Macht ARD Wahl-Werbung für Merkel?

19.09.2013

ARD-Tagesthemen: Wie viel Einflussnahme darf’s denn sein?

Wer sich am vergangenen Mittwoch die Tagesthemen zu Gemüte führte, staunte nicht schlecht. Geschlagene 11 Minuten Sendezeit vereinnahmte ein integriertes Interview zwischen Moderator Thomas Roth und Angela Merkel. Wahlwerbung wie sie leibt und lebt, freundlich gesponsert von der ARD. Dies bei einer Gesamtsendezeit von rund 35 Minuten. Wie viel Einflussnahme darf`s denn sein?

————————————————————————————

Im Gespräch ging es keinesfalls – wie in den Ankündigungen suggeriert – nur um kritische Nachfragen zu fragwürdigen Chemie-Exporten der Bundesregierung an Syrien. Vielmehr erhielt Merkel ausreichend Zeit und Muße zu einem Wahlwerbe-Rundumschlag, der schließlich fast ein Drittel der gesamten Sendezeit vereinnahmte. So plauderte die Regierungschefin in aller Ruhe und Glückseligkeit über die großen Erfolge der Regierung und weite Teile künftiger Vorhaben zum Wohle der Gesellschaft.

Merkel in eigener Sache

Zweitstimmenkampagne, Mindestlohn oder Zeitarbeit – die vor das eigentliche und brisante Thema der Chemie-Exporte geschalteten Kampagne “In eigener Sache” lässt die berechtigte Frage zu, wie weit sich die ARD in Sachen Einflussnahme aus dem Fenster lehnt und was sie dazu antreibt? Immerhin: Kanzlerkandidat Peer Steinbrück durfte der Gerechtigkeit halber am Donnertsag in gleicher Länge (Min. 10.54) in den Tagesthemen werben. Alle anderen etablierten Parteien gehen leer aus. Es wird allein aus zeitlichen Gründen kaum möglich sein, auch ihnen eine solche ausufernde Werbeplattform auf den letzten Metern zur Bunestagswahl zu bieten. Dazu reichen die bis dahin zur Verfügung stehenden Sendetage nicht mehr aus.

Schlauer Schachzug und schludrige Medien

Sind solche Werbe-Shows lediglich ein schlauer Schachzug der Union sowie der SPD gepaart mit schludrigen Vorstellungen über die so wichtige Neutralität, die Medien bieten sollten? Kaum anzunehmen, denn Themen werden gründlich geplant. Interview-Fragen an die Kanzlerin beispielsweise müssen in der Regel zuvor abgesprochen und abgesegnet werden. Wer hier wem angetragen hat, derartige Wahlwerbe-Inszenierungen zu präsentieren, spielt unter dem Strich keine Rolle. Redaktionell sollten solche Interviews in diesen üppigen Ausmaßen eher nicht über den Tisch gehen. Es ist und bleibt wenige Tage vor der Bundestagswahl reine Parteienwerbung.

Bei der ARD herrschen andere Gesetze

Bei den Öffentlich-Rechtlichen herrschen wohl ganz eigene Presse-Gesetze. Nur, weil dieser mediale Fauxpas ein Kind der “seriösen” ARD-Tagesthemen ist, sollte nicht großzügig darüber hinweggeschaut werden. Wer Wert auf erstklassige, authentische Inhalte legt, die sich hart und konsistent gegenüber jedweder Beeinflussung (vor allem auch politischer) zeigt, wird sich mehr als Gedanken machen, wie es zu solchen Wahlwerbe-Shows überhaupt kommt.

Öffentlich-Rechtliche Streithähne

Irrwitziger Weise streiten sich ARD und ZDF aktuell auch noch über mögliche “Verunsicherungen und Irritationen”, die bei den Wählern ausgelöst werden könnten. Der Grund liegt allerdings nicht in den zurückliegenden ARD-Tagesthemen-Werbeshows für CDU und SPD, sondern in der so genannten “Sonntagsfrage”. Sie wurde am Mittwoch und damit erstmals zu einem anderen Termin ausgestrahlt, als in früheren Zeiten. “Ein Service für die Wähler – oder eine unzulässige Einflussnahme?” Mit dieser Frage zermartern sich die Verantwortlichen bei ARD und ZDF derzeit das Hirn. Ob “Einflussnahme” für die öffentlich-rechtlichen Experten tatsächlich das richtige Tagesthema ist, wird so mancher nach den zurückliegenen Partei-Propaganda-Auftritten in Zweifel ziehen.

Hier geht es zu den Tagesthemen (Merkel-Show von Min. 7.25 bis 18.30)

http://www.spreezeitung.de/11758/ard-tagesthemen-wie-viel-einflussnahme-darfs-denn-sein/

———————————————————————————————————————

Both comments and pings are currently closed.

Comments are closed.