Arabischer Frühling brachte Diebe nach Zürich

27.03.2013

Die Kriminalität im Kanton Zürich hat 2012 stark zugenommen. Das hat vor allem mit der Zunahme der Anzahl Diebstähle durch Nordafrikaner und Kriminaltouristen zu tun. Es gibt aber auch erfreuliche Trends.

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Mit 138’291 Delikten verzeichnet der Kanton Zürich gegenüber dem Vorjahr ein Plus von 8,4 Prozent, liegt aber weit unter dem Rekordwert von 167’037 aus dem Jahr 2004. Mehr als jede zweite Straftat wird in der Stadt Zürich begangen.

Was die Polizeistatistiker vor allem festgestellt haben, ist eine Zunahme um 11,5 Prozent bei den Vermögensdelikten. 86’054 Einbrüche, Taschen- und Trick- und Ladendiebstähle und Betrugsfälle sind verzeichnet worden. Eindrücklich ist die Zuwachsrate vor allem in der Stadt Zürich. Gegenüber 2010 sind fast 40 Prozent mehr Diebstähle und Einbrüche festgestellt worden.

Immer mehr Asylbewerber und Kriminaltouristen

Das hat mit dem arabischen Frühling zu tun, wie Christiane Lentjes Meili, Chefin der kantonalen Kriminalpolizei, und Jürg Zingg, Chef der Region West der Stadtpolizei Zürich, heute Mittwochmorgen vor den Medien erklärt haben. Während bei den Tatverdächtigen aller Kategorien der Anteil der Schweizer zwischen 2008 und 2012 von 54 auf 45 Prozent und jener der Ausländer mit festem Wohnsitz von 36 auf 28 Prozent sank, stieg der Anteil der Asylbewerber von 3 auf 9 Prozent und jener der Ausländer ohne festen Wohnsitz von 7 auf 18 Prozent. Letztere Gruppe rekrutiert sich vor allem aus Rumänien, jene der Asylbewerber aus den Maghrebstaaten Marokko, Algerien und Tunesien.

36 Prozent der Vermögensdelikte werden von Asylbewewerbern und Kriminaltouristen verübt (2009: 20 Prozent). Bei den Diebstählen liegt die Zahl bei 48 Prozent und bei den Ladendiebstählen gar bei 51 Prozent. Rund die Hälfte der Ladendiebstähle wird also von Maghrebinern und Kriminaltouristen aus dem Balkan verübt.

Vier Einbrüche pro Tag

Die Zahl der Beschuldigten aus den Maghrebstaaten verdreifachte sich zwischen 2009 und 2012 von weniger als 1000 auf über 3000. Ihre Spezialität sind Taschen- und Trickdiebstähle. 37 Prozent der 354 Taten in der Stadt Zürich gehen auf ihr Konto. Die übrigen Ausländer bilden mit 52 Prozent die grösste Gruppe, während die Personen mit Schweizer Pass 11 Prozent ausmachen. Bei den Einbrechern stammen 9 Prozent aus dem Maghreb, 55 aus dem übrigen Ausland und 36 Prozent aus der Schweiz. In Zürich werden pro Tag 4 Einbrüche verübt.

Gemäss Kripo-Chefin Lentjes Meili haben polizeiliche Schwerpunktaktionen die Diebstahlwelle in der zweiten Jahreshälfte 2012 etwas geglättet. Die Polizei hat ihre Kontrollen in Hotspots wie Shopping-Centern, Bahnhöfen und Asylunterkünften verstärkt, erklärte sie.

Sorglose Opfer

«Zürich ist eine der sichersten Städte», sagte Stadtpolizist Zingg. Und auch eine der grössten und attraktivsten. Das mache sie zu einem Anziehungspunkt für Kriminaltouristen. Diese halten sich nur wenige Tage hier auf und setzen darauf ihre Tour durch Europa fort.

Zingg sprach auch von einer grossen Sorglosigkeit der Opfer. «Gelegenheit macht Diebe», sagte er. Die Polizei beobachtet, dass in Restaurants und Clubs oft Smartphones, Laptops oder Portemonnaies offen auf Tischen oder schlecht versteckt in Taschen zurückgelassen werden. Deshalb wird die Stadtpolizei in den nächsten Präventionskampagnen den Fokus auf den Schutz vor Diebstählen und Einbrüchen legen.

40 Prozent weniger Jugendkriminalität

Die polizeiliche Kriminalstatistik 2012 (PKS) zeigt aber auch Erfreuliches. So sank die Anzahl Angriffe gegen Leib und Leben kantonsweit um 4 Prozent auf 5149, wobei die schweren Körperverletzungen um 50 Prozent zugenommen haben. Die Anzahl versuchter und vollendeter Tötungen sank um ein Drittel auf 28. 6 Personen sind 2012 getötet worden (2011: 3). Auch die Straftaten im Rahmen der häuslichen Gewalt waren letztes Jahr rückläufig.

Ebenfalls teilweise erfreulich sind die Zahlen bezüglich jugendlicher Delinquenten. In die Mühlen von Polizei und Justiz gerieten letztes Jahr 2947 Jugendliche. Das sind 1776 oder knapp 40 Prozent weniger als im Spitzenjahr 2007. Bei den Jugendlichen hat die schwere Gewalt markant abgenommen.

Mehr Sexualdelikte angezeigt

Hingegen stieg die Zahl der Raubdelikte stark, wobei der Anstieg vor allem auf die Kappe von zwei Jugendbanden ging, die geschnappt wurden, wie Lentjes Meili sagte. Der Anstieg um 50 Prozent auf 588 Raubfälle in der Stadt Zürich bezeichnete Zingg als «beunruhigend». Gegenüber 2009 (592 Fälle) ist die Zahl allerdings stabil.

Auffallend ist auch die Verdreifachung der sexuellen Nötigungen unter Jugendlichen in der Stadt Zürich (von 7 auf 21 Fälle). Gemäss Zingg könnte dies auf die erhöhte Sensibilisierung auf die Thematik und die grössere Bereitschaft zur Anzeige zurückgeführt werden. Im Kanton blieb die Zahl der Sexualdelikte (Erwachsenenstrafrecht) unverändert.

30 zusätzliche «Nacht-Polizisten» gefordert

Steigend sind wiederum die sogenannten Nachtstadtdelikte, also die Negativfolgen der 24-Stunden-Gesellschaft. In der einen Stunde zwischen 2 und 3 Uhr in der Nacht auf Sonntage wurden bis zu 126 Delikte gezählt. In den zwei Folgestunden je bis zu 103. Diese Kriminalität beschränkt sich nicht nur auf die Ausgehzentren in den Kreisen 1, 4 und 5, sondern weitet sich langsam auf alle Stadtkreise aus.

Um diese Probleme besser in den Griff zu bekommen, hat die Stadtpolizei ein Konzept namens Night Police erstellt. Dazu benötigt sie 30 neue Stellen. Der Stadtrat steht dem Vorhaben positiv gegenüber. Der Antrag liegt derzeit beim Gemeinderat.

Datenberg von Zürich bis Los Angeles

Enorm gestiegen ist die Internetkriminalität. Sicherte die Polizei 2007 noch 9 Terabyte (TB) an Daten wie kinderpornografische Bilder und Filme, waren es 2012 mehr als fünfzigmal mehr. Würde man die 490 TB auf A4-Blätter ausdrucken und stapeln, käme man auf 9587 Kilometer. Das entspricht der Strecke Zürich–Los Angeles.

Der Anteil der ausländischen Beschuldigten beläuft sich auf 55,4 Prozent. Das ist ein ähnlicher Wert wie 2003 (54,2 Prozent), aber deutlich höher als 2008 (45,5 Prozent). Diese Wellenbewegung könnte gemäss Zingg so erklärt werden. Die kriegstraumatisierten Flüchtlinge des Jugoslawienkonflikts haben sich immer besser integriert, während sich die Probleme mit den maghrebinischen Asylbewerbern und Kriminaltouristen in den letzten drei Jahren verschärft haben.

http://www.tagesanzeiger.ch/zuerich/region/Arabischer-Fruehling-brachte-Diebe-nach-Zuerich/story/29197579

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