Antisemitische Post kommt nicht immer von Rechtsextremen

26.02.2014

Untersuchung von 14000 Briefen führt zu überraschenden Resultaten.

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Termingerecht zum Israelbesuch von Bundeskanzlerin Angela Merkel veröffentlichte Monika Schwarz-Friesel, Linguistikprofessorin an der Technischen Universität von Berlin, die Ergebnisse einer Untersuchung von zehntausenden von Briefen, E-Mails und Faxen, die an die israelische Botschaft in der deutschen Hauptstadt und an den Zentralrat der Juden in Deutschland geschickt worden waren. Schwarz-Friesel suchte in ihrer sich über Monate hinweg erstreckenden Arbeit Antwort auf die Frage: Welches Gesicht hat der Antisemitismus in Deutschland zu Beginn des 21. Jahrhunderts? «Ich wollte herausfinden», sagte sie in einem Interview mit der Zeitung «Haaretz», «wie moderne Antisemiten denken, fühlen und kommunizieren.» Für ihre Studie zog die Professorin alle Hass-Briefe zu Rate, welche die israelische Botschaft und die lokale jüdische Gemeinde in den Jahren 2002-2012 erhalten haben. Zu den 14000 Briefen, die sie auf diese Weise erhalten konnte, kamen weitere 2000 Briefe von anderen israelischen Vertretungen in Europa hinzu. Zusammen mit einigen Assistenten und ihrem Forschungspartner, dem Historiker Jehuda Reinharz, einem ehemaligen Präsidenten der Brandeis Universität von Massachusetts, analysierte sie alle Briefe. Die Ergebnisse wurden letztes Jahr im Buch «Die Sprache der Feindseligkeit gegen Juden im 21. Jahrhundert» veröffentlicht (die Publikation einer englischen Version steht für kommendes Jahr auf dem Programm). Das Resultat ist ebenso überraschend wie bedenklich: Über 60 Prozent der Briefe stammten von gebildeten Deutschen, einschliesslich Universitätsprofessoren, Anwälten, Priestern sowie Universitätsstudenten und Gymnasiasten. Der Anteil aus der rechtsextremistischen Ecke war dagegen mit drei Prozent vernachlässigbar niedrig. Nicht weniger überraschend war die Tatsache, dass die meisten Briefschreiber kein Problem damit hatten, ihre Namen, Adressen und Titel bekanntzugeben. «Noch vor 20 oder 30 Jahre wäre das nicht geschehen», meinte Schwarz-Friesel gegenüber «Haaretz». Bedenklich muss stimmen, dass sich der Antisemitismus der Rechtsextremen von dem der Gebildeten nur im Stil und in der Rhetorik unterschied, nicht aber in der eigentlichen Aussage und in den Ideen. Rund 80 Prozent der Hass-Post war anti-israelisch. Das brachte Schwarz-Friesel zu klaren Schlussfolgerungen: «Heute ist es schon unmöglich, zwischen Antisemitismus und anti-Israelismus zu differenzieren. Moderne Antisemiten haben aus dem ‘jüdischen Problem’ ein ‘israelisches Problem’ gemacht und die ‚Endlösung’ von den Juden zum Staat Israel umgelenkt, der für sie die Verkörperung des Schlechten ist.» [TA]

http://tachles.ch/news/antisemitische-post-kommt-nicht-immer-von-rechtsextremen

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