Abb. 10035).

Auf der anderen Seite konzentriert sich der Reichtum. Hatte das oberste Zehntel der Haushalte 2002 noch einen Anteil von knapp 58 % am deutschen Nettovermögen, so kam es in der letzten Erfassung für 2007 schon auf knapp 67 % (Abb. 17355). Das Einkommen aus Unternehmertätigkeit und Vermögen steigt seit vielen Jahren weit stärker steigt als das aus Arbeit (seit 2000 mit +37,4 % gegenüber nur -0,2 %, siehe oben Abb. 14849). Arbeitnehmer in leitender Stellung gehen immer mehr zur Selbstbedienung über, wobei sich ihre Arbeitseinkommen immer mehr von dem Durchschnittseinkommen aller Arbeitnehmer entfernen (Abb. 10002) und sich auch dadurch die soziale Spaltung vertieft.

Die soziale Spaltung wurde in Deutschland selbst von den Gewerkschaften unterstützt, indem sie jahrelang – qua Mitbestimmung an den Aufsichtsratstischen neben den Bossen sitzend – nur geringe Forderungen an diese stellten und Streiks vermieden. In Erinnerung ist noch der damalige Chef der IG Metall Zwickel, der die Abfindung von 90 Mio DM an den Ex-Mannesman-Boß Esser Arm in Arm mit DB-Chef Ackermann mit absegnete, oder der Betriebsratsvorsitzende der BASF und Gewerkschaftschef Robert Oswald, der sich öffentlich für die von ihm mit durchgewunkenen Supergehaltssteigerungen seines Unternehmerbosses auf weit über 3 Mio Euro (noch ohne Aktienoptionen) einsetzte.

Die Vermögensoberklasse, die ihr hörige Politik und die ihr gehörenden Medien denunzieren regelmäßig Forderungen nach mehr Einkommensgerechtigkeit als Teil einer Neiddiskussion, ein in anderen Ländern kaum zu beobachtender Mißstand. Die FDP konnte sich als Regierungspartei als eine der “Besserverdiener” ausgeben und die noch verbliebene soziale Absicherung als Hängematte für Sozialschmarotzer beschimpfen. In “ZEIT online” schreibt Sebastian Dullien vor einigen Tagen:„Über mehr Umverteilung zu diskutieren ist in Deutschland immer noch ein Tabu. Gut sichtbar wurde dies an der Debatte um den Umgang mit den prognostizierten Steuermehreinnahmen in den vergangenen Wochen. Forderungen aus Teilen der SPD, genau aus diesem Grund für einen Ausgleich der kalten Progression doch bitte den Spitzensteuersatz anzuheben, sind dagegen vom Tisch – fast so schnell, wie die Forderung nach Steuererhöhungen in den Verhandlungen zur großen Koalition im Papierkorb verschwand. Das Argument: Höhere Spitzensteuersätze sind Gift für Wirtschaft und Wachstum.“

So ist Deutschland zu einem Führungsland in sozialer Aufspaltung geworden. In diesem Jahr musste die konservative OECD die Bundesregierung erneut auffordern, mehr gegen die wachsende Ungleichheit zu tun. Gabriel, der den Bericht entgegennahm, hatte dazu nicht mehr zu sagen als, er müsse sich das einmal ansehen.

http://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2014/05/25/wie-zu-kaisers-zeiten-die-gesellschaft-zerfaellt-in-zwei-klassen/

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26.02.2014

Deutschland ist Meister der Ungerechtigkeit

Die Deutschen haben ein Nettovermögen von rund 6,3 Billionen Euro – doch verteilt ist dieser Reichtum höchst ungleich. Deutschland ist hier negativer Spitzenreiter im Euroraum. Ein Fünftel aller Erwachsenen hat gar kein Vermögen.

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In keinem anderen Euro-Staat sind die Vermögen so ungleich verteilt wie in Deutschland. Das reichste Prozent der Bevölkerung besitze ein persönliches Vermögen im Wert von je mindestens 800.000 Euro, hieß es in einer am Mittwoch veröffentlichten Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Dagegen verfüge gut ein Fünftel aller Erwachsenen über gar kein Vermögen. Bei rund sieben Prozent seien die Schulden sogar größer als der Besitz.

Insgesamt hat sich an der Vermögensverteilung im Land wenig geändert, die Ungleichheit verharrt auf hohem Niveau“, sagte DIW-Experte Markus Grabka, der mit seinen Kollegen die Daten von 2012 mit denen von 2007 und 2002 verglichen hat. „ Nirgendwo in der Euro-Zone sind die Vermögen ungleicher verteilt als in Deutschland.“

Der sogenannte Gini-Koeffizient, der die Ungleichheit misst und international vergleichbar macht, liegt in Deutschland bei 0,78. Bei einem Wert von eins ist die Ungleichheit maximal, bei null minimal ausgeprägt. Zum Vergleich: In Frankreich liegt der Wert bei 0,68, in Italien bei 0,61.

Großteil des Vermögens in Immobilien

Insgesamt beläuft sich das Nettovermögen der Deutschen auf rund 6,3 Billionen Euro. Den größten Teil macht mit 5,1 Billionen Euro der Grund- und Immobilienbesitz aus. Etwa 40 Prozent bewohnen eine eigene Immobilie, zehn Prozent der Bürger besitzen Grundstücke oder Ferienwohnungen.

Knapp jeder zweite Erwachsene verfügt über Geldvermögen, und zwar durchschnittlich 29.000 Euro. 51 Prozent haben private Versicherungen oder Bausparverträgen, mit einem Durchschnittswert von 18.000 Euro.

Deutliche Vermögensverluste“ haben Grabka zufolge Arbeitslose hinnehmen müssen. Sie verfügten 2002 noch über ein durchschnittliches Vermögen von rund 30.000 Euro, zehn Jahre später sind es nur noch etwa 18.000 Euro.

Ostdeutsche haben deutlich weniger Vermögen

Große Unterschiede ermittelte das DIW auch zwischen Ost und West. Während Erwachsene in Westdeutschland im Schnitt 94.000 Euro Vermögen besitzen, sind es im Osten nur gut 41.000 Euro. Der Wert selbstgenutzten Immobilienbesitzes liege im Westen bei etwa 151.000 Euro, im Osten bei 88.000 Euro. Da auch der Nachlass für die nachfolgende Generation niedriger ausfalle, dürften diese Unterschiede fortbestehen, schätzt das Institut.

Die Vermögen von Männern liegt dem DIW zufolge um rund 27.000 Euro höher als der Frauen. Alleinerziehende mit zwei Kindern verfügten im Schnitt über ein Nettovermögen von 21.000 Euro. Aber auch wenn die Eltern zusammenleben, sinke das Vermögen mit steigender Kinderzahl.

http://www.focus.de/finanzen/news/verteilung-des-vermoegens-deutschland-hat-die-groesste-ungleichheit-im-euroraum_id_3644416.html

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22.12.2013

Armut in Deutschland nimmt weiter zu

Die Armutsquote in Deutschland steigt. Fast jeder fünfte Deutsche ist arm. Weitere 16 Prozent gelten als armutsgefährdet. Ein Sozialverband schlägt Alarm und widerspricht dem Armutsbericht der Bundesregierung. Rentner, Alleinerziehende und junge Arbeitnehmer sind besonders gefährdet.

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Die Armut in Deutschland steigt. „Mit 15,2 Prozent Armutsquote ist 2012 ein neuerliches, trauriges Rekordhoch erreicht“, berichtet der Paritätische Gesamtverband in seinem Armutsbericht „Zwischen Wohlstand und Verarmung: Deutschland vor der Zerreißprobe“. Der Verband widerspricht dem Armutsbericht der Bundesregierung aus März des laufenden Jahres. Darin wurde bekannt gegeben, die Armut sei gestoppt.

Das Statistische Bundesamt bestärkt die Argumente des Sozialverbandes und rechnet mit einer noch höheren Armutsquote von 19,6 Prozent. Darüber hinaus sind in Deutschland weitere 16 Prozent armutsgefährdet. Als armutsgefährdet gilt, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens verdient.

Wer sich kein eigenes Auto leisten, die Wohnung nicht richtig heizen oder weniger als eine Woche pro Jahr Urlaub machen kann, ist laut Statistik zudem von „erheblichen materiellen Entbehrungen betroffen“. Damit hatten 5 Prozent der deutschen Bevölkerung zu kämpfen. Doppelt so viele leben in einem Haushalt, in dem vergleichsweise wenig Menschen eine Arbeit haben. Als arm oder sozial ausgegrenzt gilt, auf wen mindestens eines dieser drei Kriterien zutrifft.

Der Paritätische Gesamtverband untersucht seit 2005 die Wohlstandsentwicklung in Deutschland und zeigt, dass sich Wirtschaft und Armut offenbar unabhängig voneinander entwickeln. Seit 2009 ist das BIP in Deutschland stetig gestiegen. Aber auch die Armutsquote steigt in diesem Zeitraum an (siehe Grafik).

Gerade auch mit Blick auf die Regionen treten demnach besorgniserregende Entwicklungen zu Tage:

Mehrjährig positive Trends in Mecklenburg-Vorpommern oder Thüringen sind 2012 zum Erliegen gekommen, positive Trends in Brandenburg oder Hamburg scheinen sich nun endgültig gedreht zu haben. Während die Länder mit vergleichsweise sehr niedrigen Armutsquoten – Baden-Württemberg und Bayern – ihre Position noch einmal verbessern konnten, verschlechterte sich zugleich die Situation bei denjenigen Ländern, die ohnehin mit Armutsquoten von über 20 Prozent weit abgeschlagen waren: Sachsen-Anhalt, Berlin, Mecklenburg-Vorpommern und Bremen.“

Die Armut sei im Vergleich zum Vorjahr nur um 0,1% gestiegen. Der nur moderate Anstieg ist ein Saldo aus guten Entwicklungen in den bereits vorher gut gestellten südlichen Bundesländern. In Betrachtung der Länderquoten deutlich, dass sich der Abstand zwischen wohlhabenden und armen Regionen in Deutschland zum ersten Mal seit Jahren wieder vergrößert:

Die Kluft zwischen bundesdeutschen Wohlstandsregionen auf der einen Seite und Armutsregionen auf der anderen Seite wächst stetig und deutlich. Die sozialen und regionalen Fliehkräfte, gemessen an der Einkommensspreizung, nehmen seit 2006 in Deutschland dramatisch zu. Deutschland steht vor der Zerreißprobe.“

EU-weit ist jeder Vierte von Armut betroffen. Im Euro-Krisenstaat Griechenland sogar mehr als jeder Dritte. „Die Kluft zwischen reicheren und ärmeren Staaten nimmt zu”, sagte eine Statistikerin von Destatis.

Denn in Griechenland, das sein sechstes Rezessionsjahr in Folge erlebt, sind immer mehr Menschen arm oder sozial ausgegrenzt. Waren es vor Ausbruch der Krise rund 28 Prozent, stieg die Zahl zuletzt auf fast 35 Prozent. Auch in Spanien gab es einen kräftigen Anstieg. In Bulgarien ist sogar jeder Zweite betroffen.

Ältere und Alleinerziehende stark gefährdet

Im Armutsbericht der Bundesregierung haben Rentner und Alleinerziehende ein hohes Armutsrisiko. Fast jeder dritte Alleinerziehende ist arm:

Haushalte von Alleinerziehenden weisen mit rund 40 Prozent die höchste Armutsrisikoquote auf. Dieser hohe Anteil relativ niedriger Einkommen in den Haushalten von Alleinerziehenden geht mit Erwerbslosigkeit oder einem sehr geringen Beschäftigungsumfang von Alleinerziehenden einher. Eine sehr niedrige Erwerbsintensität ist dann gegeben, wenn alle erwerbsfähigen Haushaltsmitglieder im Alter von 18 bis 59 Jahren weniger als 20 Prozent arbeiteten […] Der Anteil der Alleinerziehenden in Deutschland mit einer sehr niedrigen Erwerbstätigkeit beträgt rund 28 Prozent, während der Anteil bei allen Haushalten mit Haushaltsmitgliedern im erwerbsfähigen Alter bei elf Prozent liegt.“

Das Armutsrisiko von Alleinerziehenden überträgt sich auf die in den Haushalten lebenden Jugendlichen. Zur Jugendarmut finden sich in dem Bericht der Bundesregierung keine detaillierten Angaben.

Haushalte, die Wohngeld erhalten, verfügen im Regelfall über ein Einkommen, das nur wenig über dem derjenigen Menschen liegt, die Mindestsicherungsleistungen beziehen. Der Anteil der Rentner, die Wohngeld erhalten, hat sich erhöht. Vier von zehn Rentnern leben demnach an der Armutsschwelle:

Am Jahresende 2010 erhielten rund 407.000 Rentnerhaushalte Wohngeld (Tabelle B V.2.4). Das waren 39 Prozent der Wohngeldhaushalte insgesamt. Damit bezogen 3,6 Prozent aller Rentnerhaushalte Wohngeld. Dieser Anteil erhöhte sich durch die Wohngeldreform 2009 deutlich. Der Anteil der Frauen an allen wohngeldberechtigten Personen in dieser Altersgruppe entspricht mit 65 Prozent fast exakt ihrem Anteil an den Leistungsberechtigten dieser Altersgruppe in der Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung (64 Prozent).

Besonders betroffen von einem relativ geringen Einkommen waren den aktuellen Berechnungen zufolge auch Jugendliche und  junge Erwachsene. (siehe Grafik unten).

http://www.deutsche-mittelstands-nachrichten.de/2013/12/57998/

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26.10.2013

Armes reiches Land

Statistisches Bundesamt: Jeder sechste von Armut bedroht. Sozialverbände sind alarmiert und fordern gesetzlichen Mindestlohn Von Mirko Knoche

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Deutschland verarmt. Und zwar noch deutlicher als es die Zahlen des lange zurückgehaltenen Armutsberichts der Bundesregierung vom Frühling des Jahres offenbarten: Jeder sechste Einwohner ist von Armut bedroht, das sind rund 13 Millionen Menschen. Das gab das Statistische Bundesamt am Freitag bekannt. Als gefährdet gilt, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung hat. Das entspricht 980 Euro monatlich für Alleinstehende und 2058 Euro für zwei Erwachsene mit zwei Kindern unter 14 Jahren. Gezählt wird das Nettoeinkommen plus Sozialleistungen, als vollständig verarmt gilt, wer weniger als die Hälfte des mittleren Einkommens erhält. Im Jahr 2012 hat sich die Armutsquote von 15,8 Prozent auf 16,1 Prozent gegenüber 2010 erhöht. Die Befragung des Bundesamtes ist Teil einer europaweiten Erhebung nach Brüsseler Kriterien.
Zu den größten Armutsrisiken zählt es, Frau zu sein. Auch die zunehmende Erwerbstätigkeit befreit sie nicht aus der Armutsfalle. Das Alter spielt ebenfalls keine Rolle für den Geschlechterunterschied: Mädchen unter 18 Jahren sind zu 15,7 Prozent von Armut bedroht, gleichaltrige Jungen nur zu 14,8 Prozent. Zwischen 18 und 64 Jahren beträgt das Verhältnis 17,7 Prozent bei Frauen und 15,5 Prozent bei Männern. Ältere Damen sind zu 16,6 Prozent armutsgefährdet, Herren dagegen zu 13,3 Prozent.
Am schwersten getroffen sind Frauen, wenn sie alleinerziehende Mütter sind. Rund 38,8 Prozent, also fast zwei Fünftel, haben weniger als 60 Prozent des mittleren oder Medianeinkommens, das die untere von der oberen Hälfte trennt. Zu der Gruppe zählen auch Väter, die allerdings viel seltener ihren Nachwuchs ohne Partner erziehen. Aber auch Alleinstehende ohne Kinder sind in Not, jeder dritte (32,4 Prozent) fällt unter die 60-Prozent-Grenze. Frauen und Männer liegen in dieser Kategorie nahezu gleichauf.
Die traditionelle Familie schützt allerdings vor Elend. Paare mit einem Kind sind zu 10,7 Prozent armutsgefährdet, mit zwei Kindern beläuft sich die Bedrohung sogar nur auf 7,7 Prozent. Dramatische Zahlen liefern die Statistiker hingegen zu den Erwerbslosen im Land: 69,3 Prozent, somit zwei von drei Menschen ohne Job, haben ein Einkommen, das 980 Euro für Alleinstehende oder 2058 Euro für Familien unterschreitet. Dazu zählen nicht nur Hartz-IV-Bezieher, sondern auch Angestellte, die gerade erst ihren Job verloren haben.
Die Sozialverbände schlagen aufgrund der Zahlen vom Freitag Alarm. VdK-Präsidentin Ulrike Mascher fordert einen flächendeckenden gesetzlichen Mindestlohn und verlangt, die Leiharbeit einzuschränken. In diesem Sektor sind rund 890000 Menschen tätig, das ist nur ein kleiner Teil der 13 Millionen Armen im Land. Dagegen sind laut Statistischem Bundesamt rund 4,3 Millionen Frauen in Teilzeit unter 20 Wochenstunden beschäftigt, in 450-Euro-Jobs arbeiten zwei Millionen (Überschneidungen inbegriffen). Höhere Stundenzahlen würden das Armutsrisiko also deutlich verringern und die niedrigen Bezüge der Rentnerinnen deutlich erhöhen. Ein gesetzlicher Mindestlohn von 8,50 Euro würde für einen Alleinstehenden ohne Kinder bedeuten, ein Nettoeinkommen von 1015 Euro zu erzielen, also lediglich 35 Euro über der Armutsschwelle. Der Chef der Arbeiterwohlfahrt, Wolfgang Stadler, will mit diesem Lohn und dem Ende der Minijobs und Leiharbeit das Elend bekämpfen. Beide Beschäftigungsformen zusammen betreffen etwa 3,5 Millionen Menschen im reichsten Land Europas.

http://www.jungewelt.de/2013/10-26/061.php

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22.10.2013

Drei von vier Deutschen reicht das Einkommen nicht

Umfrage von Comdirect: Weil das Monatsgehalt nicht ausreicht, verzichten viele Deutsche auf Urlaub oder verkaufen Dinge, um ihre Haushaltskasse aufzufüllen. Jeder Achte versucht es mit Lottospielen.

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Drei Viertel der Deutschen sind mit ihrem Einkommen unzufrieden: Sie halten es für zu gering, um alle laufenden Ausgaben zu decken oder sich Wünsche zu erfüllen. Das ergab eine Umfrage der Onlinebank Comdirect, die mehrheitlich zur Commerzbank gehört. Befragt worden seien 2000 repräsentativ ausgewählte Bundesbürger. Es handele sich nicht um Kunden der Bank.

Demnach sagen nur 25 Prozent der Deutschen, dass ihr aktuelles Monatsgehalt ausreicht. Die anderen sorgen auf unterschiedlichen Wegen für mehr Geld im Portemonnaie. Am beliebtesten ist es, beim Einkauf zu sparen und auf Sonderangebote und Rabatte zu achten. Das tun 53 Prozent der Befragten.

33 Prozent verzichten auf einen Urlaub, um mit ihrem Geld auszukommen. Fast genauso viele (30 Prozent) verkaufen Dinge, die sie nicht mehr brauchen, um die Haushaltskasse aufzubessern.

Eine besser bezahlte Arbeit kommt nicht infrage

Immerhin verfügen viele über Ersparnisse. Ein knappes Drittel (29 Prozent) der Befragten greift darauf zurück, um finanzielle Durststrecken zu überwinden. Aber was besonders in öffentlichen Haushalten gang und gäbe ist, nämlich die Finanzierung von Konsumausgaben per Kredit, praktizieren nur fünf Prozent der Bundesbürger, indem sie ein Darlehen aufnehmen, wenn am Ende des Geldes noch zu viel Monat übrig ist.

Ob es ein Mangel an Möglichkeiten oder Vorstellungskraft ist, geht aus der Umfrage nicht hervor, aber nur neun Prozent suchen sich eine besser bezahlte Arbeit, wenn das bestehende Einkommen nicht ausreicht. Einen Zweitjob haben dagegen 21 Prozent der Befragten. Bemerkenswert: Jeder Achte (13 Prozent) hofft auf sein Glück und spielt Lotto oder Ähnliches.

Die Erhebung sei im Rahmen eines alle zwei Monate erscheinenden Spar- und Konsumindexes erfolgt, so die Bank. Die Online-Marktforschungsplattform Toluna habe die 2000 Bundesbürger befragt und dabei den Mikrozensus des Statistischen Bundesamtes als Referenzgröße zugrunde gelegt.

http://www.welt.de/finanzen/verbraucher/article121103678/Drei-von-vier-Deutschen-reicht-das-Einkommen-nicht.html

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29.08.2013

Armut in Deutschland: Im Osten ist es am schlimmsten

Neben Ostdeutschland ist auch der Ruhrpott ein Hort der Armut. Am schlimmsten sind die Zustände in Dortmund, wo über ein Viertel der Menschen einem erhöhten Armutsrisiko ausgesetzt ist.

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Das Armutsrisiko ist in Ostdeutschland deutlich höher als im Westen. 2012 galten im Osten 19,7 Prozent der Menschen als armutsgefährdet, in Westdeutschland dagegen nur 14,0 Prozent, wie das Statistische Bundesamt am Donnerstag mitteilte.

Seit 2005 hätten sich die Quoten allerdings angenähert. Damals galten 20,4 Prozent der Ostdeutschen und 13,2 Prozent der Westdeutschen als armutsgefährdet. Dazu gehört, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens der Gesamtbevölkerung erhält. Ein-Personen-Haushalte fallen in diese Kategorie, wenn das monatliche Einkommen weniger als 869 Euro beträgt.

„Am geringsten ist die Armutsgefährdung seit 2005 durchgängig in Baden-Württemberg und Bayern“, erklärten die Statistiker. Hier liegt die Quote jeweils bei knapp über elf Prozent. Am höchsten ist der Wert in Bremen (23,1 Prozent) und Mecklenburg-Vorpommern (22,9). Am stärksten gesunken ist das Risiko in den vergangenen Jahren in Thüringen und Sachsen-Anhalt, während es in Nordrhein-Westfalen und Berlin besonders deutlich gestiegen ist.

Von den 15 größten Städten ist das Armutsrisiko in München (11,4) und Stuttgart (13,4) am geringsten. Am höchsten ist es in Dortmund (26,4), Leipzig (25,9) und Duisburg (25,1).

http://www.format.at/articles/1335/931/365131/armut-deutschland-im-osten

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29.08.2013

Armut im Ruhrgebiet verschärft sich dramatisch

Die Armutsgefährdung in Deutschland ist seit 2006 stetig gestiegen. Während manche Regionen sich aus der Armutsfalle befreien können, sieht es in manchen westdeutschen Ballungszentren ganz anders aus.

————————————————————————————-Trotz des wirtschaftlichen Aufschwungs und trotz stark gesunkener Arbeitslosigkeit hat die Armut in Deutschland in den vergangenen Jahren beständig zugenommen. Im vergangenen Jahr waren mehr als zwölf Millionen Menschen hierzulande arm oder armutsgefährdet; das entspricht 15,2 Prozent der Gesamtbevölkerung. Damit ist der Anteil der Armutsgefährdeten an der Gesamtbevölkerung seit 2006 kontinuierlich gestiegen. Damals lag der Anteil nur bei 14 Prozent.

Nach wie vor ist Armut in Ostdeutschland deutlich verbreiteter als im Westen der Republik. Die Armutsgefährdungsquote lag im vergangenen Jahr in den ostdeutschen Bundesländern bei 19,7 Prozent – beinahe jeder fünfte war dort arm oder nahe an der Armut. Im Westen galt das nur für 14 Prozent der Bevölkerung. Diese Zahlen hat das Statistische Bundesamt berechnet.

Zwar haben sich die Quoten beider Landesteile seit 2006 angenähert, weil die Armutsgefährdung in Westdeutschland zunimmt, während sie in Ostdeutschland auf hohem Niveau weitgehend stabil bleibt. Dennoch bleibt der große Unterschied zwischen Ost- und Westdeutschland auch langfristig bestehen: Im Jahr 2006 lag die Quote in Westdeutschland bei 12,7 Prozent und in Ostdeutschland bei 19,2 Prozent.

Im Süden ist das Risiko am kleinsten

Als armutsgefährdet beziehungsweise arm gelten Haushalte, deren Einkommen geringer ist als 60 Prozent des mittleren Einkommens der Gesamtbevölkerung. Diese Definition ist in der EU üblich; entscheidend ist der Betrag, der dem Haushalt tatsächlich zur Verfügung steht. 2012 lag diese Schwelle für einen Single-Haushalt bei 869 Euro im Monat, für eine Familie mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern unter 14 Jahren bei 1826 Euro.

Die Statistiker verwenden den Begriff „armutsgefährdet“, um auch in der Statistik klar zu machen, dass Armut unter Umständen ein vorübergehender Zustand sein kann, etwa bei Studenten. Zudem sind in der Regel viele von der Statistik erfassten Personen nicht arm, sondern nur nah an der Armut.

Im wohlhabenden Süden der Republik ist die Gefahr, in Armut abzurutschen, am geringsten: Seit Beginn der Erhebung ist die Armutsgefährdung in Baden-Württemberg und Bayern stets am niedrigsten, am höchsten ist sie seit dem Jahr 2010 in Bremen und Mecklenburg-Vorpommern. Zuletzt betrug das Armutsrisiko in Baden-Württemberg 11,1 und in Bayern 11,2 Prozent. In Bremen (23,1) und Mecklenburg-Vorpommern (22,9) war es rund doppelt so hoch.

Dramatische Entwicklung im Ruhrgebiet

Tatsächlich entwickeln sich die Armutsquoten regional unterschiedlich. In Hamburg, Thüringen, Sachsen-Anhalt und ganz generell in den östlichen Bundesländern sinkt der Anteil der Armen, während sich die Situation im Westen mancherorts besorgniserregend verschlechtert. In Nordrhein-Westfalen ist die Armutsquote von 2005 bis 2012 von 14,4 auf 16,6 Prozent gestiegen.

Besonders dramatisch ist die Entwicklung im Ruhrgebiet, dem größten Ballungsgebiet in Deutschland. In Dortmund stieg die Armutsquote in den vergangenen acht Jahren von 18,6 auf 26,4 Prozent und in Duisburg von 17 auf 25,1 Prozent. Auch in Köln und Düsseldorf, die ebenfalls in Nordrhein-Westfalen liegen, fiel der Anstieg besonders stark aus.

Die Entwicklung im Großraum Berlin ist zweigeteilt: Brandenburg profitiert vom „Speckgürtel“ rund um Berlin, dort sinkt die Armutsquote. In Berlin selbst hingegen wächst sie.

Tatsächlich ist das Armutsrisiko in fast allen 15 Großstädten gestiegen, die das Statistische Bundesamt untersucht hat. Lediglich in Hamburg, Nürnberg und Dresden ist die Armutsgefährdung zwischen 2005 und 2012 gesunken. Zuletzt war das Armutsrisiko in München und in Stuttgart am geringsten. Am höchsten war es in Dortmund sowie in Leipzig und Duisburg.

http://www.welt.de/wirtschaft/article119521828/Armut-im-Ruhrgebiet-verschaerft-sich-dramatisch.html

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17.08.2013

Monats-Lohn in Deutschland: Bürger 1.500 Euro, Manager 200.000 Euro

Die Kluft der Einkommen in Deutschland ist beträchtlich: Die Vorstandsvorsitzenden de DAX-Konzerne verdienen das 133fache des durchschnittlichen Deutschen. Früher gab es einmal die Faustregel, dass der Chef einer Fabrik nicht mehr als das 12fache eines einfachen Arbeiters verdienen solle. Das ist allerdings schon lange her.

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Das Institut der Deutschen Wirtschaft hat seine traditionelle Studie zu den Einkommen vorgestellt.

So richtig reich sind die Deutschen demnach nicht.

Die Durchschnittseinkommen in Deutschland sind vielmehr bescheiden: Selbst 1.542 Euro pro Monat wie in Baden-Württemberg sind kein Spitzenwert.

Die Berechnung erfolgt auf Meredian-Basis, was die Sache etwas kompliziert macht. Es handelt sich um die bedarfsgewichteten Median-Nettoeinkommen, das heißt, es wird auf familiäre und regionale Unterschiede abgestellt.

Aber man kann doch sagen, dass die Größenordnungen in etwa das treffen, was die durchschnittlichen Deutschen nach 40 Stunden Wochenarbeit am Monatsende nach Hause bringen.

Im Vergleich dazu sind die Spitzeneinkommen von Managern von einem anderen Planeten. Spitzenreiter Martin Winterkorn verdiente 2011 im Jahr 1,3, Millionen Euro monatlich, Schlusslicht Martin Blessing kam auf 50.000 Euro im Monat. Das sind die Bruttobeträge. Wenn man davon ausgeht, dass alle unterm Strick 50 Prozent Einkommensteuer zahlen, sind wir bei 650.000 Euro für Winterkorn und bei 25.000 bei Blessing (das ist so wenig, weil die Bank vom Staat gerettet wurde und daher die gehälter der Manager vorübergehend gedeckelt waren).

Der Durchschnitt für das Jahr 2011 für die 30 DAX-Vorstandsvorsitzenden ergibt etwa 400.000 Euro monatlich brutto, also etwa 200.000 Euro netto im Monat.

Das ist das 133fache vom Durchschnitt der Deutschen.

In der Schweiz hat die sogenannte Abzocker-Initiative durchgesetzt, dass die Gehälter der Bosse künftig gedeckelt werden sollen. Eine Front von Linken und Grünen will im November das verbindliche Verhältnis 1:12 durchsetzen – das heißt, der bestverdienende Manager darf nur 12mal so viel verdienen wie ein einfacher Arbeiter.

In Deutschland sind derartige Initiativen unbekannt.

Verkehrt wären sie nicht.

Denn die angestellten Manager tragen Null Risiko. Die Leistungen dagegen sind oft recht bescheiden. Außerdem sind in den Gehältern nicht die lukrativen Nebenverdienste eingerechnet, etwa durch Aufsichtsratsmandate, Vorträge und andere Nebentätigkeiten.

Was gerne übersehen wird: Die Gehälter der Manager fallen nicht vom Himmel. Sie müssen von den Mitarbeitern verdient werden.

Unternehmer und Entrepreneure dagegen sind bei Gehältern meist zurückhaltender, weil sie – anders als die Manager-Söldner – wirklich verantwortlich für das Unternehmen sind und daher kein Interesse an der Ausbeutung haben.

Eine breite gesellschaftliche Diskussion über das Thema mit Folgen wäre höchst wünschenswert.

Denn nachhaltig ist diese gewaltige Einkommens-Kluft keinesfalls.

Und daher auch nicht gerecht

http://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2013/08/17/monats-lohn-in-deutschland-buerger-1-500-euro-manager-200-000-euro/

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17.06.2013

Geld in Deutschland: Beamte können über Rentner-Vermögen lachen

Ein durchschnittlicher Rentner verfügt laut Bundesbank über ein Vermögen von 186.000 Euro – ein Beamter im Ruhestand hat 420.000 Euro. Zahlen zeigen: Der Wohlstand kommt bei vielen Deutschen nicht an. Von Jan Dams

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Durch Deutschland geht nicht ein Riss, sondern zwei – zumindest finanziell gesehen.

Denn die Vermögen sind innerhalb der Bundesrepublik sehr ungleich verteilt, wie eine Studie der Bundesbank nun ergab. In den Bundesländern Bayern, Baden-Württemberg und Hessen sind die privaten Haushalte besonders wohlhabend.

Das Median-Nettovermögen, bei dem sich die Haushalte in eine ärmere und eine reichere Hälfte teilen, liegt dort bei fast 106.000 Euro. Das ist knapp doppelt so viel wie in Gesamtdeutschland mit 51.400 Euro. Noch eklatanter aber ist der Unterschied, wenn man die drei Bundesländer mit dem Osten vergleicht. Der Median liegt hier bei 21.440 Euro.

Doch damit nicht genug: Die selbstbewussten Süddeutschen sind der Bundesbank-Studie nicht nur reicher als der Osten. Sie sind auch deutlich reicher als der Norden der Republik, wo das Median-Vermögen bei 41.440 Euro liegt.

Die Bundesbank selbst begründet die ungleiche Vermögensverteilung innerhalb Deutschlands unter anderem mit der jahrzehntelangen Teilung von Ost und West. „Der gesamtdeutsche Median ist also immer noch durch das Erbe der DDR gedrückt, da die Haushalt im Osten vor der Wende nur wenige Möglichkeiten und Anreize hatten, Vermögen aufzubauen“, schreiben die Autoren der Studie.

Und weil das Einkommen im Süden der Bundesrepublik dank der guten Wirtschaftslage dort auch höher ist als etwa in Norddeutschland oder in den Regionen Nordrhein-Westfalen, Saarland und Rheinland-Pfalz, hatten die Menschen mehr Geld, um größere Vermögen, vor allem Wohneigentum, aufzubauen.

EZB-Zahlen sorgten für Aufregung

Die gute wirtschaftliche Entwicklung im Süden hat für die Menschen dort einen weiteren Vorteil: Sie sind im Vergleich zum Rest Deutschlands nicht nur besonders wohlhabend, die Ungleichheit bei den Vermögen ist in dieser Region auch noch besonders niedrig. Im Umkehrschluss heißt das, dass die Vermögen in den ärmeren Ländern auch noch ungleicher verteilt sind.

Doch nicht nur zwischen einzelnen Regionen Deutschlands ergeben sich große Gefälle. Auch zwischen den sogenannten „Referenzpersonen nach sozialer Stellung“ sind die Unterschiede bemerkenswert – vor allem zwischen Rentnern und pensionierten Beamten. Das Median-Vermögen deutscher Rentner liegt bei 74.610 Euro. Pensionäre können darüber nur lachen. Deren Median-Vermögen liegt bei 261.000 Euro.

Ebenso auffällig ist der Unterschied bei den Durchschnittsvermögen der Alten: Deutsche Rentner nennen im Schnitt 186.000 Euro ihr Eigen, berichtet die Bundesbank. Pensionäre dagegen kommen mit 420.000 Euro auf deutlich mehr.

Die Bundesbank begründet diesen riesigen Unterschied vor allem mit der beruflichen Sicherheit der Beamten. Erstens würden diese nie arbeitslos und könnten daher über ihr gesamtes Berufsleben hinweg Vermögen aufbauen, ohne dass Jobverluste ans Ersparte gingen, sagte ein Sprecher.

Zweitens täten sich die Beamten leichter, Wohneigentum als stärkste Quelle privater Vermögen zu erwerben. Wer keine Angst vor Arbeitslosigkeit haben müsse, könne sich auch leichter eine Wohnung kaufen.

Wenig überraschend dagegen ist, dass die Vermögen mit steigendem Bildungsgrad deutlich zulegen. Wer eine Fachschule, Fachhochschule oder Hochschule abgeschlossen hat, spart in Deutschland die höchsten Vermögen an, dank höherer Einkommen. Und nach Nationalität gegliedert, haben Deutsche in der Bundesrepublik mit 54.920 Euro ein mehr als doppelt so hohes Median-Vermögen wie Bürger anderer Nationalität mit 20.240 Euro.

Die Studie zu den Vermögensverhältnissen in Deutschland basiert auf einer Umfrage im Auftrag der Europäischen Zentralbank (EZB). Bereits Anfang April hatte eine erste Auswertung dieser Befragungen für Aufsehen gesorgt.

Die Teilung des Landes wirkt nach

Fast verschämt wurde damals nach der umstrittenen Rettung Zyperns veröffentlicht, dass die Menschen in Krisenregionen der Euro-Zone über ein weit höheres Vermögen als die Deutschen verfügen. In Zypern etwa haben die Bürger ein Median-Nettovermögen von 266.900 Euro, in Italien von 173.500 Euro und in Spanien von 182.700 Euro. Ganz oben auf der Liste stehen die Luxemburger, die auf fast 400.000 Euro kommen.

Grund für das im europäischen Vergleich recht geringe Vermögen der Deutschen sind laut Bundesbank die Folgen der beiden Weltkriege, die Teilung des Landes und der – im internationalen Vergleich – geringe Anteil von Eigenheimbesitzern. Laut Studie sind Eigentümer von Immobilien deutlich reicher als Mieter-Haushalte, was wenig überrascht. Gleichzeitig sei Wohneigentum in Deutschland vergleichsweise selten, betonte die Bundesbank.

„Der Erwerb von Immobilien scheint sich, angesichts eines breiten und leistungsfähigen Marktes für Mietwohnungen, als weniger dringlich darzustellen.“ Außerdem sind Wohnungen in den Krisenländern nach Jahren der Krise heute häufig längst nicht mehr so viel Wert wie zum Zeitpunkt der Befragung. In Spanien, wo ein Immobilienboom geplatzt ist, fällt das besonders auf.

Zudem stellt die Studie im Vergleich mit den Euro-Ländern eine ungleiche Verteilung von Geld und Besitz fest, allerdings sei sie „deutlich gleichmäßiger“ als in den USA und der Schweiz.

http://www.welt.de/wirtschaft/article117209612/Beamte-koennen-ueber-Rentner-Vermoegen-lachen.html

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27.03.2013

Wohlstand in Europa: Armut in Deutschland ist größer als in Slowenien

Deutschland ist zwar eines der reichsten Länder der Europäischen Union. Trotzdem sind hier Armut und Einkommensunterschiede größer als in vielen Mitgliedsstaaten mit einer schwächeren Wirtschaft.

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Etwa jeder sechste Einwohner Deutschlands (15,8 Prozent) galt 2010 als arm, wie das Statistische Bundesamt in Wiesbaden am Mittwoch berichtete. Das Einkommen des obersten Fünftels der Menschen in Deutschland war 4,5 Mal so hoch wie das des untersten Fünftels. Mit beiden Werten liegt Deutschland zwar unter dem EU-Durchschnitt. Dieser beträgt für die Armutsquote 16,9 Prozent und für die Einkommensunterschiede 5,1. Allerdings gibt es eine Reihe von Ländern, die deutlich besser dastehen als Deutschland – obwohl die Wirtschaftskraft deutlich geringer ist.

In Slowenien etwa liegt die Armutsquote bei 13 Prozent. Dabei ist in dem Land das Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf mit 17 738 Euro deutlich geringer als in Deutschland. Hier liegt der Wert bei 32 512 Euro. Auch die Slowakei steht trotz geringerer Wirtschaftskraft (BIP pro Kopf 13 209 Euro) besser da: Die Armutsquote beträgt 13,8 Prozent.

Weniger 60 Prozent

Arm oder von Armut bedroht ist nach der EU-Definition, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens der Gesamtbevölkerung eines Landes zur Verfügung hat – staatliche Leistungen inklusive. Armut beginnt in Deutschland für einen Single bei 952 Euro Einkommen im Monat. In Rumänien liegt diese Armutsschwelle bei 105 Euro im Monat für einen Alleinlebenden und ist damit die niedrigste in der EU – gefolgt von Bulgarien mit 145 Euro. Spitzenreiter ist Luxemburg mit 1626 Euro, gefolgt von Dänemark mit 1319 Euro.

Die niedrigste Armutsgefährdungsquote innerhalb der EU hatte Tschechien (9,8 Prozent). Auch die anderen Nachbarländer Deutschlands schnitten – mit Ausnahme Polens – besser ab als die Bundesrepublik. In den Niederlanden waren elf Prozent, in Österreich 12,6 Prozent und in Dänemark 13 Prozent von Armut bedroht. In Frankreich galten 14 Prozent als arm. In Luxemburg lag der Wert bei 13,6 und in Belgien bei 15,3 Prozent. In Polen waren dagegen 17,7 Prozent von Armut bedroht.

Kristenstaaten besonders betroffen

Die meisten Armen gab es nach der EU-Definition in Bulgarien, Rumänien, Spanien und Griechenland. In diesen Ländern war mehr als jeder Fünfte von Armut bedroht. Diese Quote hat sich zudem innerhalb eines Jahres deutlich verschlechtert: In Spanien um 1,1 Punkte auf 21,8 Prozent, in Griechenland um 1,3 Punkte auf 21,4 und in Italien um 1,4 Punkte auf 19,6 Prozent. In Kroatien, das im Juli der EU beitritt, waren 21,1 Prozent der Einwohner von Armut bedroht.

Die Einkommensunterschiede waren in den Ländern mit vielen armen Menschen besonders groß. In Spanien war die Ungleichheit mit 6,8 am größten, gefolgt von Lettland und Bulgarien. Am besten schnitten Slowenien und die Tschechien ab.

http://www.focus.de/finanzen/news/wohlstand-in-europa-armut-in-deutschland-ist-groesser-als-in-slowenien_aid_949511.html

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18.12.2012

Armut in Deutschland ist politisch gewollt”

Menschen mit wenig Geld bekommen nach Einschätzung von Gewerkschaften und Wohlfahrtsverbänden immer seltener die Chance, sich aus der Armutsfalle zu befreien. Die Nationale Armutskonferenz (nak) hält der Bundesregierung deshalb Versagen in der Sozialpolitik vor.

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Der wissenschaftliche Beirat beim Bundeswirtschaftsministerium verwarf das Koalitionskonzept der Lebensleistungsrente als ungeeignet zur Bekämpfung von Altersarmut.

Die Armut habe sich in Deutschland verfestigt, die Armutsquote liege seit 2007 zwischen 14 und 16 Prozent, kritisierte nak-Vizesprecherin Michaela Hofmann am Dienstag in Berlin. Es sei ein Skandal, dass sich diese Zahl auf so hohem Niveau einpendle. Nach ihrer Einschätzung ist Armut politisch gewollt. Abzulesen sei dies an unzureichenden Hartz-IV-Sätzen sowie dem in Deutschland immer stärker ausufernden Niedriglohn-Sektor. Die Weichen dazu habe der Gesetzgeber gestellt. Inzwischen arbeitet laut nak fast jeder Vierte zu einem Niedriglohn.

Die Grenze dafür liegt im Westen nach Feststellung des Instituts für Arbeit und Qualifikation bei 9,54 Euro, im Osten bei 7,04 Euro. Etwa 1,4 Millionen arbeiten danach sogar für weniger als 5 Euro in der Stunde. Damit sind die arbeitenden Armen («working poor») nach den Worten des Darmstädter Wissenschaftlers Walter Hanesch zu einer wachsenden sozialpolitischen Größe geworden.

So genannte Armutsspiralen macht die nak bereits bei den Jüngsten aus. Selbst das mit der letzten Hartz-IV-Reform beschlossene Bildungs- und Teilhabepaket für bedürftige Kinder gebe ihnen keine Chance, aus dem Armutskreislauf herauszukommen, bedauerte Hofmann.

Nötig sei der Ausbau der sozialen Infrastruktur: schulische Ganztagsbetreuung, kostenloses Schulmittagessen, unentgeltliche Lernförderung oder freier Eintritt in Museen. Dann müsse auch der Hartz-IV-Regelsatz von derzeit 374 Euro weniger stark angehoben werden: Hofmann nannte als unverbindlichen Eckwert etwa 420 Euro.

Ihre Kritik hat die nak, ein Zusammenschluss von Sozial- und Wohlfahrtsverbänden sowie Gewerkschaften, in einem sogenannten Schattenbericht zusammengefasst. Dieser wurde bereits im Oktober veröffentlicht: Gedacht ist er als Gegenentwurf zum offiziellen Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung, der voraussichtlich Ende Januar ins Kabinett kommt. Die nak wirft der Regierung vor, darin das Verarmungsrisiko in Deutschland kleinzureden.

Nach dem «Schattenbericht» erhalten etwa 7,6 Millionen Menschen (9,3 Prozent der Bevölkerung) staatliche Leistungen zur Sicherung ihres Existenzminimums. Die nak fordert neben einem gesetzlichen Mindestlohn, höheren Regelsätzen und Förderprogrammen gegen Wohnungsnot eine umfassende Strategie der Armutsbekämpfung.

Zusatzrenten sind für den wissenschaftlichen Beirat beim Bundeswirtschaftsministerium der falsche Weg zur Bekämpfung von Altersarmut. «Bevor wir viele Milliarden in Zusatzrenten versenken, sollten wir sie bei jungen Leuten investieren», sagte Gutachter Axel Börsch-Supan. Modelle wie die «Lebensleistungsrente» der Koalition belasteten Beitrags- und Steuerzahler und schwächten Arbeitsanreize. Junge Leute seien sehr viel stärker als Ältere von Armut bedroht.

Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) verteidigte das Koalitionskonzept. Zur Bekämpfung von Altersarmut müsse zwar beim Arbeitsmarkt angesetzt werden, etwa mit Mindestlöhnen. «Aber es muss sich am Ende des Tages auch die Arbeit lohnen, so dass Menschen eine auskömmliche eigene Rente haben. Und dazu brauchen wir die Lebensleistungsrente.»

Die stellvertretende SPD-Vorsitzende Manuela Schwesig warf der Regierung vor, die Realität auszublenden. «Die Menschen spüren, dass sich Armut verfestigt.» Deshalb sei ein gesetzlicher Mindestlohn von 8,50 Euro, die Einführung der Vermögenssteuer sowie die Anhebung des Spitzensteuersatzes nötig. «Wer die kleineren Einkommen schützen will, darf nicht die Gesundheits- und Pflegerisiken privatisieren und die Menschen auf den Kosten sitzen lassen.»

http://www.welt.de/newsticker/dpa_nt/infoline_nt/thema_nt/article112096821/Armut-in-Deutschland-ist-politisch-gewollt.html

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13.12.2012

Wohlstandsverteilung: Studie warnt vor schrumpfender Mittelschicht

Der Aufstieg gelingt nur noch selten. Forscher der Bertelsmann-Stiftung und des DIW verkünden, dass die Mitte der Gesellschaft gefährdet ist: Mitschuld trage daran auch Deutschlands Steuerpolitik.

————————————————————————————-Die deutsche Mittelschicht schrumpft laut einer neuen Studie: Ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung sank seit 1997 um 5,5 Millionen Menschen oder von 65 auf 58 Prozent.

„Immer weniger Menschen gelingt der Aufstieg aus den unteren Einkommen in die Mittelschicht“, lautet das Fazit einer Studie der Bertelsmann-Stiftung mit dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW).

„Und selbst eine gute Ausbildung ist heute kein Garant mehr für ein Leben in gesichertem Wohlstand.“ Jeder Vierte in der Mittelschicht habe die latente Sorge, seinen Status zu verlieren.

Der Aufstieg in die Mittelschicht gelingt demnach immer seltener. „Die Mitte wächst nicht mehr durch einen Zustrom aus unteren Einkommensschichten“, so die Forscher. Gleichzeitig verfüge die Mittelschicht aber über zunehmend bessere Bildung und höhere berufliche Positionen, was Aufstiegschancen aus der Mitte heraus nach oben eröffne.

„Auch aus diesem Grund schrumpft die Mittelschicht.“ Allerdings gebe es deutlich mehr Abstiege als Aufstiege. Untere Einkommen der Mittelschicht seien zudem gefährdet, in einkommensschwache Bereiche abzurutschen.

„Steuerpolitik trifft Mitschuld“

Auch die Steuerpolitik trägt den Forschern zufolge eine Mitschuld daran, dass die Mittelschicht schrumpft. Von den seit Mitte der 90er-Jahre durchgeführten Steuerreformen hätten vor allem Reiche profitiert. „Die Mittelschicht wurde dagegen deutlich weniger von den geänderten Steuertarifen entlastet.“

Arbeitsmarktreformen und der Rückgang normaler Arbeitsverhältnisse seien eine weitere Ursache. „Die entstandenen atypischen Beschäftigungsverhältnisse sind in der Regel durch eine unterdurchschnittliche Entlohnung gezeichnet“, hieß es. Hinzu komme der Trend zu mehr Ein-Personen-Haushalten. Diese führten zu größerer Einkommensungleichheit, „da keine Ersparnisse durch gemeinsames Wirtschaften wie in größeren Haushalten erzielt werden“.

Die Studie beruht auf dem sogenannten Sozio-oekonomischen Panel, für das jährlich 20.000 Erwachsene befragt werden. Zur Mittelschicht gehört, wer zwischen 70 und 150 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung hat. Das sind beispielsweise Familien mit zwei Kindern unter 18, die über rund 2400 bis 5100 Euro monatlich verfügen.

Eine Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung war gerade erst zu einer gegenteiligen Erkenntnis gelangt, wonach die Mittelschicht in Deutschland stabil ist. Wesentlicher Unterschied ist dabei der überprüfte Zeitraum und die Frage, wie weit man die Mittelschicht fasst, also wie hoch ein mittleres Einkommen ist. Kritiker monieren, dass Studien zur Größe der Mittelschicht oder auch zu Armutsrisiken oft mit einer politischen Absicht verfasst werden.

http://www.welt.de/wirtschaft/article111988782/Studie-warnt-vor-schrumpfender-Mittelschicht.html

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23.10.2012

Jeder fünfte Deutsche von Armut oder sozialer Ausgrenzung betroffen

Die Zahl der Deutschen, die 2011 von Armut oder sozialer Ausgrenzung betroffen waren ist auf fast 20 Prozent gestiegen. Etwa 16 Millionen Menschen in Deutschland sind betroffen. Die Häufigkeit bei Frauen ist erwartungsgemäß höher als bei Männern gewesen.

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Die Diskussion über Armut in Deutschland ebbt nicht ab. Fast 900.000 Deutsche waren im vergangenen Jahr auf eine Grundsicherung angewiesen – 5,9 Prozent mehr als ein Jahr zuvor (hier). Oft geht mit der Armut auch die soziale Ausgrenzung hervor. Wie das Statitische Bundesamt am Dienstag mitteilt, ist 2011 in Deutschland jeder Fünfte von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht gewesen (19,9%).

Wie die Studie zeigt, sind Frauen (21,3 %) eher von Armut oder sozialer Ausgrenzung betroffen als Männer (18,5 %). Der niedrigste Wert ergibt sich für Männer ab 65 Jahren (13,0 %). Dies scheint jedoch der in der Öffentlichkeit breit diskutierten Furcht vor Altersarmut zu widersprechen (hier).

Allerdings ist diese Statistik wie die meisten ihrer Art mit Vorsicht zu genießen. Als armutsgefährdet gilt jeder, dem weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens (Median) der Gesamtbevölkerung zur Verfügung stehen. Das heißt, wenn in Deutschland in einem Jahr aufgrund eines plötzlichen Innovationsschubs alle doppelt so wohlhabend wären wie heute, dann wäre die Zahl der „Armutsgefährdeten“ unverändert. Insofern sind auch die Werte dieser Statistik in Relation zu sehen.

In den Bereich „soziale Ausgrenzung“ fallen Menschen, die „erheblich materiell depriviert“ sind. Doch man gilt schon als „erheblich materiell depriviert“, wenn man beispielsweise keinen PKW, kein Fernsehgerät und keine Waschmaschine hat. Viele Studenten leben heute ohne diese Dinge und sind nicht zwangsläufig als armutsgefährdet zu betrachten.

http://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2012/10/23/jeder-fuenfte-deutsche-von-armut-betroffen/

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14.10.2012

Wegen Krise: Deutsche sparen bei Medikamenten und Arztbesuch

Eine Umfrage des französischen Versicherers Europe Assistance zum Gesundheitswesen ha ergeben: Im Jahr 2011 hat fast ein Drittel der befragten Deutschen aus Geldmangel auf eine medizinische Behandlung verzichtet. In der Gesundheit zeigt sich demnach eine Spaltung in der deutschen Gesellschaft.

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Die Zahl der Deutschen, die bei ihrer Gesundheit sparen, hat sich innerhalb nur eines Jahres verdoppelt: Vom Jahr 2010 auf das Jahr 2011 stieg der Anteil von 15 auf 30 Prozent. Der europäische Durchschnitt liegt mit 19 Prozent weit niedriger. Mehr als die Hälfte der Deutschen verzichteten aus Kostengründen insbesondere auf den Gang zum Zahnarzt. 42 Prozent versagten sich den Erwerb von Brillen oder Kontaktlinsen und ein Drittel verzichtete aus Kostengründen darauf, Medikamente zu kaufen.

Nach Ansicht des Europe Assistance-Konzerns liegt dies auch an der aktuellen Krise: „Die Zahlungsbereitschaft der Deutschen für medizinische Leistungen zeigt sich von der europäischen Finanz- und Wirtschaftskrise offensichtlich beeindruckt“, stellt die Studie fest.

Frank Donner, Pressesprecher des in der deutschen Niederlassung in München ansässigen Unternehmens, welches die Befragung durchgeführt hat, sieht das Ergebnis nüchtern: „Vor dem Hintergrund gestiegener Gesundheitskosten, steigender Beiträge für die Krankenversicherungen und immer noch 137.000 Personen ohne Krankenversicherungs-Schutz – trotz der seit 2009 eingeführten Krankenversicherungspflicht für alle Bürgerinnen und Bürger – hat uns die gesunkene Zahlungsbereitschaft der Deutschen für medizinische Leistungen nicht wirklich überrascht.“

Die Europe Assistance vergleicht europäische und US-amerikanische Ergebnisse. Sie hat Daten über die Gesundheitsausgaben von Bürgern aus Großbritannien, Frankreich, Italien, Spanien, Tschechien, Polen, Schweden, Österreich sowie den USA erhoben. Die Erhebung wurde zwischen Mai und Juni 2012 im Rahmen einer telefonischen Befragung durchgeführt. Der Ländervergleich zeigt: Nur die Polen waren mit 41 Prozent noch sparsamer als die Deutschen, wenn es um die Finanzierung ihrer Gesundheit ging.

Ann Marini, stellvertretende Pressesprecherin des GKV-Spitzenverbandes, sagte auf Nachfrage der Deutschen Mittelstands Nachrichten: „Die Leistungspflicht der gesetzlichen Krankenversicherung“ sei „durch eine Entscheidung des Gesetzgebers bei Sehhilfen und Zahnersatz eingeschränkt worden“. Zu „versorgungsrelevanten Auswirkungen der Umstellung auf den befundorientierten Festzuschuss bei Zahnersatz“ werde es „eine Untersuchung des Gemeinsamen Bundesausschuss geben.“

Die Studie weist auch auf ein weiteres Problem hin: In Deutschland lässt sich die Gesellschaft in zwei Schichten unterteilen. So gebe es laut Donner mit 30 Prozent „zum einen die wachsende Gruppe der Menschen, die an ihrer Gesundheit sparen“ und „zum anderen die vorsorgebereiten Bürger, die durchaus zahlungsbereit sind und private Zusatzversicherungen als geeignete Lösung zur Finanzierung des Gesundheitswesens erachten“. Letztere Gruppe mache 39 Prozent aus. Der Europe Assistance-Pressesprecher führt weiter aus: „Lediglich für 31 Prozent der Deutschen ist eine Chancengleichheit für alle Bundesbürger beim Zugang zu Gesundheitsleistungen unabhängig von Einkommen und Status gegeben. Der überwiegende Teil der Deutschen ist demnach davon überzeugt, dass die Qualität der Gesundheitsversorgung vom finanziellen oder gesellschaftlichen Status abhängig ist.“

http://www.deutsche-mittelstands-nachrichten.de/2012/10/47409/

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11.10.2012

Gehaltsgefälle in Deutschland wird größer

Die Reallöhne in Deutschland sind im zweiten Quartal um 0,6 Prozent gestiegen. Im Schnitt verdienen die Deutschen 3385 Euro brutto. Doch das Gehaltsgefälle zwischen den Branchen wird immer größer.

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Nach einer sechsmonatigen Pause sind im zweiten Quartal 2012 die Reallöhne der Arbeitnehmer in Deutschland erstmals wieder gestiegen. Die Löhne lagen mit einem Plus von 2,5 Prozent um 0,6 Punkte über der allgemeinen Preissteigerung von 1,9 Prozent, wie das Statistische Bundesamt berichtete. In den beiden Quartalen zuvor waren die Lohnsteigerungen sofort wieder von der Inflation aufgefressen worden.

Frauen erhalten weiterhin weniger

Die Reallöhne wurden erstmals nicht nur für Vollzeitbeschäftigte berechnet, sondern auch für Teilzeitkräfte und geringfügig Beschäftigte. In der bis 2007 zurückgerechneten Einzelauswertung zeigte sich unter anderem, dass Frauen etwas höhere Gehaltssteigerungen realisieren konnten als Männer.

Für die vier Jahre bis 2011 erzielten die im Schnitt schlechter bezahlten Frauen ein Plus von 9,6 Prozent, während die Männer 9,3 Prozent nominal mehr in der Tasche hatten.

Das Gehaltsgefälle wird größer

Ein weiteres Ergebnis der detaillierten Untersuchung ist, dass sich die Verdienstschere weiter geöffnet hat. So realisierten Arbeitnehmer in leitenden Stellungen in dem Zeitraum ein Plus von 12,4 Prozent, Angelernte hatten hingegen nur 8,0 Prozent mehr Geld.

Im Schnitt aller Beschäftigten waren es 9,4 Prozent. Die östlichen Bundesländer lagen mit 10,7 Prozent Lohnplus vor dem früheren Bundesgebiet mit 9,2 Prozent.

Große Branchenunterschiede beim Verdienst

Im Schnitt verdiente ein vollzeitbeschäftigter Arbeitnehmer zweiten Quartal 2012 ohne Sonderzahlungen 3385 Euro brutto im Monat. Dabei registrierten die Statistiker deutliche Branchenunterschiede.

So gab es im Gastgewerbe nur 2002 Euro brutto, während in der Energiebranche mit 4507 Euro mehr als das Doppelte gezahlt wurde.

Hohe Energiekosten treiben Teuerungsrate an

Für die Dynamik beim Verbraucherpreisindex in den vergangenen Monaten seien die schwankenden Energiepreise verantwortlich, erklärten die Statistiker. Ohne die Berücksichtigung der Energiepreise liege die Teuerungsrate seit Juni 2012 konstant bei 1,4 Prozent.

Im September 2012 verteuerte sich Energie dem Statistischen Bundesamt zufolge um 7,0 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat. Deutlich über dem Vorjahresniveau lagen Mineralölprodukte: Kraftstoffe waren 8,9 Prozent teurer als im September 2011, leichtes Heizöl war 10,4 Prozent teurer. Nahrungsmittel waren im Vergleich zum September 2011 um 2,9 Prozent teurer.

Preisauftrieb schwächte sich im September leicht ab

Im Vergleich zum Vormonat August blieb der Verbraucherpreisindex im September unverändert. Der für den europäischen Vergleich berechnete Harmonisierte Verbraucherpreisindex stieg im September um 2,1 Prozent.

Diese Zahlen werden auf Grundlage eines anderen Warenkorbs berechnet. Sie sind Maßstab der Europäischen Zentralbank (EZB), die bei einer mittelfristigen Inflation von weniger als 2,0 Prozent von stabilen Preisen spricht.

http://www.welt.de/wirtschaft/article109773023/Gehaltsgefaelle-in-Deutschland-wird-groesser.html

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13.09.2012

Jeder siebte Deutsche von Armut bedroht

Die Gefahr, in die Armut abzurutschen, ist in Deutschland gestiegen. Dabei sind die ostdeutschen Bundesländer besonders stark betroffen. Trauriger Spitzenreiter ist aber ein westdeutscher Stadtstaat.

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Etwa jeder siebte Mensch in Deutschland ist von Armut bedroht. Wie das Statistische Bundesamt am Donnerstag in Wiesbaden mitteilte, stieg die sogenannte Armutsgefährdungsquote im Jahr 2011 auf 15,1 Prozent. Im Jahr zuvor hatte sie bei 14,5 Prozent gelegen.

Dabei zeigen sich große Unterschiede zwischen Ost und West: Hatten im Jahr 2011 im früheren Bundesgebiet ohne Berlin 14 Prozent der Bevölkerung ein erhöhtes Armutsrisiko, waren in den neuen Ländern einschließlich Berlin 19,5 Prozent der Menschen armutsgefährdet.

Einer Definition der Europäischen Union zufolge gelten Menschen als armutsgefährdet, die mit weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens der Gesamtbevölkerung auskommen müssen. Nach den Ergebnissen des Mikrozensus galten im Jahr 2011 in Deutschland Ein-Personen-Haushalte mit einem monatlichen Einkommen von weniger als 848 Euro als armutsgefährdet.

Hohe Armutsgefahr in Norden und Nordosten

Bremen mit 22,3 Prozent und Mecklenburg-Vorpommern mit 22,2 Prozent hatten 2011 bundesweit die höchsten Armutsgefährdungsquoten. In Mecklenburg-Vorpommern ging die Quote um 0,2 Prozentpunkte auf 22,2 Prozent zurück.

Daneben erreichte nur Thüringen einen Rückgang der Quote gegenüber dem Vorjahr, nämlich auf 16,7 Prozent um 0,9 Punkte. Beide Länder haben nach Angaben der Statistiker einen kontinuierlichen Rückgang der vergangenen Jahre fortgesetzt und wiesen 2011 jeweils den bisher niedrigsten Wert auf.

Neuer Höchststand in Berlin und NRW

Demgegenüber gab es in Berlin (21,1 Prozent) und in Nordrhein-Westfalen (16,6 Prozent) durch beständige Anstiege der Armutsgefährdung seit dem Jahr 2006 jeweils einen neuen Höchststand. Berlin wies im Jahr 2011 zudem mit 1,9 Prozentpunkten die höchste Veränderung gegenüber dem Vorjahr aus. Baden-Württemberg hatte mit 11,2 Prozent die geringste Quote vor Bayern mit 11,3 Prozent.

„Die Armutsgefährdung der Menschen lag im Jahr 2011 in den meisten Bundesländern über dem Niveau des Jahres 2010“, berichtete das Bundesamt. „Auch im Ost- und Westvergleich gibt es weiterhin deutliche Unterschiede bei den Armutsgefährdungsquoten.“

http://www.welt.de/politik/deutschland/article109186711/Jeder-siebte-Deutsche-von-Armut-bedroht.html

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10.09.2012

Immer mehr Deutsche verdienen immer weniger

Jeder fünfte Beschäftigte in Deutschland verdient weniger als 10,36 Euro die Stunde. Experten schlagen Alarm: Niedriglohn heute bedeute niedrige Rente morgen. Die politische Debatte ist entbrannt.  Von Stefan von Borstel

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Mitten in der politischen Debatte um Mindestlöhne und Altersarmut hat das Statistische Bundesamt neue Daten zum Niedriglohnsektor vorgelegt. Danach arbeitete 2010 jeder fünfte Beschäftigte (20,6 Prozent) in Deutschland zum Niedriglohn unter 10,36 Euro die Stunde. Jeder Vierte ist „atypisch“ mit einem befristeten Arbeitsvertrag oder als Minijobber, Zeitarbeiter sowie Teilzeitkraft beschäftigt.

Vor vier Jahren lag der Anteil der Niedriglöhner an allen Beschäftigten erst bei 18,7 Prozent. Mit der Steigerung setze sich ein „längerfristiger Trend“ fort, erklärte der Präsident des Statistischen Bundesamtes, Roderich Egeler. Von den atypisch Beschäftigten erhielt jeder zweite (49,8 Prozent) einen Niedriglohn, bei Beschäftigten in einem Normalarbeitsverhältnis war es gerade einmal jeder Zehnte (10,8 Prozent).

„Niedriglohn heute bedeutet niedrige Rente morgen“, warnte Egeler. Nur 6,2 Prozent der Niedriglöhner investierten in eine Betriebsrente, bei allen Beschäftigten sind es dagegen 22,2 Prozent. Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) plant eine Zuschussrente von 850 Euro für Geringverdiener, damit diese im Alter nicht auf Sozialhilfe angewiesen sind. Ähnliche Vorschläge unterbreitete an diesem Montag auch die SPD.

Gefahr der Altersarmut steigt

Opposition und Gewerkschaften siehen sich nach den neuesten Zahl des Bundesamtes in ihre Forderung nach einen Mindestlohn bestätigt. SPD-Chef Sigmar Gabriel sieht nur bei Einführung flächendeckender Mindestlöhne eine Basis für parteiübergreifende Gespräche über eine Renten-Reform.

„Es kann keine Solidarrente ohne Mindestlohn geben“, sagte Gabriel. Die grüne Arbeitsmarktpolitikerin Brigitte Pothmer erklärte: „Der Niedriglohnsektor wächst, Grund dafür ist die prekäre Beschäftigung.“ Nötig sei ein flächendeckender Mindestlohn. Befristungen und Leiharbeit müssten eingedämmt werden.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) forderte die Regierungskoalition auf, „die Blockaden gegen einen flächendeckenden Mindestlohn, die Regulierung der Leiharbeit sowie eine Reform der Minijobs aufzugeben.“ DGB-Vorstand Annelie Buntenbach erklärte, „Niedriglöhne und prekäre Jobs sind würdelos und werden zur tickenden Zeitbombe für eine Welle von Altersarmut.“

Die Gewerkschaft Ver.di forderte einen Mindestlohn von 8,50 Euro die Stunde. Der Kampf gegen die Altersarmut müsse nicht erst im Rentenalter, sondern direkt bei den Arbeitsverhältnissen ansetzen, sagte Ver.di-Vizechefin Andrea Koscis. Die Renten-Vorschläge der Arbeitsministerin und auch der SPD seien unzureichend, weil sie letztlich die Ursachen für Altersarmut nicht beseitigten und sogar ein völlig indiskutables Rentenniveau fest schrieben.

Mindestlohn für Deutschland gefordert

Bewegung in die Mindestlohndebatte bringt auch ein Vorstoß der schwarz-roten Koalition in Thüringen. Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht (CDU) und Landesarbeitsminister Matthias Machnig (SPD) stellten in Berlin eine Bundesratsinitiative des Freistaates vor, der die Einführung einer einheitlichen Lohnuntergrenze in Deutschland vorsieht.

Auf eine konkrete Höhe haben sich die Thüringer nicht festgelegt. Eine Kommission aus Arbeitgebern und Gewerkschaften soll den Mindestlohn aushandeln. Das Bundeskabinett soll ihn dann per Rechtsverordnung beschließen. Es gebe einen wachsenden Niedriglohnsektor, beklagte Lieberknecht. Machnig sagte, die Bundes-CDU müsse nun Farbe bekennen. Sie könne sich nicht länger hinter der FDP verstecken. Beschließt die Länderkammer einen Gesetzentwurf, muss sich der Bundestag damit befassen.

Die schwarz-gelbe Koalition ist in der Frage der Mindestlöhne aber zerstritten: Die CDU plädiert für Lohnuntergrenzen nach Branchen und Regionen, die FDP lehnt Mindestlöhne strikt ab. Zuletzt sprach sich auch der Chef der Bundesagentur für Arbeit, Frank-Jürgen Weise, für einen Mindestlohn aus. Eine Grenze nach unten sei psychologisch wichtig, sagte Weise der „Welt“. Faktisch gebe es die Lohnuntergrenze ja auch schon durch den Hartz-IV-Satz. Bislang gibt es Mindestlöhne nur in einigen Branchen, etwa am Bau, in der Zeitarbeit und für Gebäudereiniger.

Vor allem Taxifahrer und Friseure betroffen

Nach den Daten des Statistischen Bundesamtes hängen niedrige Löhne auch mit der Tarifbindung der jeweiligen Branche zusammen. Bei nicht tarifgebundenen Arbeitgebern erhielt fast ein Drittel der Beschäftigten einen Niedriglohn (31 Prozent). Bei tarifgebundenen Arbeitgebern waren es mit 11,9 Prozent deutlich weniger.

Als Niedriglohn definieren die Statistiker einen Lohn, der mehr als zwei Drittel unter dem mittleren Verdienst aller Beschäftigten liegt. Besonders hoch war 2010 der Anteil von Beschäftigten mit Niedriglohn bei Taxifahrern (87 Prozent), Friseuren (85,6 Prozent), im Reinigungsgewerbe (81,5 Prozent) und in Restaurants, Cafés und Gaststätten (77,3 Prozent).

Ein Grund für den Anstieg des Anteils der Niedriglohnbezieher, aber sicher nicht der einzige, sei die Zunahme der atypischen Beschäftigung, erklärte Egeler. Der Anteil atypischer Beschäftigter ist seit der deutschen Vereinigung zunächst kontinuierlich gestiegen. Seit 2006 stagniert er aber bei rund 25 Prozent.

Geringqualifizierte verdienen am häufigsten wenig

Der Stundenlohn der atypische Beschäftigten liege rund 40 Prozent unter dem der Normalarbeitnehmer, die auf 17,09 Euro kommen. Generell wachse der Abstand zwischen den Gering- und Besserverdienenden. Innerhalb der Gruppe der „atypisch Beschäftigten“ gibt es allerdings deutliche Unterschiede. So verdienen Teilzeitbeschäftigte mit 14,45 Euro brutto die Stunde nur rund 2,60 Euro weniger als der Normalarbeitnehmer.

Sie stellen mit 4,9 Millionen auch mit Abstand die größte Gruppe unter den atypisch Beschäftigten von knapp 7,8 Millionen. Die 2,8 Millionen befristet Beschäftigten kommen auf 12,06 Euro. Deutlich darunter liegen Zeitarbeiter mit 8,91 Euro und geringfügig Beschäftigte mit 8,19 Euro.

Der angegebene Anteil der Niedriglöhner an allen Beschäftigten von 20,6 Prozent sei wohl tatsächlich noch höher, erklärten die Statistiker. Denn Kleinbetriebe mit weniger als zehn Beschäftigten und ganze Branchen wie die Land- und Forstwirtschaft wurden in der Verdienststatistik nicht berücksichtigt. Dadurch wird fast ein Fünftel der abhängig Beschäftigen nicht erfasst.

Auffallend ist der Zusammenhang zwischen geringer Qualifikation und atypischer Beschäftigung: 41,7 Prozent der Geringqualifizierten arbeiten als Zeitarbeiter, Minijobber, Befristeter oder Teilzeitkraft. Am häufigsten fielen Hilfsarbeiter in diese Kategorie, von ihnen arbeitete jeder zweite atypisch, auch bei den Verkäufern ist der Anteil mit 40 Prozent hoch.

Hinter diesem hohen Wert steckt vor allem die Teilzeitarbeit. Aber immerhin auch 18,5 Prozent der Akademiker waren laut Bundesamt atypisch beschäftigt. Die meisten davon hatten einen befristeten Vertrag.

Das Bundesamt erhebt nur alle vier Jahre die Verdienste. Die Statistik basiert auf den Angaben von 1,9 Millionen Beschäftigten.

http://www.welt.de/wirtschaft/article109132916/Immer-mehr-Deutsche-verdienen-immer-weniger.html

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23.08.2012

Sozialverband warnt vor wachsender Kluft zwischen Arm und Reich

Während es aufgrund falscher politischer Entscheidungen immer leichter werde, in Armut abzurutschen, wachse das Vermögen der Reichen weiter, warnt der Sozialverband Deutschland. Das ist eine „traurige Bankrotterklärung“.

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Es erfüllt uns mit großer Sorge, dass die Vermögensungleichheit in Deutschland immer weiter zunimmt“, betonte der Präsident des Sozialverbandes Deutschland, Adolf Bauer auf einer Pressekonferenz in Berlin. „Während Armutsrisiken aufgrund falscher politischer Weichenstellungen deutlich steigen, wächst das private Vermögen der Reichen stetig.“ Trotz des Aufschwungs seien etwa acht Millionen Menschen in Deutschland abhängig von Hartz IV. „Dieses Armutszeugnis ist eine traurige Bankrotterklärung für eines der reichsten Länder der Welt.” Das Nettoprivatvermögen beläuft sich auf etwa 7,5 Billionen Euro, so der Solzialverband. Das reichste Zehntel besitzt mehr als 63 Prozent davon.

Der Präsident des Sozialverbandes warnte, das entstandene Ungleichgewicht müsse wieder ins Lot gebracht werden. „Zentrale Grundfesten des gesellschaftlichen Gefüges sind so sehr aus den Fugen geraten, dass ein Achsenbruch mit Totalschaden droht.“ Fortwährend würden die Sozialleistungen abgebaut, es gebe „massive Verschlechterungen für viele und unverhältnismäßige Verbesserungen für wenige Menschen“ in Deutschland. Steuerpflichtige mit hohem Einkommen und Vermögen sollten stärker eingebunden werden, forderte Adolf Bauer. Mehr als 650.000 Menschen in Deutschland verfügen dem Sozialverband zufolge über ein Reichtumseinkommen und gehören somit zum obersten Prozent der Einkommensbeziehenden mit einem Jahreseinkommen von über 112.000 Euro.

Aufgrund dieser Entwicklung in Deutschland hat der Sozialverband auch ein Forderungspapier vorgestellt. Darin fordert er unter anderem, eine befristete Beschäftigung nur wieder aufgrund eines sachlichen Grundes möglich zu machen, Leiharbeit und Werkverträge zu begrenzen und einen gesetzlichen Mindestlohn von 8,50 Euro einzuführen. Hartz IV solle durch ein neues Fürsorgesystem, das „eine Mindestsicherung für Notlagen gewährt“, abgeschafft werden.

http://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2012/08/23/sozialverband-warnt-vor-wachsender-kluft-zwischen-arm-und-reich/

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24.05.2012

Armut in Deutschland steigt seit Hartz-Reform rapide

70 Prozent der Arbeitslosen in Deutschland haben ein Einkommen unter der Armutsgrenze. Auch unter den erwerbstätigen Deutschen sind immer mehr von Armut gefährdet.

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Armut bei Arbeitslosen ist in Deutschland in den vergangenen Jahren deutlich stärker gewachsen als in allen anderen Ländern der Europäischen Union. Zu diesem Schluss kommt eine Untersuchung des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts der Hans-Böckler-Stiftung auf Basis der neuesten verfügbaren Daten der EU-Statistikbehörde Eurostat.

2009 hatten demnach 70 Prozent der Arbeitslosen ein Einkommen unterhalb der Armutsgrenze. Dies waren 25 Prozentpunkte mehr als im Durchschnitt der 27 EU-Staaten. Auch bei den Erwerbstätigen stieg die Zahl der Armutsgefährdeten an.

Als armutsgefährdet gelten Menschen, deren Einkommen bei weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen mittleren Einkommens der Gesamtbevölkerung liegt. In Deutschland liegt diese Schwelle für einen Alleinstehenden bei 940 Euro im Monat.

Wie aus der Studie hervorgeht, hat sich Armut in Deutschland seit den Hartz-Reformen schneller ausgebreitet als in allen anderen EU-Ländern. Zwischen 2004 und 2009 sei die Armutsquote bei Arbeitslosen um 29 Prozentpunkte gestiegen. Im EU-Durchschnitt waren es nur 5 Prozentpunkte.

Der Anteil der als arm geltenden Erwerbstätigen habe um 2,2 Prozentpunkte zugenommen, wohingegen es in der EU durchschnittlich nur 0,2 Prozentpunkte waren.

http://www.welt.de/politik/deutschland/article106371643/Armut-in-Deutschland-steigt-seit-Hartz-Reform-rapide.html

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